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Gerhard Stapelfeldt: Revolte der Natur und konformistischer Protest

Cover Gerhard Stapelfeldt: Revolte der Natur und konformistischer Protest: Über die Klimaschutzbewegung "Fridays for Future". Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. 220 Seiten. ISBN 978-3-339-11824-0. D: 88,90 EUR, A: 91,40 EUR.

Reihe: Kritik und Reflexion - Interdisziplinäre Beiträge zur kritischen Gesellschaftstheorie - 21.
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„Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich zum Gedanken drängen“

Diese Marxsche Forderung zur Wahrheits- und Wirklichkeitsfindung und -bewältigung im menschlichen Dasein, wird in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder thematisiert und postuliert. Es sind die Bemühungen und Ansprüche, die Menschen zu motivieren und zu überzeugen, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen (Jos Schnurer, in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff). Es sind die existentiellen, essentiellen und politischen Herausforderungen, den Lebensraum der Menschen so zu gestalten und zu verändern, dass die Menschen und die Dinge ein gutes Dasein ermöglichen. Es sind immer wieder die Rufe (in der Wüste?), einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, wie ihn die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindringlich anmahnt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Es sind die Krisen in der Welt, die immer wieder Anlass bieten danach zu fragen, wie das Menschenrecht auf ein gutes, gelingendes Leben für alle Menschen in einer intakten Umwelt verwirklicht und eine humane Weiterentwicklung der Menschheit garantiert werden kann. Wirtschafts-, Finanz-, Hungerkrisen, Pandemien und die Klimakrise erinnern an die indianische Weisheit: „Dem Menschen gehört nicht die Erde – er gehört zu ihr!“.

Entstehungshintergrund und Autor

Die kritische Bestandsaufnahmen zum Zustand der Welt basieren auf der existentiellen, philosophischen Frage: „Wer bin ich?“, und auf den Kantischen Ausweitungen: „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“, verbunden mit der Aufforderung: „Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Mensch und Kosmos, Natur und Ethik, das sind Zusammenhänge, die es gilt, sich individuell und kollektiv, lokal- und globalgesellschaftlich bewusst zu machen, dass wir Menschen erdverbunden in Einer Welt leben und verantwortungsbewusst damit umgehen müssen ( vgl. dazu auch: Wolf Lotter, Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27036.php). Die Illusion, dass der Mensch allmächtig sei und alles machen dürfe, was er könne – und das sofort! – bedarf der Revision. Es ist das Bewusstsein, dass jeder Mensch immer die Verantwortung für eine humane Gegenwart und Zukunft der Menschheit mit sich trägt. Und es gilt, die menschenfeindlichen Parolen und populistischen Einstellungen wie „I/We first!“ zu widerlegen. „Natura non facit saltus“, wie dies der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) zum Ausdruck brachte und damit verdeutlichte, dass die Natur an sich keine Sprünge macht, sondern nur durch das Wirken des Menschen aus dem Ruder geraten kann. Es sind Menschenrechts-, Friedens- und Umweltbewegungen, die auf krisenhafte Entwicklungen reagieren. Die Klima-Initiative „Fridays for Future“ (FfF) ist motiviert durch die ursprünglich individuell gebildeten Proteste der jungen Schwedin Greta Thunberg. Sie hat sich zu weltweiten Aktivitäten entwickelt, bei denen vor allem junge Menschen sich hörbar und lautstark dafür einsetzen, einen sofortigen Bewusstseinswandel in der Klimapolitik zu vollziehen. Einerseits scheint lokal und global die Zeit reif zu sein, ein Wissen zu schaffen, dass es beim (gestörten) Mensch-Naturverhältnis eines Paradigmenwechsels bedarf; andererseits jedoch behindern Gewohnheiten, Ideologien, kapitalistisches und neoliberales Denken und Handeln den Perspektivenwechsel.

So ist es sinnvoll und notwendig, wissenschaftlich, anthropologisch, soziologisch und politisch zu analysieren, wie Veränderungswissen und Aufbruchstimmungen entstehen können, wie sie von der FfF-Initiative ausgehen und scheinbar von Mehrheiten akzeptiert und unterstützt werden. Der Soziologe von der Hamburger Universität, Gerhard Stapelfeldt (em.) unterzieht der Bewegung einer Metakritik. Er stellt fest, dass die wohlgemeinten und durchaus anerkennungswerten Aktivitäten an einem „gesellschaftlichen und ökonomischen Analphabetismus“ leiden, weil sie die Probleme der Klimakrise nicht an den Wurzeln packen, sondern nur an den rauen Oberflächen kratzen. Mit dem Titelbegriff „Revolte der Natur“ nimmt er die Kritik von Max Horkheimer und Herbert Marcuse auf, dass die Wahrnehmung und der Umgang mit der Klimakrise „den Widerspruch von gesellschaftlicher Naturbeherrschung und unbeherrschter, unbeherrschbarer Natur“ außer Acht lässt: Die Friday for Future-Aktivitäten sind „eine gesellschaftliche, konformistische Bewegung, die bewusstlos dem Irrrationalismus der neoliberalen Politik-Ökonomie folgt“. Er greift damit die Kapitalismuskritik auf, wie sie u.a. von Thomas Piketty formuliert wird (Kapital und Ideologie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26783.php).

Aufbau und Inhalt

Stapelfeldt gliedert die Studie in elf Kapitel.

  • Im ersten thematisiert er die „Globalisierungs-Kritik als gesellschaftlich bewusstlose Kritik einer Krise der Natur“.
  • Im zweiten wirft er den Friday for Future-Aktivisten vor, sie leisteten „Widerstand ohne Widerstand“.
  • Im dritten zeigt er auf, dass und wie konformistischer Protest gegen die Revolte der Natur die gesellschaftlichen Ursachen der Krise außer Acht lasse.
  • Im vierten filtert er an ausgewählten öffentlichen Verlautbarungen von Greta Thunbergs „Reden zum Klimaschutz“ das Selbstverständnis der Bewegung heraus.
  • Im fünften verdeutlicht er, dass konformistischer Widerstand ohne solidarisch-kritische Praxis unwirksam und eher „privatistisch“ denn politisch wirke.
  • Im sechsten verweist er auf die zahlreichen Dokumentationen zur Lage der Welt, wie z.B. an die Berichte an den Club of Rome, u.a., und identifiziert die dort ausgewiesenen Ursachen und Wirkungen.
  • Im siebten setzt er sich mit den Diskrepanzen, machtvollen und ohnmächtigen Entwicklungen auseinander, wie sie sich zwischen den ökonomisch entwickelten und unterentwickelten Systemen in der Welt ergeben.
  • Im achten identifiziert der Autor die neoliberalen und neokonservativen Logiken und Widersprüche.
  • Im neunten setzt er sich exemplarisch mit den deutschen FfF-Aktivitäten auseinander, wie sie von deren Sprechern, Luisa Neubauer und Alexander Repenning, artikuliert werden.
  • Im zehnten nimmt er die rechtsradikalen, populistischen Gegenpositionen zum Anlass und weist deren Ignoranzen und rassistischen Erklärungsversuche zur Klimakrise zurück.
  • Im elften Kapitel schließlich macht er deutlich, dass es keinen Frieden mit der Natur gibt, solange die Weltgemeinschaft keinen „ewigen Frieden“ zustande bringt.

Diskussion

Die Kritik an der mächtigen, ungebremsten Natur- und damit auch der Selbstzerstörung des Menschen durch den Menschen, wird nicht erst durch die Initiativen der Friday for Future-Initiativen lauter. Dass ein „Business as usual“ und ein „Throughput Growth“, ein „Durchfluss-Wachstum“, nicht weiterhin das Denken und Handeln der Menschen bestimmen dürfe, darauf hat die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung bereits vor mehr als drei Jahrzehnten mit dem Brundtland-Bericht „Our common Future – Unsere gemeinsame Zukunft“ hingewiesen. In seiner Analyse der FFF-Bewegung geht es dem Autor nicht darum, die öffentlichkeitswirksamen, im Einzelnen sogar bewusstseinsverändernden Aktivitäten der Aktiven zu schmälern. Vielmehr unternimmt er mit den soziologischen Denkwerkzeugen den Versuch, auf die Lücken und Versäumnisse aufmerksam zu machen, die von den lokalen und globalen Protesten nicht aufgenommen werden; wie etwa die Zusammenhänge von Klimawandel und Weltwirtschaft, Armut und Reichtum in der Welt, technologische und Energie-Entwicklung, Bevölkerungswachstum, usw. „Die neoliberale ist eine konformistische Gesellschaft“., denn: „Es gibt kein nachhaltiges Leben in einer nicht-nachhaltigen Gesellschaft“, wie es auch kein richtiges Leben im falschen geben könne. Sind es „Possibilisten“, die bei der FfF-Bewegung das Wort reden? Diesen Vorwurf des Autors müssen sich die Aktiven nicht unbedingt anziehen; jedoch bedenken sollten sie schon, dass ihre teils allzu forschen, undifferenzierten Fingerzeige auf die „Anderen“ zwangsläufig mit drei Fingern auf den Ankläger zurückverweisen; und: dass es notwendig ist, den „Geist der Zeit“ aus der sorgsam und fest verschlossenen Flasche zu lassen. Zum Beispiel durch ein Geschichts- und Kulturbewusstsein, wie es an der Kritik der politischen, tatsächlich existierenden, menschenverachtenden Ökonomie deutlich wird, am philosophischen, menschengerechten Denken und am Bewusstsein, dass „Mehr wird, wenn wir teilen“ (siehe dazu z.B.: Elinor Ostrom, Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​11224.php; sowie: Silke Helfrich/David Bollier, frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25797.php).

Fazit

Trotz der teilweise massiven Vorwürfe des Autors an die FfF-Aktiven, dass sie bei ihren Schwerpunktsetzungen zur Klimakrise die Ursachen und Bedingtheiten der lokalen und globalen kapitalistischen, neoliberalen Entwicklungen nicht erkennten oder nicht berücksichtigten und dadurch Formen des gesellschaftlichen und ökonomischen Analphabetismus zeigten, sollten die klugen, wissenschaftlichen Analysen und Herleitungen zum Diskurs um den Klimawandel und den existentiellen Folgen für große Teile der Menschheit zum Nach- und Umdenken Anlass sein – für die Aktiven und Follower der Friday for Future-Bewegung genauso, wie für dich und mich! Die Kritik an der Kritik ist keine Schimpfe, und sie sollte von den Angesprochenen auch nicht als Motze verstanden werden, sondern als eine wissenschaftliche Einlassung und Argumentation, die dem Ziel näher kommen könnte, eine „Versöhnung der Menschen mit der Natur“ zustande zu bringen, die jedoch, darauf hat auch Friedrich Engels hingewiesen, nur durch die „Versöhnung der Menschheit mit sich selbst“ möglich ist!

Die 10-seitigen Verweise auf Literatur und Quellen zum Diskurs um eine menschenwürdige Welt öffnen die fachspezifische und interdisziplinäre Auseinandersetzung, wie auch die öffentliche, gesellschaftspolitische Diskussion.

Noch eine eher emotionale, empathische Anmerkung: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! Gerhard Stapelfeldt geht mit dem Schwert der Kritischen Theorie gegen die FfF-Bewegung vor. Dabei begibt er sich in die Gefahr, dafür Beifall von falschen Seiten zu bekommen. Es wäre besser, die aktiven und sympathischen Klimakritiker mit der „helfenden Hand“ in ihrem Engagement zu fördern!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.11.2020 zu: Gerhard Stapelfeldt: Revolte der Natur und konformistischer Protest: Über die Klimaschutzbewegung "Fridays for Future". Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-339-11824-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27126.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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