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Achim Heinze: Warum leben wir nicht?

Cover Achim Heinze: Warum leben wir nicht? Unsere Psyche zwischen Terrorangst, Todestrieb und Lebenslust. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. 256 Seiten. ISBN 978-3-339-11790-8. D: 88,90 EUR, A: 91,40 EUR.

Studienreihe Psychologische Forschungsergebnisse - 199.
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Der Sinn des Lebens

In der aristotelischen, nikomachischen Ethik wird eu zên (εὖ ζῆν), gut leben, als menschliches Streben nach Glück und Hoffnung gleichgesetzt. Euzôia, das gute Leben, ist eine glückliche Fügung, die weder vom Himmel fällt oder von Göttern, Geistern, Genien, Gauklern oder Gaunern gewährt, auch nicht mit Gewehren oder Granaten erzwungen, nicht mit Gunst gegeben, sondern nur gemeinsam erworben werden kann. Denn der anthrôpos, der Mensch, ist ein mit Vernunft ausgestattetes, nach einem guten Leben strebendes Lebewesen, das in der Lage ist, verstandesbewusst zu denken und zu handeln, Allgemeinurteile zu bilden und zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Human und Inhuman unterscheiden zu können. Soweit der angedeutete Ausflug in das antike Denken! Am abendländischen Bewusstsein orientieren sich viele Philosophen, Anthropologen und Psychologen; auch der große alte Mann der Psychoanalyse Erich Fromm (1900 – 1980). Sein Denken und Schaffen war bestimmt von der Erkenntnis, dass der Mensch als Individuum und Gemeinschaftswesen bei seiner Suche nach dem Sinn des Lebens niemals fertig ist. Er und andere Humanisten waren von der Überzeugung bestimmt, dass ein gutes, humanes Leben der einzige, gegenwärtige und zukünftige Sinn für die Menschheit sein kann. Dazu bedarf es der Werte, wie sie als allgemeingültige, nicht relativierbare, globale ethische Menschenrechte formuliert wurden: Die Fähigkeiten, gerecht, friedlich und solidarisch zu sein, zu lieben und die Mitmenschen in ihrer Würde zu achten und zu akzeptieren.

Erich Fromms faszinierendes Denken über die real existierenden, differierenden Eigenschaften des menschlichen Daseins – der Selbstsucht und dem Altruismus – sind heute in der gleichen Weise notwendig wie vor fast einem halben Jahrhundert, als er sein Hauptwerk „To Have or tu Be“ vorlegte: „Die neue Gesellschaft und der neue Mensch werden nur Wirklichkeit werden, wenn die alten Motivationen – Profit und Macht – durch neue ersetzt werden: Sein, Teilen, Verstehen“. Damit diese Vision nicht eine utopische Ilusion bleibt, braucht es eines forcierten aktiven Willens zur Veränderung und einen Perspektivenwechsel hin zu einer „Seins-Orientierung“, wie sie z.B. auch die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 zum Ausdruck bringt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Damit dies keine theoretische Metapher bleibt, sondern zu einem produktiven „Seins-Modus“ werden kann, dazu werden immer wieder Ratschläge angeboten; etwa, wenn der ehemalige Schweizer Manager und geläuterte Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtler Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) die „positive Subversion“ empfiehlt: „Wo kämen wir hin/wenn alle sagten/wo kämen wir hin/und niemand ginge/um einmal zu schauen/​wohin man käme/wenn man ginge“ (Nach uns die Zukunft, 1979); oder wenn Erich Fromm zur Lösung von gedanklichen Knoten die Geschichte von einem Mann erzählte, der einen langen Weg zurücklegte, um einen chassidischen Gelehrten aufzusuchen und auf die Frage, wieso er sich dieser Mühe unterzog, einfach nur antwortete: „Ich wollte nur sehen, wie er sich die Schnürsenkel bindet“. Was können wir daraus lernen? Einseitig zweckhaftes Denken und Tun führt in die Irre. Es reduziert den Menschen zu einem nekrophilen, triebgesteuerten, unersättlichen homo oeconomicus, bei dem die biophilen Eigenschaften, nämlich lebensaktiv und willens zu sein, sich weiter zu entwickeln, Neues zu entdecken, aufgeklärt und gebildet sein zu wollen, auf der Strecke bleiben.

Entstehungshintergrund und Autor

Sich mit dem Werk von Erich Fromm auseinanderzusetzen, erfordert das Eintauchen in die gesellschaftlichen Aufbruchstimmungen, wie sie sich zu Beginn der Zeiten auftun, dass der Mensch nicht mehr ein von Göttern abhängiges, sondern ein sich selbst verwirklichendes Lebewesen ist (Jürgen Straub, 2012). In den Humanwissenschaften vollzieht sich dieses Denken als interdisziplinäres Bewusstsein einer kritisch-humanistischen Bildung, die wiederum eingeleitet wurde von Erich Fromm: „Der von der Natur losgerissene (mit Vernunft und Vorstellungsvermögen ausgestattete) Mensch… muss sich eine Vorstellung von sich selbst formen, muss sagen und fühlen können: Ich bin ich“ (vgl. dazu: Burkhard Bierhoff, Kritisch-Humanistische Erziehung. Pädagogik nach Erich Fromm, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/​14818.php).

Der niederbayerische Grundschulrektor Achim Heinze greift in seinen theoretischen Arbeiten und in seinem praktischen, pädagogischen Tun Erich Fromms Gedanken auf. Er legt eine Studie vor, in der er dessen psychologische, psychoanalytische, anthropologische, soziologische und pädagogische Theorien und Praxisvorschläge, wie auch die aus der „Frankfurter Schule“ zu Fragen zum „Guten Leben“ zusammenbringt. Es sind die existentiellen und intellektuellen Herausforderungen zur uralten Frage: Wer bin ich?, die Immanuel Kant zu den Nachfragen veranlasst: Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen? Seine Antwort: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – ist gültig: Hier, Heute und Morgen! Sie ist es insbesondere in der sich immer interdependenter, sich entgrenzender (Einen?) Welt, in der es darauf ankommt, die eigene Identität grundsätzlich mit der des anderen Menschen zu erkennen: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst“ – und: „Der Fremde bin ich selbst!“ ( vgl. dazu auch: Arno Gruen, Wider den Gehorsam, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​17742.php ).

Aufbau und Inhalt

Achim Heinze stellt seiner Studie zur Frage: „Warum leben wir nicht?“ das Fromm-Zitat von 1941 voran: „Das Leben hast nur einen Sinn: den Vollzug des Lebens selbst!“ (Erich Fromm-Institut, Tübingen: Gesamtausgabe der Werke von Erich Fromm, GA I, S. 370). Damit wird bereits die eine, entscheidende Antwort gegeben; und gleichzeitig nachgefragt, wie wir Menschen geworden sind, was und wie wir sind und warum wir uns (eigentlich) so unverständlich und ungewollt (?) von der humanen Idealvorstellung vom Guten Leben entfernt haben. Neben der Einleitung und den Schlussbetrachtungen gliedert der Autor seine Argumentationen in die Teile:

  • „Im Namen des Lebens: Biophilie und Nekrophilie“
  • „Der Mensch als Gesellschaftswesen“
  • „Die Charakterstörungen der Postmoderne“
  • „Die Mechanismen des gesellschaftlichen Überlebens“.

Mit den Lebenszuständen „Lebenstrieb“ (Biophilie) und „Todestrieb“ (Nekrophilie) bringt Heinze die synonymen und antonymen, positiven und negativen Lebensgefühle und Einstellungen der Menschen zusammen. Es können Brücken und Halteseile, als auch Brüche und Abstürze sein. Mit zahlreichen, historischen und literarischen Verweisen, Ereignissen und Fallbeispielen verweist der Autor auf die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung damit, bezogen auf Erich Fromm und andere Quellen. Wenn die Rede von der „Normalität des Unnormalen“ ist, wird angedeutet, dass die lokalen und globalen, gesellschaftlichen Entwicklungen anscheinend nicht mehr verstandesgemäß, sondern chaotisch verlaufen, dass Ängste, Egozentrismen, Narzissmen, Rassismen, Terrorismen und Populismen zu- und Menschlichkeit abnehmen. Wie kann diesen psychischen und physischen Abweichungen entgegengetreten werden? Wie kann es gelingen, die Ursachen dafür zu erkennen und zu beseitigen? Wie können wir dazu beitragen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie gebildet und aufgeklärt sein wollen? (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen! In: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff).

Fazit

Die zahlreichen Reflexionen, die Heranziehung von alltäglichen, verständlichen und unverständlichen Lebensbeispielen, die Verweise auf individuelle und kollektive Ursachen, die Hinweise und Anregungen zum partnerschaftlichen, solidarischen Umgang damit, und nicht zuletzt die Verweise auf Frommsche, psychologische und psychoanalytische Antworten machen das Buch zu einem Ratgeber und einer Fundgrube für die „Freiheit zum Selbst“ und zur Aufforderung zum lokalen und globalen Perspektivenwechsel. Die Gedanken wirken sowohl als Aha-Erlebnisse, und damit an die Erinnerung, selbst zu denken, als auch als Anstöße zum humanen Aktivwerden! Man kann sich vorstellen, das Buch als Lektüre zum schulischen Lernen zu benutzen, wie auch als Diskussions- und Denkmaterial in der Erwachsenenbildung zu verwenden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.08.2020 zu: Achim Heinze: Warum leben wir nicht? Unsere Psyche zwischen Terrorangst, Todestrieb und Lebenslust. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-339-11790-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27127.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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