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Erich Schützendorf (Hrsg.): Kommunikation mit Menschen mit Demenz

Cover Erich Schützendorf (Hrsg.): Kommunikation mit Menschen mit Demenz. Worte, Gesten und Blicke, die berühren. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 120 Seiten. ISBN 978-3-86216-601-5. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: PraxisWissen Demenz.
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Thema und Herausgeber

Ständiges Umherlaufen und rufen, schimpfen und dann wieder weinen. Solche Situationen treten ganz oft im täglichen Pflegealltag auf. Wie geht man mit diesen und ähnlichen Situationen am besten um? Und zwar so, dass Sie Ihren Angehörigen mit Wertschätzung und Respekt entgegentreten, Sie es aber auch schaffen, Freiräume für sich selbst zu gestalten. Die Autoren in diesem Band gehen diesen und anderen praxisnahen Fragen auf den Grund und zeigen Wege und Möglichkeiten auf, die Ihnen die Kommunikation mit demenziell veränderten Angehörigen erleichtern. Sie werden das Verhalten Ihres Angehörigen verstehen und so die Grundlage für einen guten Umgang im Alltag legen. Wie kann eine Berührung ein Gespräch beginnen? Welche Möglichkeiten haben Sie, Ihren Angehörigen eine Freude zu bereiten? Die konkreten Handlungsanweisungen, mit lebendigen und eingängigen Illustrationen versehen, sind verbunden mit Erklärungen und Tipps für ein angemessenes Verhalten.

Herausgeber des Bandes ist Erich Schützendorf, der bis zu seiner Pensionierung VHS-Direktor und Fachbereichsleiter für Fragen des Älterwerdens an der Volkshochschule des Kreises Viersen war.

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Publikation ist neben einem Vorwort in drei Teile mit differenzierten Unterkapiteln verschiedener Autoren gegliedert.

Im „Vorwort“ beschreibt der Herausgeber, was ihn motiviert hat, dieses Buch zu schreiben. Er entwickelte spezielle Angebote für Menschen mit Demenz und legte dabei großen Wert auf Erinnerungen, Sinne und Gefühle. Dieser Band soll helfen, den alltäglichen Umgang mit diesen Menschen zu erleichtern.

Der erste Teil beschäftigt sich mit „Verwirrende Sprache“. Hier werden Sprachdreher oder nicht verstandene Wörter verdeutlicht und wie man damit umgehen sollte. Da die Fähigkeit, abstrakt zu denken, zuerst eingeschränkt ist, sollte man sie auf konkrete Sinnzusammenhänge überführen. Von alltäglichen Situationen ausgehend, werden Verhaltensweisen gezeigt, die helfen können, das tägliche Miteinander zu ertragen. Schwierige Fragen werden ebenso in den Blick genommen wie von ständigen Wiederholungen weg zu kommen.

Ein zweites Kapitel ist von Ingo Kilimann verfasst und setzt sich mit dem Problem auseinander „Das Sprechen geht nicht mehr einfach von der Zunge“. Es gibt verschiedene Sprech- und Sprachstörungen, die mit der Demenz verbunden sein können: Sprechapraxie, Verwechseln von Lauten (Substitution), ergänzen von Lauten (Addition), die Verwendung von Neologismen oder eine semantische Störung der Bedeutung der Wörter.

Das dritte Kapitel ist überschrieben mit „Sich in die Mimik einlesen – Achtsamkeit und Resonanz“. Hier führt der Herausgeber des Bandes ein Interview mit Prof. Dr. Dr. Andreas Kruse. Kruse meint, dass sich im Menschen mit Demenz die Verletzlichkeit und Fragilität des Alters zeige.

Es folgt ein weiteres Kapitel „Kreativer Sprachdschungel“, ein Interview mit Svenja Sachweh, die sich der Sprache von an Demenz Erkrankten angenommen hat. Damit Menschen im Gespräch nicht abgehängt werden, solle man Pausen zwischen einzelnen Sätzen machen und Themenwechsel deutlich ankündigen. Verbessern sollte man erkrankte Menschen auf keinen Fall, das würde sie unnötig verunsichern und verärgern (S. 55).

Es folgt ein Exkurs „Die Geschichtenerzählerin“. Hier erzählt eine 96-jährige Frau ihrem Sohn immer die gleichen oder ähnliche Geschichten, die sie mit ihrem Mann bei Reisen erlebt hat.

Ein zweiter Teil „Die Sprache versagt ihren Dienst“ wird mit einem ersten Kapitel „Eine Verständigung wird unmöglich“ begonnen. In dem Wort „Verständigung“ ist das Wort „Verstand“ enthalten, auf den sich ein Mensch mit Demenz nicht mehr verlassen könne. Der Mensch verstehe selbst einfache Aufforderungen und Bitten nicht mehr. Nur auf Umwegen käme man zum Erfolg und alles müsse dreimal gesagt werden. Das ist durchaus belastend, sodass man die laufenden Worte spiegeln sollte und auch mal an sich selbst denken sollte, um einen Rettungsanker zu finden. Die ständigen Wiederholungen würden dementen Menschen Halt geben, sie hielten sich an der immer gleichen Äußerung fest.

Ein zweites Kapitel widmet sich „Die Neurologie der Kommunikation“ ebenfalls von Ingo Kilimann geschrieben. Kommunikationsstörungen können bei eingeschränkter Aufmerksamkeit oder geringer Konzentration auftreten. Deshalb sollte man Blickkontakt haben, die Menschen mit Namen ansprechen und für eine ruhige Atmosphäre sorgen. Bei einer Störung der Merkfähigkeit werde zwischen einer Enkodierstörung unterschieden – also einem Problem beim Erlernen neuer Informationen und des Abrufs von gelernter Information. Ohne Enkodierung könne der Abruf nicht erfolgreich sein. Oft käme es auch zu Verhaltensveränderungen, hier spricht man von Enthemmungen.

Es folgt ein weiterer „Exkurs: Ein und derselbe Mensch kann den Morgen verzaubern und den Abend verderben“. Hier geht es darum, dass uns Menschen mit Demenz durch ihre Eigenartigkeit erfreuen können. Sie hätten aber zuweilen auch viele Dornen, mit denen sie uns verletzen können.

Ein dritter Teil beginnt mit dem Thema „Gefühle, Emotionen und Berührungen sind das Mittel der Wahl“. Er wird mit einem ersten Kapitel zur „Validation und andere Schlüssel zum Herzen“ von Sophie Rosentreter eingeleitet. Der Herausgeber des Buches interviewt Sophie Rosentreter, eine MTV-Moderatorin, die mit ihrer Mutter die an Alzheimer erkrankte Großmutter pflegt. Geholfen habe ihr dabei die Kommunikationsform der Validation, die direkt in die Seele des Menschen führen würde.

Das zweite Kapitel dieses dritten Teils ist der „Integrativen Validation nach Richard“ gewidmet und wurde von Ulrike Weigel verfasst. Sie lehrt uns, die Menschen so anzunehmen, wie sich die Person selbst erlebt und wir sollten sie bestätigen und stärken in ihrer Identität und wir stellen seine Stärken und Ressourcen in den Mittelpunkt der Begegnung. Danach werden Alltagssituationen beschrieben und der Weg, wie man nach dieser Methode reagieren soll.

„Mit Klängen und Radiosendungen in Beziehung treten“ von Christine Schön ist das vierteKapitel überschrieben. Mit Musik finde man immer einen Weg in die Herzen der Menschen. Klänge sprächen eine sehr tiefe emotionale Schicht an, mit denen es gelingt, mit an Demenz Erkranken auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Das letzte Kapitel setzt sich mit dem Thema „Lust- und gefühlvoll miteinander in Beziehung treten“ auseinander. Auch im Alter bleiben Gefühle für andere Menschen und Erotik erhalten. Dabei gehe es weniger um Sexualität und Begierde, sondern um den Zauber, der zwischen zwei Menschen entstehen kann.

Diskussion

Es ist ein unterhaltsam und leicht lesbares Buch, das viele Alltagssituationen aufgreift, die uns in der Pflege von an Demenz Erkrankten begegnen können. Das Fruchtbarste dieser Publikation ist, dass bei allen noch so komischen Begebenheiten, ein guter und versöhnlicher Ausweg aufgezeigt wird. Man muss sich nur einige Grundsätze der Validation nach Naomi Feil und der Integrativen Validation nach Richard aneignen und dann dürfte der Kommunikation auch mit kranken Menschen nichts mehr im Wege stehen. Das Buch hat natürlich keinen wissenschaftlichen Anspruch zu erfüllen, sondern es ist eines, das aus dem Leben gegriffen, empirisch wertvolle Tipps und Ratschläge bereithält, wie man sich im Umgang mit Menschen mit Demenz Frust, Verstimmheit und Ärger ersparen kann. Es ist vom Design her sehr ansprechend mit passenden Karikaturen gestaltet.

Einen kleinen Mangel habe ich dennoch entdeckt, das betrifft die Logik der Kapitelabfolge. Die ersten Abschnitte beschäftigen sich einmal mit dem Thema „Verwirrende Sprache“ und der zweite Teil mit „Die Sprache versagt ihren Dienst“. Das sind zwei untrennbar mit der Sprache verbundene Themen, die man hätte durchaus zusammenfassen können. Im ersten Teil wird die Logik auch noch durch zwei Interviews unterbrochen, die nur zum geringen Teil etwas mit der Sprache zu tun haben. Besser wäre es gewesen, die beiden Interviews an den Schluss zu stellen, gewissermaßen als Expertenrat.

Auch in den Kapiteln selbst spielen nicht nur Dinge eine Rolle, die sich der Sprache widmen, sondern, die ganz allgemeine Situationen und Begebenheiten des Alltags, ansprechen. Ich hatte zuweilen den Eindruck, dass da manches etwas durcheinander geht. Auch die beiden Exkurse sind nicht gut in die Ausführungen eingebunden und stehen etwas unvermittelt im Raum.

Fazit

Insgesamt ist diese Publikation nur zu empfehlen. Sie ist vor allem für jene Angehörigen wertvoll, die den täglichen Kampf aufnehmen, Menschen mit Demenz zu umsorgen und zu pflegen. Es hält wirklich für fast alle Alltagssituationen, die bei der Pflege auftreten können, wichtige Tipps und Ratschläge bereit und beim Lesen erscheint dann das allergrößte Problem nicht mehr als solches, vorausgesetzt, man wendet die richtigen Methoden an.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 05.05.2021 zu: Erich Schützendorf (Hrsg.): Kommunikation mit Menschen mit Demenz. Worte, Gesten und Blicke, die berühren. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-86216-601-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27128.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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