socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claudia Winter: Emotionale Herausforderungen in der Pflegeausbildung

Cover Claudia Winter: Emotionale Herausforderungen in der Pflegeausbildung. Konzeptentwicklung einer persönlichkeitsstärkenden Praxisbegleitung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2020. 350 Seiten. ISBN 978-3-86321-535-4. D: 44,95 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 55,90 sFr.

Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 121.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Autorin

Die Pflege älterer Menschen stellt Auszubildende vor große emotionale Herausforderungen, wenn sie erstmalig mit Leid, Trauer und schwere Krankheiten konfrontiert werden. Winter entwickelt in einer qualitativen Studie ein persönlichkeitsstärkendes Praxiskonzept, das Auszubildenden helfen soll, mit den genannten Herausforderungen insbesondere auf emotionaler Ebene umzugehen.

Die Autorin des Fachbuches ist, Claudia Winter, Dilpom – Pflegepädagogin und Bildungswissenschaftlerin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einer Einleitung in sechs weitere Kapitel mit Unterkapiteln in unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einleitung“ werden das Anliegen der Publikation und die Inhalte der folgenden Kapitel kurz umrissen. Auszubildende würden zum ersten Mal die andere Seite des Lebens kennenlernen, die mit Leid, Krankheit und Sterben verbunden sei und die Gefühle wie Verzweiflung, Angst und Trauer nach sich ziehe. Das Buch wolle auf die defizitäre Ausbildungssituation aufmerksam machen, insbesondere auf die mangelnde Anleitung und Begleitung.

Im ersten Kapitel „Situation und Probleme der praktischen Pflegeausbildung“ wird thematisiert, dass die meisten Auszubildenden aushalten würden, was sie belaste und die als widersprüchlich erlebte Pflegepraxis hinnehmen würden, um zu überleben. Es sollen didaktische Empfehlungen formuliert werden, damit Auszubildende Probleme als Ausgangspunkt für reflexive Bildungsprozesse nutzen, anstatt diese auszuhalten oder vor ihnen zu fliehen. Zentrales Anliegen der Publikation sei es, ein persönlichkeitsstärkendes Praxisbegleitungskonzept zu entwickeln, das dafür geeignet sei, durch das Reflektieren über belastende Erlebnisse Auszubildende zu stabilisieren und in ihren Kompetenzen zu fördern. Ausgangspunkt ist es, zunächst eine empirische Untersuchung durchzuführen, um mittels eines qualitativ-inhaltsanalytischen Verfahrens das Ausgangsmaterial zu bearbeiten und zu diskutieren.

Im Kapitel zwei geht die Autorin auf das „Theoretische Vorverständnis“ ein und sie betont, dass Pflege ein Beziehungs- und Berührungsberuf sei, der im Alltag Grenzen aufzeige, die berühren und betroffen machten. Pflege sei von der Dominanz entblößter Körper ebenso geprägt wie von der ekel- und schamerfüllten Mächtigkeit der Ausscheidungen. Sie fände in einem „System pflegerischer Verhinderung“ statt, denn die Pflegenden arbeiten sich ab in zirkulären repetitiven Schleifen (S. 21). Im Anschluss setzt sich die Autorin mit dem zusammengefassten empirischen Forschungsstand auseinander, um festzustellen, dass es bisher keine gesicherten Erkenntnisse zu emotionalen Herausforderungen Auszubildender gäbe.

In Kapitel drei „Untersuchungsanlage und Forschungsdesign“ wird die methodische Vorgehensweise der Untersuchung vorgestellt. Basis sind Hausarbeiten zum Erleben belastender (Pflege)Situationen während der praktischen Ausbildung im dritten Ausbildungsjahr, die nach der inhaltsanalytischen Methode nach Mayring ausgewertet werden. Nach der Festlegung der Analyserichtung und entsprechender theoretischer Vorannahmen und Kategorien folgen forschungsethische Überlegungen. Pflege sei ein belastender Beruf. Wer darin gesund bleiben wolle, dürfe sich den wirkmächtigen Bedingungen nicht einfach anpassen, sondern müsse bei sich bleiben, um gesund zu bleiben.

„Emotionale Herausforderungen Auszubildender in systematischer Darstellung“ ist das Thema des folgenden Kapitels vier. In den folgenden Ausführungen über 200 Seiten werden emotionale Ansprüche und Situationen, die Auszubildende in den letzten drei Jahren erlebt haben mit vielen Fallvignetten beschrieben und es werden die Situationen fachlich einer Bewertung unterzogen. Es betrifft Aspekte körperlicher Nähe auszuhalten, Konfrontation mit Aggression und Gewalt, Gespräche mit Sterbenden und Angehörigen führen bis zum Eintreten des Todes.

Das vorletzte Kapitel ist dem Thema „Entwurf eines persönlichkeitsstärkenden Praxisbegleitungskonzeptes“ gewidmet. Für die Gestaltung von Praxisbegleitungen ließen sich drei didaktische Grundsätze formulieren: 1. Begleitung als Bildungschance für ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse, um Auszubildende in ihren personalen Kompetenzen zu fördern, 2. Stärkung Auszubildender in ihren Widerstandskräften mit einer kritischen Reflexion des Pflegealltags, 3. deren Stabilisierung durch eine positive, offene Emotionskultur. Thematisch entsprächen die sechs Oberkategorien aus Kapitel vier den sechs Lerneinheiten in der Praxisbegleitung. Fünf Aspekte eines förderlichen Lernens werden in den folgenden Ausführungen verdeutlicht: Lernen durch Reflektieren, Lernen als Arbeit mit und an Haltungen, Lernen als kritische Urteilsbildung, ganzheitliches Lernen mit allen fünf Sinnen und Lernen durch kooperatives Geschehen. Zum Abschluss des Kapitels werden vier methodische Ansätze vorgestellt, mit denen Lernen während der Praxisbegleitung gelingen könnte (S. 246 ff).

Das sechste und damit letzte Kapitel widmet sich „Hinweise zur Umsetzung des Praxisbegleitungskonzepts“. Belastungen des Pflegealltags würden von Auszubildenden und Pflegenden meist schweigend hingenommen und wohl deshalb mit der Zeit kaum mehr bewusst wahrgenommen.

Diskussion

Die vielen Fallvignetten aus dem Pflegealltag Auszubildender ist das Beste und Aussagekräftigste an dieser Publikation, weil sie spannend diskutiert und durch die Autorin fachlich gut und nachvollziehbar begründet werden. Sie sind mitreißend, sind emotional aufwühlend und lassen uns daran denken, dass wir möglichst nicht so schnell dem Pflegemodus unterworfen werden wollen. Das betrifft das gesamte vierte Kapitel. Die anderen Kapitel sind wissenschaftlich leider nicht sehr tiefgründig analysiert und das Pflegekonzept als Ziel dieser Publikation kommt ganz zu kurz, es ist vor allem nicht als solches zu erkennen.

Fazit

Das besprochene Buch ist es eine Lektüre, die es wert ist, gelesen zu werden, vor allem weil sie uns emotional nicht gleichgültig werden lässt.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
E-Mail Mailformular


Alle 160 Rezensionen von Gisela Thiele anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 16.03.2021 zu: Claudia Winter: Emotionale Herausforderungen in der Pflegeausbildung. Konzeptentwicklung einer persönlichkeitsstärkenden Praxisbegleitung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-86321-535-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27131.php, Datum des Zugriffs 18.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht