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Hasan Gençel: Generationen­beziehungen und kulturspezifische Pflege

Cover Hasan Gençel: Generationenbeziehungen und kulturspezifische Pflege. Herausforderungen am Beispiel türkischstämmiger Familien. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2020. 256 Seiten. ISBN 978-3-86321-530-9. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 118.
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Autor

Dr. phil. Hasan Gençel (geb. 1978), hat auf der Basis seines Studiums Maschinenbau, Lehramt und Management am Institut für Gerontologie und demografische Entwicklung an der Tiroler Landesuniversität (UMIT) promoviert. Beruflich ist er als Lehrer und Abteilungsleiter an einer Berufsschule in Nürnberg tätig.

Entstehungshintergrund

Bei dieser gerontologischen Studie handelt es sich um die Dissertation des Autors, die an der Tiroler Landesuniversität (UMIT) in Hall als Promotion eingereicht und von Prof. Dr. Bernd Seeberger betreut wurde.

Zielgruppen dieser Publikation sind zum einen an dem Thema der psychosozialen Unterstützung älterer türkischer in Deutschland lebender Migrant*innen interessierte Fachpersonen aus der Sozialen Arbeit und der Gerontologie. Zum anderen finden sich in der Publikation ausführliche Begründungen und Beschreibungen des quantitativen wie qualitativen Untersuchungsteils, die für an empirischer Sozialforschung interessierte Zielgruppen von Interesse sein dürften.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation orientiert sich in ihrer Gliederung und Aufbau klassisch an einer empirischen Forschungsarbeit.

Im ersten Kapitel der Einleitung wird pointiert in den Untersuchungsgegenstand eingeführt, der Anschluss an zentrale Arbeiten zum Thema der Arbeitsmigration aus dem sozialwissenschaftlichen und gerontologischen Forschungskontext herstellt und die Forschungslücke dieser Arbeit identifiziert. Diese besteht in der Erkundung der Generationenbeziehungen zwischen der ersten Migrantengeneration türkischer Herkunft, die im Zuge der Anwerbepolitik ab den 60’er Jahren der damaligen Bundesrepublik nach Deutschland gewandert sind und entgegen der ursprünglichen Intention aller Beteiligten zu faktischen Einwanderern geworden sind. Dennoch bildet das Pendeln zwischen dem Aufnahme- und dem Herkunftsland auch heute noch ein konstitutives Element der Lebenswirklichkeit vieler türkischer Migrant*innen der ersten Einwanderergeneration. Ihre heute erwachsenen Kinder, die zu Beginn des Migrationsprozesses oft jahrelang von ihren Eltern getrennt aufgewachsen sind und erst später ihren in Deutschland lebenden Familienmitgliedern nachgereist sind, bilden die Teilnehmer*innen und Probanden der vorliegenden Studie. Das Ziel der Erkundung besteht darin, aus deren Befragung Erkenntnisse über die Wahrnehmung der Beziehungen und ihrer Geschichte bis in die Gegenwart zu gewinnen, womit u.a. auch die Möglichkeiten und Grenzen der psychosozialen und pflegerischen Unterstützung der ersten zunehmend (potentiell) pflegebedürftigen Generationen ausgelotet werden soll.

Das zweite Kapitel enthält die theoretischen Grundlagen des genannten Untersuchungsgegenstandes. Dazu wird auf die Themen Migration, Integration, unterschiedliche Ansätze zu Generationen und deren Beziehungen in der Migration eingegangen und mit einschlägiger Literatur angemessen beleuchtet. Damit bildet der theoretische Rahmen ein gutes Fundament zur Vorbereitung und Diskussion der eigenen empirischen Untersuchung, insbesondere wird auf das Modell der Generationensolidarität von Szydlik abgestellt. Abschließend werden zentrale Erkenntnisse des Kapitels kurz und bündig zusammengefasst.

Das dritte Kapitel enthält im Anschluss den Stand der empirischen Forschung zum Untersuchungsgegenstand. Basierend auf der Ausführung der methodischen Strategie der Literaturrecherche werden die Literaturbefunde um die Kategorien assoziative, affektive und funktionale Solidarität herum ausgeführt und vor dem Hintergrund der Bewertung dieser die Wissenslücke zur Generationssolidarität und -verantwortung im Alter identifiziert. Außerdem werden weitere Implikationen für die Ausrichtung des Erkenntnisinteresse und der Zugangsgestaltung der eigenen Studie abgeleitet.

Das vierte Kapitel beleuchtet recht ausführlich methodologische und methodische Aspekte dieser breit angelegten empirisch gerontologischen Studie, die eine Synthese qualitativer wie quantitativer Forschung darstellt. Deren qualitative Teilstudie fragt nach der Beschreibung dessen, wie Repräsentanten der zweiten türkischen Migrantengeneration die Beziehung zu ihren Eltern darstellen. Im quantitativen Teil werden die so gewonnenen Erkenntnisse und Hypothesen weiter quantifiziert und überprüft. Auf dieser Basis dieser so begründeten Triangulation wird das problemzentrierte Interview nach Witzel als Erhebungsmethode dieser Studie begründet und in seiner Anwendung beschrieben, wobei als Datenauswertungsmethode die qualitative Inhaltsanalyse herangezogen wird. Demgegenüber erfolgt die quantitative Erhebung mittels eines in Anlehnung an die Berliner Studien selbst konstruierten Fragebogens, der entsprechend statistisch ausgewertet wurde, was ebenfalls in diesem Kapitel begründet und ausgeführt wird. Besonderheiten der Migrationsforschung beenden dieses methodische Kapitel.

Im fünften Kapitel wird auf der Basis der methodologischen Basierung der konkrete Forschungsprozess der qualitativen und quantitativen Teilstudie ausgeführt. Dazu wird zuerst auf das Sample eingegangen, auf die vorbereitenden Schritte und Durchführung der Erhebungen. Hierbei erfolgt die Darstellung der beiden Teilstudien immer parallel zueinander. Kurz werden auch die mit der Durchführung der Studie verbundenen ethischen Implikationen ausgeführt.

Das sechste Kapitel beinhaltet die Erkenntnisse der Studie. Das Sample der qualitativen Teilstudie beträgt 11 Probanden, die geschlechtlich nahezu gleich verteilt sind. Außerdem werden weitere relevante soziodemografische Daten ausgeführt. Der Rücklauf der Fragebogen betrug 252. Sehr ausführlich werden die konkreten Daten tabellarisch aufgelistet. Die weitere Darstellung der Ergebnisse erfolgt systematisch, ergänzt durch Abbildungen und Tabellen. Es wird ein intensiver Einblick in die Wahrnehmung der Beziehung zu den Eltern aus Sicht der befragten 2. Generation türkischer Migrant*innen vermittelt, immer im Abgleich der beiden Teilstudien. Sehr ausführlich wird auf Themen wie Kontakthäufigkeit, gemeinsame Aktivitäten wie Einkaufen, geschlechtsbezogene Unterschiede in der Beziehungsgestaltung, die Güte der Beziehung, Eigenschaften der Interaktionspartner, die Verbundenheit mit dem Ursprungsland Türkei oder Deutschland als neue Heimat, die Unterstützungsintensität, Einstellungs- und Meinungsunterschiede und Konflikte, Sorge um assimilierte Kinder, Umgang mit Konflikten und Unterschiede in Einstellungen und Lebensstilen eingegangen.

Schließlich stellt das siebte Kapitel die Diskussion der Forschungsarbeit dar. In dieser findet zudem auch die methodische Reflexion des Forschungsprozesses statt. Zudem werden die eigenen Befunde im Lichte anderer Studie kritisch beleuchtet und der Autor reflektiert sein Forschungsprojekt aus persönlicher Perspektive, da er selbst der befragten Zielgruppe angehört. Der Ausblick schließlich beschließt die Publikation.

Diskussion

Insgesamt beinhaltet diese Publikation eine sehr sorgfältig abgefasste Studie auf der Basis einer Qualifikationsarbeit. In methodischer Hinsicht ist die sehr systematische Vorgehensweise, in der die Stärken der jeweiligen methodischen Zugänge gut aufeinander bezogen werden, hervorzuheben. Die inhaltlichen Ergebnisse bieten einen interessanten Einblick in die Wahrnehmung der Beziehung und die Familiengeschichten der Probanden, der sehr gut in die gerontologische Forschung eingeordnet und reflektiert wird, was u.a. das erlebte Beziehungsverhalten der Eltern durch die zweite Generation türkischer Migranten, der erlebte und heutzutage reflektierte Trennungsschmerz im Kinder- und Jugendalter und schließlich die Fürsorgeideen und Pflegevorstellungen über die alt und älter gewordenen Eltern anbetrifft. Doch ist mit Blick auf den Titel dieser Buchpublikation auch anzumerken, dass die Befunde nicht aus einer pflegewissenschaftlichen Perspektive reflektiert und somit in dieser Hinsicht leider unterbelichtet sind.

Fazit

Trotz der sehr reichhaltigen Befunde ist der Forschungsbericht recht nüchtern und fast schon zu detailreich abgefasst, wobei sich auch kleinere Wiederholungen ergeben. Doch das schmälert den insgesamt guten und in der Darstellung der methodologischen Begründung und methodischen Ausführung dieser Studie sehr guten Eindruck nur wenig. Dementsprechend ist diese Publikation sicher für an gerontologischer Forschung über die Lebenswirklichkeit und familiären Zukunftsperspektiven von in Deutschland lebenden Migrant*innen türkischer Herkunft interessierter Personen zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Schilder
Professor für klinische Pflegewissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Michael Schilder. Rezension vom 23.12.2020 zu: Hasan Gençel: Generationenbeziehungen und kulturspezifische Pflege. Herausforderungen am Beispiel türkischstämmiger Familien. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-86321-530-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27132.php, Datum des Zugriffs 04.08.2021.


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