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Tanja Mölders, Anja Thiem u.a. (Hrsg.): Nachhaltigkeit (re)produktiv denken

Cover Tanja Mölders, Anja Thiem, Christine Katz (Hrsg.): Nachhaltigkeit (re)produktiv denken. Pfade kritischer sozial-ökologischer Wissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 264 Seiten. ISBN 978-3-8474-2376-8. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

unter Mitarbeit von Charlotte Muhl und Daniel Schulz.
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Thema

Ausgehend vom Konzept der (Re)Produktivität, wie er im Jahre 2006 von Sabine Hofmeister und Adelheid Biersecker entwickelt wurde, zeigen eine illustre Zahl von Weggefährt*innen, wie sich dieses Gedankengut in ihren Theorie- und Arbeitsbereichen der Raumplanung, der Nachhaltigkeit, der Sozialarbeit, der Inter- und Transkulturalität aufgenommen, kritisiert, weiterentwickelt oder konkret Anwendung gefunden hat.

HerausgeberInnen

Tanja Mölders, Prof. Dr. rer.soc. habilitierte Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, war Studentin und Doktorandin bei Sabine Hofmeister. Anja Thiem Dr. phil. wissenschaftliche Referentin an der Leuphana Universität Lüneburg und wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin bei Sabine Hofmeister. Christine Katz, Dr. rer. nat. Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, Institut für Diversity, Natur, Gender und Nachhaltigkeit in Lüneburg. Gegen 30 Wegbegleitende, welche die Beiträge von Hofmeister aufgenommen, theoretisch und empirisch weiterentwickelt oder reflektiert haben, kommen in diesem Sammelband zu Wort.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist eine Festschrift zum 65. Geburtstag und würdigt die umfangreichen wissenschaftlichen und anwendungsorientierten Arbeiten der Professorin Sabine Hofmeister der Leuphana Universität Lüneburg. Die Gewürdigte gilt als innovative Denkerin im Bereich der Nachhaltigkeitswissenschaften, der inter- und transdisziplinären Umweltplanung, insbesondere durch ihr Konzept der (Re)Produktivität. Ihre Forschungen verbinden Geschlechterverhältnisse und Nachhaltigkeit in Kombination mit Raumentwicklung und Sozialer Ökologie. Ihre projektorientierten Arbeiten führen zur direkten Umsetzung ihrer Ziele.

Aufbau

Einem Vorwort des Dekanats, einem Grußwort der Gleichstellungsbeauftragten der Leuphana Universität folgt eine Einführung in den Sammelband der drei Herausgeberinnen: Ausgehend von einem Verständnis des Begriffs der Nachhaltigkeit, der diskursiv als die Verbindungen zwischen Umwelt-, Entwicklungs- und Friedensaspekten und nach globalen und integrierten Problemlösungen unter Einbezug sozial-ökologischer, macht- und herrschaftskritischer Perspektiven suchend verstanden wird, gliedern sich die Kapitel entlang der Bedeutung des Konzepts der (Re)Produktivität und dessen feministischer Ausdeutung. Dieses Konzept wird im ersten Teil durch Hofmeisters Koautorin Adelheid Biesecker dargelegt und von Yen Sulmowki in Comicform veranschaulicht. Wissenschaftliches Tun wird als unterwegs sein gedeutet und entsprechend gliedern sich die weiteren Kapitel in Anlehnung an Landschaftskarten in Zeit/en, Natur/en, Räumen und in Inter- und Transdisziplinarität. Der dritte Teil: Professur, mehr als ein Beruf umfasst persönliche Blitzlichter und Danksagungen für Sabine Hofmeister

Inhalt

Bei der (Re)Produktivität geht es nach Adelheid Biersecker nicht um weniger als um die Neuerfindung des Ökonomischen zur Analyse und Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft. (Re)Produktivität enthält drei Dimensionen der Kritik der neoliberalen Wirtschaft:

  • 1. Sie fordert die Überwindung der Trennung in produktiv und reproduktiv der kapitalistischen Marktökonomie.
  • 2. Die Berechnung der tatsächlichen Produktionskosten, welche die Ausnutzung der Natur und die meist unbezahlten Carearbeit einschließt.
  • 3. Die Aufhebung der Dichotomie von Produktion und Reproduktion in der Bewertung der Güter. Diese Trennung wird als Ursache der vielfältigen Krisen (Umwelt, Entwicklung, Soziales) mit-verantwortlich gemacht.

(Re)Produktivität als Vermittlungskategorie weist auf die Ablösung von marktwirtschaftlichen Theorien der Gewinnmaximierung hin auf eine Ökonomie, welche das «Ganze» im Blick behält und damit auf den Erhalt der Basisproduktivität setzt. Sie beinhaltet ein Gegenkonzept einer demokratischen und geschlechtergerechten vorsorgenden Wirtschaft. Die (Re)Produktivität bildet Kriterien ab, um ökonomisches Handeln auf einen sozial-ökologischen Prüfstand zu stellen. Ihr Charakter muss in Prozessen der Vergangenheit- Gegenwart und Zukunft gedacht werden. Sie basiert auf dem Gedanken, wirtschafte heute so, d.h. befriedige deine Bedürfnisse so, dass die Möglichkeiten zukünftiger Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, nicht gefährdet werden. Diese Art der Gestaltung umfasst Vorsorge, Umsicht und Rücksicht bezogen auf den Menschen, seinen Mitmenschen, auf zukünftige Generationen und auch in Bezug zu seiner lebendigen Mitwelt. Sie berücksichtigt die Synchronisation der verschiedenen Zeitlichkeiten der Menschen und der Natur.

Der Teil Naturen umfasst neun Artikel, die sich mit dem Verhältnis von Menschen und Natur befassen, und deren anthropozentrische Ausbeutung zu überwinden suchen. Das unterschiedliche Verständnis von Biomasse, die Zersiedelungsproblematik, reproduktive Landwirtschaft, Neobotia, Neonazis und die Überfremdungsangst, Klimawandel durch weniger Menschen zeigen das breite Themenspektrum.

Räume umfasst fünf Beiträge, die sich mit intergenerationaler Gerechtigkeit, ressourcen- ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen bei der Raum- und Stadtplanung befassen. Im Raum werden die vielfältigen Facetten gesellschaftlicher Naturverhältnisse lesbar. Die Artikel umfassen Raumstrukturen, Natur- und Geschlechterverhältnisse, um die räumliche Sichtbarkeit von Stoff- und Energieströmen Hier geht es auch um einen Queer-feministischer Blick in die Schlafstädte und Smart Homes, um räumliche Umweltplanung, um zukünftiges Mobilitätsverhalten und um Stadtlandschaften.

Im vierten Teil Inter- und Transdisziplinarität kommen weitere Mitstreitende zu Wort und es wird den Lesenden ersichtlich, mit welchen hohen Ansprüchen und welchen Schwierigkeiten der Diskurs um (Re)Produktivität verknüpft sind. Einerseits fordert diese Theorie sprachlichen Ausdruck, um welche die Akteurinnen in aufwendigen Auseinandersetzungen ringen und der für Aussenstehende nicht einfach nachvollziehbar ist. Da geht es auch um die Interaktion und die Frustrationen mit Praxisfeldern, für welche es einfacher ist, sich der neoliberalen Denke unterzuordnen und rascher handeln zu können. Es geht um die Frage, wie Gender als Integrationsperspektive für Inter- Transdisziplinarität aussehen könnte und wie anschlussfähig das beschriebene Konzept mit dem der Laclau/​Moffeschen Diskurstheorie ist und ob das Konzept in der Klimagerechtigkeitsbewegung widerspiegelt wird. 

Diskussion

Die vorwiegend weiblichen Autor*innen mehrheitlich aus Norddeutschland und teils aus anderen europäischen Ländern aus den vielfältigsten Arbeitsbereichen zeigen ein facettenreiches Bild, welchen Niederschlag eine innovative, interdisziplinär gedachte Theorie bewirken kann. Die Lesenden erhalten Einblick in verschiedene Theorie- und Arbeitsbereiche, allen gemeinsam ist die Überwindung der neoliberalen Wirtschaftsweise und rassistischer und sexistischer Denke. Das Konzept der (Re)Produktion wird anhand unzähliger Beispiele aus den verschiedensten Disziplinen erfahrbar gemacht. Beeindruckend sind die Bestrebungen aller, die Grenzen der eigenen Fachlichkeit zu überwinden und die theoretischen Grundlagen in ein größeres Ganzes einer sorgsam gestalteten Zukunft zu bringen. Besonders bemerkenswert ist, dass sich die Theorie der (Re)Produktion in der Art der Publikation niederschlägt: So finden neben Fachartikel ein Comic, ein Brief eine Theaterszene und persönliche Blitzlichter Platz. Das inter- und transkulturelle Denken findet sich in der Verbindung von Sozial- und Naturwissenschaften, von Theorie und Praxis und unter Einbezug literarischer Texte statt. Der Sammelband kann neben dem hohen Informationsgehalt als Ermutigung gelesen werden, die Begrenzungen im eigenen Fachbereich zu überschreiten und nach (re)produktiven Wegen in der Theorie oder der Praxis zu suchen. Gleichzeitig wirft er ein Bild auf Feministinnen, die beharrlich und ko-kreativ Zukunfttaugliches entwickeln.

Zur vertieften Auseinandersetzung sei die Lektüre des Ursprungswerks empfohlen: Biesecker, Adelheid/​Hofmeister, Sabine (2006): Die Neuerfindung des Ökonomischen. Ein (re)produktionstheoretischer Beitrag zur Sozial-ökologischen Forschung. München: oekom.

Fazit

Ausgehend von dem im Jahre 2006 von Sabine Hofmeister und Adelheid Biesecker entwickelten Konzept der (Re)Produktion, welche die Trennung zwischen produktivem und reproduktivem Wirtschaften zu überwinden sucht, würdigt der Sammelband die Auswirkungen dieses Konzepts im Feld der Nachhaltigkeitswissenschaften, der Geschlechtergerechtigkeit der inter- und transkulturelle Umweltplanungen und der Sozialen Ökologie.

Differenzierte Einblicke in unterschiedliche Arbeitsbereiche zeigen das Schaffen feministisch Denkender und Handelnder bei der Suche nach zukunftsfähigen Konzepten und die auftauchenden Widerstände in einer neoliberal imprägnierten Gesellschaft.


Rezension von
Maya Rechsteiner
Psychotherapeutin in eigener Praxis; Coach und Supervisorin
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Zitiervorschlag
Maya Rechsteiner. Rezension vom 08.01.2021 zu: Tanja Mölders, Anja Thiem, Christine Katz (Hrsg.): Nachhaltigkeit (re)produktiv denken. Pfade kritischer sozial-ökologischer Wissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2376-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27137.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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