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Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau u.a. (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven

Cover Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 474 Seiten. ISBN 978-3-8474-2203-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Geschlechterforschung für die Praxis - 5.
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Thema

Die Bundesrepublik Deutschland ist einer der reichsten Industriestaaten der Welt, wieso sollte gerade hier über Armut der Frauen geredet werden? Nach der Lektüre der 23 verschiedenen Beiträge in diesem Sammelband stellt sich diese Frage nicht mehr. Es wird deutlich, dass Armut nicht nur über den Mangel an einer ausreichenden Ernährung definiert werden kann, sondern sowohl die Lebensqualität sowie den Grad sozialer Ausgrenzungen umfasst. Darüber hinaus zeigt der Band, dass gerade die Geschlechtsspezifik, also die spezielle Situation von Männern und Frauen in Armut, in den theoretischen Zugängen, aber auch in der sozialpolitischen Praxis im deutschsprachigen Raum bislang vernachlässigt wird. Erst die feministischen Perspektiven können erschließen, welch großer Handlungsbedarf auch im reichen Deutschland vorhanden ist und wie die Geschlechterverhältnisse und die sie begründenden Rahmenbedingungen Armut hervorbringen und erheblich dazu beitragen, dass die Armut von Männern so anders aussieht als die von Frauen.

Herausgeber_innen

Dr. phil. habil. Regina Maria Dackweiler ist Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden.

Dr. Alexandra Rau ist Professorin an der EH Darmstadt.

Dr. phil. Reinhild Schäfer ist Professorin an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden.

Mit diesem Band versuchen sie, zusammen mit 26 anderen Autorinnen aus den verschiedensten Feldern feministischer Wissenschaft, Forschung und Praxis, „Frauen und Armut aus einer feministischen Perspektive als ein zentrales sozial- und gesellschaftspolitisches Thema zu analysieren, zu diskutieren und auf der Agenda von Armutsforschung und -politik zu platzieren.“ (S. 11)

Aufbau

Der Band gliedert sich in vier große thematische Teile:

  • im ersten geht es um die feministische Kritik an den gängigen gesellschafts – und armutstheoretischen Zugängen,
  • im zweiten um Armutsdiskurse und Politiken,
  • im dritten um spezielle, die Frauen betreffende, armutsgefährdende Lebenslagen und
  • im vierten Teil werden Wege in eine neue Gesellschaftlichkeit, die ein Leben ohne existentielle Not bietet, aufgezeigt.

Inhalt

Nach einer Einleitung durch die Herausgeberinnen beginnt der erste Teil mit einem Beitrag von Hildegard Mogge-Grotjan. Sie setzt sich mit dem Stellenwert der Geschlechterperspektive in den soziologischen Theorien sozialer Ungleichheit auseinander und zeigt auf, dass erst der Einfluss feministischer Frauen- und Geschlechterforschung das Geschlecht als Strukturkategorie sichtbar machen konnte und im weiteren Verlauf die intersektionale Perspektive in die Diskriminierungs- und Ausgrenzungsdebatten eingefügt hat.

Regina Maria Dackweiler bezieht sich auf die Arbeiten von Nancy Fraser und erfasst die Ursachen und Entstehungsprozesse gerade der weiblichen Armutsrisiken aus einer kapitalismuskritischen Perspektive. Geschlechtergerechtigkeit könnte danach zu einem Leitprinzip feministischer Armutsforschung werden.

Mona Motakef setzt sich mit der Prekarisierungsforschung auseinander und stellt fest, dass hier die besondere Armutsgefährdung von Frauen weitgehend ausgeblendet ist, obschon dazu in der Geschlechterforschung eine Reihe von Ansätzen und Ergebnissen herausgearbeitet wurden. Sie sieht in der Prekarisierungsforschung allerdings ein Potenzial, Anschlüsse an kultursoziologische Ansätze und die Queer-Studies zu finden.

Alexandra Rau benutzt das Foucault’sche Denkwerkzeug (Gouvernementalität), um die Verschränkungen und Verwicklungen von Herrschafts- und Subjekttechniken aufzuspüren, durch die Frauen* in Armut auch heute noch regiert werden. Diese Techniken führen dazu, dass Frauen ihre Armut selbst managen sollen, während eine materielle Umverteilung auf der gesellschaftlichen Ebene im neoliberalen Postwohlfahrtsstaat nicht angesagt ist.

Heike Helen Weinbach bezieht sich auf die bislang vernachlässigte Analyseperspektive des „Klassismus“. Damit will sie die Aberkennungs- und Stigmatisierungsprozesse auf kultureller, institutioneller und individueller Ebene, die mit der Frauenarmut verbunden sind, deutlich machen. Anregungen für alternative Handlungsansätze findet sie im Feld der positiven Psychologie und der Community-Psychologie, z.B. ermutigende Unterstützung der Frauen statt Sanktionen, Beteiligungs- und Dialogprozesse mit den Betroffenen, Selbsthilfe und Mitgefühlstrainings, die ein verantwortungsvolles Menschenbild voraussetzen aber auch helfen, ein solches zu entwickeln.

Mit dem Capability- Ansatz von Amartya Sen interpretiert Ortrud Leßmann empirische Daten, die zeigen, wie die Handlungsspielräume von Frauen weiterhin auf verschiedenen Ebenen eingeschränkt sind. Als besonders gravierend und armutsgefährdend erweist sich die gesellschaftliche Übertragung der Verantwortung für die Sorgetätigkeiten. Sie konstatiert eine „Armut an Verwirklichungschancen von Frauen“ (S. 140), die nur beseitigt werden kann, wenn die Sorgearbeit als Grundlage der Gesellschaft anerkannt und zwischen Männern und Frauen gerecht geteilt wird.

Der zweite Teil beginnt mit einem Beitrag von Susanne Dern und Maria Wersig. Die beiden Juristinnen nehmen das anhaltend hohe Armutsrisiko von Alleinerziehenden, ganz überwiegend Frauen, in den Blick und zeigen deren strukturelle Benachteiligungen im Familien- und Sozialrecht auf. Die „(un)sichtbaren Geister der Ernährerehe“ (S. 157) wirken immer noch und schmälern die soziale Sicherung von Frauen, egal, ob sie in, nach oder ohne Ehe leben. Die Autorinnen fordern deshalb, dass der Abschied von diesem Modell auch auf der rechtlichen Ebene endlich vollzogen wird, die ökonomische Eigenständigkeit auch in einer Ehe zum Grundsatz und ein neues gesetzliches Leitbild partnerschaftlich geteilter Sorgearbeit rechtlich verankert wird.

Reinhild Schäfer beschäftigt sich mit den Ergebnissen aus der Implementierungsforschung der Frühen Hilfen, die auf eine mit der Armut einhergehende hohe psychosoziale Belastung für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern hinweisen. Ihre Ergebnisse stützen die Forderungen nach einer Kindergrundsicherung sowie nach der finanziellen Absicherung der Sorgearbeit, damit ein gutes Leben mit und für (Klein)kinder ohne finanzielle Not möglich ist.

Eine geschlechtsspezifische Perspektive auf die Sozialberichterstattung über die Armut im SGB II bietet Rabea Krätschmer-Hahn am Beispiel der Stadt Wiesbaden. Die Verschränkung von Geschlecht, Elternschaft und Armut findet in den Berichten keine systematische Berücksichtigung und das Armutsrisiko von Müttern in Paarhaushalten wird unterschätzt. Öffentliche Kampagnen zum Thema „Frauen und Armut“ können dazu beitragen, dass die Führungs- und Fachkräfte in der gesamten Verwaltung, vom Standesamt bis zum Jobcenter, ihren Teil dazu beitragen, dass Mutterschaft kein Armutsrisiko bleibt.

Eine diskursanalytische Untersuchung der jüngeren deutschen Familienpolitik unternehmen Susanne Schultz und Anthea Kyere. Sie stellen fest, dass mit dem Konzept des „Humanvermögens“ und dem der „Zeitpolitik“ ein Paradigmenwechsel in der Familienpolitik beginnt, der stratifizierende und pronatalistische Projekte stützt. Benachteiligt werden dabei jedoch einkommensarme und rassifizierte Frauen. Aus der Perspektive der „reproductive justice“ (ein intersektionaler Ansatz, der die vielfältigen Diskriminierungen berücksichtigt), führen diese Konzepte zu einer Verschärfung der sozialen Ungleichheits- und Armutsverhältnisse.

Jenny Künkel und Kathrin Schrader zeigen auf, wie Vulnerabilität von Sexarbeiter_innen durch sozioökonomische und rechtliche Prekarisierung sowie durch soziale Stigmatisierung generiert wird. Sie lassen in zwei Fallstudien die Sexarbeiter_innen selbst zu Wort kommen. Anstelle eines Diskurses über Armutsprostitution fordern sie städtische und rechtliche Politiken gegen multiple Ausschlüsse und Kriminalisierung und die Durchsetzung von Antidiskriminierungsstrategien für Sexarbeiter_innen.

Clarissa Rudolph analysiert frauenpolitische Kampagnen gegen Frauenarmut der letzten Jahre. Mit dem Konzept der Öffentlichkeit (Elisabeth Klaus) unterscheidet sie verschiedene Öffentlichkeiten und Akteursgruppen, die das Agenda-Setting beeinflussen und betrachtet die sozialpolitischen Kontexte, in denen Armut von Frauen verhandelt wird. Je konkreter die Zielformulierungen von Kampagnen sind, desto leichter gewinnen sie öffentliche Aufmerksamkeit. Angesichts der hohen Komplexität der Bekämpfung von Armut und der verfestigten vergeschlechtlichen ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen sind die Wirkungen der frauenpolitischen Kampagnen jedoch sehr begrenzt.

Angelika Koch eröffnet mit ihrer Analyse der konzeptionellen Grundlagen und empirischen Befunde zu Armutsrisiken und Geschlechterungleichheit in der Alterssicherung den dritten Teil des Sammelbandes. Die Deregulierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und die seit den 2000er-Jahren durchgeführten Reformen der Alterssicherung haben das Armutsrisiko besonders für diejenigen Personen erhöht, die unterbrochene Erwerbsverläufe und/oder niedrige Einkommen haben und mit der Übernahme von Sorgearbeit belastet sind. Die unzureichende (Gesetzliche Rentenversicherung) oder fehlende Absicherung( Private Altersversorgung) von Sorgearbeit bilden einen grundlegenden Risikofaktor vor allem für Frauen. Dieser kann nur durch eine Neukonstruktion einer sozialen Sicherung beseitigt werden, in der die Sorgearbeit kein individuelles Risiko mehr ist, sondern solidarisch abgesichert und mit individuellen Rechten ausgestattet ist.

In ihrem Beitrag zur Armut von Frauen mit Behinderung stellt Brigitte Sellach den (von ihr und Uta Enders-Dragässer) um die Geschlechter- und Altersperspektive erweiterten Lebenslageansatz als Analyserahmen vor. Mit ihm können Handlungsspielräume von Individuen sowie der Umfang ihrer jeweiligen Einschränkungen bestimmt werden. Empirische Daten zeigen, dass Geschlechtszugehörigkeit, Migration und Behinderung vor allem Bildungsmöglichkeiten sowie den Schutz und den Selbstbestimmungsspielraum überdurchschnittlich einschränken und so zu einer multiplen Armut der sehr heterogenen Gruppe behinderter Frauen führen.

Diana Auth widmet sich den Entwicklungen in der Pflegebranche und deren Auswirkungen auf die Pflegenden. Sie stellt eine Prekarisierung dieser Branche in vier Dimensionen fest: in der Einkommensentwicklung, in der Entwicklung atypischer Beschäftigung, in der Beschäftigungsstabilität und in der Entwicklung der Arbeitsbedingungen. Einkommensarmut und Altersarmut sind die Folgen für die beruflich Pflegenden, vor allem im Osten Deutschlands. Zwar hat sich die Qualität der Ausbildung verbessert, aber die gleichzeitig stattfindenden Ökonomisierungsprozesse der Pflege, besonders der (politisch gewollte) Konkurrenzkampf zwischen privaten und frei-gemeinnützigen Trägern, verschärfen die Armutsproblematik für die Beschäftigten.

Susanne Thiel und Beshid Najafi geben einen Überblick über die aktuelle Aufnahme- und Lebenssituation von geflüchteten Frauen und zeigen auf, welche politischen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen dazu führen, dass diese Frauen besonders von Armut bedroht sind und sich oft in schutzlosen Lebenslagen befinden. Die Autorinnen fordern eine gendersensible Asyl- und Integrationspolitik, um ihnen grundlegende soziale Rechte zu gewährleisten und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Anna Krämer und Karin Scherschel untersuchen in ihrer Pilotstudie den Zugang von hoch qualifizierten geflüchteten Frauen zur Erwerbsarbeit in Deutschland und stellen die existenzielle Bedrohung der Prekarisierungs- und Armutsdynamiken in dieser Gruppe heraus. Wenn die Integration in eine Erwerbsarbeit mit der Chance auf eine Verbesserung des Aufenthaltstitels verknüpft wird, dann wird Erwerbsarbeit für diese Personen potentiell überlebenswichtig, sie kann aber auch vom Garanten sozialer Teilhabe zu einem Exklusions- und Armutsrisiko werden.

Martina Bodenmüller stellt die offene und verdeckte Wohnungslosigkeit von Frauen als eine spezifische Form weiblicher Armut vor. Die Autorin beschreibt Ausmaß und Ursachen dieser weiblichen Lebenslage sowie die Bewältigungsstrategien von Frauen, die sich von denen der Männer unterscheiden. Die gegenwärtigen Hilfsmöglichkeiten sind unzureichend, eher können hier Ansätze wie die Bekämpfung von Einkommensarmut und ein bedingungsloses Grundeinkommen grundsätzliche Verbesserungen bringen.

Wie genauer solche Wege in eine neue Gesellschaftlichkeit aussehen könnten, dem widmen sich die Beiträge des vierten Teils. Margit Appel fragt „Armutsvermeidend? Emanzipatorisch? Bedingungsloses Grundeinkommen?“ und verblüfft mit der Feststellung, dass es bereits einen Sektor der Bedingungslosigkeit gibt, nämlich die Privathaushalte, in denen von Frauen un- und schlecht bezahlte Care Arbeit erbracht wird, mit der allerdings auch die Frauenarmut immer wieder reproduziert wird. Die Autorin diskutiert anschließend die Idee und Debatten über das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens sowie die Differenzierungen, die im Rahmen feministischer Debatten entstanden. Um die Einkommensarmut, die Vermögensarmut und die Zeitarmut von Frauen zu bekämpfen, sieht sie in einem bedingungsloses Grundeinkommen, das als soziales Recht garantiert ist, individuell, existenzsichernd und lebenslang zur Verfügung steht, ein wirksames Mittel. So könnte Bedingungslosigkeit als Qualität des Öffentlichen positioniert werden und nicht in dem Privatraum Familie eingeschlossen bleiben.

Den langen Weg der Frauenkämpfe um das Recht auf Erwerb zeichnet Gisela Notz nach. Bei den gegenwärtigen Prekarisierungstendenzen der Erwerbsarbeit darf es aber heute nicht mehr um eine bloße Beteiligung der Frauen an einem solchen Arbeitsmarkt gehen, vielmehr sollte es existenzsichernde Arbeitsplätze, Mindestlöhne und eine Umverteilung von sinnvoller und selbstbestimmter Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern sowie neue Formen des gemeinschaftlichen und nachhaltigen Wirtschaftens geben, in denen Armut nicht mehr vorkommt.

Wie Armut unter neoliberalen Bedingungen durch Care-Extraktivismus sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene erzeugt wird, und ob und wie Care Arbeit armutsüberwindend sein kann, diskutiert Christa Wichterich. Feministische Armutsforschung muss stets mitreflektieren, ob und welche Armut der „Anderen“ die Nutznießer-Innen von Care Dienstleistungen produzieren, wenn sie migrantische Care Arbeit zur Aufrechterhaltung ihres eigenen Versorgungswohlstandes nutzen. Streiks und Sorgekämpfe, die auf Zeit- und Anerkennungsarmut im Care Bereich verweisen, klagen ein wachstums- und gewinnorientiertes Gesundheitssystem an, in dem Rechte und Bedürfnisse der Menschen kaum eine Rolle spielen. Demgegenüber gibt es weltweit karitative und solidarökonomische Projekte, die auf den Prinzipen von Care, Commoning (gemeinsames Handeln zur Herstellung von Gemeingütern) und Teilen beruhen. Diese alternativen Praktiken müssen daraufhin geprüft werden, ob sie sich auf Nothilfe und Symptommanagement richten oder ob mit ihnen eine strukturverändernde Perspektive verbunden ist.

Kerstin Rathgeb sieht in dem Wirken der Pazifistin, Feministin und Streiterin für eine demokratische Gesellschaft Jane Addams (1860 -1935) Anknüpfungspunkte für eine Soziale Arbeit, die auf eine solidarische Gesellschaft hinarbeitet. Die Ursachen für die heutige Frauenarmut sieht die Autorin in globalen Macht- und Herrschaftsverhältnissen und in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Als Gegenstrategie erinnert sie an die „Settlement-Bewegung“, deren Akteur_innen an Strukturen und Handlungsweisen ansetzten, eigene Analysen erstellten und die sozialen Ungleichheiten in dieser Weise bearbeiteten. Heutiges Ziel sozialer Arbeit könnte es werden, Strukturen zu schaffen, in denen die Sorgearbeit als gesellschaftliche Arbeit anerkannt wird und geschlechtsspezifische Arbeit sowie patriarchale Arbeitsteilung in solidarische Arbeit umgewandelt wird.

Eine Bewegung in diese Richtung stellt Gabriele Winker mit dem von Sorgearbeitenden gegründeten Netzwerk „Care Revolution“ vor. Existenznöte und Armutsrisiken von Sorgearbeitenden sieht sie als Ergebnis neoliberaler Austeritätspolitik, der Steigerung der Erwerbsquote aller Erwachsenen als familienpolitische Zielsetzung, sowie der Kostenreduktion in der Renten- und Pflegepolitik. Die Care Revolution kann als Transformationsstrategie gesehen werden, in der die Demokratisierung der sozialen Infrastruktur angestrebt wird und die Care-Arbeitenden ihre Arbeit selbst bestimmen können. Pflege, Gesundheit und Bildung müssen dazu dem kapitalistischen Verwertungsprozess entzogen werden. Die neue Gesellschaftlichkeit ist für sie keine Utopie, sondern basiert auf der realistischen Annahme, dass Menschen, die ihr Zusammenleben selbst gestalten können, einander nicht in Armut leben lassen.

Diskussion

Dieser Sammelband zum Thema Frauenarmut bietet mit seinen fast 500 Seiten wohl die zurzeit facettenreichste Analyse des Problems. Jeder einzelne Artikel hätte eine ausführliche Diskussion verdient, was aber eine lesbare Besprechung des ganzen Bandes sprengen würde. Der Eindruck, den er hinterlässt ist bedrückend: Armut hat viel mit Ausgrenzung aus den verschiedensten Bereichen des „normalen“ Lebens zu tun, sie ist strukturell fest verankert und der intersektionale Blick zeigt die vielfältige Betroffenheit einzelner Gruppen. Weibliche Armut in ihrer speziellen Ausprägung wird im Mainstreamdiskurs offensichtlich verdrängt, erst recht gibt es wenige Diskussionen über deren Ursachen. Weder in der Wissenschaft noch in der politischen Diskussion wird Frauenarmut angemessen thematisiert, wenn auch die feministischen „Zwischenrufe“ langsam nicht mehr zu überhören sind. Eine wichtige Strategie zur Bekämpfung der Frauenarmut ist in fast allen Beiträgen beschrieben: eine Neugestaltung der Erwerbsarbeit in Richtung einer gerechten Verteilung der Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern und ein Umbau der sozialen Sicherungssysteme in Richtung Anerkennung der unbezahlten Sorgearbeit, wobei die Armutsrisiken in einer intersektionalen Perspektive zu berücksichtigen sind.

Fazit

Der Band ist eine Fundgrube für alle, die sich politisch gegen Frauenarmut engagieren wollen, ob in Verbänden oder Initiativen, sie werden hier gute Argumente für ihre Arbeit finden. Aber auch diejenigen, die direkt in der sozialen Arbeit mit Frauenarmut konfrontiert werden, bekommen Ideen und Unterstützung. Dieser Band ist allen zu empfehlen, die auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene in irgendeiner Weise an der Gestaltung von Lebenslagen arbeiten. Und nicht zuletzt sollte er von wissenschaftlich Arbeitenden zur Kenntnis genommen werden, damit sich Wissenschaft besser als bisher einer Geschlechterperspektive öffnen kann.


Rezension von
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 09.09.2020 zu: Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2203-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27139.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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