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Udo Thiedeke: Die Liebe der Gesellschaft

Cover Udo Thiedeke: Die Liebe der Gesellschaft. Soziologie der Liebe als Beobachtung von Unwägbarkeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 186 Seiten. ISBN 978-3-8487-6583-6. 44,00 EUR.
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Thema und Autor

Nähert man sich der Liebe soziologisch als gesellschaftliches Phänomen, würde man viel über sie lernen, so der Autor und mehr noch, man lerne viel über die eigenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu lieben. Die Liebe in ihrer romantischen Variante verspreche im gesellschaftlichen Rahmen ganz Außergewöhnliches. Sie verspreche, dass wir als Individuen mit unserer höchst eigenartigen individuellen Identität sozial akzeptiert und gesellschaftlich inkludiert würden.

Der Autor ist Udo Thiedeke, Professor am Institut für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Vorwort und einer Einleitung in zehn Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im „Vorwort“ wird betont, dass es soziologisch aussichtsreich erscheine, Liebe unter ihren sozialen und medialen Kommunikationsbedingungen zu beobachten, um so den Wandel für die Kommunikation individueller Inklusion und Verschränkung in und mit der Gesellschaft in den Blick zu nehmen.

In der Einleitung: „Lieben dürfen“ wird hervorgehoben, dass der Autor beabsichtige, eine neue Bindestrich Soziologie – eine Soziologie der Liebe zu begründen. Evolutionsbiologisch betrachtet, scheint die Liebe die Attraktivität zu erhöhen, vor allem sexuelle Partner zu suchen und zu finden. Mit der Liebe der Gesellschaft werde hier einer sinnhaften sozialen Bedeutung nachgegangen und der Frage, wie sie als Orientierung des liebenden Empfindens und Handelns für alle und alles, was zur Gesellschaft gehöre, in Erscheinung treten könne.

Kapitel I widmet sich der Thematik „Die Freundschaft lieben“. Freundschaft gehe im Vergleich zur Liebe von anderen Bedingungen aus und führe zu anderen Konsequenzen und dadurch führe sie zu einer anderen Form der Sozialität. Freundschafts- und Liebesbeziehungen wären jetzt als individualisierte persönliche Beziehungen möglich, weil sie sich von der Überindividualität der Funktionsbeziehungen in der modernen Gesellschaft unterschieden (S. 22 ff). Freundschaft erlaube die Vereinnahmung von Fremden, vor allem von Nicht-Familienmitgliedern und könne damit die Familiengrenzen sinnhaft überschreiten.

Mit dem Titel „Die Gesellschaft lieben“ ist Kapitel II überschrieben. Die Gesellschaft lieben meine, wenn wir lieben, würden wir uns mit sozialen Erwartungen konfrontiert sehen, die sich auf Ausdrucksmöglichkeiten des individuellen Erlebens richteten. Diese Erwartungen seien überindividuell, sie hingen auch davon ab, was andere für angemessen, zulässig oder grenzwertig erachteten. Mit dem gesellschaftlichen Blick würden individuelle Erwartungen vergleichbar, die sich im Rahmen öffentlicher Erwartungen des Intimen manifestierten.

In Kapitel III „Das Medium lieben“ wird verdeutlicht, dass die Liebe nicht unsere Privatsache sei, sondern sie sei etwas, was wir mit anderen teilen. Liebe trete so als ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium in Erscheinung. Die Liebe der Gesellschaft sei auf raffinierte Weise, sozial akzeptiert, durch individuelle Gefühle begründet und damit der Kontrolle durch soziale Gruppen oder Formierungen entzogen, was dann z.B. zu einer klassenspezifischen Heiratspolitik einen skandalösen Hautgout verleihe (S. 49). Liebe sei deshalb nur darin zu kontrollieren, dass sie unkontrollierbar sei. Sie ist und bleibt unverständlich und sei nur so zu kommunizieren, dass, wenn man liebt, möglichst wenig darüber spricht und schreibt, wie man liebt. Das markiert einen Ausnahmezustand im Übertritt vom Persönlichen ins Gesellschaftliche. 

Im folgenden Kapitel IV geht es um „Die Unvernunft lieben“. Die Liebe musste, um ihren Code durchzusetzen, erst über die Vernunft siegen. Dass sie gesiegt hat, könne man daran erkennen, dass es uns heute als ganz selbstverständlich erscheint, dass Liebe nicht vernünftig sein könne. Liebe stelle sich als Vernunft eigener Ordnung dar, sie folge bei der Partnerwahl einer eigenen, allerdings höchst anspruchsvollen und in sich paradoxen Logik. Die Liebeslogik lebe von der Erwartung, dass sich noch die extremsten Gegensätze anziehen könnten und dürfen, sodass sich Ähnlichkeiten und Widersprüche paaren würden (S. 60). Aus der „Tiefe der Person“ breche dann, wenn wir individuell lieben, das auf, was wir seien. Die Abgründe der Psyche werden dann ebenso kommunikabel, wie die Eigenarten des Körpers. All das, solle mit dieser Kommunikation sozialisiert, solle eine Zweiheit als soziale Einheit werden. Neben der Aufwertung der je eigenen Idiosynkrasie zum Zentrum des Erlebens und Handelns des jeweils anderen, sei das das zweite Versprechen der Liebe.

„Das Ideal lieben“ wird in Kapitel V in den Blick genommen. Es müsste erkennbar werden, dass man mit der Liebe, insbesondere mit dem derzeit gültigen Code der romantischen Liebe, nicht tatsächliche Verhältnisse liebe, sondern ein Ideal. Zur Normalität der sozial akzeptierten Erwartungen an die Liebe gehöre es aber, dass ihrer intimen Sozialität so unwahrscheinliche Bedingungen zu Grunde lägen, dass nur wenig Spielraum für Wahrscheinliches bliebe. Das sei vor allem dann der Fall, wenn die Liebe dauert, weil sie Erwartungen einer ewigen Dauer des Überraschenden, Außergewöhnlichen, ja des Außersichseins wecke (S. 69). Die Liebesbeziehung der unterschiedlichen Individuen basiere auf der generalisierten Annahme einer gesteigerten Unwahrscheinlichkeit, dem Konsens, Konsens zu haben.

Im folgenden Kapitel wird „Das Kapital lieben“ thematisiert. Gesellschaft konstituiere sich als Markt, in dem soziale Beziehungen wirtschaftlich kalkulierte Tauschbeziehungen darstellen, die als Kapitalressource auf einem Kapitalmarkt behandelt würden. Das beträfe auch die romantische Liebe. Liebe gerate durch den neoliberalen Kapitalismus in den Sog einer völlig entgrenzten Kapitalisierung, die schließlich zur neosexuellen Sexualität führe. Intime Beziehungen etc. sollen jetzt warenförmig auf einem Partnerschaftsmarkt getauscht werden, auf dem alle um die Gunst aller konkurrierten. Was die Liebe symbolisch auf die Spitze treibe, das sei die Symmetrie der Asymmetrien individueller Unwahrscheinlichkeiten des Erlebens und Handelns (S. 84).

„Den Sex lieben“ sollte man, laut Autor, im Kapitel VII. Man solle die einmalige Persönlichkeit lieben, weil sie so ein wundervoller Mensch sei und nicht, weil man so gierig auf den sexuell attraktiven Körper sei. Die Interpenetration der ganzen individuellen Person meine, dass man sich emotional zustimmend oder ablehnend zum Weltbezug des Individuums verhalten müsse, in dessen Weltbezug man selbst als Teil dieser Welt vorkomme. In der Liebe der Gesellschaft würde unser Körper mit all seinem Begehren zum „Körper der Gesellschaft“. Es gäbe im „Bildungsbürgertum“ eine kulturelle Aufladung der Semantik der Ehe mit dem romantischen Liebescode, die das Eheideal als Dauerbestätigung auch der körperlichen Zuneigung ab dem 19. Jahrhundert als Normalfall der bürgerlichen Ehe erscheinen ließe. Die außereheliche Sexualität würde eher für die nicht bürgerlichen Milieus verstanden.

Im achten Kapitel steht „Das Leiden lieben“ im Mittelpunkt der Betrachtungen. Die in die Gesellschaft so interpenetrierten Individuen würden durch die Umstellung des Modus der Partnerwahl auf individuelle, durch Gefühle begründete Liebe einen hohen Preis ihrer höchst persönlichen Indiosynkrasien zahlen. Die Liebe sei so unsicher wie das Glück, wobei wenn wir liebten, würden wir auch unser Leiden lieben. Der Autor resümiert das Ende des Kapitels mit folgenden Worten: „Die Liebe der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft gibt mit der Forderung nach Leidenschaft für das Unwägbare eine kontingenzsensible Antwort, auf die sich aufdrängenden Fragen der Einheit der Differenzen des Individuellen. Sie gibt sehr eigenartige Antworten auf Fragen, die mit der Wahrnehmung der paradoxen Gleichheit der Individualität verbunden sind, die besagt, dass wir als Individuen nur darin alle gleich sein können, dass wir ungleich sind. (S. 122)“

Es folgt Kapitel IX mit dem Titel „Die Zukunft lieben“. Mit dem Eintritt in die Liebeskommunikation könne sich das soziale System der Liebes-Intimität gegen seine gesellschaftliche Umwelt, auch gegen andere soziale Systeme, abgrenzen. Durch die Art und Weise sich im Netz zu bewegen, werde die Person begleitend zu Identitätsmustern verdichtet, auch die vernetzten Freunde beschrieben die Identitätsdarstellungen durch ihren für andere sichtbaren Kontakt und ihre Bewertungen durch die Verwendung des „Like“-Buttons bei Facebook. Aus dem gesellschaftlichen Wandlungsprozess käme man nicht um die soziologische Vermutung herum, dass die romantische Liebe unter diesen Sinnbedingungen an Exklusivität für die Selbstverstärkung narzisstischer Persönlichkeiten einbüßen könne.

Das letzte Kapitel setzt sich mit „Die Liebe lieben“ auseinander. Heute hätte man zumindest zwei Möglichkeiten der kontingenten Selbstverwirklichung des Höchstpersönlichen und dessen sozial bestätigter Sonderschätzung: sich romantisch in die jeweils andere Weltsicht zu verlieben oder sich kybernetisch entgrenzt mit der eigenen Weltsicht an andere anzuschließen und sich so zu vernetzen (S. 168). Die romantische Liebe sei infolge der individuellen Auswahlsituationen nur eine Option unter anderen, sich individuell selbst zu verwirklichen. Und hierauf scheine der neue Schwerpunkt der Paradoxie zu liegen, nicht mehr auf dem notwendigen Zufall oder dem Genuss des Leidens.

Fazit

Der Autor wollte eine „Soziologie der Liebe“ entwerfen, eine neue Bindestrich Soziologie. Ich konnte diese leider nicht entdecken.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.10.2020 zu: Udo Thiedeke: Die Liebe der Gesellschaft. Soziologie der Liebe als Beobachtung von Unwägbarkeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-6583-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27140.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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