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Karsten Giertz, Lisa Große u.a. (Hrsg.): Hard to reach

Cover Karsten Giertz, Lisa Große, Silke B. Gahleitner (Hrsg.): Hard to reach. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-96605-006-7. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Schwer erreichbare Klient*innen, sogenannte Hard to reach Klient*innen, begegnen psychosoziale Fachkräfte in vielen Arbeitsfeldern. Anstatt die mangelnde Anpassungsfähigkeit dieser Klient*innen zu beklagen, heißt die Aufgabe, die Versorgungsstrukturen entsprechend dem individuellen Bedarf zu gestalten. Das Buch stellt spezifische Handlungsmethoden und notwendige Elemente wirkungsvoller Unterstützung vor.

Herausgeber*innen

Karsten Giertz M.A. hat eine Vertretungsprofessur für Psychologie und Soziales an der Hochschule Neubrandenburg. Er ist Geschäftsführer des Landesverbandes Sozialpsychiatrie in Mecklenburg.

Lisa Große M.A. ist Klinische Sozialarbeiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice Salomon-Hochschule Berlin.

Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner ist Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Insgesamt 13 Fachbeiträge werden im 156-seitigen Buch vorgestellt. Einführend geben die Herausgeber*innen zusammen mit Claudia Steckelberg einen ersten Überblick, im Anschluss stellen die Herausgeber*innen und weitere zwölf Autor*innen (jeweils auf 10–15 Seiten) die Problemlagen mit Hard to reach Klientel in verschiedenen Arbeitsbereichen vor. Die Autor*innen wollen mit ihren Beiträgen die prekäre Versorgungssituation, ebenso wie spezifische Behandlungsmethoden und Interventionen, vorstellen. Ziel ist es, die Versorgungssituation und die psychosoziale Arbeit mit den beschriebenen Adressat*innen zu verbessern (S. 8). Den einzelnen Beiträgen schließt sich jeweils ein Literaturverzeichnis an.

Im ersten Beitrag des ersten Buchteils beschreiben Karsten Giertz, Lina Große, Silke Brigitta Gahleitner und Claudia Steckelberg im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen und anhand aktueller Forschungserkenntnisse die prekäre Versorgungssituation in unterschiedlichen psychosozialen Arbeitsfeldern.

Karsten Giertz problematisiert im zweiten Beitrag die Situation von Patient*innen mit hoher Inanspruchnahme der psychiatrischen Versorgung. Die Versorgungsdefizite sieht der Autor insbesondere in einer fehlenden Koordination der Vernetzung der Hilfen, dem mangelhaften Ausbau oder der Verfügbarkeit von ambulanten und komplementären Hilfen, in einer fehlenden Flexibilität der bestehenden Versorgungsangebote und in fehlenden alternativen Versorgungsangeboten, zum Beispiel bei der Krisenbewältigung.

Silke Brigitta Gahleitner betont im dritten Beitrag die Bedeutung traumatischer Erfahrungen. Während die Traumatherapie bereits etabliert ist, wurden erst in den letzten Jahren traumapädagogische und traumatherapeutische Konzepte in der Beratung und in der psychosozialen Unterstützung aufgegriffen. Notwendig für eine Realisierung dieser Hilfen ist eine entsprechende traumasensible Herangehensweise, die den traumabezogenen Inhalten, Erinnerungen und Erfahrungen der Betroffenen im Alltag respektvoll mit Verständnis und der Bereitschaft zu einem feinfühligen und versorgenden Beziehungsangebot begegnet.

Karsten Giertz und Frank Sowa thematisieren im nächsten Beitrag die Zusammenhänge zwischen Wohnungslosigkeit und psychischen Erkrankungen. Diese Personengruppe ist insbesondere durch Multiproblemlagen, wie Armut, Arbeitslosigkeit, Überschuldung und psychischen und körperlichen Erkrankungen gekennzeichnet. Praxisnah beschrieben wird, wie die Situation unter anderem durch niedrigschwellige Beratungsansätze, Housing First, zieloffene Suchthilfe, präventive Ansätze in der Gemeindepsychiatrie und durch eine stärkere Politik für bezahlbaren Wohnraum verbessert werden kann.

Die Problematik der gestiegenen Anzahl von geschlossenen Unterbringungen fokussieren Sarah Jenderny, Andreas Speck, Karsten Giertz und Ingmar Steinhart. Aufgezeigt wird u.a., dass insbesondere jene Menschen von Zwangsmaßnahmen betroffen sind, die sozialpsychiatrische Angebote ablehnen. Abschließend werden Möglichkeiten zur Reduktion geschlossener Unterbringungen diskutiert.

Dario Deloie beschäftigt sich im sechsten Beitrag mit der häufig auftretenden Komorbidität bei Suchterkrankungen. Bei diesem Klientel ist insbesondere die sozialtherapeutische Expertise der Klinischen Sozialarbeit in einem multiprofessionellen Behandlungskontext einzubeziehen.

Im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe thematisieren Gunter Groen, Astrid Jörns-Presentati und Jack Weber die sogenannten Grenzgänger und Systemsprenger mit ihrem komplexen Hilfebedarf, bei denen oftmals unzureichende Hilfen zu problematischen Interaktionsspiralen beitragen. Einführend werden die besonderen Herausforderungen des Klientels geschildert, um dann Lösungsansätze für die Versorgung zu skizzieren.

Im zweiten Teil des Buches, in dem pazifische Handlungsmethoden und Interventionen thematisiert werden, weisen zunächst Lisa Große und Silke Brigitta Gahleitner auf die besondere Bedeutung einer beziehungsorientierten Haltung hin. Insbesondere auf dem Hintergrund einer nicht ausreichenden An- und Einbindung mit einem häufigen Rückzugs sind Fachkräfte hier besonders gefordert professionelle Vertrauens- und Beziehungsarbeit zu leisten. Lina Große und Silke Brigitta Gahleitner diskutieren die Notwendigkeit einer grundlegenden Beziehungsorientierung. Sie führen aus, dass oftmals bereits erste Kontakte zu Hard to reach Klienten scheitern, da diese Menschen oftmals Bedarfe kaum äußern können, sich dem Versorgungssystem entziehen und sich aus Angst vor weiteren Verletzungen und wiederholten Enttäuschungen durch das professionelle Unterstützungssystem zurückziehen. Hier sind Alternativen in der Kontaktaufnahme und der Beziehungsgestaltung zu erarbeiten, grundlegend sind hierfür ein Verstehen, Vertrauen schaffen, Bindungs- und Beziehungserfahrungen ermöglichen und eine Einbettung zu fördern.

Lina Große und Matthias Müller stellen die Methode des Stärkenorientierten Case Managements vor, in dem der Fokus in allen Phasen des Kontaktes insbesondere auf die individuellen Stärken der Betroffenen gerichtet wird. Diese Haltung beinhaltet oftmals zunächst einen Vertrauensvorschuss der Fachkraft, die versteht, das eine mögliche Ablehnung nicht ihrer Person gilt und das komplexe Problemlagen vorliegen, die besondere Unterstützungen erfordern (S 107).

Anschließend thematisieren Silke Brigitta Gahleitner und Lina Große die Bedeutung der sozialen Unterstützung und der Milieuarbeit. Soziale Unterstützung gilt allgemein als ein grundlegender Wirkfaktor und ist gerade bei diesen Klientel von einer besonderen Bedeutung, vor allem weil häufig eine ausreichende An- und Einbindung in die verschiedensten sozialen Kontakte fehlt. Soziale Arbeit hat hier die Aufgabe die innere Konfliktstruktur des Individuums, ebenso wie gesellschaftliche Konflikte, zu kanalisieren und reflektierte personale Bindungen zu gestalten, um letztlich korrigierende emotionale Erfahrungen zu ermöglichen.

Barbara Bräutigam proklamiert in ihrem Beitrag die Bedeutung einer aufsuchenden Psychotherapie. Zunächst führt sie aus, dass Hausbesuche von Psychotherapeutinnen aktuell nur gering vergütet werden, hierfür jedoch ein großer Bedarf, zum Beispiel bei hochaltrigen Menschen, pflegenden Angehörigen oder bei Patient*innen mit Angststörungen besteht. In diesem Kontext stellt sie die erfolgreiche Methode des Home Treatment, die bei psychosozialen Diensten ärztlich-psychiatrisches Personal einbezieht.

Gunter Graßhoff problematisiert die institutionelle und strukturelle Kooperation in der Kinder- und Jugendhilfe bei sogenannten Systemsprengern und fragt, wer hier eigentlich wen sprengt. In der Praxis zeigt sich, dass Hilfestellungen oftmals Teil der Ursachen für die Probleme der Kinder und Jugendlichen sind. Zuständigkeiten sind in den wenigsten Fällen klar geregelt. Eine gute Versorgung beinhaltet im Wesentlichen eine gute Planung, bei der auch die Handlungsspielräume der Kinder und Jugendlichen erweitert werden.

Im abschließenden Beitrag stellt Jörg Utschakowski den Einsatz von Peer Support in der Psychiatrie als wichtiger Bestandteil der Unternehmensphilosophie vor. Ein Vorteil von Genesungsbegleitern ist es, dass sie eine professionelle Haltung der Unsicherheit in die Teams bringen, denn diese fehlende Gewissheit ist eine Voraussetzung für eine partizipative Begleitung von Menschen mit komplexen Hilfebedarfen.

Diskussion

Die Autor*innen, überwiegend als Dozent*innen an Hochschulen der Sozialen Arbeit tätig, fokussieren in ihren Beiträgen theoretisch fundiert und praxisnah ein Klientel, dass häufig schwer zu erreichen ist, als widerständig und unmotiviert erlebt wird und gerade deswegen auf dem Hintergrund der besonderen Bedürftigkeit passende Unterstützungen benötigt. Die Autor*innen rufen dazu auf, die Bedeutung und die besondere Problematik dieses Klientels anzuerkennen und mit ihnen partizipativ passende Hilfsangebote zu entwickeln. Hilfreich wäre hier, so wird m.E. deutlich, generell ein multiprofessionelles Vorgehen, dass ärztliche, psychologische und soziale Hilfen strukturell verknüpft. Allerdings erschweren in der Praxis die Fragmentierung und Überforderung der Versorgungssysteme durch rechtlich definierte Zuständigkeiten, institutionelle Eigenlogiken oder konkurrierende Interessen das Zustandekommen von kooperativer Hilfe.

Ergänzend hätten weitere Arbeitsfelder vorgestellt werden können, in denen psychosoziale Fachkräfte ebenfalls mit diesen Klientel in Kontakt kommt. Hierzu gehören zum Beispiel Frauenhäuser, Obdachloseneinrichtungen, Häftlinge und Strafentlassene, Patienten in der Forensik, aber auch z.B. Klienten in der allgemeine Eingliederungshilfe oder die sogenannten Kunden in der Arge.

Fazit

Dieses Buch kann – damit die professionelle Tätigkeit mit diesem besonderen Klientel thematisiert wird, allen Berater*innen und Therapeut*innen in psychosozialen Arbeitsfeldern – Anfänger*innen und Fortgeschrittenen – empfohlen werden. Den Leser*innen wird sehr kompakt eine umfassende, lebendige Darstellung geboten. Die Buchbeiträge können unterstützen, dass irgendwann die Notwendigkeit passenderer multiprofessioneller Interventionen beim Hard to reach Klientel wahrgenommen und endlich realisiert wird.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Sozialarbeiter grad., Diplompädagoge, Dr. rer. pol., langjährige Berufspraxis in der Suchtkrankenhilfe, als Supervisor und in der Weiterbildung, Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen, 2007–2021 LbfA an der Hochschule Emden mit dem Schwerpunkt Beratung, ab 10/2021 Prof. im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung“ der Diploma Hochschule.
Homepage juergenbeushausen.de.tl
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 02.12.2020 zu: Karsten Giertz, Lisa Große, Silke B. Gahleitner (Hrsg.): Hard to reach. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-96605-006-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27142.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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