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Tina Gruber: Therapie-Tools Ressourcen­aktivierung

Cover Tina Gruber: Therapie-Tools Ressourcenaktivierung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 229 Seiten. ISBN 978-3-621-28702-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 45,02 sFr.

Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Reihe: Therapie-Tools.
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Thema und Ziele

Das wesentliche Ziel des Buchs von Gruber, das in der Verlagsreihe „Therapie-Tools“ erschienen ist, besteht darin, eine „sorgfältig ausgewählte Sammlung an Übungen [anzubieten], die je nach Bedarf und Thema verwendet werden können, sei es im Einzel-oder Gruppensetting…“ (S. 9).

Die (Be-) Achtung und Aktivierung von Ressourcen hat im Bereich von Psychotherapie und Beratung spätestens seit den Publikationen von Grawe (2004; Grawe et al., 1995/2001) eine zentrale Bedeutung gewonnen. Gruber definiert Ressourcen aus psychotherapeutischer Perspektive als „Potentiale eines Menschen,… Fähigkeiten, Kompetenzen, positive Erinnerungen, Fertigkeiten, Kenntnisse, Geschicke, Einstellungen, Erfahrungen, Talente, Neigungen und Stärken, die oftmals gar nicht bewusst sind“ (S. 11). Ressourcen können als „Kraftquellen“ dienen; die Fokussierung der Ressourcen dient dazu, zu „Normalisieren statt [zu] Pathologisieren“ (ebd.).

Eine besondere Bedeutung misst die Autorin den Möglichkeiten von Gruppen zur wechselseitigen Stabilisierung und Ressourcenaktivierung zu – wobei die Begründung für die Arbeit in und mit Gruppen, v.a. im stationären Setting, etwas zu überdeutlich ökonomisch ausfällt.

Eine Leitorientierung besteht darin, „Selbstwirksamkeitserwartung aufzubauen, Selbstheilungskräfte zu aktivieren und vorhandenes Potential auszuschöpfen“ (S. 14). Gruber geht noch einen Schritt weiter: „Im Gegensatz zu verhaltenstherapeutischen Gruppen, in denen der Therapeut Experte eines Störungsbildes ist und die Teilnehmenden im Umgang damit geschult werden, wird in der Ressourcengruppe davon ausgegangen, dass die Patienten selbst die Experten sind“ (ebd.).

Auf dem insgesamt theoretisch knapp gefassten Hintergrund werden dann über 90 Arbeitsmaterialien dargestellt, die der Ressourcen-Wahrnehmung und Aktivierung dienen.

Inhalt

Der inhaltliche Teil startet mit einer kurzen, 10-seitigen, „Einführung“. Dabei werden auch Hinweise auf das Arbeiten im Einzel- und im Gruppensetting gegeben und – gut zusammengestellt! – „Ressourcenorientierte Fragetechniken“ (S. 17f) vorgestellt.

Der Schwerpunkt des Buches besteht in der Darstellung der Arbeitsmaterialien.

Nach – gleichfalls ressourcenbezogenen – „Geschichten für den Einstieg“ sind die Materialien nach sechs Bereichen gegliedert:

  • „Denken als Ressource“
  • „Ziele als Ressource“
  • „Das soziale Umfeld als Ressource“
  • „Kommunikation als Ressource“
  • „Der Körper als Ressource“
  • „Das Selbst als Ressource“

Jedes Kapitel wird kurz inhaltlich eingeführt, dann erfolgt – bei den „Ressourcen-Abschnitten“ – eine „Übersicht über die Arbeitsblätter“ des Kapitels (z.B. S. 50), in der auch die Quellen der Übungen benannt sind. Jede Übungseinheit bzw. jedes zugehörige Arbeitsblatt ist gleichfalls übersichtlich und gleichartig aufgebaut: Nach einer kurzen Begriffseinführung werden Ziele, Setting, z.T. nötige Materialien und ein „Anleitungsvorschlag“ präsentiert. Anschließend folgt ein ein- oder mehrseitiges Arbeitsblatt (im Format einer Kopiervorlage), das dann an die Adressat*innen der Übung ausgegeben werden kann. Zur Erleichterung gibt es eine E-Book-Version, durch die direkt ein Ausdruck erfolgen kann.

Als ein Beispiel sei das Arbeitsblatt 35 „Gerichtete Aufmerksamkeit“ vorgestellt (S. 79ff): Als Ziel der Einheit wird beschrieben: „Es soll erkannt werden, dass die eigene Aufmerksamkeit bewusst gesteuert werden kann, dass man sich entscheiden kann, worauf sie gerichtet wird. Man kann bewusst Dinge sehen oder nicht sehen“. Die Übung ist für Einzel- und für Gruppensettings geeignet.

Die Übung soll also dazu dienen, selbst die Art der Fokussierung der eigenen Aufmerksamkeit zu erkennen und den eigenen „Tunnelblick“ zu erweitern. Damit ist sie „gut geeignet für Personen, die in einem Thema feststecken oder depressiv verstimmt bzw. erkrankt sind“.

Die Übung soll möglichst im Freien stattfinden, die Anleitung lautet: „Sie werden nun dazu eingeladen, einen Spaziergang zu unternehmen. Gehen Sie dazu eine Strecke, die Sie kennen und die Sie schon oft gegangen sind. Eine Strecke, von der Sie der Meinung sind, hier kenne ich schon alles. Richten Sie während diesem Spaziergang Ihre ganze Aufmerksamkeit nur auf… (ausgewählte Sache nennen)“.

Die Teilnehmer*innen erhalten dazu ein zweiseitiges Arbeitsblatt, das sie nach dem Spaziergang ausfüllen sollen.

Die Fragen hierzu: 

  • „Was haben Sie heute zum ersten Mal auf dieser Strecke gesehen?
  • Was haben Sie nicht mehr beachtet, das Ihnen sonst aufgefallen war?
  • Was haben sie in der Umgebung anders wahrgenommen?
  • Was haben sie in der Gegend neu kennen gelernt?
  • Worin liegen für Sie die Vorteile, wenn Sie auf etwas fokussieren oder die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes richten?
  • Worin liegen für Sie Nachteile, wenn Sie auf etwas fokussieren oder die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes richten?
  • Worauf könnten sie in ihrem Alltag die Aufmerksamkeit vermehrt richten?
  • Wozu?“

Mit den beschriebenen Grundlagen und Vorgehensweisen lassen sich für erfahrene Psychotherapeut*innen und (pädagogisch ausgebildete) Berater*innen die jeweiligen Übungen praktikabel im Einzel- wie im Gruppensetting umsetzen.

Diskussion

Das „Therapie-Tool Ressourcenaktivierung“ ist sehr übersichtlich aufgebaut und bietet vielfältiges, praktikables (Übungs-) Material für pädagogische und psychotherapeutische Einzel- wie Gruppen-Settings. Dieses Material ist systematisch strukturiert und im Prinzip unmittelbar anzuwenden.

Es fehlen allerdings Hinweise, aufgrund welcher Auswahlentscheidungen die einzelnen Bestandteile eingesetzt werden sollten. Es fehlen auch Hinweise, wann und wie das Material in psychotherapeutische Prozesse, die von reflektierter Beziehungsgestaltung getragen sind, eingebettet werden sollte. So bleibt es entweder der Erfahrung bzw. Intuition der Therapeut*in/Berater*in überlassen, wann Interventionen durch die Materialien unterstützt werden. Alternativ können die Übungen natürlich als Bestandteile eines „Werkzeugkastens“ eingesetzt werden, wobei eine systematische Reflexion des dabei Erlebten unabdingbar erscheint – auch hierfür ist therapeutische/​beraterische Erfahrung nötig.

Fazit

Insgesamt handelt es sich bei der Zusammenstellung der Arbeitsmaterialien um ein breites, gut aufbereitetes Set an Möglichkeiten, die Ressourcen von Patient*innen bzw. Klient*innen im Einzel- oder Gruppensetting zu aktivieren. Dabei ist ein Einsatz im präventiven kurativen und rehabilitativen Rahmen möglich; für einen professionellen Einsatz ist Berufserfahrung der Anwender*innen nötig.

Literatur

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

Grawe, K., Donati, R. & Bernauer, F. (1994/2001). Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession (5. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EH Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Abgeschlossene Ausbildungen in Psychoanalyse (DGIP, DGPT), Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (GwG), Gesprächspsychotherapie (GwG). Tätigkeit als niedergelassener Psychotherapeut und als Geschäftsführer eines Jugendhilfeträgers (AKGG). Supervisor bzw. Dozent/Ausbilder bei verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsstätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Dörte Weltzien Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.
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Zitiervorschlag
Klaus Fröhlich-Gildhoff. Rezension vom 08.12.2020 zu: Tina Gruber: Therapie-Tools Ressourcenaktivierung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-621-28702-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27148.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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