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Achim Albrecht, Gesine Bade u.a. (Hrsg.): Politische Bildung

Cover Achim Albrecht, Gesine Bade, Andreas Eis, Uwe Jakubczyk, Bernd Overwien (Hrsg.): Jetzt erst recht: Politische Bildung! Bestandsaufnahme und bildungspolitische Forderungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. 280 Seiten. ISBN 978-3-7344-0978-3. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
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Herausgeberschaft

Herausgeberin Gesine Bade und drei weitere Herausgeber, Achim Albrecht, Andreas Eis und Bernd Overwien, haben gemeinsam, dass sie im Fachgebiet Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Kassel tätig sind oder tätig waren. Der fünfte Herausgeber, Uwe Jakubczyk, ist Studienleiter an der Evangelischen Akademie Hofgeismar und für die gesellschaftspolitische Jugendbildung zuständig.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Der Band dokumentiert die Ergebnisse einer „Grundsatztagung“, die vom 19. bis 21. Oktober 2018 unter dem schlagersprachlichen Titel „Wann, wenn nicht jetzt? Politische Bildung in der Schule“ in der Evangelischen Akademie Hofgeismar stattfand.

Zusammen mit der Einleitung der Herausgeber enthält das Buch 17 Fachbeiträge und, im Anhang, einen Katalog bildungspolitischer Forderungen.

Ausgangspunkt der Fachtagung war eine nicht von der Hand zu weisende Beobachtung: das Erstarken autoritärer und antidemokratischer Kräfte und Denkmuster in Deutschland und in der EU. Politische Bildung als Schulfach ist angesichts dessen herausgefordert, verliert aber in den Schulen an Bedeutung, wird zum „Schulfach zweiter Klasse“, weil seit den PISA-Studien zu Anfang des Jahrhunderts die so genannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) in den Mittelpunkt des Interesses und der Förderung getreten sind.

Politische Bildung als Demokratiebildung in den Schulen besteht nicht nur in der Behandlung einschlägiger Lehrstoffe, sondern auch in demokratiefördernden, das heißt partizipativen Unterrichtsformen. Politische Bildung, so verstanden, wird an vorschulischen, pflichtschulischen, berufsschulischen und außerschulischen Institutionen untersucht. Das Spektrum reicht bis zur Beurteilung politischer Magazinsendungen im Fernsehen für das politische Bewusstsein von Heranwachsenden.

Inhalt

Ilka Brecht fragt nach der Wirkung politischer Fernsehformate auf das Politikverständnis jugendlicher Rezipienten. Das größte Problem scheint die Erreichbarkeit der Jugendlichen zu sein, die sich angesichts der Macht der „sozialer Medien“ immer weniger für das traditionelle Fernsehen erwärmen können.

Johanna F. Ziemes und Hermann J. Abs beleuchten mit Hilfe der International Civic and Citizenship Education Study 2016 die Aufgabe der Schule, die Schülerinnen und Schüler mit Hilf bestimmter Wissensbestände, Einstellungsmuster und Beteiligungsmodelle auf ihre Rolle als Citoyen und Citoyenne vorzubereiten.

Andrea Becher, Eva Gläser, Wolfgang Sander, Andreas Eis, Bernd Overwien und Bettina Zurstrassen werfen einen Blick auf Konzepte und neue Ansätze politischen Lernens von der Primarstufe über die Sekundarstufen bis hin zur beruflichen Bildung. Dass selbst Primarschulkinder bereits über ein rudimentäres politisches Faktenwissen verfügen, ist seit Jahrzehnten bekannt. Dass ihr politisches Zusammenhangs-, Orientierungs- und Werte-Wissen noch wenig ausgeprägt ist, weiß man ebenfalls seit langem. Kaum ein Zweitklässler, der heute nicht den Namen der Bundeskanzlerin kennt. Aber dass man nicht unbedingt ein gutes Schulzeugnis braucht, um Bundeskanzler zu werden, will den Kleinen erfreulicherweise nicht in den Kopf.

Politische Bildung als Schulfach wird immer ein Integrationsfach sein, ein Fächerverbund aus Politik, Wirtschaft, Geschichte, Recht, Geographie u.a. Aber das Kernlernziel sollte doch, zumal in Deutschland, immer die Hinführung zur Demokratie und damit zugleich eine wirksame Extremismusprävention sein. Eine so verstandene Politische Bildung wird immer dem „mündigen Aktivbürger“ verpflichtet sein, aber immer auch die Frage stellen müssen, ob kapitalistische Gesellschaften überhaupt mündige Menschen benötigen.

Marcel Grieger, Monika Oberle, Marianne Huttel und Achim Albrecht befassen sich mit Mindeststandards und neuen Konzepten einer Qualifizierung von Lehrkräften für die Politische Bildung. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte für Politische Bildung weist viele Defizite auf, was unter anderem auch daran liegt, dass das Fach sich nicht wie „Mathematik“ oder „Sport“ relativ klar ein- und abgrenzen lässt. Während Mathematik und Sport kaum von fachfremden Lehrkräften unterrichtet wird, ist das bei der Politischen Bildung in hohem Maße der Fall – sehr zum Schaden für die Reputation des Fachs.

Maria Grüning, und Alexander Wohnig loten Chancen und Grenzen der Kooperation von Schulen mit außerschulischen Bildungspartnern und an außerschulischen Lernorten aus, wie es Jugendzentren, Heimvolkshochschulen, Jugendherbergen und konfessionelle und parteinahe Akademien sind. Das kann oft nur unter „schulfremden“ Bedingungen geschehen, zum Beispiel durch den vorübergehenden Verzicht auf Leistungs- und Bewertungszwänge, was wiederum die Experimentierfreudigkeit anregt.

Sanem Kleff und Ilka Hoffmann befassen sich mit Problemen bildungspolitischer Ungleichheit und nehmen Kinder und Jugendliche aus prekären sozialen Verhältnissen in den Blick. – Die Schulen in Deutschland spiegeln eine Gesellschaft wider, die von Teilen der Politik noch immer bestritten wird: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Jedes dritte schulpflichtige Kind in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Angesichts dessen sollte Politische Bildung dem Lehr- und Lernziel der Gleichwertigkeit aller Menschen oberste Priorität einräumen. Schulen sollten zu Widerstandsnestern gegen jegliche Art von Menschenfeindlichkeit werden.

Inklusive Pädagogik und Projektunterricht, dialogisches Lehren und entdeckendes Lernen sind Elemente politischer Bildung auf schulischer Systemebene. Sie begünstigen Gleichberechtigung, Solidarität und Toleranz, ohne diese eigens zum Thema zu machen. Die Schülerinnen und Schüler erfahren nachhaltige politische Bildung durch die offene Lebenswelt Schule.

Dirk Lange und Steve Kenner widmen sich dem Verhältnis von Digitalisierung und Politischer Bildung. Die hohen Lehr- und Lernziele – „Mündigkeit“, „Selbstbestimmung“, „Partizipation“ – sind in einer analogen Welt ausbuchstabiert worden. In der digitalen Welt erfahren sie neue Herausforderungen, weil die Möglichkeiten der Fremdbestimmung andere geworden sind. Politische Bildung auf der Höhe der Zeit muss sich mit der „Macht der Algorithmen“ anlegen; neue Gegnerschaft erwächst aus „Filterblasen“ und „Echokammern“; Lügen werden als „alternative Fakten“ nobilitiert. Andererseits: Die mit der Digitalisierung einhergehende Ortsungebundenheit und weltweite Vernetzung eröffnet viele neue Möglichkeiten. Jeder Empfänger kann nun auch zum Sender werden und unmittelbar, kenntlich oder anonym, agieren und reagieren. Das bietet für die politische Päda- und Andragogik ein großes methodisch-didaktisches Spielfeld der emanzipatorischen Bildung

Das Buch endet mit einer „Erklärung zur Politischen Bildung in den Schulen“, die im Wesentlichen aus zehn Forderungen besteht. Tenor: Politische Bildung muss in allen Schulformen, von der Primarstufe bis zur Berufsschule, durch mehr Unterrichtsstunden und eine professionellere Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte gestärkt werden.

Diskussion

Während autokratische und aristokratische Staatsformen ertragen werden müssen, ist Demokratie die einzige Staatsform, die gelernt werden muss. Man braucht Wissen, sollte urteilsfähig und handlungsbereit sein und vor allem die Empfindlichkeit entwickeln, sich betreffen zu lassen von der Betroffenheit anderer. Demokratie wird immer mehr regulative Idee als vollendetes Projekt sein. Wer als Pädagoge zur Demokratie erziehen will, sollte sie zu allererst in Auftreten und Haltung vorleben. Mitunter stört der Macher-Jargon des Buches. Obwohl man mit Paulo Freire die „Bankiersmethode“ in der Erziehung ablehnt, könnte man den einen oder andren Beitrag des Buches mit einem in der Sprache dieser Methode formulierten Imperativ zusammenfassen: Alle Beschulung ist so anzulegen, dass am Ende das Produkt „mündiger Bürger“ störungsfrei vom Band läuft. – So gewinnt man keine Anhänger!

Fazit

Der didaktische Artikel Eins aller Politischen Bildung ist der 1976 beschlossene „Beutelsbacher Konsens“. Er fordert eine grundsätzliche Teilnehmer- oder Schülerorientierung des politischen Unterrichts im Geiste von „Überwältigungsverbot“ und „Kontroversitätsgebot“, damit die Selbst- und Weltaneignung der Schülerinnen und Schüler, also „Bildung“, auch eine Gelingens-Chance hat. Der Beutelsbacher Konsens gilt nach wie vor. Die digitale Welt stellt ihn vor neue Prüfungen.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 30.11.2020 zu: Achim Albrecht, Gesine Bade, Andreas Eis, Uwe Jakubczyk, Bernd Overwien (Hrsg.): Jetzt erst recht: Politische Bildung! Bestandsaufnahme und bildungspolitische Forderungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-7344-0978-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27152.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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