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Stefan Heinemann, David Matusiewicz (Hrsg.): Digitalisierung und Ethik in Medizin und Gesundheitswesen

Cover Stefan Heinemann, David Matusiewicz (Hrsg.): Digitalisierung und Ethik in Medizin und Gesundheitswesen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2020. 300 Seiten. ISBN 978-3-95466-465-8. D: 39,95 EUR, A: 41,15 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Thema

Die Digitalisierung (nicht nur von Medizin und Gesundheitswesen) ist eines der Megathemen unserer Zeit. Der rezensierte Sammelband will ethische Aspekte der Digitalisierung von Medizin und Gesundheitswesen nicht nur aus dezidiert ethischer Perspektive (verstanden als wissenschaftliche Disziplin), sondern auch anderer relevanter Perspektiven aufzeigen.

Herausgeber und AutorInnen

Stefan Heinemann ist Professor für Wirtschaftsethik an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Essen.

David Matusiewicz, ist Inhaber der Professur für Medizinmanagement, ebenfalls an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management.

Insgesamt zeichnen 42 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen und Bereichen verantwortlich für die Beiträge im Sammelband.

Aufbau und Inhalt

Die insgesamt 29 Beiträge sind den 5 Themengebieten

  • Wissenschaft,
  • Medizin und Pflege,
  • Wirtschaft,
  • Politik, Interessenvertretung und Non-Profit sowie
  • Journalismus

zugeordnet. Die einzelnen Beiträge haben einen durchschnittlichen Umfang von rund 10 Seiten, es handelt sich also mehrheitlich um kurze, konzentrierte Ausführungen. Im Rahmen dieser Rezension wird beispielhaft auf drei ausgewählte Beiträge näher eingegangen.

Ethische Überlegungen zu Pflegerobotern von Oliver Bendel (S. 105–113):

Der Autor beginnt seinen Beitrag mit einem Überblick über den gegenwärtigen Entwicklungsstand von Robotern für und deren Einsatz in der Pflege und stellt zusammenfassend fest, dass viele Entwicklungen derzeit eher noch als Prototypen einzuschätzen sind. Im Hinblick auf damit verbundene ethische Fragen spricht er sich gegen eine pauschalisierende Betrachtung von Robotern in der Pflege aus. Vielmehr müsse eine solche Betrachtung immer ausgehend vom jeweiligen konkreten Roboter erfolgen. So lässt sich feststellen, dass Pflegeroboter zunächst positive Wirkungen haben können, indem sie etwa die persönliche Autonomie von Pflegebedürftigen stärken oder Pflegekräfte von anstrengenden oder sich wiederholenden Tätigkeiten entlasten können. Andererseits können vor allem soziale Tätigkeiten, wie bspw. Umarmungen oder Gespräche, zwar abgebildet, aber nicht ersetzt werden. Möglich werde zudem die Überwachung der nutzenden Personen und damit verbunden die Intim- und Privatsphäre verletzt. Er plädiert u.a. dafür, eine spezielle Patientenverfügung einzuführen, in der nach entsprechender Abwägung der Einsatz von Operations-, Therapie- und Pflegerobotern geregelt werden könnte.

Braucht das digitalisierte Gesundheitswesen neue ethische Leitplanken? von Nicolai Andersen und Isabelle K. Schlegel (S. 127–136):

Der Autor und die Autorin gehen beispielhaft auf ethische Probleme bzw. Fragen ein, die sich aus einem digitalisierten Gesundheitswesen ergeben (können). So beziehen sie sich u.a. auf die durch neue und vor allem sehr viel stärker individualisierbare Wissens- und Informationsbestände (Datifizierung), die einerseits die Chance individualisierter Therapien mit sich bringen, andererseits aber auch die Frage nach der weiteren Gültigkeit des Solidaritätsprinzip der Gesetzlichen Krankenversicherung mit sich bringen. Der Einsatz von Assistenzrobotern im Krankenhaus als weiteres Beispiel kann positive Effekte, wie eine individuelle Unterstützung bei der Flüssigkeitsaufnahme, haben, andererseits aber auch in eine Bevormundung von Patienten münden. Im Rahmen der fortschreitenden technischen Entwicklung ist zudem festzustellen, dass Produkte aus dem Konsumgüterbereich und Anwendungen im Gesundheitsbereich zunehmend verschmelzen, wobei hier die Apple-Watch als Beispiel angeführt wird, mit der ein einfaches EKG abgeleitet und Stürze erkannt werden können. Auf Grundlage dieser Darstellung und angesichts der „moralische[n] Pflicht zur Pflege und Befähigung des Einzelnen und gleichzeitig die aktive Unterstützung zum Wohle der Gemeinschaft“ (S. 134) plädieren die Autorin und der Autor für die Einrichtung einer zentralen Forschungsstelle, die anonymisiert sensible Gesundheitsdaten erhebt bzw. sammelt, auswertet und diese „Datenspenden“ dann bspw. Ärzten zur Verfügung stellt.

Was Ärzte von Journalisten lernen können von Martin U. Müller (S. 273–280):

Der Autor, ein Redakteur des Magazins „Spiegel“, beschreibt zunächst die Veränderungen, denen sich der Print-Journalismus durch die fortschreitende technologische Entwicklung ausgesetzt sah. Dieser Druck durch die Neuerungen der Technologiekonzerne hatte einen tiefgreifenden Wandel der Medienlandschaft zur Folge. In einem zweiten Schritt überträgt er dies auf derzeit zu beobachtende Entwicklungen im Bereich der Medizin. Mit Blick auf diese Entwicklungen, bspw. der Verfügbarkeit von Smartphone-Apps, mit denen auch ein Laie einfache diagnostische Maßnahmen durchführen kann, oder dem zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz vor allem in bildgebenden Verfahren der Diagnostik, kommt der Autor zu dem Schluss, dass „Ärzte […] bald beweisen werden [müssen], dass sie mit künstlicher Intelligenz mithalten können“ oder mit im Rahmen der Digitalisierung neu entstehender Berufe, etwa einer Medizin-Applikationstechnischen Assistentin, zusammenarbeiten könnten.

Diskussion

Die oben näher vorgestellten Beiträge sind, wie die anderen Beiträge des Sammelbandes auch, verhältnismäßig kurz. Dennoch gelingt es den Autorinnen und Autoren, der Leserschaft interessante Gedanken und neue Sichtweisen zu vermitteln. So ist der Vorschlag Bendels, die Wünsche Pflegebedürftiger bezüglich Pflegerobotern in einer Patientenverfügung festzuhalten ein gangbarer Weg, mit der Herausforderung durch rapide technische Entwicklung einerseits und kontroversen Diskussionen und Haltungen zu dem Thema andererseits umzugehen. Auch Andersen und Schlegel können am Ende ihres Beitrags mit einem Vorschlag aufwarten, wie ein digitalisiertes, mithin datifiziertes, Gesundheitswesen sinnvoll ergänzt werden könnte. Die Kürze der Beiträge hat den Vorteil, gut les- und „handhabbar“ zu sein. Gleichzeitig wird hier aber auch der Nachteil ersichtlich, dass viele Aspekte eher benannt als ausgeführt und begründet werden. So bleibt es eben auch bei der Benennung von Lösungsvorschlägen, zu denen die Leserin oder der Leser sich unter Umständen an anderer Stelle weiter belesen muss.

Fazit

Der Sammelband vereint zahlreiche Beiträge zum Thema, die selbiges aus jeweils eigener Perspektive beleuchten. Alle Beiträge sind vergleichsweise kurz gehalten. Die Bandbreite reicht dabei von wissenschaftlichen, zum Teil durchaus voraussetzungsvollen Beiträgen über Beiträge von Unternehmern bis hin zu journalistisch verfassten Beiträgen.

Vorteil der Kürze der Beträge ist, dass LeserInnen sich einen guten Überblick über Sichtweisen und Argumentationen der verschiedenen Disziplinen verschaffen können. Damit einher geht allerdings auch der Nachteil, dass einzelne Beiträge über eine Aufzählung und Benennung von Argumenten nicht hinausgehen und somit die Begründung und Verortung derselben etwas zu kurz kommt. Dennoch ist die Publikation einer breiten Leserschaft zu empfehlen. Angesichts der extremen Geschwindigkeit neuer technischer Entwicklungen, die die Möglichkeiten ethischer Betrachtungen allzu oft nur reagierend zulässt, ist die Ausrichtung des Sammelbands, diese Entwicklungen und damit zusammenhängende Fragestellungen aus den unterschiedlichsten Perspektiven zusammenzutragen und kurz und knapp darzustellen vorteilhaft und bietet interessante Einblicke.

Die Relevanz des Themas Digitalisierung hat sich durch die Corona-Pandemie nochmals verstärkt. In der Publikation selbst wird dieser Aspekt nicht berücksichtig, da die Beiträge vorher verfasst wurden. Dennoch ist auch im Zusammenhang mit den derzeit zunehmenden Anstrengungen, die Gesundheitsversorgung solider auf digitale Säulen zu stellen, die Publikation zu empfehlen.


Rezension von
Matthias Brünett
MSc. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP), Köln
Homepage www.dip.de
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Zitiervorschlag
Matthias Brünett. Rezension vom 08.02.2021 zu: Stefan Heinemann, David Matusiewicz (Hrsg.): Digitalisierung und Ethik in Medizin und Gesundheitswesen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2020. ISBN 978-3-95466-465-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27155.php, Datum des Zugriffs 04.08.2021.


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