socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Soziale Arbeit und Rechtsextremismus

Cover Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Soziale Arbeit und Rechtsextremismus. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. 82 Seiten. ISBN 978-3-7841-3257-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.

Reihe: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit - 51. Jahrgang, Nr. 2 (2020).
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Soziale Arbeit und Rechtsextremismus

Obgleich eine inzwischen unübersichtliche Anzahl an Publikationen zu Soziale Arbeit und Rechtsextremismus existiert, erscheint das Thema nach wie vor unterbelichtet. Stetig finden sich Forschungs- und Praxislücken, die kaum zu bewältigen sind. Exemplarisch zu nennen sind aus den letzten Jahren Themensetzungen wie: erfolgreiche Praxis mit der Zielgruppe rechtsorientierter Jugendlicher (Baer/Möller/Wiechmann 2014), geschlechterreflektierte Pädagogik (Hechler/​Stuve 2015), rechtsextreme NutzerInnen in Frauenhäusern (Betzler/​Degen 2016), familienbezogene Beratung (Bartelheimer et al. 2017), Opferberatung (Köbberling 2018), Zugriffe auf Soziale Arbeit selbst (Gille/​Jagusch 2019), Verunsicherung der Profession (Hasse/Nebe Zaft 2020). Zugleich findet das Themenspektrum in den Studiengängen der Sozialen Arbeit kaum Niederschlag – Anlass für Michaela Köttig, Melanie Kubandt und Nikolaus Meyer im Sommer 2019 einen Studientag an der Fachhochschule Frankfurt am Main durchzuführen, der sich explizit an Studierende wandte. Hier bildete sich der Facettenreichtum und die Dringlichkeit des Themas in zwei Keynotes, 13 Workshops und 14 Arbeitsgruppen ab. Ergebnisse der Diskussionen wurden abschließend VertreterInnen des DBSH, DGfE, DGSA vorgetragen. Der Schwerpunkt der ersten Ausgabe 2020 der Zeitschrift FORUMSozial „Rechts gewendet. Wo steht die Soziale Arbeit?“ wurde von Vortragenden des Studientags gestaltet. Eine angekündigte Wiederholung ist ausstehend. In Österreich gestaltet sich der Fachdiskurs weitaus ruhiger, was in Anbetracht der politischen Stimmungslagen und Kräfteverhältnisse durchaus überraschend ist (vgl. Grigori/​Weidinger 2021). Die Rezension stellt sich der Frage: Was kann nun eine Schwerpunktausgabe einer Fachzeitschrift zu einer Bereicherung des Themas noch beitragen?

Zeitschrift

Das Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit ist eine seit 1970 vierteljährlich vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge herausgegebene Fachzeitschrift, deren Hefte sich jeweils einem Thema widmen. Im Jahr 2020 waren dies neben dem hier rezensierten Heft „Vielfalt von Elternschaft und Familie: Reformbedarf für Recht und Soziale Arbeit“ (1/2020) „Integration geflüchteter Menschen in Arbeit und Bildung“ (3/2020) und „50 Jahre Soziale Arbeit in Wissenschaft und Praxis“ (4/2020).

Aufbau und Inhalt

Es ist ein schmales Heft von etwa 80 Seiten Umfang, das in zehn Beiträgen das gegenwärtige Verhältnis Sozialer Arbeit zu Phänomenen des Rechtsextremismus in Theorie, vor allem aber Praxis auslotet. Einleitend identifiziert Albert Scherr im Editorial drei zentrale Handlungsstrategien Sozialer Arbeit, die das Heft abzubilden versucht: Erstens gesellschaftspolitische Bildung für Kinder und Jugendliche im Sinne primärer Prävention, zweitens die Begleitung von Ablösungs- und Distanzierungsprozessen junger Menschen und drittens gemeinwesen- und zivilgesellschaftsorientierte Aktivitäten. Zugleich eröffnet er eine Reihe von Forschungsdesideraten, die gegenwärtig nicht zu bewerkstelligen seien und welche sich unter der Aufforderung einer „empirisch fundierte[n] Bilanzierung der Erfahrungen, die in der Sozialen Arbeit seit nunmehr fast 30 Jahren […] gemacht wurden“ (S. 2) zusammenfassen lassen.

Zwei zentrale Institutionen der Rechtsextremismus-Analyse und -Prävention sind mit den AutorInnen Judith Rahner und Matthias Quent vertreten, die den einführenden Artikel „Rechtsextremismus: Begriff, Forschungsansätze und die Relevanz für die Soziale Arbeit“ bereitstellen: Die Amadeu Antonio Stiftung und das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ). Geleitet von der These, Soziale Arbeit könne „sich heutzutage nicht mehr nicht mit dem Thema auseinandersetzen“ (S. 4), erfolgt eine kompakte Zusammenschau der Polyphonie gegenwärtiger Begriffsbestimmungen von Rechtsextremismus.

Die AutorInnen identifizieren sieben Ebenen, in denen Soziale Arbeit mit rechtsextremen Phänomenen verzahnt ist:

  1. Politische Debatten, deren rechtsextremer Tenor Einfluss auf verschiedenste Zielgruppen hat.
  2. Direkte Angriffe auf Soziale Arbeit bzw. präventiver Rückzug ebendieser, um Angriffe zu vermeiden und die eigene Arbeitsfähigkeit zumindest gegenüber den NutzerInnen sicherzustellen.
  3. Politische Einflussnahme auf Angebote der Sozialen Arbeit in der Kommunal- und Landespolitik.
  4. Fachliche Konzepte gegen Rechtsextremismus – sowohl auf unterschiedlichen Präventionsebenen wie auch mit unterschiedlichen Zielgruppen und in unterschiedlichen Sozialräumen, etwa digitalen Sphären.
  5. Hindernisse in der Praxis selbst, die sich aus Einstellungen von Fachkräften, Alltagsorientierung, institutionellen Routinen und Ressourcenmangel speisen.
  6. Umgang mit rechtsextremen Fachkräften, die zwar selten auftauchen, aber eindeutiges Handeln und ein klares Rollenverständnis verlangen.
  7. Eigene sozialpädagogische Angebote der extremen Rechten.

Den Faden des Beitrags aufgreifend fragt Rechtsextremismusexpertin Johanna Sigl „Wandel der extremen Rechten – Wandel der Sozialen Arbeit?“ Knapp skizziert sie die Geschichte der Hinwendung Sozialer Arbeit zu Rechtsextremismus als zu bearbeitendem sozialen Problemfeld maßgeblich junger Menschen und unterteilt diese in drei Phasen, deren Ausprägungen jeweils von Konjunkturen der Förderprogramme abhängig seien. Im zweiten Teil des Beitrags verschiebt Sigl den Fokus auf die Indienstnahme unterschiedlicher Felder Sozialer Arbeit durch die extreme Rechte selbst, etwa durch eigenständige Angebote oder interne Einflussnahme durch Fachkräfte, die zugleich in der extremen Rechten verortet sind. Der dritte Teil thematisiert den modernisierten Rechtsextremismus, dessen AkteurInnen sich selbst als „Neue Rechte“ bezeichnen, als besondere Herausforderung für die Profession. Althergebrachte, defizitorientierte Konzepte seien für das „intellektuelle und elitäre Selbstverständnis“ (S. 23) der AnhängerInnen dieser Strömung nicht zutreffend, womit diese nicht erreicht werden könnten, „weil sie sich dem klassischen Klischee von gewaltsuchenden, desintegrierten (extrem) rechten Personen entziehen“ (Sierts/​Kaufmann 2019, 35; zit. in Sigl 2020, S. 23). Im Fazit weist Sigl dringlich darauf hin, dass die Normalisierung und damit gesellschaftliche Integration rechter Positionen eine stärkere Ausdifferenzierung und Modernisierung sozialarbeiterischer Angebote und Perspektiven erfordert.

Eine „Rückbesinnung auf die normativen Grundlagen der Profession“ (S. 28) verlangt Ruth Großmaß‘ Beitrag „Wenn rechte Ideologien und politisch motivierte Gewalt näher rücken – professionsethische Überlegungen zu aktuellen Fragen“. Jenseits spezieller Praxislösungen für einzelne Arbeitsfelder beruft sie sich auf die professionsethische Tradition Sozialer Arbeit. Sie erinnert an den historisch gewachsenen, wohlfahrtsstaatlichen Hilfeauftrag Sozialer Arbeit und die Gegenwart eines spezialisierten und machtvollen Handlungsfelds, dessen normative Grundlagen Richtschnur für Dilemmata und gesellschaftliche Konflikte sein müssen. Wie eine Diskussion darüber geführt werden könnte, wirft Großmaß durch eine Reihe konzeptioneller Fragen auf, deren Beantwortung sie Praxis und Forschung überträgt. Was hat das alles nun mit dem Thema der Ausgabe, Rechtsextremismus, zu tun? Großmaß macht deutlich, dass die normativen Grundlagen Sozialer Arbeit immer wieder zu debattieren und auch anzuwenden sind. Sie behauptet rechte AkteurInnen in der Sozialen Arbeit würden dies jedoch verweigern – und sich somit einem professionellen Standard entziehen. An dieser Stelle führt sie die zentrale These ein: „Professionelle Soziale Arbeit als eine der Institutionen, die in modernen Gesellschaften zum sozialen Zusammenhalt beitragen, befindet sich […] in einem grundsätzlichen Gegensatz zu nationalistischen Auffassungen des Gemeinwesens und zu Konzepten des Sozialen, die sich an biologistische Bilder anlehnen.“ (S. 35) Insbesondere Ursprungsmythen, paternalistische Bilder von Familie und Gesundheit, Zurückweisung von,political correctness‘ sowie polarisierende Vorstellungen von „uns“ und „den Anderen“ führt Großmaß hier aus und an.

Mit dem Beitrag von Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen, „Mobile Beratung für politisch Verantwortliche in Kommunen“, beginnt der praxisnahe Teil des Heftes, in dem er Geschichte, Konzept und Praxis der Mobilen Beratung skizziert, die sich durch Interdisziplinarität und Gemeinwesenorientierung auszeichnet. Nattke illustriert dies am Fallbeispiel zweier Orte im Erzgebirge – einer rechtsextrem dominiert, der andere wusste dies in einem mehrmonatigen Beratungsprozess durch Mobile Beratung erfolgreich zu vermeiden.

Mobile Beratung existiert in allen Bundesländern und ist über einen Bundesverband vernetzt. Dieser „unterstützt die fachliche Vernetzung, organisiert Fortbildungen, arbeitet an der Berufsfeldentwicklung und nimmt an gesellschaftlichen Debatten teil.“ (S. 44) Ziel der zivilgesellschaftlich und sozialräumlich orientierten Tätigkeit ist immer die Stärkung demokratischer Alltagskultur auf Basis einer Reihe von Grundsätzen, die Nattke genauer ausführt. Er nennt weiters Voraussetzungen für gelingendes Handeln im Rahmen dieses Tätigkeitsprofils sowie Indikatoren erfolgreicher Beratungsprozesse. Abschließend verweist er auf eine weitere zentrale Aufgabe: Jene der Übersetzung der eigenen Tätigkeit für BeratungsnehmerInnen, die auf zügig umsetzbare, vorgefertigte Lösungen im Einzelfall hoffen. Er bilanziert: „Was Mobile Beratung […] vor allem leisten kann, ist, die Demokrat/​innen in den Städten und Dörfern sichtbar und sprachfähig zu machen.“ (S. 47)

„Haltung und Strategie – zum Umgang der Wohlfahrtsverbände mit Rechtsextremismus“ lautet der Titel des Beitrages von Christian Woltering und Isabel-Marie Höppner, die selbst VertreterInnen des Paritätischen NRW sind. Dass das Thema lange „kaum in der Diskussion“ war, halten beide heute für „unvorstellbar“ (S. 49). Insbesondere Thilo Sarrazins Hetzschrift „Deutschland schafft sich ab“ (2010) und die Aufdeckung der Morde des rechtsterroristischen Netzwerks NSU (2011) nennen sie als aufweckende Ereignisse. Weiters seien folgende Faktoren ausschlaggebend gewesen für die systematischere Befassung mit dem Phänomen Rechtsextremismus in den Wohlfahrtsverbänden:

  1. Die Erkenntnis der Instrumentalisierung von Verbänden und Vereinen für rechtsextreme Agenden sowie die Etablierung eigenständiger rechter Angebote (bei gleichzeitigem Rückbau und Rückzug zivilgesellschaftlicher Strukturen und freier Wohlfahrtspflege).
  2. Haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen mit menschenfeindlichen Einstellungen.
  3. Die Zielgruppen der Wohlfahrtsverbände, welche vielfach „im unmittelbaren Angriffsfokus der Rechtsextremisten“ (S. 50) stehen.
  4. Die gesellschaftspolitische Verantwortung der Verbände, demokratische Prozesse zu gestalten.

Björn Milbradt vom Deutschen Jugendinstitut diskutiert „Sozialräumliche Präventionsansätze gegen Rechtsextremismus: Phänomene, Strategien und Herausforderungen.“ Kursorisch werden raumbezogene Aneignungsstrategien der extrem Rechten angeführt, denen mit Individualhilfe nicht zu begegnen sei, da diese „macht-, herrschafts- und gewaltförmige hegemonial strukturierte Sozialräume […] schaffen, in der [sic] die Raumnutzung für Andersdenkende, politische Gegnerinnen und Gegner, Migrantinnen und Migranten, Jüdinnen und Juden nicht mehr angstfrei, im Zweifelsfall gar nicht mehr möglich ist.“ (S. 56) Dazu bedürfe es nicht unbedingt konkreter körperlicher Übergriffe: angebrachte Symbole und Plakate würden bereits die Raumwahrnehmung prägen. Als positives Beispiel sozialräumlich arbeitender Prävention streicht Milbradt die Mobile Beratung heraus. Abschließend geht der Autor auf reflexive wie handlungspraktische Herausforderungen ein, die sich zwischen den Polen Demokratieförderung und Extremismusprävention zeigen können.

Eher knapp gehalten sind die letzten vier beiden Beiträge. Katja Teich berichtet aus den Erfahrungen des Bildungsprojekts TANDEM NRW über Stärken und Schwächen der „Peer Education in der Rechtsextremismusprävention“. Nachdem sie Ziele und Aufbau der Peer Ausbildung für Jugendliche erläutert hat, bilanziert sie die zwischen 2015 und 2019 gesammelten Erfahrungen. So zeigte sich, dass der Peer Ansatz vor allem dort besonders vital und stärkend erlebt wurde, wo demokratieorientierte Jugendliche die Gruppenzusammensetzung kennzeichneten, wohingegen rechte TeilnehmerInnen Angebot und Peer-TrainerInnen „[a]n explizite Grenzen stießen“ (S. 66).

Aus ministerieller Perspektive schreibt Marina Hilzinger über „Genderspezifische Radikalisierungsprävention“. Ausgehend von der Beobachtung, dass weibliche Anhängerinnen des sogenannten „Islamischen Staates“ in Deutschland sowohl medial wie auch pädagogisch als „harmlose naive Mitläuferinnen“ oder aber als Opfer von Gesellschaft/​Dschihadisten gerahmt wurden, hält sie fest, dass es vor allem Krisensituationen seien, die Jugendliche unabhängig ihres Geschlechtes anfällig für die Angebote radikaler Gruppen machten. Auch wenn Radikalisierungsgründe gleich seien, nennt Hilzinger beispielhaft genderspezifische Präventionsansätze: einerseits das theaterpädagogische Projekt ReThink, das „sich an Jugendliche mit eigener Migrations- und Fluchterfahrung aus stark patriarchal geprägten Herkunftsländern“ (S. 71) richtet. Andererseits MotherSchools – Parenting for Peace, das sich an Mütter wendet, die für extremistische Anwerbestrategien sensibilisiert werden sollen (und inzwischen um FatherSchools ergänzt wurden).

Um präventiv tätig zu werden, bedarf es der fundierten Ausbildung von Fachkräften. Dem widmet sich die modulare Fortbildungsreihe PHÄNO_cultures des Arbeitskreises Deutscher Bildungsstätten (AdB) und von cultures interactive e.V., die von den Projektmitarbeiterinnen Anna Groß und Marie Jäger im Beitrag „Politische Bildung und phänomenübergreifende Radikalisierungsprävention“ vorgestellt wird. Zunächst begründen sie den Ansatz, „der gleichermaßen Jugendliche in den Blick nimmt, die Gefahr laufen, in die rechtsextreme Szene einzusteigen, als auch solche jungen Menschen, die sich mit Inhalten des politischen Salafismus/​islamisch begründeten Extremismus befassen oder dieser Szene nahe stehen.“ (S. 72) Dabei geht es weniger um eine inhaltliche Gleichsetzung, sondern handlungspraktische Überlegungen für gemischte Gruppen sowie Überlegungen zu Schnittstellen beider Ideologien und Szenen. Nachfolgend schildern die Autorinnen den formalen, didaktischen und inhaltlichen Aufbau der Fortbildungsreihe, die erst einmal durchgeführt wurde.

Abgeschlossen wir die Zeitschrift mit einem Beitrag von Dirk Ehrensberger über „Distanzierungs- und Ausstiegsberatung: das Angebot 'Kurswechsel'“. Seit 2014 bietet das Hamburger Projekt unter anderem einzelfallorientierte Distanzierungs- und Ausstiegsberatung an.

Diskussion

Die im Editorial genannten fachlichen Strategien zeigen bereits ein Grundproblem Sozialer Arbeit im Umgang mit Rechtsextremismus auf: Sie fokussiert entweder stark auf junge Menschen oder zivilgesellschaftliche Dimensionen und schiebt die Auseinandersetzung mit Grundfragen der Thematik in der Regel auf spezialisierte Angebote, wie sie vor allem im Praxisteil des Themenheftes Niederschlag finden. Stigl findet dazu klare Worte: „Rechtsextremismus […] ist eine Querschnittsaufgabe aller Bereiche Sozialer Arbeit.“ (S. 20) Der Beitrag von Großmaß liefert daran anknüpfend eine professionsethische Fundierung, die zu vertiefen in Zukunft unbedingt lohnenswert erscheint.

Wie die Situation nun aber in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit aussieht, deren Spezialisierung primär auf andere soziale Probleme und Zielgruppen als Rechtsextremismus zielt, bleibt auch in dieser Ausgabe un(ter)belichtet: Wie gelingt die Verwirklichung des Rechtsanspruchs auf Hilfe in der Arbeit mit extrem rechter Klientel? Wie schützen Institutionen und Methoden Fachkräfte vor Gewalt und Anfeindung? Welche Wissensbestände und Handlungskonzepte existieren im Feld? Die zahllosen offenen Fragen deutet auch der Beitrag von Judith Rahner und Matthias Quent an, der thematisch zunächst sprunghaft wirkt, vor allem aber die Fülle an Leerstellen und Dimensionen versucht anzusprechen. Wolterin/Höppner liefern mit den Aktivitäten der Wohlfahrtverbände dazu erste Beispiele, wenngleich die Darstellung vor allem spezifische Herausforderungen oder lessons learned offen lässt und vor allem auf organisationsstrategischer Ebene erhellend ist.

Auch die von Albert Scherr im Editorial geforderte wissenschaftliche Aufarbeitung von 30 Jahren fachlicher Befassung mit Rechtsextremismus klingt in mehreren Beiträgen an, die jeweils eigenständig versuchen eine Beschreibung und Typisierung der Genese entsprechender Ansätze vorzunehmen. Die Darstellung der Praxisbeispiele ist von wechselnder Qualität, liefert aber dennoch Inspiration und Einblick in eine inzwischen unübersichtlich werdende Landschaft an spezialisierten befristeten Projekten sowie Regelstrukturen. Überraschend ist, dass der Digitalisierung sowohl Sozialer Arbeit wie auch rechtsextremer politischer Agitation keine Rechnung getragen wurde und auch das Thema Rechtsterrorismus zur Gänze ausgespart bleibt – scheinen beide Themenfelder in diesen Jahren besonders dringlich und dynamisch zu sein.

Besonders anschaulich wird die Tätigkeit der Mobilen Beratung anhand eines Praxisbeispiels (Woltering/Höppner) und das Peer Education Projekt TANDEM NRW, das eindrücklich die Grenzen des eigenen Vorhabens verdeutlicht und zugleich unerwartete Potenziale herausstreicht, skizziert. Der Beitrag von Marina Hilzinger hingegen arbeitet mit recht vagen Begriffen und bezieht sich vor allem auf dschihadistische Milieus – die Integration in den Themenschwerpunkt gelingt damit kaum. Eine kritische Diskussion der präsentierten Praxisbeispiele fehlt. Vor allem deskriptiv sind Groß/Jäger und Ehrensberger, die jeweils konkrete Projekte vorstellen, jedoch nicht weiter kontextualisieren.

Insgesamt folgt das Themenheft einer nationalen Diskurslogik und denkt Soziale Arbeit und Rechtsextremismus vor allem als deutsches Phänomen. Dass extrem rechte Landnahmen derzeit global zur gesellschaftlichen Herausforderung werden, könnte ermutigen auch das Thema globaler oder zumindest europäischer zu verstehen.

Fazit

Als kompakter Einblick in das Themenfeld Soziale Arbeit und Rechtsextremismus ist das Themenheft von „Archiv für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit“ eine lohnenswerte Lektüre. Besonders hervorzuheben sind die Beiträge von Ruth Großmaß, Johanna Sigl und Björn Milbradt, die theoretische Implikationen der Thematik bearbeiten. Die im Überblick von Matthias Quent und Judith Rahner angeführten Ebenen, in denen das Arbeitsfeld mit Rechtsextremismus befasst ist, können zugleich als Aufforderung wissenschaftlicher und praktischer Auseinandersetzung verstanden werden.

Praxisbeispiele, die im Heft dargestellt werden, sind: Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus des Kulturbüro Sachsen e.V., Aktivitäten der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, TANDEM NRW, ReThink, Mother Schools – Parenting for Peace, PHÄNO_cultures von cultures interactive e.V. und Arbeitskreis Deutscher Bildungsstätten, Kurswechsel.

Summary

As a compact insight into the topic of social work and right-wing extremism, the thematic issue of „Archiv für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit“ is a worthwhile read. Particularly noteworthy are the contributions by Ruth Großmaß, Johanna Sigl and Björn Milbradt, who deal with theoretical implications of the topic. The dimensions mentioned in the overview by Matthias Quent and Judith Rahner, in which the field of work is concerned with right-wing extremism, can be understood as a call for scientific and practical discussion.

Practical examples presented in the booklet are: Mobile Counseling against right-wing extremism of the Kulturbüro Sachsen e.V., activities of the associations of Freie Wohlfahrtspflege, TANDEM NRW, ReThink, Mother Schools – Parenting for Peace, PHÄNO_cultures of cultures interactive e.V. and Arbeitskreis Deutscher Bildungsstätten, Kurswechsel.

Literatur

Baer, Silke, Kurt Möller, und Peer Wiechmann, Hrsg. 2014. Verantwortlich Handeln: Praxis der Sozialen Arbeit mit rechtsextrem orientierten und gefährdeten Jugendlichen. Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich.

Bartelheimer, Jan, Ricarda Milke, Titus Simon, und Mirko Wolff, Hrsg. 2017. Eltern und Rechtsextremismus. Eine Herausforderung für die familienbezogene Beratung und sozialpädagogische Familienhilfen. Dokumentation. Bd. 28. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag.

Betzler, Agnes, und Katrin Degen. 2016. Täterin sein und Opfer werden? Extrem rechte Frauen und häusliche Gewalt. Hamburg: Martapress.

FORUMsozial. Die berufliche Soziale Arbeit (1/2020): „Rechts gewendet. Wo steht die soziale Arbeit?“

Gille, Christoph, und Birgit Jagusch. 2019. Die Neue Rechte in der Sozialen Arbeit in NRW. Exemplarische Analysen. Forschungsbericht. Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung. Online: http://fgw-nrw.de/fileadmin/​user_upload/​FGW-Studie-RSD-03-Gille-2019_11_29-komplett-web.pdf

Grigori, Eva, und Bernhard Weidinger. 2021 (i.E.). „Recht(s) sozial. Zum spezifischen Verhältnis von Sozialer Arbeit und Rechtsextremismus in Österreich“. in Die extreme Rechte in der Sozialen Arbeit, herausgegeben von C. Gille, B. Jagusch, und Y. Chehata. Weinhein und Basel: Beltz Juventa.

Haase, Katrin, Gesine Nebe, und Matthias Zaft, Hrsg. 2020. Rechtspopulismus – Verunsicherungen der Sozialen Arbeit. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Hechler, Andreas, und Olaf Stuve, Hrsg. 2015. Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts. Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich.

Köbberling, Gesa. 2018. Beratung von Opfern rechter und rassistischer Gewalt. Herausforderungen Sozialer Arbeit zwischen individueller Hilfe und politischer Intervention. Bielefeld: transcript.

Sierts, Lena, und Fabian Kaufmann. 2019. „Die ‚Neue Rechte‘ als pädagogische Herausforderung. Ein Zwischenstand“. FORUM für Kinder und Jugendarbeit (2/2019):35–39.


Rezension von
Eva Grigori
Dozentin
Homepage www.fhstp.ac.at/soziales
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Eva Grigori anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Eva Grigori. Rezension vom 21.04.2021 zu: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Soziale Arbeit und Rechtsextremismus. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. ISBN 978-3-7841-3257-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27160.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht