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Jana Simon: Unter Druck

Cover Jana Simon: Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 335 Seiten. ISBN 978-3-10-397389-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Politische und soziale Veränderungen in Deutschland setzen insbesondere die Mittelschicht unter Druck, was die Autorin durch Interviews mit den Betroffenen nachzuweisen sucht.

Autorin

Jana Simon ist Journalistin und hat sich thematisch mit IS-Rückkehrern, der AfD und sexuellen Belästigungen von Frauen (Fall Dieter Wedel) befasst. Für ihre Reportagen hat sie zahlreiche Preise bekommt, 2018 wurde sie Reporterin des Jahres. Mit dem Titel ‚Sei dennoch unverzagt‘ hat sie 2013 Gespräche mit ihren Großeltern publiziert.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund ist die wachsende Verunsicherung durch rasante gesellschaftliche, politische und soziale Veränderungen in der modernen Welt, die Unsicherheit, Ängste und eine Tendenz zur Radikalisierung begünstigen.

Aufbau

Die Autorin hat wiederholt über einen längeren Zeitraum von 2013 – 2019 Zeitraum Interviews mit dem Polizisten Thomas Matczak aus Thüringen, der alleinerziehenden Krankenschwester Bozena Block, dem früheren EZB-Direktor und heutigem Investmentbanker Jörg Asmussen, einer jungen Influencerin Lisa Banholzer, der Mittelklassefamilie Jörn und Katrin Reichenbach, die sich um Ihren Status sorgt, und dem ehemaligen Vorsitzenden der AfD Alexander Gauland geführt.

Nach einem Vorwort beginnt sie mit dem Investmentbanker Jörg Asmussen, den sie sechsmal interviewte. Es folgen dann Alexander Gauland (11 Interviews), der Polizist Thomas Matczak (4 Interviews), die Krankenschwester Bozena Block (4 Interviews), die Mittelschichtfamilie Jörn und Katrin Reichenbach (5 Interviews), die Influencerin Lisa Banholzer (5 Interviews) insgesamt also 35 Interviews in dem genannten Zeitraum, die im Buch in zeitlicher Reihenfolge, d.h. abschnittweise, vorgestellt werden, versehen mit Interpretationen und Reflexionen der Autorin.

Inhalt

Vorwort

Der einzelne Mensch ist für die Autorin der Maßstab, in dem sich die Welt spiegelt. Anhand der Lebensgeschichten von sechs verschiedenen Menschen wird das gegenwärtige Deutschland beschrieben: eine alleinerziehende Krankenschwester, eine Influencerin, ein Investmentbanker, der damalige AfD Vorsitzende, ein Polizist und eine Mittelschichtfamilie. Umbrüche im Bereich ‚Gesundheit, Rente, Bildung, Europa, Migration, Geldpolitik, Rechts- und Linksterrorismus, Populismus, Wirtschaft, Globalisierung, Terror, Innere Sicherheit, Islamismus und Digitalisierung‘ sollen in individuellen Nahaufnahmen Unsicherheiten und Veränderungen aufzeigen. Ein subjektiver, wenn auch unterschiedlicher Druck deute auf eine ‚schleichende Veränderung‘ hin und eine allmähliche Zersetzung der Gemeinschaft (vor der Coronakrise!). Dabei bezieht sich die Autorin auch auf ihre persönlichen Erfahrungen in den USA 2010/11 und in Deutschland.

Steigende Flüchtlings- und Obdachlosenzahlen, die Wahlerfolge der AfD, Wohnungs- und Arbeitslosigkeit, ‚Angst vor der Zukunft, vor Verlust, Abstieg, Armut, Alter, Krankheit politischer Spaltung und Instabilität der Welt‘ bestimmen die subjektive Wahrnehmung und die Gespräche.

In Folgenden fasse ich die Interviews zusammen unter Angabe des Umfangs (Seiten) und der Jahresangaben.

Jörg Asmussen 2013–2019

Jörg Asmussen ist 2013 Mitglied der Europäischem Zentralbank EZB und befindet sich im Gespräch mit dem Direktor der National Bank of Greece in Athen, wie die Krise seit 2009 bewältigt werden kann durch Einsparungen und Reformierungen. Mit 46 Jahren ist er international bekannt, war Staatssekretär im Finanzministerium (Kontakte zu Bundesbankchef Axel Weber und dem Leiter der Finanzabteilung im Kanzleramt Jens Weidmann). Pragmatisch und sehr kontrolliert geht er Probleme an, da ein falsch verstandener Satz in einem Interview Kurse ins Wanken bringen könne. Mit protestantischem Pflichtbewusstsein erledigt er seine Termine: Gespräche mit dem Präsidenten der griechischen Notenbank, dem Finanzminister, dem Premierminister, der Presse. Fassungslos reagiert er auf den Vorschlag des griechischen Vizepremierministers Zahlen zu verändern, damit die Finanzlücke verschwindet

Die Anzeichen der Finanzkrise 2008 hat er, wie auch alle anderen, nicht gesehen. In einem Aufsatz seiner Fachabteilung hat er sich 2006 für eine ‚weitreichende Liberalisierung‘ der Finanzmärkte‘ ausgesprochen und die Deregulierung vorangetrieben, was er jetzt kritisch sieht.

In Flensburg aufgewachsen spricht er fünf Sprachen. Er ist Rechten zu links, den Linken zu rechts.

Drei Jahre später ist alleinerziehender Vater und nach einer Tätigkeit im Arbeits- und Sozialministerium unter Andrea Nahles seit 2016 Managing Director bei der privaten Investmentbank Lazard. Er soll Brücken bauen zwischen der Finanz- und politischen Welt (z.B. Hilfen bei Umschuldungen). Er hat die irakische Regierung beraten und ist wie Horst Köhler an einem ordentlichen Prozessmanagement (Timing, klare Kommunikation) interessiert. Finanzfragen sind für ihn keine Gewissensfragen und deshalb auch über Parteigrenzen hinweg diskutierbar.

2017 trifft er sich mit der Autorin und wirkt – verantwortlich für zwei Töchter – gehetzt. Es geht um den nationalistischen, protektionistischen Wirtschaftskurs von Trump, und Investitionshilfen. Das einziges Ziel seine Firma ist, Geld zu verdienen, – im Gegensatz zur komplexen Politik. Eine seiner Aufgaben ist, zwischenstaatliche Regeln, Mitbestimmung z.B., zu erklären und zu übersetzen. Sowohl in Deutschland als auch in Europa müssten schwache Regionen subventioniert werden, allerdings unter strikten Auflagen.

Ende November 2017 wirkt Assmussen noch gestresster, der Druck hat zugenommen, die Arbeitswelten polarisieren sich. Übernahmen, – z.B. chinesische, aber auch durch den Brexit, – seien immer noch auf einem hohen Niveau. Trump und Brexit triggern wirtschaftliches Handeln. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers bedeutete eine ‚Kernschmelze‘ des Systems, die keiner vorausgesehen hatte; inzwischen sei die Gefahr einer Wiederholung geringer. Griechenland sei für ihn die schwierigste Entscheidung gewesen, da ein Land etwas anderes sei als eine Bank. Es war richtig, Griechenland in der EU zu halten.

Beim Treffen des EU-Wirtschaftsrates 2018 in Berlin kommt Asmussen mit Verspätung und spricht sich für einen Mix aus betrieblicher, privater und gesetzlicher Rentenversicherung aus. 2019 ist er bei Lazard zum Europachef aufgestiegen. Rechtsextreme Ausschreitungen in Deutschland sieht er als Teil einer ‚größeren nationalistischen Welle‘. Aber es fehle in Deutschland eine politische Antwort auf die AfD. Nicht nur das Parteiensystem sei durch den digitalen Umbruch (Ausschaltung von Zwischenhändlern) in Veränderung, sondern auch die Medienwelt und die Wirtschaft. In Zukunft würden nur personenbezogene Dienstleistungen, die kein Roboter leisten kann, bleiben. Als Europachef von Lazard ist er ein überzeugter Europäer, nimmt jedoch den zunehmenden Druck wahr, „wenn ein Drittel der Menschen bei der Europawahl das Europaparlament eigentlich nicht will“.

Alexander Gauland (2013-2019)

Gauland hat sich der CDU, der er bis 2013 vierzig Jahre lang angehörte, entfremdet wegen der Energiewende, der Euro-Rettung, Hilfskredite für Griechenland und Abschaffung der Wehrpflicht. Zusammen mit Bernd Lucke, wollte er was Neues machen und genießt er die öffentliche Aufmerksamkeit. Er ist ein belesener Konservativer, der kein Internet und keine sozialen Netzwerke benutzt, und war jahrelang CDU Spitzenbeamter (Büroleiter beim Frankfurter Oberbürgermeister, Staatssekretär in Hessen, Herausgeber der ‚Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) in Potsdam). Im persönlichen Gespräch differenziert und selbstironisch, polarisiert er bei öffentlichen Auftritten, z.B. mit Björn Höcke, dem Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag. Außenpolitisch steht er links, innenpolitisch rechts und ist politisch zerstritten mit seiner links orientierten Tochter. 18j. kam er selbst als Flüchtling aus der DDR in die Bundesrepublik. Noch in den 70er Jahren hat er 250 vietnamesische Boatpeople aus Hongkong nach Frankfurt geholt. Jetzt ist er gegen die Flüchtlingspolitik ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.

Er weiß, wie Medien funktionieren. Worte wie ‚Lügenpresse’ gefallen ihm nicht. Trifft er auf ein verunsichertes, ratloses und gespaltenes Land?

Im März 2016 feiert er in Potsdam seinen 75. Geburtstag, nachdem seine Partei in drei deutsche Landtage eingezogen ist. Der Wirtschaftsprofessor Meuthen, 20 Jahre jünger und Vorsitzender der AfD, nennt ihn ‚Pontifex Maximus der AfD‘. Verunsichert zwischen Sympathie und Ablehnung reagieren die Mitarbeiter des Brandenburgischen Literaturbüros. Arnulf Baring kritisiert seine Einstellung zu Rußland: Provokation gefällt Gauland.

Am 27. Januar 2017 in der Bäckerei Steinecke beim Landtag Potsdam trifft er sich nach dem tödlichen Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin mit der Autorin: Für die AfD ist das eine real gewordene Horrorvision und gleichzeitig ein Erfolg. Er hält Höcke für einen der kreativsten Mitglieder der Partei, auch wenn er seine Rede am 17. Januar in Dresden nicht gut fand. Er beklagt das fehlende Selbstwertgefühl und die Selbstzweifel der Deutschen und spricht von einer ‚demographischen Übernahme‘ durch die Muslime. Dabei werden ethnische, soziale und kulturelle Aspekte miteinander vermengt. Mit Donald Trump sieht er eine neue Epoche angebrochen (Mauerbau in Mexiko).

Am 22, Mai 2017 ist er zum Wahlkampfauftakt in Frankfurt/Oder. Er hat Alice Weidel vorgeschlagen mit ihm zu kandidieren und regt sich darüber auf, dass Ursula von der Leyen den ‚falsch verstandenen Korpsgeist der Bundeswehr‘ kritisiert hat, und rechnet positiv mit Wählerstimmen der Soldaten. Auf der Bühne wird er wieder zum Populisten und fordert, die politische ‚Hegemonie der 68er‘ zu brechen.

Es folgen Berichte über die AfD-Pressekonferenz am 18. September 2017 in Berlin (eine Woche vor der Bundestagswahl) und ein Treffen im Restaurant Il Teatro in Potsdam am 21. September 2017. Auf dem Kyffhäuser-Treffen hat er wieder provoziert und sich von seinem früheren bürgerlich-intellektuellem Milieu entfernt. Er übernimmt das Thema Islam, Weidel die Innere Sicherheit.

In der Nacht der Bundestagswahl 24./25. September 2017 ist die AfD drittstärkste Kraft im Bundestag geworden. Gauland spricht davon, die anderen Parteien und insbesondere Merkel ‚jagen‘ zu wollen. Die meisten Stimmen erreichte die AfD in Sachsen. Ungehalten reagiert er auf Anne Will, als er nach konstruktiven Ideen (soziale Ungleichheit, Armut, gestiegene Mieten, Mindestlohn, Gesundheit, Rente, Pflege) gefragt wird. Er feiert seinen Sieg – ‚eine Note im Geschichtsbuch‘. Von der Autorin befragt, wo für ihn die Grenze des Sagbaren liege, antwortet er: ‚Wenn jemand behauptet Hitler sei ein großer Staatsmann gewesen.‘ Ist er schmerzunempfindlich oder verbirgt er das nach zwei Depressionen? Gewählt seien sie wegen der ‚Abwehrthemen – Flüchtlinge, Islam, innere Sicherheit‘. 2002 hat er sein Buch ‚Anleitung zum Konservativsein‘ veröffentlicht. Für ihn hat Konservatismus nichts mit Rechtsradikalismus zu tun.

Am 22./23. Juni 2018 trifft sich die AfD -Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz im Hambacher Schloß. Er provozierte, indem er die NS-Zeit als ‚Vogelschiss‘ in der deutschen Geschichte bezeichnete und bezeichnet gleichzeitig das deutsche Judentum als Teil einer deutschen Heldengeschichte. Arrangiert er sich in seinen Reden ständig neu? Positiv und negativ steht er im Mittelpunkt und macht aus seiner Verachtung für Merkel keinen Hehl. Laut und radikal in der Politik herrscht Privaten Stille und Sprachlosigkeit.

Er negiert seinen Anteil an der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, suchte selbst mit seiner Flucht aus der DDR ein besseres Leben. Denkt er daran, dass das Hambacher Fest 1832 für Demokratiebestrebungen in Deutschland stand? Er warnt vor einem Scharia-Staat und ist bereits im Aufbruch zum Kyffhäusertreffen auf Schloss Burgscheidungen in Sachsen-Anhalt.

Am 12.11.2018 ist Gauland im Jakob-Kaiser Haus/Berlin und am 6.12.18 auf dem AfD-Bürgerdialog in Hoppegarten/​Brandenburg. Tags zuvor war die Wahlkampfspende für Weidel im Gespräch. Die Überwachung der AfD durch den Verfassungsschutz macht ihm Sorge, weil gefährlich ist für Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes. Er bemüht sich um Schadensbegrenzung profitiert aber gleichzeitig von der Allianz mit Höcke. Er distanziert sich von ‚Hitlerei‘. Ihm geht es vor allem um den Erfolg der Partei, sein Lebenswerk. Dabei hat er selbst die ‚Grenze des Sagbaren‘ verschoben und zur Verhärtung beigetragen.

Thomas Matczak

Am 26.1.1998 erfährt der Polizist Thomas Matczak freitags, dass er am Montag das Landeskriminalamt bei einer Durchsuchung unterstützen soll. Es sollen zwei Garagen in Jena-Lobeda durchsucht werden. Nach dem Mauerfall hat sich in Thüringen eine rechte Szene gebildet, zu der Uwe Bönhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gehörten. Bei Böhnhardts sind die Eltern da, und der Vater schließt seine Garage auf. Matczaks Kollegen haben bereits Sprengstoff entdeckt, als Bönhardt kurz nach Hause kommt, nicht festgenommen wird und mit seinem Auto abfährt. Zwei Tage später werden Haftbefehle erlassen. 2011 hört er vom Tod Böhnhardts und Mundlos‘. Unbeantwortet bleiben Fragen: Warum wurde die Wohnung der Eltern nicht durchsucht? Warum wurde Bönhardt nicht festgenommen?

Seit Januar 2013 ist Matczak wieder in der Abteilung Staatsschutz und

hört sich 2016 als Staatsschützer die Reden von Gauland und Höcke an. Ein Aufzug, eine Demonstration, eine Kundgebung folgt der anderen mit dem Ergebnis einer zunehmenden Polarisierung. Zweimal hat er Züge von Flüchtlingen – größten Teils junge Männer – begleitet. Eine unkontrollierte Einreise? 

Die Kindheit verbrachte er im Dorf Stöben, die Mutter arbeitete im Stall, der Vater war Traktorist (ein enteigneter Einzelbauer); die beiden Kinder betreuten die Großeltern. Er lernte nach der Schule Elektriker, war 3 Jahre bei der ‚Volksmarine‘, trat mit 18 in die Partei ein und ging nach der Rückkehr von der Armee 1988 zur Kriminalpolizei und kümmerte sich um Diebstahl, Raub, Einbrüche, ‚Rowdytum‘. Am 9. Oktober1989 wurde er nach Leipzig beordert, ohne zum Einsatz zu kommen.

Nach dem Mauerfall war die Wendezeit für ihn ein einziges Chaos. Die Polizeischüler bekamen das Strafgesetzbuch der BRD statt der DDR. Nach 2 Jahren Ausbildung kehrte er ins Raubdezernat in Jena zurück. Er wurde gebraucht, denn die Kriminalität explodierte. Er bewarb sich erfolglos beim Bundeskriminalamt (BKA), kam 1995 zum Staatsschutz und meint 2016 ‚Wir sind von diesem Kriminalitätsphänomen überrannt‘ worden. Bis 2012 hatte er als Drogenfahnder gearbeitet. 2016 radikalisierte sich die rechtsextreme Szene und gleichzeitig stieg die Gefahr eines islamistischen Terrors.

Die Arbeit wuchs bei zu wenig Mitarbeitern und schlechter Ausstattung (ein Rechner für 15 Kollegen). Er benutzt im Dienst sein privates Smartphone und klagt über die wachsenden bürokratischen Anforderungen. Auch Aufmärsche, Demos, Wahlveranstaltungen nahmen zu, Demonstranten und Gegendemonstranten, – und zunehmende Intoleranz gegenüber politischen Gegnern. Konflikte unter den Flüchtlingen waren ohne Dolmetscher schwer zu klären; oft verhielte sie sich respektlos gegenüber der Polizei. Er wählt konservativ und hat Angst, dass ein Anis Amri auch ihm mal durchrutscht wegen der hohen Arbeitsbelastung.

2019 macht er sich Sorgen um seine Gesundheit, er hat keine Zeit mehr zum Laufen, ist übergewichtig. Rechtsextreme Konzerte und Festivals gedeihen in Thüringen. Die Hilflosigkeit der Polizei ist zu spüren, aufgerieben zwischen allen Fronten. In seinem Heimatdorf gibt es keine Bushaltestelle, keinen Laden, Tonnen Obst werden nicht abgeerntet, – ein Ort für Rentner und Arbeitslose. Er hatte sich in der DDR wohlgefühlt, war allerdings nie politisch engagiert. Er erzählt von Männern aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, die die Stadt terrorisieren (Drogenhandel, Belästigungen, Körperverletzungen), und die nicht abgeschoben werden können, weil ihnen in den Heimatländern ernsthafte Gefahren drohen. Er zeigt auf den BMW X6 des örtlichen Maffiabosses. Er träumt davon im Ruhestand nach Spanien zu ziehen.

Für die Polizisten ist es schwierig geworden, sich in dem unterschiedlichen Dickicht von Interessen und politischen Überzeugungen zurechtzufinden. Der Verfassungsschutz rechnet mit 2200 Männern und Frauen aus dem islamistisch-terroristischem Spektrums. Aber es fehlen arabisch sprechende Beamte und eine länderübergreifende Zusammenarbeit. Die rechte Szene ist nach wie vor aktiv und gut vernetzt. Oft wird die Polizei als Blitzableiter benutzt: bemitleidet, beschimpft, beleidigt und attackiert. Es gibt für ihn keine Antworten auf drängende Fragen.

Bozena Block (2013 -2019)

1969 Polen geboren wollte sie schon als Kind Krankenschwester werden. Der Dachdecker Vater starb durch eine Unfall als sie 1 Jahr alt war und hinterließ die Mutter mit 2 Kindern. Bozena war ein unsicheres Kind, oft krank, probierte aber aktiv Spritzen und Infusionen an ihren Puppen aus. Als sie in die Schule kam, heiratete die Mutter den Bruder ihres verstorbenen Mannes, einen Alkoholiker. Zum Glück gab es viele Kinder zum Spielen in dem Plattenbau.

In den 80er Jahren wurde die Demokratiebewegung bekämpft, die Wirtschaft brach ein, Lebensmittel wurden rationiert, und Bozena träumte von einem besseren Leben. Mit 16 J. begann sie eine Krankenschwesterausbildung auf einer Neurostation. Dort lernte sie ihren späteren 5 J. älteren Mann kennen. Wegen einer Schwangerschaft mit 18 Jahren bestand ihre katholische Mutter auf Heirat. Die Tochter wurde mit einem Herzfehler geboren und starb bald. Nach 6 Wochen arbeitete sie wieder. Ihr Mann ging nach Westdeutschland, sie folgte ihm mit einem Visum am 30. November 1988, lernte deutsch und wurde wieder schwanger. Ihr Mann war gegen das Kind und setzte sich für eine Abtreibung ein. Sie wohnte mit ihm in einem 12 qm-Zimmer. In Haar konnte sie eine Ausbildung als Krankenpflegerin in der Psychiatrie machen (Krankensäle mit 20 – 30 Menschen und Dienstzeiten von 6–10 und 16–20 Uhr). Mit ihrem Verdienst ernährte sie auch ihre Familie in Polen. Sie beendete die Ausbildung, aber die Ehe zerbrach, und sie freundete sich mit einem Drogenabhängigen an, wurde selbst süchtig und entschied sich dann zu einer Entzugstherapie, wo sie ihren neuen Mann kennenlernte und wieder schwanger wurde. Sie arbeitete als Anästhesieschwester im Herzzentrum, als der Sohn Kilian zur Welt kam. Als die Beziehung zerbrach, kümmerte sie sich allein um das Kind und lernte einen alleinerziehenden Vater (als Maschinenbauer reiste er um die Welt) kennen, mit dem sie 12 Jahre zusammen war.

Schließlich übernahm sie die Pflegedienstleitung eines ambulanten Dienstes. In dieser Zeit kam der zweite Sohn zur Welt. Sie wurde dann Tagesmutter für zusätzlich 4 Kinder, weil sie keinen Krippenplatz bekam. Finanziell ging es ihr nicht schlecht: sie konnte sich einen Urlaub leisten. Danach arbeitete sie als medizinische Beraterin für Pflegeheime und Krankenhäuser und bot Medizinprodukte an, an denen sie verdiente. Sie kümmerte sich um ihre beiden Söhne und den Ziehsohn, um Schule, den Haushalt und ihren Job. 2012 zog ihr Mann aus, ihr Arbeitgeber ging pleite und sie übernahm nach kurzer Arbeitslosigkeit 2013 in einem Pflegehein die Leitung der Palliativstation. Der Alltag (12- 13 Stunden) ohne ausreichendes Personal und ausreichende Pflegemittel und mit einem häufigen Wechsel des Teams war anstrengend. Nach einer Fußoperation wurden die Arbeitsbedingungen noch schlechter, deshalb beendete sie ihren Vertrag. Nach einer Kündigung ihrer Wohnung bekam sie über das Projekt ‚Verändere Dein Stadt‘ eine bezahlbare 2 Zimmerwohnung 56 qm -Wohnung. Sie spricht inzwischen besser Deutsch als Polnisch, hat die deutsche Staatsbürgerschaft und wundert sich, wieviel für die Flüchtlinge getan wird.

Im Frühjahr 2018 zieht ihr Sohn Kilian wieder ein (nach Verlust seiner Wohnung); sie bezahlt seine Ausbildung zum Fachinformatiker. Seit 2017 arbeitet sie bei einem privaten Pflegedienst als stellvertretende Pflegedienstleiterin ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld, und ohne bezahlte Überstunden. Um 7 Uhr fährt sie los, lernt neue Kolleginnen an, oft Hilfskräfte aus Osteuropa ohne Ausbildung und Sprachkenntnisse. Abends kehrt sie um 8, 9 Uhr heim und verdient genau so viel wie vor 20 Jahren. Zusätzlich kostet der ‚Papierkram‘ viel Zeit. Bei ihrem Arbeitgeber ‚Home instead‘ arbeiten Hausfrauen, Minijobber, Rentner, junge Mütter. Bozena fragt sich, wer sie selbst einmal im Alter pflegen wird. Es eine ‚Knochenarbeit unter hohem Druck‘: Jede 2. Woche hat sie Bereitschaftsdienst.

Ihr Herz schlug für die Sozialdemokraten, aber jetzt gab sie ihre Zweitstimme ‚aus Protest‘ der AfD: ‚Politiker wissen nicht, wie das normale Leben ist‘. Sie ist jetzt 49 J. alt und kann sich immer weniger leisten, zahlt Möbel ab, weil die alten nicht in die neue Wohnung passten, bezahlt die Ausbildung für ihren älteren Sohn und Versicherungen, Fahrkarten, Rundfunkgebühren, obgleich sie letzeres nie braucht, und kann auch der Familie kein Geld mehr überweisen. Wie lange wird sie das durchhalten? Die Schwester arbeitet als Ärztin in der Schweiz. Ihr geht es besser. Soll sie noch einmal auswandern?

Jörn und Katrin Reichenbach (2013-2019)

Die Reichenbachs bezeichnen sich als ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘, weil sie von Niedersachen nach Stuttgart/​Schwaben gezogen sind. Er hat als Ingenieur eine Stelle bei Bosch (Abgastests für Dieselmotoren) angetreten und zusammen haben sie ein Haus gebaut. Eine deutsche Durchschnittsfamilie (?), beide arbeiten und sie haben zwei Kinder. Sein Vater war Psychotherapeut, die Mutter Heilpraktikerin, 68er-Generation, antiautoritäre Erziehung, Eigentümer eine großen Bauernhofes in Niedersachsen. Jörn interessierte sich von Kindheit an für Motoren und studierte Maschinenbau. Danach testete er Autos und pflegte Auslandskontakte. Nach dem Tod des Vaters lebte er mit seiner Frau auf dem Bauernhof. Die Tochter sah er selten, da er ständig auf Reisen in Süd- und Osteuropa war. Katrin hatte Medizin und Psychologie studiert und hat sich ihr Studium selbst verdient. Beide fühlten sich mit dem Bauernhof überlastet und zogen deshalb nach Stuttgart in eine Mietwohnung.

2017 haben sie inzwischen gebaut. Katrin arbeitet als pädagogische Fachkraft im Kindergarten, Tochter Sophie (11 J.) und Sohn Konrad (7 J.) gehen zur Schule. Die Reichenbachs sind gut situiert: einmal im Jahr Urlaub, ab und zu Restaurantbesuche, ein Dieselauto, Sondertilgungen für das Haus. Er arbeitet 50 Stunden in der Woche, ist sehr gefragt, muss aber ständig Ergebnisse liefern. Nach dem Dieselskandal wächst der Druck. Jahrelang wurden die Autos in einem ‚klinischen Setting‘ getestet, das mit der Realität draußen nichts zu tun hatte. Er empört über die derzeitige Dieseldiskussion, da das Kohlendioxyd der Benziner das Hauptklimagift sei. Sein Leben ist geordnet und durchgeplant. Politisch stand er links und prügelte sich in seiner Jugend mit Rechtsradikalen. Das Haus zu bezahlen ist nicht leicht, denn sie haben im Monat 5000 € Festausgaben. 2014 wurde Jörn krank, brachte sich mit Tabletten in Form und arbeitete weiter: keine Schwäche zeigen. 3 Fragen beschäftigen ihn: Wie komme ich in diesem Chaos mit Familie und Arbeit zurecht? Wie kriege ich mein Haus möglichst schnell abbezahlt? Wie mache ich es meinen Kindern schön?

Beim nächsten Interview wirken beide abgespannt und ratlos. Katrin ist erschöpft, möchte ihre Arbeit reduzieren, denn Jörn ist viel unterwegs. Die Kita und der Hort sind teuer. Die Kinder im Kindergarten werden anstrengender, weil sie nur schwer Regeln anerkennen und zum Teil emotional verwahrlost sind.

Sie machen sich Gedanken über die Widersprüche in der Politik: ‚Friedensbringer‘ die Waffen verkaufen? Der öffentliche Verkehr viel zu teuer? Die Arbeitsdichte ist höher geworden, es fehlt die Konstanz: tageweise ist Jörn mit Arbeit überflutet, dann wieder eher wenig. Überall wird eingespart. Im Ort herrscht eine ‚feine soziale Hierarchie‘ auch bei Straßenfesten. Fast alle Nachbarn arbeiten bei Bosch. Das Geld reicht, aber am Garten oder Urlaub muss gespart werden

Anfang Mai bekommt Jörn Schmerzen und muss in die Notaufnahme: Verschiedene Diagnosen – Virus? Leber? Der Magen? Die Ärzte finden nichts, aber der Zusammenbruch ist ein Schock. Was wird aus ihnen, wenn Jörn dauerhaft ausfällt? Haus verkaufen? Nach Hannover ziehen, wo sie Verwandte haben?

Nach dem Zusammenbruch (Magengeschwür) hat Jörn 10 Kilo abgenommen. Katrin wirkt müde und eingefallen. Stressbedingt (viele Geschäftsreisen und Veranstaltungen bis in die Nächte) ist er zusammengebrochen unter dem Druck immer schneller zu erledigenden und immer neuen Aufgaben; die Erwartungen sind gestiegen. Aber er verteilt jetzt die Arbeit besser, fährt Fahrrad, trifft auch mal einen Freund. Nach außen muss man stets perfekt erscheinen, schon Kinder sind gestresst und weinen über eine ‚Drei‘. Für viele wird das Eigenheim zum Existenzinhalt. Die Nachbarn witzeln über den noch unfertigen Garten und die Garage. Ohne den Zusatzverdienst von Katrin könnten sie ihren Lebensstandard nicht halten.

Auch der Druck auf die Frauen wächst: Man soll eine gute Mutter und Ehefrau und toll im Beruf sein. Ein Handwerker regt sich über Ausländer und Flüchtlinge auf, aber in ihrer Boschwelt und im Kindergarten ist alles ethnisch gemischt. In welchem Land leben sie mit Pegida und Rechtsextremen? Jörn meint, man müsse die Bürger vor der Macht und der Willkür der Konzerne schützen, denn es ist nicht einfach, einen Vertrag zu kündigen. Zudem muss man Handwerkern hinterherlaufen, kann nicht einfach eine Wohnung mieten, bekommt beim Arzt keinen Termin und keine Zinsen für Lebensversicherungen. Entscheidungen werden an Callcenter und Computer delegiert, fast niemand übernimmt Verantwortung; das alles mach Angst, führt zu Stress und höhlt das Vertrauen in die Demokratie aus. Beide vermissen klare Urteile und Bekenntnisse.

Der Abgasskandal ist immer noch ein Thema: die neue Dieseltechnologie ist sauberer als die Richtlinien vorschreiben. Als Ingenieur steht Jörn unter Druck alles billiger machen zu sollen. Er hat 45 Urlaubstage angesammelt, – auch in den Pausen geht es immer um die Arbeit.

Auf dem Bauernhof gab es auch viel Arbeit, trotzdem erscheint ihm die Vergangenheit wie ein ‚heimeliger Ort‘. „Wenn Du fast nur noch als Ingenieur, IT-, Marketing- oder Logisik-Experte gutes Geld verdienen kannst – was ist das dann für eine Gesellschaft von lauter „industriegeformten stromlinienförmigen Konzerntypen?“ Sie arbeiten mehr als die Eltern und haben weniger Freizeit. Jörns Zusammenbruch hat ihnen gezeigt, wie schnell ihr kleines GLück in Gefahr ist. „Im Notfall musst Du mich vors Auto stoßen“, sagt Jörn zu seiner Frau; der Notfall ist, wenn er ein Pflegefall würde…

Lisa Banholzer (2017-2019)

Lisa Banholzer ist von Beruf Influencerin und Modebloggerin und schreibt wegen der AfD auch über Politik, nachdem sie 2017 in die SPD eingetreten ist. Sie ist 28 Jahre, lebt in Berlin Mitte und hat über ‚Blogger Bazaar‘ 132 000 Follower und zudem noch 50 000 Abonnenten. Ihr fehlt in Deutschland der politische Dialog. Sie hat einen dunkelhäutigen Freund und macht sich Sorge wegen der Stimmung im Land.

Als sie Abitur machte existierte Instagramm noch nicht; sie ist weitgehend ohne soziale Medien auf einem Dorf in der Nähe von Freiburg aufgewachsen.

Beim Treffen 2018 ist sie gerade aus Kitzbühl nach Berlin zurückgekommen. Sie war auf ‚Verkaufstour‘ für Mercedes. In Berlin ist sie nur einen Tag. Obwohl sie sich nicht wohl fühlt (Herpes), muss sie am nächsten Tag zur Fashion Week nach Paris, wo sie auch ihren Freund aus New York trifft. Die gesponserten Posts ermöglichen die Ungesponserten. Sie braucht die ‚Likes‘ (Bekanntgabe dass sie gemocht wird) von ihrer virtuellen Gemeinschaft, verschickt selbst welche und schreibt Kommentare. Wichtig ist eine rasche und zahlreiche Interaktion für die Entscheidung des Algorithmus.

Sie zeigt meist Mode; 3/4 ihrer Follower sind Frauen zwischen 25 und 34, die keine Angst vor neuen Trends haben, wenn sie sich in Kopenhagen Paris, New York und Berlin zeigt. Sie muss authentisch wirken und sich gut verkaufen – eine Gratwanderung, ein Leben auf der Grenze zwischen on- und offline. Ständig muss sie frische Ware produzieren, meist Selfies mit unterschiedlichen Hintergründen. Die ‚Zeit‘ spricht von ‚Avataren des Kapitalismus‘, – echte Menschen und gleichzeitig Kunstfiguren.

Öffentlich unbeschwert, macht sie sich privat Sorge um Altersvorsorge, Politik, Familie, Kinder, Liebe. Sie ist ständig unter Druck, nutzt die Gunst der Stunde (billige Flugpreise, Skype, Whatsapp, Facetime) und unterstützt bestimmte Marken; oft vermischt sich Persönliches und Geschäftliches. Für einen Werbespot bekommt sie 1500 bis 2500 €. Sie hat, wie ihre Generation, viel Freiheiten, hat 2013 mit Trutschnig den rasch erfolgreichen Modeblog Blogger Bazaar gegründet.

Aus beruflichen Gründen zog sie nach Berlin, aber es gibt auch Probleme: 1000 € kostet das kleine Appartement, sie hat jetzt zwei zusätzliche Mitarbeiter und zahlt sich ein Gesellschaftergehalt von 3800 € im Monat. Sie wird respektiert und hat Entscheidungsgewalt, das gefällt ihr. Sie will sexy und weiblich sein und sich politisch engagieren. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, hat alles allein geschafft – Verbindungen, Beziehungen, Netzwerke. Mit ihrem Vater diskutiert sie über die SPD.

Auf der Bühne in der Alten Brauerei/​Prenzlauer Berg moderiert sie ihr erstes Panel: Sportschuhe von Nike und ein ‚Lebensgefühl‘ werden vermittelt: Es warten Dalad Kambhu die Thailänderin, Maxim Magnus, ein 19jähriges belgisches Transgender-Modell, und Wana Limar aus Afghanistan, die sie interviewt: Selbstbewusste Frauen. Die Botschaft: Wir müssen die Konkurrenz zwischen den Frauen beenden; die Partnerin Tanja Trutschnig filmt mit.

 Ein paar Wochen vorher ging es um Business Bags, Handtaschen, aber das emotional aufgeladene Thema war ihre Beziehung. Sie werde oft mit dem Produkt identifiziert, wenn sie dafür poste. Öffentliche Ausgrenzung und Ächtung ist in ihrem Beruf gefährlich. Sie muss jeden Tag neue authentische Bilder produzieren, sich selbst einen ‚echten content generieren‘. Sie träumt von einem Wochenende in Schlabberhose und ohne Telefon, davon, nicht schön, hip oder erreichbar sein, – aber als Teil des Systems muss sie funktionieren.

Bei einem späteren Treffen ist sie gerade aus New York zurückgekommen. Politisch vertritt sie die gleichen Ansichten wie Gaulands Tochter; ist Weltanschauung auch Ausdruck eines Generationenkonfliktes? Nach den Ausschreitungen in Chemnitz hat sie ihren Blog für die junge Milla geöffnet. Sie hat selbst eine dunkelhäutigen Freund, ihre Follower geben keine rassistischen Kommentare, aber es gibt den Alltagsrassismus in Deutschland. An ihrem 5j. Jubiläum von Blogger Bazaar feierte sie mit zweitausend Menschen. Manchmal sehnt sie sich nach Substanz in ihrer Arbeit, denn sie ist auch Sklavin des Systems, das sie trägt. Sie versucht auch kleine Label vorzustellen, die nachhaltiger produzieren, und steht für die Grundwerte der SPD. Sie möchte sich unabhängiger machen vom Netz, ihr digitales Verhalten kontrollieren und beschränken; die Leichtigkeit des Anfangs ist weg. Der Grat zwischen witzig und Verletzung ist schmal geworden, da Klischees und Vorurteile stärker hinterfragt werden. 2019 will ihr Freund längerfristig nach Deutschland kommen. Wie werden sie im Alltag funktionieren? Der finanzielle Druck ist in New York viel grösser als in Berlin, das Lebe hier freier…

Diskussion

Sechs Interviewpartner. Die zwar nicht repräsentativ sind, aber doch ein buntes, lebendiges und vielfältiges Bild von vor allem von den beruflichen Lebensläufen in Deutschland seit 2013 zeigen, von Erfolg, Abstiegsängsten, Überforderungen, Ausbeutung, Missachtung, persönlichen und systembedingten Schwierigkeiten. Die Interviews ermöglichen einen sehr persönlichen Zugang und zeigen vor allem eine sehr unterschiedlichen Umgang mit modernen Entwicklungen: Die Influencerin, der Techniker und der Investmentbanker schwimmen (noch?) auf der Woge des Erfolges, doch bleibt die bange Frage ‚Wie lange?‘ Die Verunsicherung ist spürbar, und es ist fraglich, wie lange Menschen das aushalten oder dem System der Ausbeutung von menschlichen und beruflichen Ressourcen zum Opfer fallen.

Dieses Buch regt an, über solche Fragen nicht nur nachzudenken sondern auch sozialpolitisch tätig zu werden. Denn wie sehr das Persönliche politisch ist und, vor allem kommerziell, von internationalen Konzernen gelenkt und beeinflusst wird, zeigen durchgängig alle Biographien.

Obwohl ich die Form der Beiträge kritisch sehe: die immer wieder unterbrochen wiedergegebenen einzelnen Interviews und die Interviews selbst (mal zusammengefasst, mal wörtlich wiedergegeben), und für den Leser nicht erkennbar ist, wieweit die Fragen von Frau Simon den Duktus gelenkt haben. Manche Längen und ausschmückende Situationsbeschreibungen wirkten auf mich ermüdend. Dennoch halte ich es für ein wichtiges Buch, dessen Titel allerdings meiner Meinung nach irreführend ist. ‚Unter Druck‘ und ‚wie Deutschland sich verändert‘ suggeriert allgemeine Befindlichkeiten die aber doch hierzulande sehr unterschiedlich sind und auch sehr unterschiedlich empfunden werden je nach Lebensalter: Blok z.B. scheint ihr Leben auch – altersgemäss – durchaus zu genießen und es gibt Veränderungen, die in Deutschland nicht alle gleichermaßen treffen, z.B. die Ärzte und Pflegekräfte mehr, als Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst, – wo man als Berlinerin sich manchmal mehr Druck wünschen würde.

Druck herrscht vor allem da, wo der Wirtschaftsliberalismus und internationale Konzerne die Vorgaben machen, für die bislang auf der politischen Ebene noch keine wirksames Instrument zur Begrenzung gefunden wurde. Deutschland verändert sich nicht insgesamt, es gibt Gewinner und Verlierer, aber selbst bei den Gewinnern ist die Frage der Lebensqualität ungelöst, wenn man Menschen nach ihren Träumen von einemguten Leben befragt (was die Autorin intensiver hätte tun können): der Wunsch nach einem Leben ohne Handy, Internet, Öffentlichkeit und die Gefahr, dass, was nach außen vielleicht authentisch wirkt, nur eine hohle Fassade ist, hinter der sich das wesentliche – verschämt? – versteckt.

Überrascht hat mich, wieviel Raum sie Gauland eingeräumt hat, obgleich gerade diese Interviews – er ist natürlich auch ein geübter Interviewpartner und Selbstdarsteller – nicht viel Neues bringen.

Nicht Deutschland verändert sich, sondern wie findet Deutschland/​Europa seinen Platz in einer sich verändernden ökonomischen und digitalen Welt? Drängt die Zeit und haben wir bestimmte Entwicklungen bereits (im Vergleich z.B. mit Estland) bereits – politisch – verschlafen?

Fazit

Interessant, leicht lesbar, informativ, aber nicht repräsentativ, was übrigens der Autorin auch bewusst ist.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 21.07.2020 zu: Jana Simon: Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-10-397389-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27167.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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