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Patricia Zurita Ona: Aus der emotionalen Achterbahn aussteigen

Cover Patricia Zurita Ona: Aus der emotionalen Achterbahn aussteigen. ACT für Hochsensible. Arbor Verlag (Freiburg) 2020. 280 Seiten. ISBN 978-3-86781-258-0. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.

Übersetzerin: Christine Bendner.
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Thema

Das vorliegende Buch ist als Ratgeber bzw. Selbsthilfebuch konzipiert. Darin geht es um die Anwendung der Akzeptanz- und Commitmenttherapie für Menschen mit Schwierigkeiten in der Emotionsregulation. Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (kurz ACT und im Sinne von Handeln ausgesprochen) zielt auf eine Erhöhung der psychologischen Flexibilität unter Berücksichtigung verschiedener, dazu notwendiger Kernmerkmale. Sie zählt zu den neueren psychotherapeutischen Ansätzen, die als „Dritte Welle der Verhaltenstherapie“ bezeichnet werden. ACT versteht sich als störungsübergreifender Ansatz, es sind allerdings auch etliche störungsspezifische Publikationen erschienen, z.B. zu Angststörungen, Essstörungen oder Depressionen. Durch ihren erlebnisorientierten Charakter und den konsequenten Einbezug von Übungen und Imaginationen eignet sich der Ansatz auch zur Integration in die Soziale Arbeit und für die Arbeit mit Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen. In ihrem Buch konzentriert sich Patricia Zurita Ona auf Menschen, die aufgrund ihrer emotionalen Hochsensibilität Schwierigkeiten haben und daran leiden. Damit bezieht sich die Autorin auf ein transdiagnostisches (also störungsübergreifendes) Merkmal, welches bei unterschiedlichen psychischen Störungen auftreten kann. Abzugrenzen ist dies unbedingt gegenüber der Persönlichkeitsdisposition Hochsensibilität, die eine hohe Sensitivität für Reize, daraus resultierende Schwierigkeiten in der Informationsverarbeitung und eine damit einhergehende Übererregbarkeit beschreibt. Nach Ansicht des Rezensenten fokussiert das Buch implizit auf Menschen, die an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt sind, ohne dass dies explizit benannt wird. Im ersten Kapitel definiert Zurita Ona emotionale Hochsensibilität dahingehend, dass Betroffene ihre Gefühle zu viel und zu schnell wahrnehmen und von diesen zu Boden geschleudert werden. Eine Umschreibung, die ziemlich genau die zentralen Schwierigkeiten in der Emotionsregulation bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung beschreibt, auch wenn diese dafür nicht exklusiv sind.

Autorin

Dr. Patricia Zurita Ona ist Klinische Psychologin und Psychotherapeutin, die sich auf die Behandlung von Zwangserkrankungen, Traumata, Angststörungen und Problemen mit emotionaler Dysregulation bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert hat. Sie ist Gründerin und Leiterin des East Bay Behavior Therapy Center in Walnut Creek, Kalifornien. Von ihr sind verschiedene Bücher zu u.a. ACT, Zwangsstörungen und Borderline-Persönlichkeitsstörung erschienen.

Entstehungshintergrund

Die Idee zum Buch ist während der klinischen Tätigkeit der Autorin entstanden, die sich immer wieder mit KlientInnen konfrontiert sah, die trotz aller Anstrengungen die Kontrolle über ihr Leben oder Teile davon verloren haben. In der Beobachtung der Autorin lag dies häufig in einem Ringen mit schmerzhaften Gefühlen begründe. Durch die Akzeptanz- und Commitmenttherapie soll ein achtsamer und wertgeleiteter Umgang mit diesen schwierigen Gefühlen erreicht werden, um sich außerdem Fähigkeiten wie Selbstakzeptanz, Konfliktlösung und Vergebung anzueignen. Eine Grundannahme der Autorin ist dabei, dass viele Ereignisse und Dinge in unserem Leben außerhalb unserer Kontrolle liegen und dass wir genauso wenig steuern können, welche Gefühle wir dabei empfinden. Wählen können wir jedoch, wie wir auf all das reagieren möchten und wie wir uns dabei verhalten wollen.

Aufbau

Das Buch ist in die im Folgenden aufgelisteten sieben größeren Abschnitte gegliedert:

  • Teil 1: Leben mit Hochsensibilität
  • Teil 2: Ich und meine Gefühle
  • Teil 3: Ich und meine innere Stimme
  • Teil 4: Ich und mein Körper
  • Teil 5: Ich und die Menschen, die mir etwas bedeuten
  • Teil 6: Ich in diesem Moment
  • Teil 7: Ich, meine Landkarte und die Welt, in der wir leben

Die Kapitel werden von einer Einleitung und einem Anhang mit weiteren Hinweisen und Literaturempfehlungen eingerahmt.

Inhalt

Teil 1: Leben mit Hochsensibilität

Im ersten Abschnitt erläutert die Autorin einige Grundlagen, auf die sich im Verlaufe des Buches bezogen wird. Gleich zu Beginn definiert Ona den Begriff Hochsensibiltät, da dieser von anderen Konzeptionierungen, z.B. der von Elaine N. Aron unterschieden wird. Ona versteht darunter eine übermäßige emotionale Reaktion auf Emotionen, z.B. dass Betroffene von starken Emotionen überwältigt werden. Damit ist diese Form emotionaler Hochsensibilität in einer Nähe zur erhöhten emotionalen Reagibilität bei Borderline-Störungen zu sehen. Aus einer vergleichbaren Perspektive erläutert die Autorin einfache neurobiologische Grundlagen und führt diese zu einer multifaktoriellen Perspektive zusammen. Damit wird die emotionale Hochsensibilität als transdiagnostischer Faktor verstanden, gleichzeitig richtet sich das Buch implizit an Menschen mit der Diagnose einer emotional-instabilen (Persönlichkeits-)Störung). Im weiteren Verlauf des Kapitels greift sich die Autorin einige Kernmerkmale der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) heraus und stellt diese beispielhaft dar, bevor sie ihr besonders relevant erscheinende Aspekte auf Hochsensible überträgt.

Teil 2: Ich und meine Gefühle

Nach der allgemeinen Einführung und der Vorstellung der grundlegenden Therapiemethode bezieht sich Ona im zweiten Teil des Buchs auf Emotionen. Neben allgemeinen Informationen und der Unterscheidung zwischen Gefühlen, Gedanken und Impulsen werden auch Strategien zur emotionalen Regulation fokussiert. Als Kernkompetenz wird dabei die Beobachterfähigkeit erläutert, eine Kompetenz, innerlich einen Schritt zurück zu treten, die emotionale Reaktion (Ona nennt sie emotionale Maschinerie) zu beobachten und so bewusst Einfluss auf den Umgang damit nehmen zu können. In weiteren Kapiteln werden die Bedeutung des Bauchgefühls, hinderliche bis schädliche erlernte Verhaltensmuster und komplexe Emotionen wie Scham, Schuld und Einsamkeit reflektiert. In den einzelnen Kapiteln bezieht sich die Autorin immer wieder auf den adaptiven Nutzen von unangenehmen (oft als negativ bezeichneten) Emotionen und schließt mit der Erkenntnis, dass es von entscheidendem Nutzen sei, sich selbst auch hinsichtlich unangenehmer Emotionen gut zu spüren, anstatt permanent auf Wohlgefühl zu achten. Damit verbunden ist eine innere Bereitschaft, auch schwierige Gefühle zuzulassen und ihnen Raum zu geben.

Teil 3: Ich und meine innere Stimme

Neben einer angemessenen Gefühlsregulation fokussiert ACT auf einen adaptiven Umgang mit Gedanken. Diesem widmet sich Ora in den nächsten Kapiteln. Hier geht es ihr vor allem darum, aufzudecken, wie sehr wir unser inneres Erleben von unserer Sprache leiten lassen und wie Gedanken Gefühle überlagern und so haften bleiben können. Ähnlich zu verhaltenstherapeutischen Ansätzen schlägt die Autorin vor, sich mit eigenen Regeln auseinanderzusetzen, die vor allem sprachbasiert in Erscheinung treten und sich dieser inneren Stimmen bewusst zu werden. Ziel ist es, das Gehirn als ein Organ zu betrachten, welches damit beschäftigt ist, Geschichten zu erzählen, die nicht mit Tatsachen gleichzusetzen sind.

Teil 4: Ich und mein Körper

Im vierten Kapitel erfährt der Leser, wie das Gehirn auf Gefahren wahrnimmt und entsprechende Verarbeitungsprozesse einleitet. Auch werden Konsequenzen dargestellt, was durch chronische Stressreagibilität und häufigem Wechsel der Aufmerksamkeit passiert. Allen gleich ist die Schwierigkeit des Körpers, in den Ruhezustand zu gelangen und sich zu regenerieren. Als hilfreiche Fähigkeit stellt Ona die Fähigkeit zur Selbstberuhigung vor, welche sowohl durch körperliche Zuwendung anhand von Massagen und Dehnübungen, aber auch dem Training von Selbstmitgefühl gefördert werden kann.

Teil 5: Ich und die Menschen, die mir etwas bedeuten.

In den vorangegangenen Kapiteln liefert Ona immer wieder Beispiele, die in interpersonellen Situationen verortet sind. Für sie sind feste, ehrliche Beziehungen ein wesentlicher Bestandteil eines guten Lebens und damit auch fest mit wiederkehrenden Konflikten verbunden. So ermutigt sie den Leser, sich mit den eigenen Beziehungswerten auseinanderzusetzen und erläutert den Einfluss des Bindungsstils. Auch sensibilisiert sie für den emotionalen Ausdruck innerhalb von Beziehungen auf den Ebenen Körper, Haltung, Gesicht und Stimme, was wiederum hilfreich zur Verbesserung von konfliktreichen Beziehungen genutzt werden kann. So vermittelt Ona, dass Interesse ausdrücken, Feedback geben und Bedürfnisse äußern wesentlich zur Gestaltung werthaltiger, gelingender Beziehungen sind und dass die Empfindung von Schmerz eine Fähigkeit ist, die Menschen untereinander eint und damit Verbindungen schaffen kann.

Teil 6: Ich in diesem Moment

Als wesentliche Basiskompetenz nennt Ona im vorletzten Teil des Buches die Achtsamkeit, klärt über falsche Vorstellungen auf und gibt konkrete Hilfestellungen zur Etablierung von mehr Achtsamkeit. Dabei stellt sie gerade in den aufgeführten Übungen immer wieder einen Bezug zu vorherigen Kompetenzen und Merkmalen, z.B. zur Defusion schwieriger Gedanken („Gespenstergedanken“) her.

Teil 7. Ich, meine neue Landkarte und die Welt in der wir leben

Im letzten Teil bezieht sich die Autorin noch einmal auf die vorherigen Kapitel, indem sie die einzelnen Komponenten in einer Landkarte zusammenfügt. Damit drückt sie aus, dass emotionale Hochsensibilität nicht kontrolliert, nicht gelöst werden kann, sondern dass es immer wieder schwierige, sogar katastrophale Momente im Leben geben wird. Sie ruft dazu auf, sich in solchen Momenten des eigenen „Tipping Point“ bewusst zu werden, jenem Moment der Bereitschaft, etwas zu tun und zu verändern. Zusammenfassend bietet sie ein konkretes Ablaufschema für Krisensituationen an und beruhigt dahingehend, dass es nicht darum geht, sämtliche Kompetenzen zu beherrschen, sondern sie immer wieder zu probieren.

Anhang

Im Anhang diskutiert Ona wichtige Aspekte und Fragestellungen zu weiterführenden Schwierigkeiten, z.B. zu chronischen Beziehungsproblemen, Essstörungen oder parasuizidalen Verhaltensweisen, Sucht und Trauma.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Buch bietet Patricia Zurita Ona eine wichtige Ergänzung zu den mittlerweile zahlreichen Publikationen zur Anwendung der Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Das Besondere dabei ist die Verbindung von ACT mit emotionaler Hochsensibilität, einem störungsübergreifenden bzw. transdiagnostischen Merkmal. Kritisch ist dabei anzumerken, dass eine Differenzierung und Abgrenzung zu anderen, zum Teil populäreren Konzepten der Hochsensibilität erst im Buchtext erfolgt und das auch eher beiläufig. Dementgegen ist es allerdings auch nicht das Anliegen der Autorin, eine wissenschaftlich exakte und damit komplexe Abhandlung vorzuliegen. Vielmehr ist das Buch durch den starken Praxisbezug gekennzeichnet, der sich auf unterschiedlichen Ebenen niederschlägt. Primär sind hier die unzähligen Übungen und Techniken zu nennen, die in allen Kapiteln zur praktischen Umsetzung der Theorie einbezogen sind. Dabei reichen diese von schriftlichen Aufgaben, z.B. zur Auseinandersetzung mit Schuldgefühlen bis zu Achtsamkeitsübungen. Damit empfiehlt sich das Buch nicht nur als Lektüre sondern regt umso mehr zum Arbeiten an. Etwas, das den Kern von ACT ausmacht und die Anwendung der Methode erfahrbar macht. Bezogen auf ACT fällt auf, dass Zurita Ona über eine gewisse Flexibilität verfügt, um gerade die Theorie kurz und knapp zu halten und eher illustrativ über viele Beispiele, Aussagen und Erzählungen zu vermitteln. Dies wirkt nicht nur erfrischend, sondern es fördert den Einstieg in Buch und Materie. Auch hinsichtlich der ausgewählten Kernkompetenzen und den entsprechenden Übungen und Techniken finden sich neben einigen Standardmethoden etliche neue Ideen und kreative Anpassungen, sodass auch für erfahrener ACT-Praktiker neuer Input zu erwarten ist. Hervorzuheben ist außerdem der Einbezug von interpersonellen Beziehungen und den damit einhergehenden Problemen neben den eher selbstbezogenen Aspekten. Damit würdigt die Autorin Emotionen als wesentlich für Beziehungen und widmet sich gesondert jenen selbstreferenziellen Emotionen wie Scham und Schuld, aber auch Einsamkeit. Auch wenn es überflüssig erscheint sei angemerkt, dass auch den Ebenen des Denkens und Handelns ausreichend Raum gegeben wird, da auch diese nicht getrennt von Emotionen betrachtet werden können und umgekehrt. Damit bezieht sich Zurita Ona nahezu auf alle Kernkompetenzen, die zentral für ACT sind.

Fazit

Das Buch ist als Ratgeber konzipiert und besticht durch seinen fundierten, leicht verstehbaren und praktisch nutzbaren Inhalt. Auf Grundlage der Akzeptanz- und Commitmenttherapie bekommt der Leser vor allem praktischen Input in Form von Übungen und Strategien in die Hand, um daran zu arbeiten, einen hilfreichen Umgang mit schwierigen Emotionen zu erlernen. Schwierige Inhalte werden dabei angenehm leicht und undogmatisch vermittelt, was die Bereitschaft zur Umsetzung sicherlich erhöht. Neben Anfängern können auch erfahrene Praktiker davon profitieren, dass das Buch viele neue und für emotionale Hochsensibiltät angepasste Übungen enthält. Durch den transdiagnostischen Charakter ist auch der Übertrag auf andere Schwierigkeiten bzw. Störungen problemlos möglich. 


Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 14.04.2021 zu: Patricia Zurita Ona: Aus der emotionalen Achterbahn aussteigen. ACT für Hochsensible. Arbor Verlag (Freiburg) 2020. ISBN 978-3-86781-258-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27169.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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