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Rotraut Hammer-Sohns: Frauen in kommunaler Wohlfahrts- und Sozialpolitik

Cover Rotraut Hammer-Sohns: Frauen in kommunaler Wohlfahrts- und Sozialpolitik. Biografische Wirkungspotenziale an der Basis von SPD und AWO (1920–2014). Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2020. 462 Seiten. ISBN 978-3-487-15882-2. 58,00 EUR.
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Lebensweltliche Wirklichkeiten

Der zôon politikon, der politisch denkende und handelnde Mensch, ist aufgefordert, als Homo responsabilis Verantwortung für sich und die Menschheit zu tragen. Wir sind damit bei der Frage, wie sich Menschen in soziale Entwicklungen einbringen, sich also politisch engagieren. In Demokratien stellt sich das in der Mitarbeit bei Parteien, sozialen Einrichtungen, Vereinen und NGO dar; und zwar lokal in der Form des Ehrenamts, als Mitglieder oder als gewählte VertreterInnen des Volkes. Es ist immer ein Engagement, das in der Ausübung der Funktion, gewissermaßen „den ganzen Mann oder die ganze Frau“ fordert. Es sind Herausforderungen im Spannungsfeld von individueller, intellektueller Aufgeklärtheit und den gesellschaftlichen Ansprüchen und Erwartungshaltungen, die Menschen dazu bringen, sich sozial- und gesellschaftspolitisch zu engagieren; man könnte auch sagen: Es geht um Wollen und Sollen!

Entstehungshintergrund und Autorin

In der Biographieforschung wird erkundet, wie Lebensverläufe von Menschen sich vollziehen, die sich ehrenamtlich und/oder professionell in der lokalen, nationalen und globalen, sozialen Politik einsetzen. Der Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher von der Universität Koblenz-Landau, Thorsten Fuchs, verweist auf den Zusammenhang von Bildung und Biographie (siehe z.B. dazu: Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php). Biografie als Lebensreflexion und -beschreibung ist „ein sich selbst organisierender Lernprozess“. Davon zeugen die zahlreichen (auto-)biografischen Darstellungen, wie sie vom Rezensenten u.a. im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de und im Nachrichtenportal www.sozial.de vorgestellt werden; z.B.: Günter Wiemann, 2008; Herward Sieberg 2012; Oskar Negt 2016; Karl-Heinz Bohrer 2017; Martha Nussbaum, Heribert Prantl, 2019.

Eine besondere Fragestellung ergibt sich, wenn untersucht wird, wie sich lokales und regionales sozialpolitisches Engagement insbesondere im Geschlechterverhältnis darstellt: Sind es überwiegend Politiker, die sich hervortun? Welchen Anteil und welche Bedeutung haben dabei Politikerinnen? Die ehemalige Hildesheimer Gesamtschullehrerin, Kommunalpolitikerin und Engagierte bei mehreren kulturellen und emanzipatorischen Initiativen (wie z.B. beim „Frauen-Labyrinth-Projekt“), Rotraut Hammer-Sohns, ist in einer Forschungsstudie an der Universität Hildesheim der Frage nachgegangen, welche Wirkungen und Einflüsse Frauen auf die kommunale Politik vor allem in den Jahren von 1920 bis heute (1988) ausgeübt haben. Sie dokumentiert dabei das politische Engagement von vier Frauen, die in der kommunalen Sozialpolitik, bei der Hildesheimer Arbeiterwohlfahrt und in sozialdemokratischen Frauengruppen, tätig waren: Da ist zum einen Elise Bartels (1880 – 1925), Mitglied im ersten und zweiten Reichstag der Weimarer Republik; zum zweiten Marie Wagenknecht (1885 – 1970), SPD-Ratsfrau und langjährige Vorsitzende der Hildesheimer AWO; Dora Ender (1904 – 1970), Neugründerin der Hildesheimer AWO nach 1945; und Elfriede Wipprecht (1927 – 2008), SPD-Ratsfrau und Geschäftsführerin der AWO.

Aufbau und Inhalt

Die wissenschaftliche, biografische Studie „Frauen in kommunaler Wohlfahrts- und Sozialpolitik“ gliedert die Autorin in fünf Kapitel. Im ersten – „Handlungsrahmen der vier Aktivistinnen“ – werden die historisch parallelen Entwicklungen der „Bedeutung von Sozialpolitik auf lokaler Ebene und in der Ratsarbeit sowie die großen Veränderungen der sozialen Bewegung AWO seit ihrer Gründung bis heute geschildert“. Im zweiten geht es um „Einfluss der ehrenamtlich oder hauptamtlich Tätigen in ihrer Zeit auf die die Gestaltung der Kommunalpolitik“. Im dritten stellt die Autorin die „SPD-Frauengruppe Hildesheim im Zeitraum von 1926 – 1970“ dar. Es ist ein Netzwerk, das die Arbeit der kollektiven Akteurinnen nachzeichnet. Viertens wird die „Vielfalt der Wirkungen der Aktivistinnen der sozialen Bewegungen untereinander und ihre Synergieeffekte“ thematisiert. Und im fünften Kapitel fokussiert die Autorin „kommunales soziales und politisches Engagement in der Arbeiterwohlfahft (AWO) bzw. der SPD aus der Sicht von acht Hildesheimer Generationen“.

Die generativen und Oral History-Forschungsansätze verdeutlichen sich in der biografischen Nachschau über die Visionen, Varianten, Variablen, Vehemenzen, Verdienste, Verfügungen, Verläufe und Verwicklungen. Sie zeigen das solidarische, empathische und karitative Engagement der vier Aktivistinnen. Es sind insbesondere die vielfältigen, sozialen Aktivitäten, die beachtens- und erinnernswert sind, wie z.B. die Initiativen in den Zeiten der Not in der Nachkriegszeit: Nahrungsmittelversorgung, Kindererholungslager, Gewerkschaftsgründungen, Aufbau der kommunalen Verwaltung, der Ratsarbeit und der politischen Bildung. Rotraut Hammer-Sohns hebt bei der Dokumentation der politischen Tätigkeiten der Frauen besonders deren empathischen Initiativ- und Führungsstil hervor, der ihnen in ihrer Zeit nicht nur Anerkennung, sondern auch die Zuordnung und Nischenzuweisung als „Wohlfahrtsfeminismus“ einbrachte. Sie verweist damit nicht nur auf die von August Bebel überlieferte Mahnung: „Die Frauen dürfen so wenig auf die Hilfe der Männer warten, wie die Arbeiter auf die Hilfe der Bourgeoisie warteten“, sondern analysiert – gegenwartsgewandt und zukunftsorientiert – auch Lehren aus dem Misslingen und Scheitern der politischen Arbeit der Frauen in ihrer Zeit. Es klingt wie eine Bestandsaufnahme und Kritik an den real existierenden, kapitalistischen „Male Fantasies“ (vgl. z.B. in dem Zusammenhang auch die von Klaus Theweleit aktuell ins Spiel gebrachten „Männerphantasien“, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26436.php).

Diskussion

Die Studie lässt sich nicht nur als Fleißarbeit zur Sammlung und Dokumentation von Frauenengagement in historischer Zeit lesen, sondern auch als ein Weck- und Hallo-Ruf an uns Gegenwärtige, die bemerkenswerte Frauenpower der vier Hildesheimer Politikerinnen und Sozialistinnen nicht nur nicht zu vergessen, sondern auch als geschlechtsübergreifende, verantwortungsbewusste, demokratische Politik-Power zu aktivieren. Die Autorin verweist dabei auf fünf Defizite, die es zu bewältigen gilt: Zum einen bedarf es der Aufklärung, dass sozialdemokratische Frauenarbeit nicht nur soziales Wohlfahrtsengagement war; zum zweiten ist der Perspektivenwechsel gefordert, wonach die demokratische, politische Frauenarbeit durch die historische „Geschlechterdichotomie“ bestimmt gewesen sei; zum dritten bedarf es des Bewusstseinswandels, dass die bedeutsame, freiheitliche, demokratieförderliche Tätigkeit des Reichsausschusses der Arbeiterwohlfahrt „nur“ auf Fürsorge- und Sozialarbeit fokussiert war; viertens gilt es in der Geschichte der AWO aufzuarbeiten, welche Auswirkungen und Machtverschiebungen durch die politischen und ideologischen Veränderungen in der SPD auftraten; und fünftens bedarf es in der Parteienforschung einer neuen Aufmerksamkeit auf die Frauenpolitik und Geschlechtergerechtigkeit. Die ausführliche Darstellung der Hildesheimer Frauengruppe der SPD vermittelt sowohl erfolgreiches, als auch allzu eng, fürsorglich gefasste Informations- und Aufklärungsarbeit.

Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn ergibt sich durch Information, Analyse und Wertung. In der politischen Bildung, wie auch in der Biographie-Arbeit kommt es darauf an, komplexe Denk- und Handlungsereignisse – wie sie von der Autorin exemplarisch und dokumentativ als politisches Wirken von Hildesheimer Kommunalpolitikerinnen vorgestellt wurden – als Ich- und Welterkenntnisse, als „Frames“, zu verdeutlichen. Die Fragen, welche Motive, Zielsetzungen und programmatische Einstellungen das politische Wirken der vier Hildesheimer Politikerinnen bestimmten, verweisen auf das Spannungsfeld von historischen und familialen Entwicklungen und Einflüssen. Würde man die vier Frauen mit der Frage – „Ist das Glas halb leer oder halb voll?“ – bekäme man sicherlich von allen die letztere Antwort. Das bedeutet: Das kommunale, soziale und politische Engagement von Elise Bartels, Marie Wagenknecht, Dora Ender und Elfriede Wipprecht war bestimmt von einer Mischung aus Selbstbewusstsein und solidarischem Denken. Die daraus entstandenen, bemerkenswerten Aktivitäten: „Um die Bereitschaft zu gesellschaftspolitischem Engagement im Wandel der Zeit zu verstehen, müssen individuelle Lebensgeschichten, das politische und kulturelle Selbstverständnis und die verfügbaren Ressourcen der sozialen Bewegung aufeinander bezogen werden“.

Fazit

Rotraut Hammer-Sohns nimmt die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2009 vorgelegte Studie „Engagiert vor Ort – Wege und Erfahrungen von Kommunalpolitikerinnen“ als Blaupause, um am Beispiel von vier Hildesheimer Sozialpolitikerinnen deren öffentlichkeitswirksames, gesellschaftsbestimmendes, solidarisches Denken und Handeln zu verdeutlichen. Deren emanzipatorisches Wirken in der Zeit von 1920 bis 1988, im Zusammenhang ihres Engagements bei der Hildesheimer Arbeiterwohlfahrt, der sozialdemokratischen Frauengruppe und der kommunalen Sozialpolitik, wurde von der Autorin bewusst als eingegrenzter Teilaspekt ihres qualitativen Forschungsprojekts gekennzeichnet. Andere als diese ausgewiesenen Aspekte, wie z.B. Einflüsse von religiösen oder weltanschaulichen Gruppen, werden nur am Rande thematisiert.

Was weist zurück – und was voraus? Es bedarf keiner besonderen Betonung, dass Kenntnis von Geschichte und den Fragen nach „Wie sind wir geworden, was wir sind?“ immer existentiell und notwendig sind. Die Informationen über Entwicklungen und Wirkungen von „Frauenpower“ in lokalen, gesellschaftspolitischen Prozessen können als Anreger, Wegweiser und Richtungsanzeiger dienen. Und sie können für gegenwärtiges und zukünftiges, politisches Denken und Handeln genutzt werden.

In Anhang der umfangreichen Studie werden drei Dokumente ausgewiesen: Die Resolution des Göttinger SPD-Unterbezirks vom 18. Februar 1924, in der auf die schädliche, kapitalistische Entwicklung verwiesen wird; die Zeittafel der organisatorischen und inhaltlichen Arbeit der AWO von 1920 – 1930; die Auflistung der Themen und Referentinnen aus dem Protokollen von 1926 – 1970.

Zum Schluss eine Anregung an den Verlag: Mehrere Unternehmen sind mittlerweile dazu übergegangen, ihre Erzeugnisse nicht mehr in nicht notwendige, umweltschädliche Plastikfolie einzuschweißen. UV und Olms sollten diesem Beispiel folgen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.07.2020 zu: Rotraut Hammer-Sohns: Frauen in kommunaler Wohlfahrts- und Sozialpolitik. Biografische Wirkungspotenziale an der Basis von SPD und AWO (1920–2014). Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2020. ISBN 978-3-487-15882-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27178.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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