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Peter Pantucek: Soziale Diagnostik

Cover Peter Pantucek: Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis sozialer Arbeit. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2005. 348 Seiten. ISBN 978-3-205-77350-4. 24,90 EUR.

Reihe: Böhlau-Studienbücher - Grundlagen des Studiums.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-205-78888-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Zur Relevanz des Themas

Das Ziel sozialarbeiterischer Diagnostik besteht in der Erhöhung der Effizienz und Effektivität sozialer Unterstützung durch die Gewinnung individualisierter Daten.

Peter Pantucek versucht in seinem Band die spezifischen Bedingungen und Probleme sozialer Diagnostik in Relation zur Diagnostik anderer Professionen herauszuarbeiten und Vorbehalte gegen das Diagnostizieren auszuräumen. Vor diesem Hintergrund dieser Überlegungen gibt er eine Übersicht von Verfahren zur Diagnostik in der sozialen Arbeit, die in der Praxis Gewinn bringend eingesetzt werden können. Der Autor ist Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor und Inhaber einer Professur an der Fachhochschule St. Pölten.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst 9 Kapitel sowie ein Glossar der wichtigsten verwendeten Fachbegriffe.

  1. In seiner Einleitung in Kapitel 1 skizziert Pantucek die Entwicklung der sozialen Arbeit zu einer Profession, welche den Anspruch einer wissenschaftlichen Fundierung erhebt und damit auch ein adäquates diagnostisches Instrumentarium benötigt. Er formuliert zudem Anforderungen an Diagnosen und diagnostische Verfahren in der sozialen Arbeit.
  2. Unter der Überschrift "Funktion und Fachlichkeit" geht der Autor in Kapitel 2 auf die Konstituierung des "Falls" ein. Die professionelle Kernkompetenz sozialer Arbeit liegt seiner Auffassung nach nicht in der Klassifikation und Bearbeitung von Problemkonstellationen als "Fall von É" (z.B. "Arbeitslosigkeit", "Überschuldung" etc.), sondern in der hochindividualisierten Behandlung derjenigen Aspekte und Probleme von Fällen, in denen standardisierte Programme nicht greifen.
  3. Ausgehend von diesem Verständnis der Fallkonstruktion wird im Kapitel 3 die Rolle des Klienten präzisiert: Gegenstand der Diagnose ist nicht der Klient, sondern seine Lebenssituation; der Klient ist vielmehr als zentrale Referenz anzusehen und aktiv an allen Schritten im Prozess der Diagnosestellung zu beteiligten.
  4. Die Rolle der Diagnose im professionellen Handlungsprozess wird in Kapitel 4 thematisiert. Diagnostik wird aufgefasst als ein Prozess, in dem es zunächst darum geht, umfassendes Wissen über eine soziale Situation zusammenzutragen und auf diese Weise die Überkomplexität der Situation deutlich zu machen. Um eine Intervention zu ermöglichen, gilt es in einem weiteren Schritt diese Überkomplexität durch die Neuordnung und Deutung der gewonnenen Daten zu strukturieren. Hierzu kann auf Alltagstheorien oder auf "abgehobene" Modelle und Theorien zurückgegriffen werden.
  5. Auf den Deutungsprozess geht Pantucek in Kapitel 5 näher ein. Er beschreibt, wie gedankliche "Muster" - verstanden als gespeichertes Wissen über "typische" Situationen (z.B. "Obdachlosigkeit") - eine Verbindung zwischen den zu einem Fall gewonnenen Informationen und der Diagnose herstellen, die fallbezogenes Handeln ermöglicht. Zugleich verdeutlicht er jedoch, dass sich aus der bloßen Identifikation eines Fallmusters keine Handlungsempfehlungen ableiten lassen. Diagnosen stellen nur Problembeschreibungen da, die weder notwendige noch hinreichende Bedingungen für eine spezifische Problemlösung sind. Mit Blick auf die Lösbarkeit unterscheidet der Autor "bösartige", überkomplexe von "zahmen", gut lösbaren Problemen und erläutert 16 Charakteristika von Fallproblemen.
  6. In Kapitel 6 diskutiert der Autor "Grundsätzliche Probleme sozialer Diagnose", indem er mögliche Einwände gegen die Tätigkeit des Diagnostizierens auszuräumen versucht. Er greift hierbei eine Reihe von Themen auf, z.B. die Abgrenzung von Diagnostik und Assessment, das Problem der Vermeidung etikettierender und stigmatisierender Persönlichkeitsdiagnosen sowie die Rolle des Experten im diagnostischen Prozess. Auf diese Weise präzisiert er zugleich sein Verständnis des Begriffs "Soziale Diagnostik" und seine Kritik am diagnostischen Vorgehen anderer Professionen. "Soziale Diagnosen" beschreiben und veranschaulichen nach seiner Auffassung die soziale Situation des Klienten, besitzen darüber hinaus jedoch weder Erklärungswert, was die Genese und die Ursachen der Situation angeht, noch lassen sich aus ihnen unmittelbar Interventionsansätze ableiten, welche der diagnostizierten Situation angemessen sind.
  7. Das umfangreichste Kapitel 7 ("Ausgewählte Diagnoseinstrumente") bildet das Kernstück des Bandes. In ihm stellt Pantucek eine Vielzahl diagnostische Verfahren zur Abbildung der "sozialen Geografie" von Fällen vor, welche in die soziale Arbeit Eingang gefunden haben resp. von ihm selbst zu diesem Zweck entwickelt wurden. Er geht hier bspw. ein auf sog. "Sichtdiagnosen" (z.B. "Visuelle Ersteinschätzungen" des Klienten oder Beobachtungen bei Hausbesuchen), "Kurzdiagnosen" (z.B. erstellt aufgrund von Vorinformationen aus Akten etc.), "Notationssysteme" zur Beschreibung der sozialen Bezüge des Klienten (z.B. Personalliste, Netzwerkkarte), Klassifikationssysteme oder Symptomlisten. Besonders hilfreich sind hier die systematischen Zusammenfassungen der Charakteristika eines jeden Verfahrens. Für Praktikerinnen und Praktiker ausgesprochen nützlich sind auch die Verweise auf die Webseiten des Autors, von denen sich u. a. die Dokumentationsbögen einiger der vorgestellten diagnostischen Verfahren herunterladen lassen. Wie Pantucek jedoch selbst anmerkt, sind die Instrumente mehrheitlich noch nicht umfassend dokumentiert, und es liegen weder systematische Erfahrungsberichte zu ihrer Anwendung noch Studien zu ihren Gütekriterien vor. Es bleibt daher offen, inwieweit sie aus wissenschaftlicher Sicht einer kritischen Überprüfung standhalten.
  8. Das sehr knapp gehaltene Kapitel 8 beschäftigt sich mit dem Thema "Gutachtenerstellung"; ausgehend von einer Anforderungsliste an schriftliche Gutachten betont der Autor hier das Gewicht, welches den beschriebenen diagnostischen Verfahren bei der Erstellung entscheidungsrelevanter Gutachten zukommt.
  9. Abgerundet wird der Band durch ein Schlusswort in Kapitel 9, in dem der Autor seine Position resümiert und eine systematische und kontrollierte Anwendung und Weiterentwicklung diagnostischer Instrumente für die soziale Arbeit fordert.

Angesprochener Nutzerkreis

Während die theoretischen Ausführungen vorwiegend für sozialarbeiterisch Tätige von Interesse sein dürften, die eine grundlegende Reflexion ihres Tuns nicht scheuen, ist der Überblick sozialer Diagnoseverfahren auch für diejenigen Personen von Nutzen, die sich ausschließlich praktische Handlungsanweisungen in Feldern der sozialen Arbeit erhoffen. Die Erläuterungen des Verständnisses sozialer Diagnostik in Relation zur Diagnostik anderer Professionen, z.B. Psychologie und Medizin, sind teils auch für Angehörige dieser Berufsgruppen erhellend.

Diskussion

Pantucek legt sein Verständnis des Themas "Diagnostik in der sozialen Arbeit" in einer durchaus anspruchsvollen, gleichwohl jedoch gut lesbaren und strukturierten Form dar. Die Darstellung wird v.a. geprägt von dem Bestreben, die Eigenständigkeit der Profession "Soziale Arbeit" und die Besonderheiten ihrer diagnostischen Vorgehensweisen im Vergleich zur psychologischen oder medizinischen Diagnostik herauszustreichen. Dies gelingt teilweise jedoch nur, indem ein recht schablonenhaftes Bild des diagnostischen Vorgehens in diesen Professionen gezeichnet wird, das auch dort längst als überholt und unzureichend gilt. Der gegenseitig bereichernden interdisziplinären Kommunikation und Kooperation ist eine solche, mitunter fast schon polemisch erscheinende Darstellung nicht eben dienlich.

Fazit

Der Band enthält ein engagiertes, sehr persönlich geprägtes Plädoyer für die Einbeziehung systematischer diagnostischer Vorgehensweisen in die Praxis der sozialen Arbeit. Es gelingt dem Autor sehr überzeugend und differenziert herauszuarbeiten, wie und wo soziale Diagnosen dem sozialarbeiterischen Unterstützungshandeln dienlich sind. Er verschweigt aber auch nicht Probleme und Fallstricke, die (nicht nur) mit sozialen Diagnosen verbunden sind, und zeigt Wege auf, diese zu umgehen. Die übersichtliche Zusammenstellung diagnostischer Verfahren macht den Band auch für Praktikerinnen und Praktiker zu einem hilfreichen Werkzeug.


Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
Homepage www.zpid.de/profile/team.php?person=mayer
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Zitiervorschlag
Anne-Kathrin Mayer. Rezension vom 11.10.2005 zu: Peter Pantucek: Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis sozialer Arbeit. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2005. ISBN 978-3-205-77350-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2718.php, Datum des Zugriffs 09.04.2020.


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