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Heribert Prantl: Ausser man tut es

Cover Heribert Prantl: Ausser man tut es. Politische Porträts der Zeitgeschichte. Süddeutsche Zeitung Edition (München) 2019. 343 Seiten. ISBN 978-3-86497-521-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Auswege aus der selbstverschuldeten Gleichgültigkeit

„Da kann man sowieso nichts machen!“ – „Das haben wir schon immer (noch nie) so gemacht“ – „Da könnt‘ ja jeder kommen!“. Es ist die Interesselosigkeit und die Indolenz, die Untätigkeit und Passivität bewirken; die den Menschen apathisch vegetieren lassen; und die schließlich zulassen, dass andere für sie denken und handeln. Es ist hier nicht die Rede von Egoismus, Selbstverliebtheit oder Machtmissbrauch, schon gar nicht von Populisten und Narzissten, sondern von Mitmenschen, die Vorbilder für andere Menschen sein können – nicht, weil sie Helden oder Götter wären, auch nicht, weil sie allwissend und unfehlbar wären, sondern weil sie mit ihrem durchaus auch fehlbaren und kritisierbaren Denken und Tun für ihre Überzeugungen eintreten und sich aktiv und wahrhaftig damit auseinandersetzen.

So z.B. definiert der Leitartikler, Journalist, politischer Publizist, Jurist und wissenschaftliche Dozent Heribert Prantl den Begriff „Vorbild“. Mit seinem Buch „Was ein Einzelner vermag“ stellte er 2016 40 Menschen der gesellschaftspolitischen Zeitgeschichte vor ( www.socialnet.de/rezensionen/​22422.php ). Gewissermaßen im Fortsetzungsband versammelt er weitere 62 lebende und bereits verstorbene Persönlichkeiten. Es sind subjektiv ausgewählte Menschen, mit denen Prantl entweder in beruflichen und privaten Zusammenhängen bekannt ist oder war, und/oder mit deren Aktivitäten er sich auseinandergesetzt hat. Auch hier gilt, was der Rezensent zu seinem 2016er Buch gesagt hat: Man muss mit der Auswahl von Prantls Protagonisten bei der Darstellung von Beispielen für individuelles, gesellschaftspolitisches Tun nicht einverstanden sein. Ob es die wichtigsten und zuerst zu nennenden Menschen der Jetztzeit sind, die zeigen, dass aktives, verantwortungsbewusstes und nachahmenswertes demokratisches und menschenwürdiges Handeln nicht nur notwendig, sondern auch möglich und machbar ist, braucht hier auch nicht thematisiert werden. Für den Leser ergeben sich daraus zwei Signale, die durchaus Motivation für die eigene Auseinandersetzung mit individuellem und gesellschaftlichem Engagement und Verantwortung sein können: Es ist die Kraft des Einzelnen, die humane Gemeinschaft ermöglicht! Und: Der Einzelne kann mit seiner Verantwortung viel erreichen!

Aufbau

Prantl gliedert seine gesellschaftspolitischen Portraits in sieben Kategorien und Lebenszustände:

  • „Utopisten und andere Realisten“
  • „Mächtige und Mutige“
  • „Aus Politik und Provinz“
  • „Starke Frauen und ihre Widersacher“
  • „Im Kraftwerk der Demokratie“
  • „Juristen sind auch nur Menschen. Aber was für welche!“
  • „Das Abenteuer des Denkens“.

Inhalt

Mit den Namensnennungen verbindet er bereits in den Überschriften das, was ihn an deren Denken und Wirken beeindruckt und fasziniert:

  • Hannelore Mabry – Forsche Feministin; 
  • Uri Avnery – Das Sandburgen-Gefühl;
  • Greta Thunberg – Die Rettung des Visionären; 
  • Rainer Voss – Der sanft-beharrliche Reformer; 
  • Hasso von Henninges – Die Farben der Presse; 
  • Carsten Hörich – Ein Weltverbesserer; 
  • Spinos Simitis – Prof. Dr. Datenschutz; 
  • Klaus Traube – vom Oberatomi zum Aussteiger!; 
  • Helmut Schmidt – Auf dem Sockel; 
  • Klaus Kinkel – Mensch, Mensch;
  • Horst Ehmke – der vollendete Unvollendete; 
  • Erhard Eppler – Schüler von Jesus Christus und Karl Marx;
  • Angela Merkel – Bratwurst und Suppe;
  • Richard von Weizsäcker – Mit Geist, Herz und Seele;
  • Eduard Ackermann – Ehrlich unentbehrlich; 
  • Burkhard Hirsch – Der Rechtsstaatliche;
  • Ernst Albrecht – Weltläufig und formvollendet; 
  • Waldemar Schreckenberger – Ein gewissenhafter Herr;
  • Max Stadler – ein weiß-blauer Liberaler; 
  • Peter Caesar – Der Freisinnige;
  • Philipp Jenninger – Der Mann, der zu viel wollte; 
  • Hansjörg Geiger – Doktor Wunderwuzzi; 
  • Albert Schmid – Der Jungstar und die alte Stadt; 
  • Werner Maihofer – Der Luther der FDP;
  • Mein Vater – Großer Mann, kleine Stadt;
  • Valerie Holsboer – Entlassungsgrund: Frau!; 
  • Malgorzata Gersdorf – Das Gift der Populisten; 
  • Rita Süßmuth – Die Stehauf-Frau; 
  • Jutta Limbach – Dr.jur. Mutter Courage; 
  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger – Jeanne d’Arc; 
  • Herta Däubler-Gmelin – Ein Schröder-Opfer;
  • Maria 2.0 – Fromme Frauen; 
  • Joseph Ratzinger – Der letzte der alten Kirchenväter;
  • Klaus Harpprecht – Der Mann, der viele Leben lebte; 
  • Christian Schütze – Ein journalistischer Widerständler; 
  • Wolfgang R. Langenbucher – Stil in jeder Hinsicht; 
  • Michael Stiller – Geliebt, gefürchtet, gefeiert; 
  • Helmut Hölhöffel – Ohne „von“, aber von feiner Art; 
  • Mathias Greffrath – Weil das Wort eine Waffe ist; 
  • Arno Widmann – Ein entfesselter Journalist; 
  • Christian Bommarius – Glühendes Denken;
  • Manfred Engelschall – Geben Sie mir ihre Krawatte!; 
  • Oliver Schopf – Vom Schopf zum Kopf; 
  • Hans Dieter Beck – Wo die Paragrafen wachsen; 
  • Heinrich Hannover – Wider die Anpassung;
  • Ernst Benda – Ho-Ho.Ho? Hei-Hei-Hei!; 
  • Konrad Redeker – Der Mann, der das Unrecht hasste;
  • Gunter Widmaier – Star der Revisionsinstanz;
  • Klaus Tipke – Steuergerechtigkeit als Lebensinhalt;
  • Klaus Lüderssen – Ein Brückenbauer; 
  • Peter Lerche - Sein Name: Bundesrepublik; 
  • Martin Hirsch – Anderer Meinung? Hirsch!; 
  • Theo Rasehorn – Ein segensreicher Nestbeschmutzer;
  • Manfred Nötzel – Der Jäger; 
  • Peter Landau – Atemberaubende Gelehrsamkeit; 
  • Jürgen Habermas – Philosoph der Entängstigung;
  • Ernst-Wolfgang Böckenförde – Der Einstein; 
  • Horst Schüler-Springorum – Das Unmögliche versuchen; 
  • Arthur Kaufmann – Lehrer des Widerstands;
  • Dieter Grimm – Ein Liebhaber des Grundgesetzes; 
  • Klaus J. Bade – Pfadfinder für ein Einwanderungsland.

Who is who? Nicht alle Portraitierten sind im öffentlichen Bewusstsein. Es sind auch keine Biografien, sondern Blickrichtungen auf Tätigkeiten und Einstellungen, die es lohnen, in Erinnerung gebracht und gehalten zu werden. Weil sie von Verhaltensweisen künden, die vorbildhaft und nachahmenswert für die Conditio Humana sein können – gegen die Kakophonien von Menschenfeinden und Populisten!

Fazit

Die zahlreichen, empathischen und zum Selbstdenken auffordernden Denkanstöße von Heribert Prantl sind Lichtblicke und Ermunterungen. Es sind keine Rezepte und schon gar keine Ordre-du-Mufti-Hinweise, sondern nicht mehr und nicht weniger beeindruckende Aufforderungen, die vielfältigen, notwendigen Perspektivenwechsel hin zu einem guten, gelingenden, menschenwürdigen Leben für alle Menschen aktiv und mit den individuellen und kollektiven Möglichkeiten mit zu gestalten. Das sind anthropologische, intellektuelle und philosophische Möglichkeiten und Anstöße, sich auf die Suche nach dem „Ausgang aus der selbst verschuldeten Gleichgültigkeit“ zu suchen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.07.2020 zu: Heribert Prantl: Ausser man tut es. Politische Porträts der Zeitgeschichte. Süddeutsche Zeitung Edition (München) 2019. ISBN 978-3-86497-521-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27181.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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