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Klaus Fröhlich-Gildhoff, Jutta Kerscher-Becker u.a.: Prävention und Resilienzförderung in Grundschulen – PRiGS

Cover Klaus Fröhlich-Gildhoff, Jutta Kerscher-Becker, Sibylle Fischer: Prävention und Resilienzförderung in Grundschulen – PRiGS. Ein Förderprogramm. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 2., aktualisierte Auflage. 134 Seiten. ISBN 978-3-497-02954-9. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Pädagogik.
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Autor_innen

  • Klaus Fröhlich-Gildhoff ist Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Hochschule Freiburg. Er ist Gründer und Co-Leiter des dortigen Zentrums für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) und hat verschiedene Projekte zu Resilienzförderung geleitet und evaluiert.
  • Jutta Kerscher-Becker (M.A. Kindheitspädagogik) war viele Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfKJ und ist jetzt Lehrerin an der Merian-Schule Freiburg, Fachschule für Sozialpädagogik.
  • Sibylle Fischer (B.A. Kindheitspädagogik) ist hauptamtliche Dozentin an der Hochschule Freiburg.

Entstehungshintergrund

Eine erste Auflage der Publikation ist bereits 2012 erschienen. Sie ist im Kontext der vom ZfKJ unter der Leitung von Klaus Fröhlich-Gildhoff durchgeführten Projekte an Schulen entstanden. Die jetzige Neuauflage basiert auf den Erfahrungen aus der mittlerweile bundesweiten Ausweitung dieser Projekte; teilweise wurden diese auch in einigen europäischen Ländern aufgegriffen. Das Team um Klaus Fröhlich-Gildhoff hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe praxisbezogener Resilienzbroschüren veröffentlicht, so z.B. zu Resilienzförderung in der KiTa.

Inhalt

Auch diese Broschüre ist, wie bereits die vorausgegangen, klar strukturiert. Teil 1 enthält eine Einführung in den theoretischen Hintergrund, begriffliche Klärungen von Resilienz, Schutz- und Risikofaktoren sowie Vorüberlegungen zum Kreis der spezifisch in den Blick genommenen Kinder, insbesondere zu Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf, sowie zum Bezugsrahmen Schule.

Teil 2 stellt die Programmeinheiten vor, die jeweils bestimmten Klassenstufen zugeordnet sind. Die Bestandteile dieser Programmeinheiten werden zunächst in einem Überblick beschrieben: Dabei geht es um die Voraussetzungen, welche die jeweilige Programmleitung mitbringen sollte, ebenso wie um praktische Hinweise zur Durchführung, beispielsweise den Einsatz von Medien. Als sehr nützlich erweist sich die weitere Gliederung der Broschüre, die für jede Klassenstufe von der Klasse eins bis hin zu Klasse vier konkrete Übungen präsentiert. Zunächst werden für jede Klassenstufe die ihr zugehörigen jeweils zehn Einheiten aufgelistet und kurz charakterisiert: so z.B. das Einstiegsritual, die Zielsetzung, der Ablauf und das Abschlussritual. Gearbeitet wird mit dem Klassenverband ebenso wie mit Kleingruppen in vielfältigen Szenarien, etwa auch draußen. Die Übungen werden konkret vorgegeben, so etwa Ziele, Setting und das benötigte Material, Vorbereitung der Übungen und Anleitung zur Schlussreflexion. Die Kinder bekommen Aufgaben, die im Ergebnis ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbststeuerungsfähigkeit stärken, ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung verbessern, ihre Selbstwirksamkeit schulen, ihre soziale Kompetenz und Problemlösefähigkeit fördern, ihren Umgang mit Stress üben und damit ihre Resilienzfähigkeit stärken sollen. Nota bene: Die Broschüre enthält auch hilfreiche Kopiervorlagen.

Teil 3 stellt die Ergebnisse einer Evaluation des Programms vor und erörtert Fragen des Untersuchungsdesigns sowie der eingesetzten Instrumente. Bei der Auswertung der im Rahmen der Evaluation erhobenen Daten konstatieren die Autor_innen mit aller Vorsicht positive Effekte des Programms und plädieren dafür, bei der Implementierung in den Grundschulbereich weitere Verfeinerungen wissenschaftlich begleiten zu lassen.  

Zielgruppe

Hier ist in erster Linie an das pädagogische Personal an Grundschulen zu denken. Hilfreich ist diese Broschüre sicherlich auch für Lehrende und Studierende der Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit. Verwendung finden könnte sie aber auch in der Offenen Kinderarbeit, also bei den sozialpädagogischen Kräften in diesen Einrichtungen.

Diskussion

Resilienz kann, so der heutige Forschungsstand, gefördert werden. Planbar ist die Entfaltung von Resilienz allerdings nicht. Man geht davon aus, dass sich einzelne Fähigkeiten fördern lassen, die insgesamt dazu beitragen, dass sich resilientes Verhalten entwickeln kann. Dazu können solche Programme mit ihren Übungen sicherlich einen nützlichen Beitrag leisten.

Resilienzförderung zielt natürlich zuvörderst auf Kinder mit einem besonderen Entwicklungsrisiko ab. Angeführt werden in der Broschüre vor allem Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte, mit AD(H)S-Symptomatik, mit einer Lernschwäche oder geistigen Behinderung, Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen und schüchterne Kinder. Leider fehlt an dieser Stelle der besondere Blick auf Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen, die bekanntlich häufig mehrfachen Risiken ausgesetzt sind. Hier müssten die Schulen eine besondere Sensibilität für das soziale Profil der Schülerschaft entwickeln, zumal solche Mädchen und Jungen nicht dazu neigen, ihre familiäre Situation offenzulegen, sondern sie eher überdecken und verbergen. Dieser Aspekt wäre dann auch bei den Antworten und Verhaltensweisen der Kinder im Rahmen der konkreten Übungsschritte zu berücksichtigen.

Dennoch: Die in der Broschüre vorgestellten Übungen dürften geeignet sein, Kinder zum aktiven Mitmachen zu animieren. Sie sollten für alle teilnehmenden Kinder des Klassenverbands hilfreich sein und dabei im Einzelfall auch diejenigen Kinder „unauffällig“ erreichen, die besonderen Förderbedarf haben. Insofern wirkt das Programm auch nicht-stigmatisierend, weil die Übungen die gesamte Klasse miteinschließen.

In der Schlussreflexion werden die Kinder angehalten, ihre Erfahrung während der Übungen zu bewerten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt müsste dann auch problematisches oder obstruktives Verhalten zur Sprache kommen, aus dem sich ggf. die Notwendigkeit zusätzlicher Förderung ableiten ließe. Bei solchen Kindern könnte dann auch die Schulsozialarbeit zum Einsatz kommen.

Fazit

Schulen sind zwar nicht in erster Linie sozialarbeiterische Einrichtungen; dennoch fällt es auch in ihren Aufgabenbereich, zur individuellen Entwicklung der Kinder nachhaltig beizutragen. Bleibt zu hoffen, dass die künftige Richtung der Bildungspolitik den Belangen solcher Programme eher mehr Aufmerksamkeit schenken wird als bisher. Das pädagogische Personal wird auf jeden Fall gefordert sein, eine glückliche Balance zwischen gruppendynamischen Prozessen und dem Blick auf den Einzelfall zu wahren. Dazu gehört, gerade auch jene Kinder wertzuschätzen, bei denen Resilienzförderung nicht im ersten Anlauf gelingt. Das Programm bietet Chancen, Resilienzförderung auf spielerischem, kindgerechtem Weg zu betreiben, ohne dass die Entfaltung von Resilienzpotenzial zur nächsten Leistungsanforderung für die Kinder wird.


Rezension von
Prof. Dr. Margherita Zander
Lehrt an der FH Münster, Fachbereich Sozialwesen, Sozialpolitik. Schwerpunkte in der Lehre: Sozialstaat, Kinderarmut, Migration, Genderfragen. Schwerpunkte in der Forschung: Kinderarmut und Resilienz.
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Zitiervorschlag
Margherita Zander. Rezension vom 16.12.2020 zu: Klaus Fröhlich-Gildhoff, Jutta Kerscher-Becker, Sibylle Fischer: Prävention und Resilienzförderung in Grundschulen – PRiGS. Ein Förderprogramm. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-02954-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27182.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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