socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Matthias Euteneuer, Uwe Uhlendorff: Familie und Familienalltag als Bildungsherausforderung

Cover Matthias Euteneuer, Uwe Uhlendorff: Familie und Familienalltag als Bildungsherausforderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 329 Seiten. ISBN 978-3-7799-3895-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Ziele des Buches

Das Buch geht der Frage nach, „wie Eltern heutzutage Vorstellungen eines guten Familienlebens entwerfen und weiterentwickeln“ (aus dem Klappentext). Dabei beobachten die Forscher auf empirischer Grundlage welche Familienkonzepte Erwachsene mitbringen und ob bzw. wie sie diese im Lauf der Familiengründung beibehalten und erweitern und/oder verwerfen und neu justieren. Je nachdem stellen sich ihnen sehr unterschiedliche Aufgaben, die sich in ihrer Besonderheit aber jeweils als typisch und folgerichtig erweisen. Damit stellt das Buch ein relativ unkompliziertes Analyseinstrument zu Verfügung, mit dem die aktuelle Situation von Familien und die zukünftigen Aufgaben, die sich ihnen stellen, genau erfasst werden können. Damit erhalten Mitarbeiter*innen aus den Bereichen Elternbildung und Familienhilfen erstmalig die Möglichkeit ihre Angebote passgenau zu den Eigenthemen von Familien zu entwickeln.

Autoren

Dr. phil. Matthias Euteneuer war lange Jahre Partner bei zahlreichen Forschungsprojekten von Uwe Uhlendorff und lehrt seit 2018 Soziale Arbeit an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf

Dr. disc.pol. habil. Uwe Uhlendorff lehrt Sozialpädagogik und ihre Fachdidaktik an der Technischen Universität Dortmund, Fakultät Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie

Inhalt

Kapitel 1 stellt den theoretischen Rahmen der Studie dar. Auf dem Hintergrund der Diversifizierung und Dynamisierung von familialen Lebensformen verändern sich die Bildungsherausforderungen an Eltern, insbesondere was die Übergänge von einer Familienphase in die Nächste betrifft. Mehrere theoretische Ansätze kommen für die Konzeptualisierung dieser Aufgaben in Frage. Man kann sie im Zusammenhang mit „Familialen (Selbst-)Bildungsprozessen untersuchen, unter der Perspektive von „Familie als Lern- und Bildungsmilieu“ oder – wie neuerdings – den Fokus auf die Alltagspraxis und ihre interaktiven Dynamiken lenken wie es Doing Familiy, Doing Parenthood oder Doing Gender tun. Von Uhlendorff kennen wir seit den Sozialpädagogogischen Diagnosen den Schwerpunkt auf (durchaus von außen unterstützte) Selbstbildungsprozesse (Mollenhauer/​Uhlendorff 1992 und 1995, Uhlendorff 1997). Als zweiter zentraler Begriff fungiert im neuen Buch die Idee von Familienkonzepten d.h. mehr oder weniger bewussten, in jedem Fall aber affektbesetzten inneren Leitideen, die beide Partner in die neu gegründete Familie mitbringen und aufeinander abstimmen müssen. Dabei lässt sich die Struktur dieses Konzept hinsichtlich dreier Zeitdimensionen und zweier Bezugspunkte bestimmen: Zum einen geht es um Gegenwart (das aktuelle Konzept), Vergangenheit (das gelebte Konzept der Herkunftsfamilie) und Zukunft (das angestrebte Familienkonzept; wohin wollen wir uns entwickeln?). Als aktuelle Bezugspunkte kommen dabei – neben der evt. weiter wichtigen Herkunftsfamilie – zum einen die Familienkonzepte anderer Familienmitglieder in Frage, die zum Teil erhebliche Unterschiede untereinander aufweisen können so wie gesellschaftliche Leitbilder, mit denen man sich wohl oder übel auseinandersetzen muss, weil hier normative Erwartungen formuliert werden, zu denen man sich als Familie positionieren muss.

Kapitel 2 stellt die Anlage und den Verlauf der Studie vor. Sie ist als „qualitative Längsschnittstudie angelegt, in der (so weit möglich) Elternteile von 56 Familien zu ihren Familienkonzepten befragt werden sollten und zwar in zwei Erhebungsphasen: Zu Beginn des Projekts und nach 18 Monaten“ ebd. 31). Die Elternteile sollten zu ungefähr gleichen Teilen aus präventiven Settings der Elternbildung rekrutiert werden und so wie aus Familienhilfen im Rahmen einer Erziehungshilfe. Das Forschungskonzept ließ sich mit ein paar Verschiebungen auch umsetzen. In der ersten Welle konnten 68 Interviews mit 58 Familien geführt werden; in der zweiten Welle 33 Interviews aus einem Sample von 31 Familien. Etwa ein Viertel wiesen einen Migrationshintergrund auf.

Als besonders originell kann die Methode zur Generierung von Material zu den Familienkonzepten angesehen werden. Die Eltern bekamen während der Interviews Playmobilfiguren zu Verfügung gestellt, um das von ihnen Berichtete (wie war es in meiner Herkunftsfamilie oder wie ist es aktuell?) mit Hilfe von selbst arrangierten kleinen Szenen zu ergänzen. Diese wurden fotographisch festgehalten und im Forscherteam zusätzlich zu den Interviews ausgewertet. Damit stand neben der verbal-reflexiven auch eine visualisierende, kreative Handlungsebene zu Verfügung, die anders akzentuierte Einblicke mit häufig erstaunlichem Verdichtungsgrad erlaubte (siehe z.B. im Buch die Fotos auf S. 203, 205 und 221). Beide Zugänge ergänzten sich sehr gut.

Kapitel 3 stellt die familiale Alltagsgestaltung im biographischen Wandel vor. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Eltern bereits andere Familienkonzepte entwickelt haben, als sie in ihrer Herkunftsfamilie erlebt haben oder ob dies gern tun würden? Um Familienkonzepte differenziert erfassen zu können, wurden von den Forschern folgende Fragekategorien vorgegeben, um die Komplexität der früheren bzw. bereits veränderten Konzept zu erfassen:

  • Erziehungskonzepte
  • Balance von Selbstsorge und familiale Fürsorge
  • Arbeitsteilung im Paar
  • Zeitliche Organisation des Familienalltags
  • Paarbeziehung
  • Familiale Netzwerke

Damit sind etliche Kategorien vorgegeben, die sich schon bei den „Sozialpädagogischen Familiendiagnosen“ (Uhlendorff u.a. 2006) als relevant erwiesen haben. Interessant ist es nun zu sehen wie definiert sich der Merkmalsraum in Bezug auf diese Kategorien aufspannen lässt und wie unterschiedlich die Typenbildungen dabei ausfallen können. Im Rahmen der Rezension kann das nicht für alle sechs Kategorien dargestellt werden. Ich beschränke mich hier auf das – auch für Erziehungshilfeeinrichtungen besonders relevante – Zusammenspiel von Grenzen-setzen und Machen-lassen. Den Merkmalsraum definieren die Forscher durch die beiden Begriffe „direkte Kontrolle“ und „Perspektivenübernahme“. Eine ebenso knappe wie sinnvolle Festlegung, die sich dazu eignet sieben Differenzierungen von Erziehungskonzepten hinsichtlich dieses Themas zu rekonstruieren, die sich teils auf das Erleben in der eigenen Herkunftsfamilie beziehen. Diese sieben aus den Interviews rekonstruierten Typen lassen sich charakterisieren mit:

  1. Selbstentfaltung fördern (geringe Kontrolle, ausgeprägte Perspektivenübernahme)
  2. Setzen auf Autonomie (geringe Kontrolle, wenig Perspektivenübernahme)
  3. Freiheit in Grenzen (begrenzte direkte Kontrolle, starke Perspektivenübernahme)
  4. Respektvolles Kind und eine gute Ausbildung (wenig direkte Kontrolle, wenig Perspektivenübernahme)
  5. Kinder brauchen Grenzen (direkte Kontrolle, ausgeprägte Perspektivenübernahme)
  6. Gehorchen ist wichtig (starke direkte Kontrolle, kaum Perspektivenübernahme)
  7. Uneinigkeit der Eltern (damit auch unterschiedliche, das Konzept des anderen In Frage stellende Formen von Kontrolle und Perspektivenübernahme)
  8. Ambivalentes Erziehungskonzept (Spannungen und Widersprüche sind hier eher in einer Person angesiedelt, nicht wie bei 7 zwischen Personen).

Wenn ich diese (wie viele andere) Ergebnisse betrachte, wird mir klar, dass es z.B. Erziehungsberatungsstellen, aber auch Heimeinrichtungen über Jahrzehnte versäumt haben die (aktuellen, aber auch mitgebrachten) Erziehungskonzepte ihrer Klienten in ähnlich differenzierter Weise abzufragen und/oder einzuschätzen. Meinen Praxiserfahrungen zufolge, kann kaum ein Sozialpädagoge die Erziehungskonzepte der Eltern, mit denen er arbeitet, diagnostisch so klar wiedergeben. Was doch nötig wäre, wenn man diesbezüglich Aufklärung betreiben bzw. intervenieren möchte, insbesondere wenn Eltern sich im Bann von Familienkonzepten bewegen, die sie eigentlich gerne verlassen würden. Freilich stellt sich dabei die Frage, wie man sich das Verhältnis von Erziehungskonzept und Erziehungspraxis vorstellen muss. In vielen Fällen wird das Konzept das tatsächliche Handeln im Alltag anleiten im Sinne eines inneren Arbeitsmodells. Bei anderen Eltern muss man wahrscheinlich davon ausgehen, dass es immer wieder auch zu Abweichungen und Brüchen zwischen Konzept und Verhalten kommt (wie z.B. bei 8. siehe oben). Darauf könnte das Buch etwas genauer eingehen.

Wie sehen nun die Veränderungen aus, die Eltern zwischen den von ihnen selbst erlebten und den neu etablierten bzw. gewünschten neuen Familienkonzepten aus? Euteneuer und Uhlendorff bezeichnen sie als Transformationspfade, weil sie davon ausgehen, dass Familien keine in sich geschlossenen statischen Einheiten sondern dynamische Gebilde mit permeablen Grenzen sind. Konkret bedeutet das für das Konzeptelement Kinder-begrenzen versus Machen-lassen sieben Transformationspfade in den Blick rücken, die sich drei Blöcken (A – C) zuordnen lassen:

a) Drei zeichnen sich durch Weiterführung bzw. geringfügige Veränderungen aus und zwar alle aus den Typen, die sich durch deutliche Perspektivenübernahme charakterisieren ließen. Detailliert handelt es sich hier um

  • klare Fortführung des bisherigen,
  • etwas stärkere Verschiebung hin zu mehr Freiräumen,
  • etwas stärkere Akzentuierung hin zu mehr Kontrolle.

b) Drei deutliche Transformationen, die zu einem mehr an Perspektivenübernahme führen, aber in drei verschiedenen Mischungsverhältnissen

  • deutlich mehr Perspektivenübernahme und mehr Freiräume,
  • deutlich mehr Kontrolle im Sinne von direkterer Fürsorge und Kontrolle,
  • deutlich mehr Perspektivenübernahme bei Beibehaltung von hoher Kontrolle.

c) Zwei nur begrenzt gelungene Veränderungsversuche, die zu Ambivalenzerfahrungen in der aktuellen Familienerziehung führen. Man hatte sich Veränderungen vorgenommen, sieht diese aber gescheitert an, weil man sich mit relevanten Anderen über die Art der Veränderung nicht verständigen konnte oder auf Grund eigener Belastungen, die Kraft nicht aufbringen konnte, die dafür notwendig ist.

Auch hier besticht die Studie durch sehr präzis beschriebene Ergebnisse, die deutlich machen, wie viele unterschiedliche Entwicklungswege Eltern gehen wollen und können; aber auch woran sie dabei scheitern können. Ich kann mir vorstellen, dass Bilanzen wie die oben geschilderten unmittelbar an das Selbsterleben von Eltern anknüpfen und sie bei aller Selbsttätigkeit über solche passgenauen Spiegelungen Kraft und Motivation für weitere oder die noch ausstehenden Veränderungen finden können.

Kapitel 4 fasst die mittel- und längerfristigen Entwicklungen ins Auge, die Familien – meist aus der Dynamik eines eigenen Bildungsprozesses heraus, bisweilen aber auch als Antwort auf gesellschaftliche Leitbilder und in einzelnen Fällen auch unter Druck von außen, gestalten. Sechs übergeordnete Themen und Bewegungen werden dabei deutlich, die Euteneuer und Uhlendorff als Bildungsbewegungen bezeichnen. Diese betreffen die Veränderungen, die die Eltern im Lauf von 18 Monaten (zwischen der ersten und der zweiten Befragungswelle) gestaltet haben. Von Veränderungen, die in 68 Interviews angesprochen wurden, ließen sich immerhin 65 einer der folgenden sechs Bildungsbewegungen klar zuordnen (für die Häufigkeitsverteilung siehe die Anzahl jeweils in Klammer) (Graphik ebd. S. 168 und die Zusammenfassung S. 310 - 315).

  • Einige Familien bleiben ihrem Herkunftsmodell verbunden sehen sich zu einer gewissen Adaption desselben veranlasst und suchen dabei nach funktionalen Äquivalenten für das, was man aufgeben musst oder verloren zu haben meint (16 von 65).
  • Einige Familie sehen sich aufgrund einer kritischen Bilanz quasi gezwungen sich vom Herkunftsmodell abzuwenden und ihre Familie sozusagen auf neue Füße zu stellen, was mehr oder weniger gut gelingen kann (2 von 65)
  • Andere Familien arbeiten sich an ihrem/​ihren Herkunftsmodell(en) ab; es stellt für sie gleichermaßen einen Anspruch dar, den sie einlösen wollen, wie etwas zu Überwindendes dar, was zu einem ganz eigenen Transformationsprozess führt (12 von 65) der Auswahl und Neujustierung verlangt
  • Wieder andere Familien setzen sich verstärkt mit aktuellen, gesellschaftlichen Leitbildern auseinander, weil sie ein Familienleben auf der Höhe der Zeit leben wollen. Deswegen stellen sie traditionelle Modelle in Frage stellen und verlangen von sich Modernisierungen, was gelingen, aber auch scheitern kann (10 von 65)
  • Einige wenige Familien müssen sich aber auch damit auseinandersetzen, dass die von ihnen praktizierte Fürsorge in den Augen Anderer nicht ausreicht und sie sich entwickeln müssen, um ihre Kinder vor Schaden zu bewahren und selbst nicht Adressat*in von aufgenötigten Hilfen zu werden (7 von 65)
  • Andere Familien leben – gewollt oder ungewollt – in einer bestimmten vom Durchschnitt abweichenden Familienkonfiguration; sie wollen Familienmodelle und Konzepte leben, die vom Mainstream abweichen, aber sie müssen zugleich dafür sorgen, dass Unterschiede und Spannungen zu anderen Formen nicht zu dominant werden.

Alle sechs unterschiedlichen Bildungsbewegungen werden im Buch mit Beispielen aus Interviews und Fotos aus der Playmobilaufstellung von Familienszenen hinterlegt, was das Lesen zu einer ethnographischen Reise in den Familienalltag werden lässt.

Kapitel 5 ist mit Resümee überschrieben. Hier legen die Forscher*innen offen, dass das kategoriale Gerüst, in das sie die Bildungsbewegungen eingeordnet haben, durch binäre Strukturen geprägt ist. Es geht dabei um Spannungen, die ausbalanciert werden müssen wie die zwischen Fürsorge für die Kinder (und den Partner) und Selbstsorge (dem Verfolgen eigener Interessen) oder zwischen Kontrolle und Machen-lassen in Bezug auf die Kinder oder zwischen gerechter, überprüfbarer Arbeitsteilung zwischen den Partnern und einem Modell, das auf Eigeninitiative und Freiwilligkeit beruht oder zwischen einer Orientierung an den Bedürfnissen des Paares oder denen der Kinder. Für alle diese Spannungen müssen im Familienleben Balancen und Ausgleichsbewegungen gefunden werden. Ob diese binäre Konstellation (so oder so) aus Interviews herausgelesen wurden oder an sie als Ordnungsgerüst herangetragen wurden, lassen die Forscher offen (auf andere Aspekte des Resümees gehe ich bei Diskussion ein), was zumindest in einer konstruktivistischen Perspektive kein Problem darstellt, aber forschungstheoretisch Fragen aufwirft.

Diskussion

Der amerikanische Familientherapeut Harry Gooslishian (1990) berichtete in einer Konferenz kurz vor seinem Tod von einem Forschungsprojekt, in dem Familien über ihren Alltag und ihre Lösungsstrategien für Konflikte und Spannungen befragt wurden. Andere Familien erhielten dagegen Familientherapie mit Blick auf die von ihnen angegebenen Probleme. Bei einer Auswertung drei Jahre später zeigte sich, dass die „nur“ befragten Familien etwas mehr für ihre Weiterentwicklung profitiert hatten als die therapierten Familien. Goolishian hielt dieses Ergebnis für ein Resultat der strikten Begrenzung auf interessante Fragen ohne Veränderungsintention, die die Familie dazu angeregt hätten, über sich nachzudenken und sich weitere Fragen zu stellen, mithin für eine Folge von mehr Reflexivität. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt (Goolishian war ein begnadeter Geschichtenerzähler), denn meine diesbezüglichen Recherchen am Galveston Institut in Texas erbrachten keine Ergebnisse. Aber die Geschichte kam mir in den Sinn, als ich las, dass auch Euteneuer und Uhlendorff die Interviews, die sie durchgeführt haben, als „Katalysatoren von Bildungsprozessen“ betrachten. Interesse für Details der Alltagsgestaltung und für die diesen organisierenden Arbeitsmodelle (die Familienkonzepte) aufzubringen, lohnt sich: wer weckt die Kinder, wer wäscht die Wäsche, wie oft isst man gemeinsam zu Abend, wie oft hat das Paar Zeit für Sex etc. etc. Alle diese Aktivitäten stellen wichtige Bausteine dar, die zu einer Prävalenz von Wohlsein oder von Spannungen in der Familie führen. Dabei macht es Sinn, davon auszugehen, dass es sich dabei nicht in erster Linie um Zufallsabhängige interaktive Einspielungen handelt, sondern dass dafür (Familien)Konzepte, Glaubenssätze und innere Bilder verantwortlich sind, warum man etwas so oder anders macht. Diese enge Verbindung von Konzepten und Praktiken herausgearbeitet und aufgezeigt zu haben wie vielfältig der Alltag in Familien aussehen kann, scheint mir das große Verdienst der Studie von Euteneuer und Uhlendorff. Dazu kommt, dass sie aufgezeigt haben, dass sich Familien entwickeln. Sie verändern sich entlang von Bildungsaufgaben, die sie sich selbst stellen und die sie selbst angehen. Nicht allen gelingt das alleine. Manche brauchen dazu Unterstützung von außen. Aber diese muss an ihre eigenen Konzepte und Bildungsideen anknüpfen. Ansonsten bleiben es Interventionen, denen man sich unterwirft oder die man unterläuft oder gegen die man sich wehrt. Die Studie liefert einen breit aufgestellten Fragenkatalog und eine visualisierende Methode, mit dem man den aktuellen Stand einer Familie erfassen und ihre aktuellen Konzepte und Fragen kennen lernen kann. Um so möglichst passgenau daran anzuknüpfen und sie bei ihren eigenen Bildungsbewegungen zu unterstützen.

Fazit

Mich beeindruckt die Kontinuität, mit der Uwe Uhlendorff seit mehr als 30 Jahren seinen Forschungsfokus auf Eigenthemen und Selbstbildungsprozesse von Systemen legt. Diese standen schon im Mittelpunkt der „Sozialpädagogischen Diagnosen“ (vor allem in Band 1) wie auch der „Sozialpädagogischen Familiendiagnosen“. Dabei blendet Uhlendorff (und mit ihm Euteneuer) niemals den gesellschaftlichen Rahmen und dessen normative Erwartungen aus. Sie übersetzen diese in Entwicklungsaufgaben, die sich Einzelnen oder Familien stellen. Sie werden dann angegangen, wenn dabei eben auch die eigenen Themen und Selbstbildungsimpulse mit einfließen können. Das zu sehen und mit zu arrangieren, scheint mir die Kernaufgabe von allen Fachkräften, die mit Familien arbeiten, sei es in präventiven oder interventiven Zusammenhängen. Was Familien bewegt und wie sie sich selbst schon bewegen, dafür liefert die neue Studie vielfältige Anregungen. Insofern kann ich das Buch allen, die mit Familien arbeiten – Familienhelfer*innen, Erziehungsberater*innen, Bildungsreferent*innen, aber auch den Beschäftigten in KiTas und Schulpsycholog*innen etc. – wärmstens empfehlen. Der Forschungsinteressierte wird in diesem Buch einen empirischen Ansatz und eine Umsetzung kennenlernen, die sich durch große Stringenz und Originalität auszeichnen. Insofern ein gleichermaßen spannendes Buch für Theoretiker und Praktiker*innen der Jugendhilfe.

Literatur

Goolishian, H. (1990) Menschliche Systeme als sprachliche Systeme. In: Familiendynamik Heft 15, 1990, S. 212–243.

Mollenhauer. K./Uhlendorff, U. (1992) Sozialpädagogische Diagnosen Bd. 1: Über Jugendliche in schwierigen Lebenslagen, Weinheim und München

Mollenhauer, K./Uhlendorff, U. (1995) Sozialpädagogische Diagnosen Bd.2 Selbstdeutungen verhaltensschwieriger Jugendlicher, Weinheim und München

Uhlendorff, U. (1997) Sozialpädagogische Diagnosen Bd.3 Ein sozialpädagogisches hermeneutisches Instrument zur Hilfeplanung, Weinheim und München

Uhlendorff, U./Cineast, S./Marthaler, T: (2006) Familiendiagnosen. Deutungsmuster familiärer Belastungssituationen und erzieherischer Notlagen in der Jugendhilfe. Weinheim und München


Rezension von
Prof. Dr. phil. Mathias Schwabe
Diplompädoge, Professor für Methoden an der Evangelischen Hochschule Berlin, Systemischer Berater (IGST und SIT), Supervisor, Denkzeittrainer.
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von Mathias Schwabe anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Mathias Schwabe. Rezension vom 16.11.2020 zu: Matthias Euteneuer, Uwe Uhlendorff: Familie und Familienalltag als Bildungsherausforderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3895-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27183.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung