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Peter Rahn, Karl August Chassé: Handbuch Kinderarmut

Cover Peter Rahn, Karl August Chassé: Handbuch Kinderarmut. UTB (Stuttgart) 2020. 380 Seiten. ISBN 978-3-8252-5356-1. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Das Handbuch Kinderarmut bietet einen Überblick über den aktuellen interdisziplinären Forschungsstand sowie die überaus komplexe Thematik der Kinder- und Jugendarmut. Seit rund 20 Jahren tragen so gut wie alle sozialwissenschaftlichen Disziplinen ihre jeweiligen Fragestellungen an das Phänomen der Kinderarmut heran, seien es politische, ökonomische, rechtliche, soziale, erzieherische oder psychologische Aspekte. Darüber hinaus existiert eine Fülle von quantitativen und qualitativen Untersuchungen, sodass die Forschungslandschaft inzwischen unübersichtlich geworden ist. So ist es erklärtes Anliegen des Handbuchs, den „Diskurs nicht zu glätten, sondern der Darstellung unterschiedlicher Positionen Raum zu geben.“ (16)

Herausgeber

Peter Rahn ist seit 2010 Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen. Sein Forschungsschwerpunkt ist unter anderem die soziale Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen und ihre Bewältigungsstrategien.

Karl August Chassé ist emeritierter Professor am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Jena. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Theorie und Geschichte der sozialen Arbeit, Heimerziehung, Hilfen zu Erziehung, Armut und Kinderarmut sowie die Kinder- und Jugendhilfereform.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch bildet auf 388 Seiten und in 37 Kapiteln eine große Bandbreite des Themas Kinderarmut ab. Da jedes Kapitel nur rund 10 Seiten inklusive Literaturangaben umfasst, geben die Texte in erster Linie einen einführenden Überblick oder stellen den aktuellen Forschungsstand verschiedener Studien bzw. der eigenen wissenschaftlichen Arbeit dar. Den Herausgebern ist es gelungen, zahlreiche renommierte Autor*innen zu gewinnen, die bereits seit vielen Jahren zum Thema forschen, wie Nadine Seddig, Carolin und Christoph Butterwegge, Ronald Lutz, Gerda Holz und Margherita Zander.

Der erste Teil gibt einen kompakten Überblick über die Zugänge zum Thema Kinderarmut, wozu die zahlreichen Definitionen des Phänomens ebenso gehören, wie die Umstände in denen es gemeinhin auftritt, vor allem die Einkommensarmut der Eltern. Dabei wird deutlich, dass die Konsequenzen der Armut für Kinder wesentlich schwerer sowie auch ihre Handlungsmöglichkeiten wesentlich geringer ausfallen, als bei ihren Eltern, weshalb heute davon ausgegangen wird, dass eine Lösung des Problems mit der gesonderten Betrachtung der Situation der Kinder beginnen sollte (17). Besonders lohnend in diesem Teil ist der Forschungsüberblick von Nadine Seddig. Hier und an anderen Stellen des Buches wird immer wieder die Perspektive der Kinder erwähnt (so etwa im selben Band Peter Rahn), die ein Forschungsdesiderat darstellt. Ferner gibt es zu wenig quantitative Daten, die zahlreiche qualitative Erhebungen sinnvoll ergänzen können.

Jörg Reitzig gibt einen guten Überblick über die Schieflagen von abhängiger Arbeit, Renten und staatlichen Transfers im Verhältnis zum stetigen Anwachsen des Reichtums in Gesellschaften wie Deutschland. Dies berührt das für die Kinderarmut zentrale Phänomen der Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Einkommen sowie Transfer- und Sozialleistungen, die eben nicht nur finanzielle, sondern vor allem Teilhabe- und Verwirklichungsoptionen einschränken (69).

Auch Sonja Fehr weist im zweiten Teil des Buches darauf hin, dass es vor allem strukturelle Gründe sind, die Kinder in Armutslagen verbleiben oder sie wiederholt erleben lassen. Dies führe zu nachhaltigen Spaltungen, die nicht zuletzt den sozialen Zusammenhalt gefährden (101).

Der zweite Teil beleuchtet die Dimensionen der Kinderarmut vom Aspekt der Dauer der Armut bis hin zu verschiedenen Kontexten der Betroffenen, wie etwa ein ländlicher Lebensraum, Migration, Geschlecht, Gesundheit, Bildungsangebote einschließlich digitaler Kompetenzen, Segregationseffekte und nicht zuletzt die Perspektive der Kinder selbst. Hier liegt ein Schwerpunkt des Handbuchs. Christoph Butterwegge knüpft an die Thesen von Reitzig an und weitet sie auf zentrale politische Präventionsmaßnahmen in der Familien-, Bildungs- sowie Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik aus (278 f.).

Welche Möglichkeiten bei der Bekämpfung von Kinderarmut Institutionen wie Kindertageseinrichtungen, Schulen, Sozialarbeit, außerschulische Freizeitangebote sowie die Jugendhilfe bereitstellen, und welche Limitierungen sie erfahren, ist Thema des dritten Teils. Die theoretischen Erkenntnisse leiten unweigerlich über in den vierten Teil, der das zentralen Problem der Prävention von Kinderarmut in den Blick nimmt. Gemeinsame Anstrengungen der Politik auf allen Ebenen sind gefordert; nicht zuletzt seit Kinderarmut in den kontinuierlich vorgelegten Kinder- und Jugendberichten der Bundesregierung sowie der nationalen Armuts- und Reichtumsberichterstattung zu einem zentralen Indikator der Sozialberichterstattung geworden ist (284). Kommunale Präventionsketten stellen den jüngsten Versuch dar, langfristige Unterstützungsnetzwerke für Kinder aufzubauen. Dabei wird den strukturellen Gründen für Kinderarmut durch integrierte Hilfen und Förderungen von der Geburt bis zum Beginn der Berufsausbildung organisiert begegnet (302). Detlef Baum stellt ähnlich integrierte Handlungskonzepte am Beispiel sozialräumlicher Gestaltung auf lokaler Ebene dar (311), sind es doch die konkreten Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen, die Armut zu einem Problem mit langfristigen Auswirkungen machen.

Nur kurz wirft das Buch im fünften und letzten Teil ein Schlaglicht auf utopische Ideen zur aktuellen Lebenssituation von Kindern: die Weiterentwicklung der Kinderrechte, die Umsetzung des Kinder-Grundeinkommens, als auch grundlegende Ermöglichungsperspektiven, der Ungleichheit zu begegnen, wie sie etwa im Capability Approach oder im Begriff des Concerns bei Margaret Archer im Fluchtpunkt eines ethisch gefassten ‚guten Lebens‘ ausformuliert sind.

Diskussion

Das Kompendium bietet dank eine Auswahl zentraler Themen einen nützlichen Einstieg, die Kinder- und Jugendarmut für Studierende – insbesondere der Kindheitspädagogik, Pädagogik, Sozialarbeit und Sozialpädagogik – sowie ihre Lehrenden und Praktiker in den entsprechenden Berufen handhabbar macht. Es festigt die Einsicht, dass Kinderarmut nicht nur multiperspektivisch beschrieben, sondern auch ausschließlich interdisziplinär und interinstitutionell zu lösen ist. Diese Einsicht steht immer noch im Widerspruch zu den auch hier wieder diskutierten definitorischen Schwierigkeiten, das Thema zu fassen. Ferner bietet das Buch wenig Innovation, sondern stellt – ganz im Sinne eines Handbuchs – den aktuelle „Stand der Dinge“ zusammen. Dass hier Beiträge von Praktikern und Wissenschaftlern, aus Universität und Fachhochschule sowie den Fächern Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit, Politikwissenschaften und Soziologie zusammenkommen, macht das Buch zu einem wertvollen Einstieg und einer lohnenden Orientierungshilfe in Fragen der Kinderarmut.

So löblich es ist, in der Redaktionsphase im Frühjahr 2020 die für Kinder und Jugendliche in prekären Lebenslagen besonders einschneidende Corona-Epidemie in den Blick zu nehmen und zu belegen „dass bisherige Forderungen zur Bekämpfung von Kinderarmut sinnvoll waren“ (15), so ärgerlich sind Nachlässigkeiten im Lektorat, wie fehlende Belege im Literaturverzeichnis aus dem Lauftext (86) sowie zahlreiche Tippfehler.

Fazit

Die komplexe Thematik der Kinder- und Jugendarmut stellt dieses ‚Handbuch Kinderarmut‘ umfassend dar. Es bietet einen Überblick der verschiedenen Handlungsfelder, in denen sich die jeweiligen professionellen Akteure mit Kinderarmut auseinandersetzen müssen, von Kindertageseinrichtungen und Schulen bis zu Jugendhilfe-Einrichtungen sowie Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik auf allen Ebenen. Gerahmt werden diese Perspektiven von Präventionsansätzen, wie etwa die neueren Versuche, der Problematik durch kommunale Präventionsketten Herr zu werden sowie generell die sozialräumliche Sicht zu stärken und durch die Darstellung der wissenschaftlichen Diskussionen aus politischer, ökonomischer, rechtlicher, sozialer, erzieherischer oder psychologischer Sicht mit dem jeweils aktuellen Forschungsstand. Daher stellt das Handbuch für Studierende, Lehrende und Praktiker der Sozialarbeit, Erziehnungswissenschaft, Politik und Sozialwirtschaft sowie auch der Verbandsarbeit ein hilfreiches Kompendium dar, das Orientierung und fundierte Analysen bietet.


Rezension von
Dr. Christine Kramer
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Zitiervorschlag
Christine Kramer. Rezension vom 13.01.2021 zu: Peter Rahn, Karl August Chassé: Handbuch Kinderarmut. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5356-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27202.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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