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Silke van Dyk: Soziologie des Alters

Cover Silke van Dyk: Soziologie des Alters. UTB (Stuttgart) 2020. 2. aktual. u. ergänzte Auflage. 220 Seiten. ISBN 978-3-8252-5456-8. 20,00 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Einsichten. Themen der Soziologie - 3.
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Thema und Autoren

In den vergangenen Jahren hat die alterssoziologische Forschung stark zugenommen. Sie soll Aufschluss über das Selbstverständnis und die Lebenssituation älterer Menschen geben und die gesellschaftlichen Einflüsse und Veränderungen nachzeichnen. Dieses Studienbuch führt in das komplexe Theorie- und Forschungsfeld der Alterssoziologie ein und nimmt das Alter als Lebensphase und als soziale Lage in den Blick.

Die Herausgeberin des Bandes ist Silke van Dyk, Professorin für Politische Soziologie am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.  

Inhalt

Die Publikation ist in fünf Teile mit Kapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einleitung“ im Teil I wird betont, dass es heute mehr Alter in der Gesellschaft gäbe als je zuvor und das in zweifacher Hinsicht: als absolute Zahl der älteren Menschen und mit Blick auf die politische, mediale und wissenschaftliche Thematisierung. Szenarien, dass die Gesellschaft sich das Alter in dieser Zahl und Größe nicht mehr leisten könne, sind allgegenwärtig. Es vollziehe sich gerade eine gesellschaftliche Neubestimmung des höheren Lebensalters. Die Bezeichnung „Alter“ ist zum Synonym für das höhere Lebensalter geworden, ohne genau zu bestimmen, wann diese Lebensphase genau beginne. Die Publikation verfolge das Ziel, in das Feld der kritischen Gerontologie und Alter(n)sforschung einzuführen.

In Abschnitt II „Eine Annäherung: Was ist Alter(n)? werden u. a. Dimensionen und Perspektiven, die historische Genese des Alters und die Ausdifferenzierung der Lebensphase beschrieben. Menschen alterten sowohl dem eigenen Erleben nach wie auch in der Außenwahrnehmung ungleichzeitig, so dass ein bestimmtes chronologisches oder funktionales Alter als unterschiedlich alt eingestuft werde. Die Neuen Alten stammten aus den gehobenen Sozialmilieus und sie würden etwa 25% der 55- bis 70-Jährigen ausmachen. Selbstverwirklichung, Kreativität, Persönlichkeitswachstum und Aufgeschlossenheit für das Neue stünden im Zentrum ihrer Lebensansprüche.

Im III. Teil stehen die „Theoretische Ansätze im Überblick“ im Mittelpunkt der Ausführungen. Erfolgreiches Altern könne man als grundlegende Fähigkeit betrachten, auf Herausforderungen des Selbst sowie auf biologische und ökologische Systeme angemessen und flexibel zu reagieren.

Im IV. Teil „Zeitdiagnosen und Kontroversen“ verschiebt sich der Fokus weg von den Theorien und Ansätzen hin zu zentralen Themen, Diagnosen und Kontroversen, die gesellschaftlich und soziologisch als „Mega-Trends“ diskutiert werden (S. 97). Die erste Problematisierung ist das starke Wachstum der älteren Menschen insgesamt, das auch rasant steigende Geburtenraten nicht mehr ausgleichen könnten. Das zweite Problem stellt die zunehmend pronatalistische Familien- und Sozialpolitik dar. So werde gefordert, eine wirksame bevölkerungsorientierte Familienpolitik abzusichern, wobei der Konflikt zwischen Eltern und Kinderlosen erwähnt wird, der insbesondere Frauen als vermeintliche Gebärverweigerinnen herausstelle. Ein weiteres Problem stelle dar, dass immer weniger Erwerbstätige die Mittel für immer mehr Rentner erwirtschaften müssten, wobei nicht entscheidend sei, wie viele Erwerbstätige für wie viele Renten aufkommen, sondern wie viel von diesen wenigen erwirtschaftet werde. Das vierte Problem sei, dass aus dem steigenden Bevölkerungsanteil Älterer ein Wandel bzw. Niedergang der Demokratie im Sinne der Entstehung einer wahlweisen Gerontokratie abgeleitet werde. Weitere Probleme der Generationengerechtigkeit zwischen arm und reich und der Umweltbelastungen, die Alte den Jungen verursachen würden werden ebenfalls erwogen. Die Neuverhandlung des Alters wird ebenso in den Blick genommen, indem ältere Menschen aktiver und selbstbestimmter, meint produktiver, ihren Ruhestand angehen sollten. So gäbe es eine relativ alterslose „Kontinuität des Erwachsenendaseins“ sowie einen als Bruch antizipierten Übergang ins abhängige hohe Alter (S. 133). Dass sich viele Menschen als alterslos empfänden, werde als Überlebensstrategie in einer altersfeindlichen Gesellschaft problematisiert.

„Poststruktualistisch-praxistheoretische Perspektiven auf die Analyse von Lebensalter“ sind Gegenstand des V. Teils. Die Autorin möchte die Diskrepanz zwischen der Konjunktur von Alterslob und Anerkennungsrhetorik bei gleichzeitiger Persistenz negativer Altersstereotype und diskriminierenden Praktiken aufzeigen. Empirische Studien zeigten, dass die abhängige Hochaltrigkeit in radikaler Weise de-humanisiert und als sozialer Tod mehrheitlich gefürchtet werde als das tatsächliche Lebensende. Das Alter(n) werde bekämpft – dafür stehe der riesige Anti-Aging-Markt – und nicht seine Stereotypisierung und Diskriminierung. Wenn man die Älteren weniger quantitativ vermessen würden und deren Alltagspraktiken mehr Bedeutung schenken würde, wäre das eine große Bereicherung für die Forschung zu Fragen des Lebensalters.

Fazit

Es ist eine Publikation zu einer Bindestrich-Soziologie der „Soziologie des Alters“, die darin besticht, dass hoch interessante gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert und nachgezeichnet werden, die eine Neuverhandlung des Alters in den Mittelpunkt der Ausführungen stellt. Trotz des wissenschaftlichen Charakters ist sie gut versteh- und lesbar. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die die komplexen Facetten des Alters tiefgründig beleuchtet.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 08.01.2021 zu: Silke van Dyk: Soziologie des Alters. UTB (Stuttgart) 2020. 2. aktual. u. ergänzte Auflage. ISBN 978-3-8252-5456-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27203.php, Datum des Zugriffs 22.06.2021.


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