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Ulrich Moser, Vera Hortig: Mikrowelt Traum

Cover Ulrich Moser, Vera Hortig: Mikrowelt Traum. Affektregulierung und Reflexion. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. 264 Seiten. ISBN 978-3-95558-249-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Es geht um die wechselseitige Durchdringung von Affekten und Reflexionen in Träumen, in therapeutischen und anderen Beziehungen, u.z. in kleinsten Schritten, „Mikrowelten“. Aufbereitet werden theoretische und praktische Ansätze aus der Fülle von 120 Jahren Psychoanalyse. Sehr spezifisch widmet sich das Autorenpaar seit den 1990er Jahren neuen Regeln für Traumcodierung mit dem Ziel leichterer Entschlüsselung von Fortschritten und Blockaden in der Persönlichkeitsentwicklung von Analysanden. Therapeuten müssen sich „einträumen“, um dem Prozess zu entsprechen.

Autor und Autorin

Ulrich Moser, Jahrgang 1925, Psychoanalytiker, war Psychologie-Professor in Zürich, veröffentlichte zur Neurosenlehre, Affekt- und Kognitionsforschung. Hervorzuheben sind seine Beiträge zur Computersimulation von Abwehrprozessen und Träumen. Vera Hortig ist Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Zürich. Eigene Veröffentlichungen zur kinderanalytischen Mikrowelt und zusammen mit Moser über neurotische Prozesse sowie Beziehungsmuster in Träumen.

Aufbau

Der Text bietet großenteils eine Neufassung von „Der geträumte Traum“ (1996 Moser und Zeppelin). Nun stehen Affektregulierung und Reflexivität im Zentrum der Diskussion.

  • Teil I beschreibt Entstehungsmodelle des Traums, das Zusammenspiel von affektiver und kognitiver Regulierung und das bildhafte Denken in Träumen.
  • Teil II bezieht eine Urerfahrung des Kindes auf ein räumliches Referenzsystem des Erwachsenen (Positionierung von Personen, Tieren und Objekten im Traum).
  • Teil III weist auf Bewegung und Starre von Traumfiguren hin (Trajektorien). Sie geben Auskunft über Distanzierung und Annäherung in Beziehungen.
  • Teil IV baut darauf auf und erläutert die sich nicht verändernden Situationen im Traum als Zeichen früher Störungen.
  • Teil V experimentiert mit „Transformationen“ in und von Träumen und entdeckt Spielräume des Träumers für seine Identitätsentwicklung.
  • Teil VI bringt Traum-Beispiele mit umfangreichen Codierungstabellen und eingehenden Interpretationen aus den Bereichen Depression und Borderline-Symptomatik.

Die letzten 30 Seiten enthalten das umfangreiche Literaturverzeichnis und Manuale zur Traumcodierung, wie das Autorenpaar sie als Instrument empfiehlt, um eigene verbal generierte Überlegungen zum Stand der Analyse zu überprüfen. 

Inhalt

Die Abfolge von durchnummerierten 71 mal kurzen, mal sehr langen Schritten auf über 200 Seiten liest sich wie ein überraschender Szenenwechsel einer Aufführung ohne Pause.

Beispiel: Wo ist der Traum? „Fanni will mit dem Lichtschalter spielen. Das geht nur, indem sie den Arm des Großvaters ergreift und mit ihm zum Lichtschalter geht. Jetzt kann sie das Licht anzünden und wieder auslöschen. Der Ort ersetzt die Sprache … Das Wo-System wird ausgedehnt durch die Bewegungen in den den Raum hinein, in den Raum hinaus. Das gilt auch für den Traum“ (S. 19). Die ersten Kinderjahre bilden immer neue „Mikrowelten“. Die affektive Regulierung der Mutter bestimmt anfangs die rudimentäre Regulierung des Kindes mit. Freud (1900) sah eine wichtige Funktion des Traums in der Wunscherfüllung. Wunsch ist eine kleine Mikrowelt, sie erlaubt Lösungsversuche. „Selbstorganisiert“ erhöht sich in Träumen Sicherheit. Traumorganisation als Zwischenspeicher.

Beispiel: „In einem Traum lehnt ein Mädchen am Geländer einer Brücke. Die Brücke und das Geländer verhindern, ins Wasser zu fallen, Funktion des Getragenwerdens“ (S. 42). Wasser ist lebensnotwendig und gefährlich zugleich. Das Spektrum kognitiver Zuschreibungen ist breit. Die Distanzierung (im Traum) – so kommentiert das Autorenpaar – verleugnet die Bedeutung des Therapeuten durch Neid oder Bewunderung.

Im Fall von Störungen führen Phantasien über sich selbst zu einer starren Grundstruktur, begleitet von Unwertgefühlen. Gelingt dagegen Selbstveränderung, bildet sich ein Selbstbild ohne Angewiesensein auf eine andere Person heraus. In der Gegenübertragung kann es geschehen, dass der Analytiker das nicht annehmen will oder nicht erkennt. Primäre Geborgenheit wird in einer guten Mutter-Kind-Beziehung gesehen. Die eigene Identität gründet auch im Gegenüber. So kommt es zwar zu einer affektiven inneren Präsenz mit dem Analytiker, aber die Gefahr ist, dass der analytische Prozess zum Refugium der Innigkeit und scheinbar gegenseitigen Einverständnisses wird. Der Wunsch nach Abhängigkeit und Betreuung durch die Mutter kann abgewehrt und in eine idealisierte Beziehung verwandelt werden. Der in der Therapie erzählte Traum widerspiegelt den Stand affektiver Erlebnismöglichkeiten des Träumers.

Traum-Beispiel Serge: „Ich wartete auf die Metro. Als sie ankam, sah ich, dass einige junge Leute Passagieren ihr Gepäck raubten. Ich war erstaunt, dass sie keinen Widerstand leisteten. Ich hatte Angst und stieg nicht in den Zug. Der Zug verließ dann die Station.“ Es ist darauf zu achten, inwieweit der Träumer, „Selbstprozessor“, als Zuschauer, Beobachter, Betroffener träumt und wieviel Kontrolle bzw. Kontrollverlust stattfindet. Leiden die Träumenden oder Mitwirkenden, „Objektprozessoren“? Bleiben oder werden sie handlungsmächtig? (S. 123-28)

Das Konzept von Fairbairn (1952), dass Introjekte auch Beziehungen repräsentieren, wird noch erweitert: Der Entwicklungsschritt der Trennung von Selbst und Objekt setzt Polarisierung voraus. Prüfstand sind die Wünsche, die zugleich gefährlich erlebt werden. Auf diesem Weg lohnt es sich, als Analytiker zu fragen: Wo ist das Selbst, wo ist das Über-Ich im Traum? Zu entdecken ist das auch in konkreten Gegenständen und Bildfolgen, nicht nur in Personen. Aus der Fülle der zitierten und interpretierten Träume wird zum Schluss der Initialtraum einer Frau mit Bulimia nervosa und Borderline-Persönlichkeit referiert. Wie schon Green (1999) belegte, fehlen in der Anfangsphase der Analyse Träume oder werden als unverständlich abgetan. Beides limitiert spontane Assoziationen von Borderline-Patienten. Umso aufschlussreicher finden Moser und Hortig das folg. Traumbild: „Ich sehe eine Frau im Fernsehen. Sie sieht nicht aus wie ich. Sie spricht meine Gedanken aus. Ich denke, das bin doch ich.“ Auf diese Weise kann die Analysandin keine Mikrowelt von Beziehungen entwickeln, somit auch keine Beziehung zur Analytikerin. Ihre Identität steht nicht fest. Die gesehene Frau wird inszeniert als Fernsehgesicht. Am Schluss versucht sie, sich selbst zu sehen, aber nur kognitiv, nicht als gefühlte Wirklichkeit. Affekte im Bereich des Involvements werden abgewehrt. (S. 219 f.) (Der Traum erinnert an Narziss‘ Entdeckung von sich selbst im Spiegel des Wassers, aber er ist seelisch erschüttert in Ovids Metamorphosen.)

Diskussion

Nimmt man das Buch zur Hand, springt einen gleich ein symbolträchtiges Gemälde von Max Ernst (1923) „Beim ersten klaren Wort“ auf dem Cover an. Geheimnisvoll nehmen Bild und sein Titel vorweg, worum es Moser und Hortig zu gehen scheint: Bestenfalls lüften wir einen Zipfel des Traumgeheimnisses. Wenn wir uns auf den Entwicklungsstand des Träumers einschwingen können, dann erfassen wir möglicherweise sogar etwas zu seinem Wohl.

Traumarbeit lebt also vom gegenseitigen Spüren und Vergegenwärtigen von dem, was Not tut. Für den Therapiefortschritt spielen die theoretischen Grundannahmen des Analytikers ebenso eine Rolle wie seine Einfühlung in Träumende. Die Codierung von Träumen kann in tabellarischer Form ihren Detailreichtum vor Augen führen. Sie ersetzt nicht, biografische Hinweise, Einfälle zum Traum zu sammeln und wagnisreich, konsequent zu deuten.

Fazit

Moser und Hortig legen tief schürfende und theoretisch fundierte Traum-Interpretationen vor. Die Literaturverweise aus allen Epochen der Psychoanalyse haben Kompendium-Vielfalt. Subjektstufiges Deuten ihres Landsmanns C. G. Jung erscheint in neuem Licht. Der Strom der informationstheoretischen Erklärungen kann nur andeutungsweise referiert werden. Dank eingängiger Kommentare des Autorenpaars können Leserinnen und Leser mit einer Fülle von Denkanstößen die eigene Traum- und Beziehungsarbeit mit Analysanden, Psychotherapie-Patienten, auch für die Paar- und Gruppenarbeit spannend und fruchtbar hinterfragen. Wer darüber hinaus das komplexe Codier-System zur Einschätzung von Prognose, Stand der Übertragung/Gegenübertragung, Ich-Entwicklung, Autonomie, Affektniveau u.a. nutzen kann, kommt doppelt auf seine Kosten. Dem gilt das besondere Interesse von Moser und Hortig. Aber als Herzstück des Buches erlebe ich, wie sie sich „ein- und austräumen“ in ihre Patienten und Ausbildungskandidaten.


Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 23.11.2020 zu: Ulrich Moser, Vera Hortig: Mikrowelt Traum. Affektregulierung und Reflexion. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-95558-249-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27218.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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