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Franziska Geib: Praktiken der Inklusion

Cover Franziska Geib: Praktiken der Inklusion. Rekonstruktive Inklusionsforschung in Early Excellence-Einrichtungen in Deutschland. Dohrmann Verlag (Berlin) 2020. 237 Seiten. ISBN 978-3-938620-52-6. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.
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Hintergrund

Das Buch ist die Veröffentlichung einer Dissertation, die 2019 von der Fakultät für Kulturwissenschaft an der Universität Paderborn angenommen wurde.

Die Autorin

Franziska Geib hat eine Hochschule Esslingen Soziale Arbeit studiert. Sie arbeitet mit hörbehinderten Menschen. Seit 2016 forscht Frau Seib zudem zu Inklusion im Kontext des Early-Excellence-Konzepts.

Aufbau des Buches

Dieses Buch geht der Frage nach, wie Inklusion als Haltung in Einrichtungen der Early-Excellence-Initiative tatsächlich auch umgesetzt wird. In der Einleitung gibt die Verfasserin eine Übersicht über die Arbeit und stellt das Forschungskonzept in Kurzfassung da. Dazu bedient sich die Verfasserin der rekonstruktiven Inklusionsforschung und untersucht, inwieweit dieses von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch tatsächlich praktiziert wird und nicht nur ein Leitbild der jeweiligen Einrichtung ist. Early-Excellence ist ein Konzept der Kinderbetreuung, das aus Großbritannien kommt und folgende Prinzipien als Grundlage hat:

  1. jedes Kind ist exzellent
  2. Eltern sind die Expert*innen ihrer Kinder
  3. die Einrichtungen öffnen und vernetzen sich.

Early-Excellence wird gelegentlich auch als Ansatz von Elitenförderung verstanden, dem ist ausdrücklich nicht so. Das Konzept geht davon aus, dass Eltern beziehungsweise Familien in die Arbeit mit einbezogen werden müssen, was zum Beispiel zu Familienzentren führen kann/soll und auch zu einer besonderen Vernetzung im Stadtteil. „Es vereint auf diese Weise die 3 wesentlichen Bestimmungsmomente moderner Frühpädagogik: die pädagogische Arbeit mit den Kindern, die Zusammenarbeit mit den Eltern und die Vernetzung mit anderen Institutionen“ (Seite 11).

Das Forschungsdesign für die Fragestellung dieser Arbeit sieht folgendermaßen aus:

  • Forschungsfragen: Wie im Sinne der handlungsleitenden Orientierungen wird in Early-Excellence-Einrichtungen in Deutschland Inklusion praktiziert und welche Elemente gelingender Praxis in Early-Excellence-Einrichtungen sind hierfür förderlich?
  • Methodisches Vorgehen: Dokumentarische Methode als rekonstruktives Vorgehen der qualitativen Sozialforschung, um neben dem reflexiven Wissen auch einen Zugang zum handlungsleitenden Wissen der Akteur*innen zu erlangen
  • Sample: 7 Einrichtungen in 5 Bundesländern in Deutschland, welche 1. einschlägige Erfahrungen in der Arbeit nach dem Early-Excellence Konzept haben und sich 2. als integrative oder inklusive Einrichtungen ausweisen
  • Erhebungsmethoden: Gruppendiskussionen (handlungsleitende Orientierungen der Fachkräfte können herausgearbeitet werden) und Beobachtungen (das Handeln der Fachkräfte kann in vivo erfasst werden)
  • Forschungsziel: Bereitstellung von Praxis relevanten Ergebnissen für 1. die Entwicklung des Early-Excellence Konzeptes bezüglich Inklusion und 2. die Umsetzung von Inklusion in der Frühpädagogik vermittels der herausgearbeiteten Potenziale des Early-Excellence Konzepts (vgl. S. 13).

Im 2. Kapitel werden grundlegende Begrifflichkeiten geklärt, wobei der Fokus auf Inklusion liegt. Die Autorin arbeitet Inklusion als unterschiedlichen kategorialen Begriff heraus, indem sie Inklusion unterscheidet als politischen Leitbegriff, als pädagogische Handlungspraxis und als Analysekategorie für soziale Ungleichheiten. Damit wird Armut wie auch Bildungsbenachteiligung berücksichtigt, es geht um die gleichwertige Anerkennung individueller Unterschiede, die Einbindung eigener Potenziale der Kinder muss Berücksichtigung finden und schließlich geht es um die Einnahme einer kritisch-reflexiven Perspektive für eine kontextsensitive Ausrichtung der Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder.

Das 3. Kapitel widmet sich dem Early-Excellence-Konzept in Deutschland. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss der Entstehung dieses Konzeptes werden die Grundelemente vorgestellt (jedes Kind ist exzellent, Eltern sind Experten ihrer Kinder, und Einrichtungen öffnen und vernetzen sich). Die Verfasserin geht ausführlich auf diese wesentlichen Säulen ein und macht damit sowohl die Komplexität als auch die Anspruchshaltung dieses Konzeptes deutlich.

Im 4. Kapitel geht es um Early-Excellence und Inklusion. Die Autorin fragt danach, inwieweit das Konzept an sich überhaupt auf Inklusion ausgerichtet ist. Dazu geht sie der Frage nach, worin das professionelle pädagogische Handeln im Kontext von Early-Excellence besteht und geht insbesondere auf die Kontextsensitivität ein. Es wird deutlich, dass die Kontextsensitivität über die Kita als Raum hinausreicht und deswegen Möglichkeitsräume geschaffen werden müssen, die als Foren für Inklusion angesehen werden können. „Die Schaffung und Erweiterung von Möglichkeitsräumen kann als besonderes Potenzial des Konzepts für die Umsetzung von Inklusion gesehen werden, da durch die Individuumzentrierung, die Kontextsensivität und letztlich die Flexibilität- und damit einhergehend die Entwicklungsbereitschaft des Konzeptes- befördert wird“ (S. 76).

Im Folgenden geht es um den Forschungsansatz und die Durchführung dieses Forschungsvorhabens. In Kapitel 5 stellt die Autorin die dokumentarische Methode als ihr Instrumentarium zur Forschungsdurchführung vor. Dabei beschreibt sie das methodische Vorgehen wie Gestaltung von Gruppendiskussionen, Arbeitsschritte der dokumentarischen Interpretation, Durchführung von teilnehmender Beobachtung und wie Typenbildung in der dokumentarischen Methode erfolgt. Schließlich geht sie noch auf die Gütekriterien in der qualitativ-rekonstruktiven Forschung ein.

Kapitel 6 beschreibt kurz das Forschungsdesign der Studie, nämlich wie die Auswahl der Einrichtungen erfolgt ist (7 Institutionen) und wie die Erhebung in verschiedenen methodischen Schritten durchgeführt wurde.

Die verschiedenen Einrichtungen beziehungsweise Gruppen werden in Kapitel 7 vorgestellt, in denen die methodischen Erhebungen vollzogen wurde. „Die Darstellung der relevanten Themen und die Rekonstruktion der Begründungen sowie der Aushandlungsprozesse der Fachkräfte mit starkem (Rück-)Bezug zum konkreten Erhebungsmaterial ist an dieser Stelle wichtig, da diese anschließend auf einem höheren Abstraktionsniveau in der Typenbildung münden“ (S. 102).

Die Herausbildung von Typologien ist ein Ziel von qualitativen Forschungsprozessen, dem sich die Autorin in Kapitel 8 widmet. Zum einen stellt sie anhand von und mittels durch Beispiele ihres erhobenen Materials Gemeinsamkeiten heraus, aber sie geht auch auf Unterschiedlichkeiten ein. Letztendlich lassen sich 3 verschiedene Typiken herausbilden:

  • Typik I ist ein eher Individuum-bezogener Typ, dessen Fokus besonders auf Haltung liegt.
  • Typik II ist der Kollektiv-bezogene Typ, dessen Fokus die Institutionen und Gruppen sind.
  • Typik III ist der struktur-bezogene Typ, dessen besonderer Fokus auf Methoden liegt.

Kapitel 9 zeigt auf der Basis der Forschungsergebnisse Prozesse auf, wie die Early-Excellence-Einrichtungen im Kontext von Inklusion weiter zu entwickeln wären. Dabei geht die Verfasserin auf Beispiele anhand ihrer Erhebung ein. Es ist wichtig, dass sich die Einrichtungen wie bisher auch als lernende Organisation verstehen. Fokusbereiche wären zum Beispiel inklusive Werte verankern, soziale Eingebundenheit stärken, Aneignung sozialpädagogischer und sozialarbeiterischer Kompetenzen und unterschiedliche Perspektiven in Bildungs- und Erziehungspartnerschaften als gleichwertige Perspektiven anzuerkennen. Dazu gehört auch eine gemeinsame Sprache der Vielfalt sowie eine Verbesserung der Beobachtungspraxis und der Planung individueller Angebote. Ein besonderes Moment des Konzeptes ist die Entwicklung von Familienzentren, weshalb die Angebote hier auch weiterentwickelt werden sollten. Dazu gehört eine gute Erreichbarkeit und eine Niedrigschwelligkeit. Anhand von 9 Punkten schließt dieses Kapitel mit allgemeinen Entwicklungsaufgaben für die Praxis.

Das Buch schließt mit einer Zusammenfassung, welche das Kapitel 10 darstellt. Zum einen geht die Verfasserin noch einmal auf ihren Forschungsprozess und ihre Forschungsfrage ein und stellt für sich fest, dass die Reichweite ihre Ergebnisse als „mittel“ (S. 210) eingeschätzt werden können. Auch wenn sich diese Studie auf das Early-Excellence-Konzept fokussiert, so führt sie doch Vergleiche mit anderen Studien an und kann Analogien feststellen. „Auch das aus der Typenbildung gewonnene Instrument zur Praxisentwicklung reicht in seiner Anwendbarkeit über die angelegte Rahmung der Forschungsarbeit hinweg und kann jenseits konzeptioneller Zuordnung neue Impulse für inklusive Entwicklungen in der Frühpädagogik setzen“ (S. 210). Als Letztes thematisiert die Verfasserin Desiderate, die für zukünftige Forschung in den Blick zu nehmen wären. Dazu gehört zum Beispiel die Übertragung des theoretischen Konzeptes in die praktische Umsetzung der Kitapraxis. Weiterhin stellt die Verfassung fest, dass die propagierte Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Erziehungsberechtigten auf Augenhöhe längst nicht immer gelingt.

Diskussion

Eigentlich sollte man meinen, dass Inklusion in der frühkindlichen Pädagogik, insbesondere im Rahmen von Kitas und Krippen, längst eine Selbstverständlichkeit ist und keiner besonderen Untersuchung mehr bedarf. Tatsächlich ist es aber so, dass viele Einrichtungen nicht nur die notwendige räumliche Barrierefreiheit nicht bieten, oder auch nicht die personellen Voraussetzungen haben, sondern es vor allen Dingen auch darum geht, Inklusion als ein Konzept zu verstehen, was grundlegend in einer pädagogischen Haltung verankert ist und nicht „nur“ die Integration von besonderen Menschen zum Inhalt hat. Das zeigt die Verfasserin in diesem Buch überzeugend auf und kann mit der Herausbildung von den 3 verschiedenen Typiken eine gute Reflektionsfolie abbilden, mit der sich die Mitarbeitenden in frühpädagogischen Einrichtungen auseinandersetzen können. Auch die viel beschworene Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Erziehungsberechtigten gelingt in vielen frühpädagogischen Einrichtungen längst nicht immer gut, weshalb die Verfasserin zurecht darauf hinweist, dass hier nicht nur ein Forschungsdesiderat besteht, sondern dass hier auch in der Praxis ein großer Nachholbedarf ist.

Das Early-Excellence-Konzept wie auch dieses Forschungsvorhaben wurde beides durch die Heinz und Heide Dürr Stiftung gefördert. Es ist aus dem Buch nicht ersichtlich, ob es hier eine Interessenkollision gibt oder gegeben hat. Seitens des Rezensenten hat es diesbezüglich keine Auffälligkeiten gegeben, gleichwohl gehört es aber im Rahmen einer Rezension auch dazu, darauf hinzuweisen.

Fazit

Ein Buch für den „wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker“ in der frühpädagogischen Arbeit – so lässt sich vielleicht ein kurzes Resümee fassen. Das Buch ist angenehm lesbar, hat einen plausiblen, strukturierten Aufbau und ist für Menschen, die ein entsprechendes (sozialwissenschaftliches) Studium absolviert haben, gut zugänglich. Einerseits lohnt es sich, sich mit dem Early-Excellence-Ansatz vertraut zu machen und zum anderen sind die aufgezeigten Typiken im Hinblick auf Inklusion in ihrer mittleren Reichweite auch ohne Probleme auf andere Einrichtungen im Elementarbereich übertragbar. Das Praxiskonzept zur Entwicklung von Einrichtungen als inklusive Kitas (Kapitel 9) lässt sich in vielen Kitas auch jenseits des Early-Excellence-Konzepts gut zur Anwendung bringen.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.Euro-FH.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 24.03.2021 zu: Franziska Geib: Praktiken der Inklusion. Rekonstruktive Inklusionsforschung in Early Excellence-Einrichtungen in Deutschland. Dohrmann Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-938620-52-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27232.php, Datum des Zugriffs 18.04.2021.


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