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Harald Blonski et al: Bindung und Demenz

Cover Harald Blonski et al: Bindung und Demenz. So setzen Sie den Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung um! Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2020. 180 Seiten. ISBN 978-3-8426-0840-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 70,90 sFr.
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Thema

Für Menschen mit Demenz sind gute Beziehungen und Bindungen für das Wohlbefinden unersetzbar. Dafür sind sie auf Hilfe angewiesen. Aufgabe in der Pflege und Betreuung ist es daher, zusammen mit den Angehörigen diese zu fördern. Die negativen Folgen von sozialen Einschränkungen und der Verlust von Kontakten sind gerade deutlich in der Corona-Pandemie zu erkennen.

Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Ruth Schwerdt, M.A., ist Professorin für Pflegewissenschaft – Theorie und Praxis der Pflege, an der Frankfurt University of Applied Sciences. Sie ist Dipl. Psychogerontologin, Altenpflegerin, Case Managerin und Case Management Ausbilderin.

Cand. phil. Harald Blonski ist M.A. Pädagoge, Diplom-Sozialpädagoge, Diplom-Psychogerontologe und Auditor für QM-Systeme. Er verfügt über langjährige Leitungserfahrung in der stationären Altenhilfe und ist u.a. als Dozent in der Fort- und Weiterbildung, Organisationsberatung, Lehrbeauftragter an der FHöV in Münster und als Auditor für QM-Systeme tätig.

Dr. Wilhelm Stuhlmann ist Nervenarzt und Dipl. Psychologe und als Gerontopsychiater in Aus-, Fort- und Weiterbildung für Pflegende, Ärzte und Apotheker sowie in der Angehörigenarbeit tätig. Er ist langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes der Alzheimer Gesellschaften in NRW.

Maria Kammermeier ist Supervisorin, Lehrerin für Pflegeberufe, Suggestopädin, Trainerin für Integrative wertschätzende Pflege, INLP-Practioner, Qualitätsmanagementbeauftragte, Trainerin für Integrative Atemtherapie sowie DCM Advanced User.

Jeanette Lösing ist Erzieherin und Validations- und Mäeutiktrainerin, sowie Geschäftsführerin der Akademie für Mäeutik.

Elke Strauß ist Krankenschwester und Dipl. Pflegewirtin, Geschäftsführerin der Akademie für Mäeutik und Trainerin für Mäeutik.

Natalie Ogel ist Dipl- Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin und bis 2019 in der GPS Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Mainz tätig.

Prof. Dr. Leonina Kaestele ist Dipl. Psychologin, lehrt als Professorin an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach.

Kristin Bruks ist Dipl. Sozialarbeiterin und zertifizierte Fachkraft für Tiergestützte Interventionen.

Dr. phil. Carmen B. Birkholz ist Dipl. Theologin. Sie arbeitet und forscht in ihrem Institut für Lebensbegleitung u.a. zu Spiritualität, Trauer, Demenz und Palliativ Care. Außerdem ist sie als Trainerin, Beraterin und als Lehrbeauftragte an der Ev. Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe tätig.

Aufbau

Vorwort von Ruth Schwerdt

  1. Bindung und Demenz – Grundlagen, Relevanzaspekte und Transferperspektiven von Harald Blonski
  2. Bindung – Demenz – Biografiearbeit von Wilhelm Stuhlmann
  3. Die Person im Mittelpunkt – Bindung und Beziehung in der person-zentrierten Pflege von Maria Kammermeier
  4. (Ver-)Bindung schaffen – Die Grundlage der mäeutischen Arbeitsweise von Jeanette Lösing/Elke Strauß
  5. Demenz und Bindung aus der Sicht der SET von Natalie Ogel
  6. Tiergestützte Interventionen: der vierpfotige Helfer in Aktion von Leonina Kaestele/​Kristin Bruks
  7. Ich werde geliebt, also bin ich – Spiritualität und Bindung bei Demenz von Carmen B. Birkholz

Inhalt

Harald Blonski gibt im ersten Kapitel des Fachbuchs einen Überblick über grundlegende Theorien zu Bindung und Demenz. Bindung zu anderen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ausgehend von John Bowlbys Studien und daran anknüpfend Mary Ainsworths Arbeiten zu Bindungsverhalten erläutert Blonski weiterführende, aktuelle Theorien und Modelle. Er geht u.a. auf die Bindungstheorien von Karin und Klaus E. Grossmann, Jakob Johann Müllers Studien zu Bindungserfahrungen am Lebensende und die demenzspezifischen Arbeiten zu Bindung von Bère M. L. Miesen ein. Blonski erläutert, inwiefern für die Qualitätsentwicklung in der Demenzpflege eine bindungs- und beziehungsorientierte Haltung und dementsprechende Kompetenzen wie beispielsweise Feinfühligkeit und Vertrauen, entscheidend sind. Pflege von Menschen mit Demenz ist Beziehungsgestaltung, wie Blonski herausarbeitet.

Wilhelm Stuhlmann arbeitet im 2. Kapitel seinen Ansatz zum Zusammenhang von Bindungsverhalten und Biografie aus. Der Autor erläutert das Verhalten bei sicherem Bindungserleben sowie beim unsicheren Bindungstypus und den drei dazugehörigen Untergruppen. Er geht außerdem auf die Auswirkungen der Demenzerkrankung auf das Bindungserleben, die Bedeutung von Bindungserfahrungen im bisherigen Leben und typische Bindungsmuster ein. Ausgehend von der individuellen Biografie des demenzkranken Menschen können lebenslange Bindungsmuster erkannt werden. Aktuelle Bindungserfahrungen in der Pflege und Betreuung gilt es aktiv durch klare Strukturen und Abläufe zu gestalten und Sicherheit dem dementen Menschen zu vermitteln. Angehörige bzw. Bezugspersonen sind dabei wichtige Kooperationspartner für die Pflege. Stuhlmann zeigt, wie wichtig eine sichere Basis unter Bindungsaspekten und das Vermeiden von Stress für den Demenzkranken ist.

Maria Kammermeier zeigt im 3. Kapitel die Umsetzung einer wertschätzenden, person-zentrierten Pflege von Menschen mit Demenz. Kammermeier stellt als theoretische Eckpunkte für die professionelle Beziehungsgestaltung in der Pflege bei Demenz besonders den Ansatz von Tom Kitwood vor. Zudem geht sie auf Eriksons‘ Phasenmodell der Persönlichkeitsentwicklung und das dialogische Prinzip nach Martin Bubner ein. Psychosoziale Bedürfnisse sind in der Pflege dementer Menschen als gleichwertig anzuerkennen. Die Autorin zeigt positive Interaktions- und Interventionsformen und wie das Personsein gestärkt werden kann. Sogenannte Verhaltensauffälligkeiten des Menschen mit Demenz sind z.B. als Kommunikationsversuche zu interpretieren, um Bedürfnisse nach Trost, Wertschätzung oder Nähe in der Beziehung zu erfüllen.

Jeanette Lösing und Elke Strauß stellen im 4. Kapitel das Potenzial der mäeutischen Arbeitsweise für die Förderung und Stärkung der Bindung bei Menschen mit Demenz vor. Zentraler Bezug ist der theoretische Ansatz von Cora van der Kooij. Die Autorinnen erläutern die mäeutische Methodik und Leitlinien wie das Bewusst-Wahrnehmen, der gemeinsame Austausch und das bedürfnis- und erlebnisorientierte Arbeiten sowie Dokumentieren. Des Weiteren gehen sie u.a. auf die vier Phasen des Ich-Erlebens einer Demenz ein. Anhand von Fallbeispielen veranschaulichen sie ihren Ansatz.

Natalie Ogel schließt im 5. Kapitel an das Thema Demenz und Bindung aus der Sicht der Selbsterhaltungstherapie nach Barbara Romero (SET) an. Ogel erläutert Theorien u.a. von Bowlby, Grawe und Stuhlmann, um die Bedeutung von Bindungsmustern und individuellen Folgen von Bindungserfahrungen aufzuzeigen. In das SET-Programm werden alle für den Menschen mit Demenz wichtigen Personen integriert. Sie erlernen ressourcenorientierte Umgangs- und Kommunikationsregeln und bekommen Informationen über die Krankheit Demenz und die menschlichen Grundbedürfnisse nach Bindung, Nähe und Anerkennung. Ogel weist auf die Nachhaltigkeit des SET-Programms hin, wie die sinkende emotionale Belastung der Angehörigen und gleichzeitige Steigerung der Lebensqualität des erkrankten Menschen.

Leonina Kaestele und Kristin Bruks stellen im 6. Kapitel die tiergestützte Intervention als Bindungskonzept für die Pflege von Menschen mit Demenz vor. Die Autorinnen zeigen wie Tiere, speziell Hunde, ein Türöffner in der Interaktion sein können und welche positiven Wirkungen sie beim demenzkranken Menschen hervorrufen. Sie gehen des Weiteren u.a. auf das Interaktionsdreieck zwischen Fachkraft, Hund und Mensch mit Demenz ein. Anhand von fünf Pfeilern stellen sie die Besonderheiten der tiergestützten Intervention dar und vermitteln verschiedene Methoden zur Integration in den Pflegealltag.

Carmen B. Birkholz geht im 7. Kapitel auf die spirituelle Dimension von Bindung ein. Bei Demenz besteht die Gefahr, dass Gefühle wie Heimat- oder soziale Bindungslosigkeit aufkommen. Sie stellt eine ressourcen- und beziehungsorientierte Perspektive auf die Krankheit Demenz vor. Birkholz zeigt, wie spirituelle Erlebnisse als Resonanz- und Bindungserfahrung verstanden werden können und nimmt Bezug auf die Theorien von Alfred Schütz, Thomas Luckmann, Hartmut Rosa und Martin Bubner. Spiritualität in Form von Ritualen, Symbolen oder Musik kann nach Birkholz eine wichtige Ressource für Menschen mit Demenz sein.

Diskussion

Mit der Veröffentlichung des DNQP-Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz wird ein Kulturwandel unterstrichen. Beziehungsgestaltung ist kein Nebenthema, wie der Expertenstandard mit seiner Verbindlichkeit verdeutlicht. Es gibt allerdings dafür keine einfache Anleitung. Eine einzelne Methode oder ein Ansatz allein reicht nicht aus.

Harald Blonski schafft es als Herausgeber die verschiedenen Ansätze und umfassenden Kompetenzen der Autoren zu bündeln. Die Pflege und Betreuung demenzkranker Menschen ist Beziehungsarbeit und benötigt eine individuelle Herangehensweise. Um positive Bindung und Beziehungen zu erleben, braucht es für Menschen mit Demenz die Unterstützung aller Beteiligten, von der Pflegefachkraft bis zum Ehrenamtlichen und die Bereitschaft die Kompetenzen dafür als Institution und persönlich auszubauen. Auf der Führungsebene, in den Pflegeteams und in der Betreuung bedarf es an umfassendem Wissen und Diskussion.

Fazit

Das von Harald Blonski herausgegebene Handbuch über Bindung und Demenz zeigt Konzepte und Methoden der Beziehungsgestaltung in der Pflege und Betreuung. Gerade demenzkranke Menschen in Pflegeheimen sind besonders auf die Unterstützung und die Kompetenzen anderer angewiesen, um für sie gelingende Beziehungen zu erleben. Die Autoren des Buches zeigen in ihren Beiträgen, wie die anspruchsvolle Aufgabe als institutioneller, fachlicher und persönlicher Prozess (weiter)entwickelt werden kann.

Das Fachbuch vermittelt in der Gesamtheit der Beiträge, wie ein komplexes Konzept zur Beziehungsgestaltung bei Demenz aussehen kann. Führungs- und Fachkräfte finden theoretische Grundlagen, neue Impulse und alltagspraktische Hinweise, um den Prozess einer professionellen Beziehungsgestaltung in Pflege- und Betreuungseinrichtungen für Demenz auf allen Ebenen voranzubringen.


Rezension von
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 12.05.2021 zu: Harald Blonski et al: Bindung und Demenz. So setzen Sie den Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung um! Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2020. ISBN 978-3-8426-0840-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27233.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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