socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mustafa Ideli: Neue Medien

Cover Mustafa Ideli: Neue Medien. Impetus von Integration - Transnationalität - Diaspora? : am Beispiel in der Schweiz lebender Menschen mit Migrationshintergrund Türkei. Seismo-Verlag (Zürich) 2020. 401 Seiten. ISBN 978-3-03777-200-3. D: 42,00 EUR, A: 42,00 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch verbindet soziologische und kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen und Herangehensweisen. Befragt wurden insgesamt nahezu 1000 Personen, welche aus der Türkei in die Schweiz migriert sind (oder Vorfahren haben, welche dies getan haben). Am Anfang steht für Mustafa Ideli das Interesse an der Rolle der neuen Medien im transnationalen-diasporischen Diskurs. Die Annahme, dass neue Medien unterschiedliche Funktionen wie aktuelle Information, interpersonale Kommunikation, Vernetzung aber auch Partizipation ermöglichen oder fördern, wird in der empirischen Studie untersucht.

Autor und Entstehungshintergrund

Mustafa Ideli legt mit diesem Buch seine leicht bearbeitete Dissertation aus dem Jahr 2017 vor, welche als exzellent beurteilt wurde. Er hat in Zürich Kommunikationswissenschaften und Soziologie studiert. Das Buch erscheint in der Reihe „Sozialter Zusammenhalt und kultureller Pluralismus“.

Inhalt

Der theoretische Hintergrund ist umfassend und differenziert. Insbesondere wirft er einen kritischen Blick auf die traditionellen Integrationstheorien, wie jene von Hartmut Esser, welche Integration als mehr oder weniger linearen Prozess sehen, dessen Erfolg oder Misserfolg stark von ökonomischen Indikatoren determiniert wird. Daneben werden neuere Migrationstheorien aufgearbeitet und diskutiert, welche eher pluralistische Perspektiven beinhalten, insbesondere Transnationalismus, Inkorporation, Identitätskonstruktion und transnational-diasporische Beziehungen. Der empirische Teil baut auf 22 mündlichen Leitfadeninterviews zu methodologischen Zwecken und rund 930 standardisierten face-to-face-Interviews auf. Dabei wurden die Subgruppen der Aleviten, Assyrer, Kurden und Türken befragt, vornehmlich im Raum Zürich lebend. Es wurde untersucht, ob es entlang ethnischer und ethno-religiöser Linien Unterschiede in der Mediennutzung bestehen und ob es Unterschiede bezüglich Integration in der Schweiz und transnationales Handeln gibt. In den genannten Gruppen konnten auf der Basis von Clusteranalysen sechs Typen gebildet werden; die datenbasierte Typenbildung ist eine neue Erkenntnis der vorliegenden Untersuchung. Die sechs Typen wurden wie folgt benannt:

  1. Residenzland-fokussierter transnationaler Assimilations-Typ
  2. Diasporischer Assimilations-Typ
  3. Exil-politischer diasporisch-transnationaler Typ
  4. Multilokal orientierter transnationaler Typ
  5. Herkunftsland-fokussierter, säkularer transnationaler Typ
  6. Herkunftskontextfokussierter, nationalistisch-/​islamisch-religiöser Separations-Typ.

Ein weiterer Analyseschritt fokussiert auf die Mediennutzung der befragten Gruppen. Übereinstimmend mit anderen Forschungen zeigt sich, dass Fernsehen und Zeitung am häufigsten Verwendung finden; Radiohören und besonders auch das Buchlesen sind weniger beliebt. Männer lesen etwas häufiger als Frauen Zeitung und mit dem Alter steigt der Fernseh-Konsum. Zu je einem Drittel werden die Medien in Deutsch, einer der Herkunftssprachen oder in einer bilingualen, hybriden Form genutzt. Beim Fernsehkonsum sind die Herkunftssprachen etwas stärker vertreten als Deutsch.

Neu und innovativ sind die Erkenntnisse zum Umgang mit dem Internet in den unterschiedlichen Typen-Gruppen. Das Internet dient in starkem Maß dazu, die Trennung vom Herkunftskontext „abzufedern“ – ganz besonders Kurd*innen nutzen das Internet auch zur (politischen) diasporischen Solidaritätspflege und zur Selbstorganisation. Im Aufnahmeland spielt das Internet – besonders bei jungen Männern und besser Gebildeten – eine wichtige Rolle beim Aufbau von sozialem Kapital.

Statt starren Sequenzen oder Phasen der Integration ist – im Anschluss an neuere, Transnationalismus und Diasporisierung inkludierende Migrationstheorien – eine Co-Existenz respektive eine Kombination verschiedener Haltungen zu beobachten. Wichtig ist auch der Befund, dass Assimilationsdimensionen eben nicht in einer determinierten Reihenfolge, sondern voneinander unabhängig eintreten können und auch stagnieren können. Individuelle Ressourcen, subjektive Einstellungen, Orientierungen und herkunftsbedingte Merkmale sind die zentralen Einflusselemente. Unter herkunftsbedingten Merkmalen versteht Mustafa Ideli beispielsweise die Migrationsform (freiwillig oder Flucht), politische Konflikte und kriegerische Handlungen im Herkunftsland sowie weitere Umweltbedingungen auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene.

Subjektive Merkmale wie politische und religiöse Einstellungen, Orientierungen und Präferenzen stellen sich als deutlich determinierender heraus als objektive Eigenschaften wie die sozioökonomischen Kapitalien der Individuen. Bedeutend ist auch, ob die Migration freiwillig erfolgte oder die Personen flüchten mussten.

Die untersuchten Gruppen unterscheiden sich teilweise stark voneinander. So ist bei der assyrischen Subgruppe, insbesondere bei ihren Nachfolgegenerationen, eine Mehrfachintegration/​multiple Inklusion respektive eine diasporisch-assimilative Orientierung zu beobachten. Bestimmte Elemente des Herkunftskontextes bleiben jedoch über mehrere Generationen erhalten, was der symbolischen Ethnizität (Gans 1979). Die meisten Angehörigen der türkischen Subgruppe wird eher den Weg einer selective acculturation (Portes/Zhou 1993) in den funktionalen Sphären der Aufnahmegesellschaft, bei gleichzeitig stark verankerter transnationaler Lebensführung. Religiosität (weniger bloße Religionszugehörigkeit) wird dabei ein Selektionsmechanismus bleiben. Laut Mustafa Ideli liegt für die Befragten mit kurdischem und mit kurdisch-alevitischem Hintergrund ein ergebnisoffener Prozess vor, je nachdem, ob diasporische oder transnationale Züge dominieren werden. Vor allem der politisch engagierte Teil dieser Gruppe schlägt voraussichtlich einen sowohl-als-auch Weg ein, Integration in verschiedene Sphären der Aufnahmegesellschaft bei gleichzeitiger Integration in die diasporisch-transnationalen Kontexte.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Internet und Internetanwendungen im Kontext von Integrations-, Diasporisierungs- und Transnationalisierungsprozessen hoch relevant sind. Der Nutzen besteht sowohl für die Individuen als auch für die Subgruppen als Kollektive. Allerdings ist es nicht das Online-Engagement der Befragten allein, das zu einer ausdifferenzierten individuellen Identitätsbildung führte.

Drei Fragen konnten nach Mustafa Ideli mit der vorliegenden Studie nicht abschließend geklärt werden:

  • Inwieweit führt die Nutzung neuer Medien zu einer Aktivierung des ethnischen Potenzials und zur Verstärkung intraethnischer Netzwerke, überdies zur Homogenisierung der ethnischen Netzwerke?
  • Warum zeigen gerade jugendliche Befragte (besonders islamisch-sunnitischer Herkunft) ein starkes Interesse an der ethno-kulturellen, aber auch religiösen Herkunftsidentität ihrer Eltern zeigten, bei einem „gewissen Niveau von Distanz zur Aufnahmegesellschaft“? (S. 349)
  • Warum zeigt ein Teil der Befragten mit islamisch-sunnitischem und türkischem Hintergrund trotz höherem Durchschnittsniveau bei der strukturellen (sozioökonomischen) Integration tendenziell ein gewisses Niveau an Aversionen gegenüber der Aufnahmegesellschaft, „verbunden mit einem tieferen Eigenwahrnehmungsgrad, eine aufnahmegesellschaftliche Akzeptanz gefunden zu haben“? (S. 349)

Mustafa Ideli schlägt für künftige Untersuchungen folgende Ansätze vor:

  • Untersuchungen zur Reziprozität, also allfälligen Wechselwirkungen zwischen Aufnahmebereitschaft der Mehrheitsgesellschaft und Aspirationsniveau der Personen mit Migrationshintergrund für integrative Handlungen.
  • Untersuchungen zur Rolle des Herkunftsstaates inklusive seiner Institutionen im Aufnahmeland bezüglich seiner Interessen an einer dauerhaften Bindung und Loyalität der Ausgewanderten.
  • Untersuchungen vergleichender Art zu allfälligen Zusammenhängen zwischen soziodemografischem und sozioökonomischem Status, Verankerung in Netzwerken und Milieus einerseits und unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen und -wahrnehmungen im Ankunftskontext andererseits.

Diskussion

Die interdisziplinäre Qualität, die sehr große verarbeitete Datenmenge sowie die innovative Fragestellung der vorliegenden Studie machen ihre Hauptqualitäten aus. Die Arbeit ist spannend zu lesen und bietet vor allem im theoretischen Teil zu Migrations- und Integrationstheorien einen wahren Schatz an „Serviceleistung“ mit einer hervorragenden Zusammenfassung der aktuell diskutierten Ansätze. Im Bereich der Untersuchung der Mediennutzung betritt die Studie Neuland, besonders in der Untersuchung der Mediennutzung durch die geclusterten Typen und in den unterschiedlichen Migrant*innengruppen. Hier sind vor allem die detaillierten Ergebnisse zum wahrgenommenen Nutzen der Medien sowohl in Bezug auf Kontakte im Herkunfts- wie auch im Aufnahmeland interessant. Ebenfalls sehr interessant ist der Ausblick des Autors Mustafa Ideli, bei dem zusammengefasst eine empfundene Distanz gegenüber der Aufnahmegesellschaft bei gleichzeitiger „erfolgreicher“ (nach sozioökonomischen Kriterien) Integration im Aufnahmeland und Pflege einer symbolischen Ethnizität konstatiert wird. Spannend und vielversprechend auch Mustafa Idelis Vorschläge für weitere Untersuchungen. Hier möchte ich einzig anmerken, dass Migration immer Veränderungen in Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften bedeutet – statische Gesellschaften gibt es nicht.

Fazit

Eine wichtige, innovative und überdies spannend zu lesende Studie, welche allen an Migrationsfragen und Kommunikation/​Mediennutzung Interessierten eine wertvolle und lohnende Lektüre bietet.

Zitierte Literatur:

Gans J. Herbert (1979), Symbolic ethnicity: The future of ethnic groups and cultures in America, in: Ethnic and Racial Studies 2(1), 1–20.

Portes, Alejandro und Min Zhou (1993), The New Second Generation: Segmented Assimilation and Its Variants, in: The Annals of the American Academy of Political and Social Science 530, 74–96.


Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
E-Mail Mailformular


Alle 40 Rezensionen von Simone Gretler Heusser anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 20.08.2020 zu: Mustafa Ideli: Neue Medien. Impetus von Integration - Transnationalität - Diaspora? : am Beispiel in der Schweiz lebender Menschen mit Migrationshintergrund Türkei. Seismo-Verlag (Zürich) 2020. ISBN 978-3-03777-200-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27234.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung