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Gunter Prollius: Das faire Arbeitszeugnis

Cover Gunter Prollius: Das faire Arbeitszeugnis. Wie man der Wahrheitspflicht und dem Wohlwollen gleichermaßen Rechnung trägt. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2020. 143 Seiten. ISBN 978-3-7398-3026-1. 24,99 EUR.
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Thema

Es geht um nichts weniger als eine fachliche und persönliche Beurteilung eines*r Vorgesetzten zur eigenen Arbeitsleistung und betrifft deshalb alle Mitarbeitenden und Führungskräfte gleichermaßen: das Erhalten bzw. Schreiben eines Arbeits-oder Ausbildungszeugnisses. 

Dazu gibt es bereits zahlreiche Literatur in Print- und Onlinemedien und es stellt sich Frage: noch ein Buch zu diesem Thema? Welche Inhalte wird es beleuchten und was unterscheidet es von den anderen? Attraktiv an diesem Buch ist zunächst der gewählte Titel – die Wahrheitspflicht und das Wohlwollen beim Schreiben eines Zeugnisses als ethische Komponente verspricht ein Spannungsfeld zu beleuchten, welchem der Autor bei der Zeugniserstellung gerecht werden möchte.

Anhand vieler Fallbeispiele werden Aufbau, Gestaltung und Formulierung beleuchtet; es wird auf typische Fehler und Rechtsprechung eingegangen und aufgezeigt, wie Ausbildung- und Arbeitszeugnisse individuell passend erstellt werden können.

AutorIn oder HerausgeberIn

Der Autor Gunter Prollius ist selbst Praktiker, Lehrender und Dozent zugleich – als Führungskraft, u.a. Personalchef in nationalen und internationalen Unternehmen und Lehrbeauftragter im Hochschulbereich bringt er seinen großen Erfahrungsschatz in dieses Buch mit ein. Seit 20 Jahren führt er ein Beratungsunternehmen und berät zahlreiche Unternehmen und Verbände bei diversen Fragen zu Organisation, Führungsmodellen und -strukturen sowie Einzelpersonen zu ihren Karriereoptionen. 

Aufbau und Inhalt

Nach einer dreiseitigen Einführung wird in folgenden Kapiteln der Inhalt dargestellt:

Der Zweck des Arbeits- und Ausbildungszeugnisses

In diesem ersten Kapitel wird auf Probleme beim Ausstellen des Zeugnisses hingewiesen, auf der Sinn des Arbeits- und Ausbildungszeugnisses, die Fürsorgepflicht des Arbeitsgebers sowie auf den Zeugnis-Aussagewert und auf den Kontext der Notwendigkeit: Bewerbungsunterlagen.

Der Personenkreis und sein Zeugnisanspruch

In diesem Kapitel steht der Personenbereich im Geltungsbereich des Arbeitsrechts im Mittelpunkt sowie Zeugnis-Anspruchsnormen, also aus welcher Rechtsgrundlage sich welcher Rechtsanspruch für ein Zeugnis ableitet.

Zeugnisarten und Zeugnisaufbau

Der Autor stellt in diesem Kapitel den schematischen Aufbau von Zeugnissen dar, die äußere Gestaltung und Formalismen und geht detaillierter auf das Ausstellen von Zwischenzeugnissen ein.

Zeugnisformulierungen

Das zweitumfangreichste Kapitel des Buches umfasst die Grundregeln der Formulierung des Zeugnisses seitens der Arbeitgebenden; das „Problem mit der Wahrheit“, Standardformulierungen und eine Erläuterung zum „Zeugniscode“. Der Autor geht zudem auf einige Praxisfälle sowie auf die aktuelle Rechtsprechung ein.

Erfüllung des Zeugnisanspruches

Fälligkeit und Erfüllung sowie Verzicht und Verwirkung sind in diesem Kapitel Thema.

Zeugnismuster

In diesem Kapitel stellt der Autor zunächst Zeugnisse aus früherer Zeit vor und lädt die Leser*innen ein, selbst in der Rolle des „dringend 'Personal suchenden Arbeitgebers'“ einige Zeugnisse zu prüfen. Hierbei ist auch auf einer Seite eine Checkliste zum Überarbeiten von Muster-Zeugnisses vorhanden, die für jedes Zeugnis genutzt werden soll.

Im Anschluss werden 14 Muster-Zeugnisse aus der Praxis des Autors vorgestellt, verändert nach den Kriterien des Autors, einen Bewertungsspielraum zuzulassen: Berufsausbildungszeugnisse zum Datenverarbeitungskaufmann, Industriekaufmann und Fachkraft für Lagerlogistik, Praktikumszeugnis für Studierende an einer Fachhochschule sowie Zeugnisse für eine Studentische Hilfskraft, ein Praktikant bei einem psychologisches Praktikum, eine Scheibenprüferin im Maschinenbau, eine Sekretärin, ein Produktmanager, eine Empfangssekretärin sowie ein Masseur und Bademeister in einem Hotel, ein Sous-Chef in einem Hotel-Restaurant, ein Assistent des Personalleiters und ein Geschäftsführer im Ausland.

Vom Anforderungsprofil zu Formulierungshilfen

Wie man vom Anforderungs-/​Eignungsprofil zum Zeugnis kommt, stellt der Autor in diesem Kapitel vor; S. 128: „Wenn das Eignungsprofil des MA sich dem Anforderungsprofil seines Arbeitsplatzes annähert und schriftlich festgehalten wird, dann können wir endlich auch von einem fair ausgestellten Zeugnis sprechen.“ Es wird beispielhaft ein Anforderungsprofil aufgeführt und diesem entsprechend ein Eignungsprofil. Der Autor plädiert dafür, Tätigkeiten oder Merkmale, die nicht vonnöten sind, im Zeugnis nicht aufzuführen, z.B. S. 130: „Verlangt zum Beispiel der Arbeitsplatz eines Maschinenbedieners keine hohe Teamfähigkeit, weil er ständig alleine an dieser Maschine seine Arbeit verrichtet, ohne zeit- oder kollegenabhängig zu sein, dann wird dementsprechend auch dieses Merkmal '„Teamarbeit“' nicht im Zeugnis vermerkt.“

Spezifika von Arbeitsplätzen dagegen sollen besonders hervorgehoben werden.

Im Anschluss stellt der Autor „Alternative Zeugnis-Bausteine“ dar, von denen er ausgeht, dass sie nicht in ein Arbeitszeugnis aufgenommen werden sollten – stattdessen sollen sie als Lücken ausgelassen werden.

Um ihm wichtige Sachverhalte zu kennzeichnen, bedient sich der Autor der Hervorhebung des Textes durch Unterstreichen, Kursiv- und Fett-Schrift. Teilweise sind die Inhalte auch durch Kästen gekennzeichnet. Durch kleine Pictogramme an den Seitenrändern sollen visuelle Akzente mit Wiedererkennungswert gesetzt werden. Der Autor spricht vielfach aus eigener Erfahrung und verweist in den meisten Fällen auf real erlebte Fälle. Er spricht die Leserschaft direkt mit „Sie“ an oder verwendet ein verbindliches „wir“. Teilweise ist der Text gegendert.

Diskussion

Der Autor beleuchtet umfassend in allen oben aufgeführten Kapitel die Zeugniserstellung verschiedener Zeugnisarten. Zwischen vielen Fakten finden sich auch persönlich gemachte Erfahrung des Autors wieder, die beispielsweise in der Ich-Form geschrieben sind oder Meinungen von Seminarteilnehmer*innen. Humorvoll versucht der Autor Zitate und kleinere Geschichten mit einzubeziehen und dem Text damit eine persönliche Note zu verleihen. Die Piktogramme an den Seitenrändern des Textes sind gut gemeint, allerdings etwas zu unterschiedlich und sehr vielfältig, sodass sich eine eindeutige, rasche Zuordnung erst nach einem ausführlichen Lesen einstellen kann.

Sehr hilfreich sind die rechtlichen Hinweise sowie die Checkliste zum Überarbeiten von Zeugnis-Mustern auf Seite 87. Die Übungen zur Zeugnisüberarbeitung ab Seite 86ff dürfen nicht wie aufgeführt übernommen werden; es sind keine Musterzeugnisse; diese folgen erst auf den Seiten 108 ff. Sollen Praktiker*innen ein Buch suchen, um sich rasch einen Überblick über diverse Formulierungshilfen und mögliche Zeugnis-Standards zu verschaffen, sind sie mit diesem Buch nicht an der richtigen Stelle.

Das Buch bietet vielmehr Grundlage zu Neuanstößen sowie „Spielraum für die äußere und inhaltliche Gestaltung sowie für betriebsinterne Formulierungen und personenbezogene Verhaltensweisen“ (s. Buchrückseite) und appelliert damit an die Erstellung von individuellen Arbeits- und Ausbildungszeugnissen. Vor dem Hintergrund, dass ein Zeugnis den/die Mitarbeiter*in ein Leben lang begleitet, ein sehr guter und grundsätzlich richtiger Ansatz.

Fazit

Alles in allem ein Buch, welches grundlegend die Erstellung eines Arbeitszeugnisses beleuchtet und den ethischen Aspekt mit einbezieht, wie der Titel voraussagt. Umfassend werden der Zweck des Arbeits- und Ausbildungszeugnisses, der anspruchsberechtige Personenkreis, die Zeugnisarten und -aufbau, Zeugnisformulierungen, die Erfüllung des Zeugnisanspruches erläutert und es werden einige Zeugnismuster sowie die Erstellung des Zeugnisses anhand von des Abgleichs von Anforderungs- und Eignungsprofil vorgestellt.

Empfohlen wird das Buch denjenigen, die sich neben den reinen Fakten zur Zeugniserstellung auch „über den Tellerrand“ hinaus informieren und sich Zeit nehmen möchten für kürzere oder längere Einblicke in Historie, Meinungen, mögliche Fehlerquellen und kleinere Geschichten rund um die Zeugniserstellung mit dem Ziel, für den/die Mitarbeiter*in ein individuelles Zeugnis zu erstellen, welches der Wahrheitspflicht und dem Wohlwollen gleichermaßen Rechnung trägt.


Rezension von
Martina Flickinger-Pflüger
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Zitiervorschlag
Martina Flickinger-Pflüger. Rezension vom 22.10.2020 zu: Gunter Prollius: Das faire Arbeitszeugnis. Wie man der Wahrheitspflicht und dem Wohlwollen gleichermaßen Rechnung trägt. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2020. ISBN 978-3-7398-3026-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27240.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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