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Karin Kneissl: Diplomatie Macht Geschichte

Cover Karin Kneissl: Diplomatie Macht Geschichte. Die Kunst des Dialogs in unsicheren Zeiten. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2020. 376 Seiten. ISBN 978-3-487-08633-0. 28,00 EUR.
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Das „globale Dorf“ wächst nicht zusammen…

Es sind vielmehr die zunehmenden ego-, ethnozentristischen, nationalistischen, rassistischen und populistischen Tendenzen, die die „Eine Welt“, wie sie in der Vision einer „globalen Ethik“ am Horizont erkennbar erscheint, sich als Fata Morgana zeigen. Die Fake Newser und Fake Follower werden damit zufrieden sein. Aber keinesfalls diejenigen, die in dem Weltdorf der Überzeugung sind und dafür eintreten, dass die Menschheit begreifen möge: Menschlichkeit, Humanität, Menschenwürde, Frieden und Gerechtigkeit sind nur mit demokratischen Mitteln durchsetzbar. Es ist die Hoffnung, dass es gelinge, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen (siehe z.B. dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen! In: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff ). Der Münchner Publizist, Journalist und Jurist Heribert Prantl gibt in seinem Buch „Ausser man tut es“ eine Antwort auf die selbstverschuldete Gleichgültigkeit und Passivität der Aufrechten: Es ist die aktive Einflussnahme und der Widerstand gegen falsch laufende, lokale und globale undemokratische Entwicklungen (Heribert Prantl, Ausser man tut es. Politische Portraits der Zeitgeschichte, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/27181.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Lamento ist keine Reaktion auf menschenfeindliche Politik! Passivität oder gar Fatalismus erst recht nicht! Professionelles Eintreten für eine friedliche, dialogische Beziehung der Individuen und Kollektive in der Welt wird als „Diplomatie“ bezeichnet. Im Synomymwörterbuch (Duden) wird der Begriff mit „Gewandtheit, Klugheit, Taktik, Verhandlungsgeschick und -kunst“ beschrieben. Im europäischen Fernsehsender 3sat werden in einer Serie junge österreichische Diplomatinnen und Diplomaten in Ausbildung vorgestellt und dabei ihre Ziele, Hoffnungen und Nöte veranschaulicht. Dabei wird erkennbar, dass ein diplomatisches Geschick nicht vom Himmel fällt und auch nicht in den Genen liegt oder per Ordre du Mufti erlassen werden kann, sondern erworben und erfahren werden muss.

So hat es auch die promovierte österreichische Politikerin und Völkerrechtlerin Karin Kneissl erfahren. Sie studierte Jura und Arabistik, engagierte sich bei NGOs und trat 1990 in den diplomatischen Dienst ihres Landes ein. Dort war sie im Völkerrechtsbüro des Außenministeriums und an den Botschaften in Paris und Madrid tätig. Vom Dezember 2017 bis Juni 2019 war sie österreichische Außenministerin. Danach arbeitete sie als Journalistin und Lehrbeauftragte beim Institut für Politikwissenschaft der Universität in Wien. Sie ist Mitbegründerin der NGO „Whistleblowing Austria“. In mehreren Publikationen äußert sie sich kritisch und kontrovers zur Nahost-, zur deutschen und europäischen Flüchtlings- und zur osteuropäischen Politik. Dass sie seit Mai 2020 als Gastautorin für den nicht unumstrittenen (propagandistischen) russischen Staatssender „Russia Today“ tätig ist, wird von der freien europäischen Presse mit Verwunderung und Kritik aufgenommen.

Die für ihre nicht selten kontroverse, provozierende Wortwahl und Ausdrucksweise bekannte Politikerin, Journalistin und Diplomatin Karin Kneissl widerlegt die Charakterisierung von Diplomaten, wie sie z.B. der französische Diplomat Charles-Maurice de Talleyrand geäußert hat: „Diplomaten regen sich nicht auf – sie machen sich Notizen“. So ist es nicht unproblematisch und gewagt, wenn der Rezensent sich daran macht, das neue Buch der Autorin – „Diplomatie. Macht. Geschichte“ – möglichst objektiv vorzustellen. Es sei gewagt!

Aufbau und Inhalt

Über Erfahrungen aus dem diplomatischen Nähkästchen zu informieren, aus Verlaufsprotokollen zu zitieren, Erfolge und Misserfolge zu gewichten und eigene Erlebnissen zu erzählen, das sind Möglichkeiten für die Darstellung und das Bewusstsein, dass Diplomatie uns alle angeht: „Diplomatie zeichnet sich … dadurch aus, die richtigen Worte in einer schwierigen Situation zu finden, Brücken nicht abzubrechen, sondern nach einem für alle akzeptablen und ehrenhaften Ausweg zu suchen“. Es ist die Suche nach dem guten, erträglichen Kompromiss, der im gesellschaftspolitischen Denken und Handeln vielfach Grundlage einer humanen Gemeinschaft ist (vgl. dazu auch: Avishai Margalit, Über Kompromisse – und faule Kompromisse, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11536.php).

In einem „sehr persönlichen Vorwort“ führt die Autorin in ihre Erzählung von der Macht und den Potenzialen der Diplomatie ein. Sie gliedert ihr Buch in drei Teile.

  • Im ersten Teil geht es um eine „Bestandsaufnahme der Diplomatie: zwischen historischem Anspruch und politischer Wirklichkeit“.
  • Im zweiten Teil setzt sich die Autorin mit der „Internationalen Beziehung zwischen Integration und Fragmentierung“ auseinander.
  • Und im dritten Teil unternimmt sie den Versuch, Perspektiven und Alternativen als „Neuerfindung des diplomatischen Handwerks“ aufzuzeigen.

Es geht dabei ausschließlich um die professionelle Benennung und Bewertung von (außen)politischen Funktionen, die historisch entstanden, gewachsen sind, sich etabliert haben und zu Gewohnheiten geworden sind. Kneissls Vorwurf, diese Theorien und Praktiken haben sich in der neueren, globalen Diplomatie verbürokratisiert, digitalisiert und sind vielfach als Sprachlosigkeit eingedampft worden, ist nicht von der Hand zu weisen: „Die Konversation und die Verhandlung, das Ringen um Ausgleich im Gespräch sind verschwunden.“ Die Autorin tritt den Beweis dafür in den Schilderungen an, etwa mit der Feststellung: „Die Technik (und die Medien, JS) veränder(n) vieles, aber nicht alles“. Es sind die vornehmsten und bedeutsamsten Aufgaben der Diplomatie – Informieren, Vertreten und Verhandeln – die sie in zahlreichen historischen und aktuellen Exempeln darlegt. Es sind auch die sich im Momentanismus zeigenden eher aus dem Augenblick heraus hektischen Aktivitäten, die eine institutionalisierte, permanente Kommunikation verhindert (vgl. dazu auch: Michael Gehler, Europa. Ideen – Institutionen – Vereinigung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/13724.php). Nicht nur für angehende DiplomatInnen dürfte die kleine, Kneisslsche Geschichte der Diplomatie Anlass sein, vor den Gefahren der „Arroganz der Macht“ gewarnt zu sein und sich auf die „Disziplin der Macht“ (George W. Ball, 1968) zu besinnen.

Dort, wo demokratisches und freiheitliches Rechtsempfinden gestört und abgeschafft ist, wo die in der „globalen Ethik“ postulierten allgemeingültigen und nicht relativierbaren Menschenrechte in Frage gestellt werden, wo Ego-, Ethnozentrismen und Populismen die nationale und internationale Politik bestimmen, wird die Frage nach dem Universalen der Menschheit nur als störend und vernachlässigbar empfunden werden. Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat 1995 darauf eine eindeutige Antwort gegeben: „In einer Welt, die bereits vom Relativismus geprägt ist, gibt es keinen Raum für das Einfordern von Relativismus. Relativismus des Denkens ist Unsinn, moralischer Relativismus wäre tragisch“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 9f). Das Europa-Parlament hat in dem Kolloquium „Das Universelle und Europa“ (1991) eine Antwort darauf gegeben: „Weil jeder einzelne von uns tagtäglich die Verantwortung für die Zukunft der gesamten Menschheit trägt“ (UNESCO-Kurier 7/8-1992, S. 5; vgl. auch: Michael Gehler, u.a., Hrsg., Europa als Verantwortungsgemeinschaft, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27335.php). Die Perspektive „Global Governance“ als „Weltinnenpolitik“ gilt deshalb auch im diplomatischen Handeln als vielversprechendes Mittel zur Friedensfindung. Da mag z.B. die Definition von „Frieden“ bedeutsam sein, wie sie beim Internationalen UNESCO-Kongress vom 26. 6. bis 1. 7. 1989 über Frieden im Denken der Menschen formuliert wurde: Frieden heißt Ehrfurcht vor dem Leben – Frieden ist das kostbarste Gut der Menschheit – Frieden ist mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung – Frieden ist ein ganz menschliche Verhaltensweise – Frieden verkörpert eine tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Menschen – Frieden bedeutet eine harmonische Partnerschaft von Mensch und Umwelt.

Die Frage, wie die Diplomatie auf internationale Konflikte, Kriege und Staatenzerfall reagieren könne, lässt sich an Beispielen der Entwicklung auf dem Balkan, den aktuellen, kriegerischen, multinationalen Auseinandersetzungen im Orient und bei der Bekämpfung der global organisierten Kriminalität und des internationalen Terrorismus beantworten: Nur ein humanitär verstandenes Völkerrecht vermag dagegen ein Bollwerk errichten, wie dies in der Verfassung der UNESCO vom 16. November 1945 (in der redigierten Neufassung vom 1. 11. 2001) nachzulesen ist: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden“.

Fazit

Karin Kneissl adressiert ihre Nachschau über „Diplomatie – Macht – Geschichte“ sowohl „an Menschen, die beruflich oder aus anderen Gründen in dieser Welt der Diplomatie ein wenig beheimatet sind“; aber auch an jene, „für die es sich … um einen Lebensbereich handelt, der mit ihrem eigenen … nichts gemein hat, die sich aber für Politik interessieren“. Dass nämlich sind alle Individuen, folgt man der Charakterisierung, dass der Mensch ein „zôon politikon“, ein politisches Lebewesen (Aristoteles) ist. So kristallisieren sich Eigenschaften und Methoden heraus, die eine gute Diplomatie und fähige DiplomatInnen hervorzubringen vermögen: „Das Wissen um die Natur des Menschen ist Kern allen diplomatischen Handelns“. Verallgemeinern wir diese Erkenntnis und wenden sie nicht nur für professionelle DiplomatInnen an, so wird man die Beuyssche Formel, dass jeder Mensch ein Künstler sei, auch auf unser Thema übertragen können: Jeder Mensch ist ein Diplomat! Das bedeutet dann, dass bei dem Wagnis, das diplomatische Handwerk neu zu erfinden jeder gefordert ist, nach den Tugenden der Diplomatie Ausschau zu halten und deren Imponderabilien und Wirkungen zu kennen. Hier kommt ins Spiel, dass der Mensch ein Denker ist, einer, der seine Meinung und Identität nicht abgibt auf andere Mächte (und Märkte), sondern selbst denkt (siehe auch: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php). Im diplomatischen Dienst sollten deshalb philosophisch, anthropologisch und psychologisch geschulte MitarbeiterInnen tätig sein; und es braucht die (Wieder-)Besinnung auf die humanen Werte, die jedes Individuum und jede Gemeinschaft trägt: Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung, Verträglichkeit und Dialogfähigkeit.

In der Anlage der Analyse werden einige SW-Fotos abgedruckt, auf denen die Autorin mit PolitikerInnen und öffentlichen Persönlichkeiten zu sehen ist. In einem Glossar werden synonyme und antonyme Begriffe erläutert; das Literaturverzeichnis verweist auf die benutzten und weiterführenden Veröffentlichungen.

Meine anfangs geäußerte Befürchtung, dass es mir schwer fallen könnte, angesichts der im öffentlichen Diskurs kontrovers geführten, kritischen Betrachtung der Arbeit der Autorin möglichst objektiv ihr Buch vorzustellen, hat sich nicht bestätigt: Karin Kneissls Auseinandersetzung mit den Werten und Wirkungen von diplomatischem Denken und Handeln im Gestern, Heute und Morgen stellt eine gelungene Analyse und Fürsprache für die „Kunst des Dialogs in unsicheren Zeiten“ dar. Sie kann Handwerkszeug für professionelle DiplomatInnen und Anregung für den Homo dialogicus (Hans Lenk) sein.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.07.2020 zu: Karin Kneissl: Diplomatie Macht Geschichte. Die Kunst des Dialogs in unsicheren Zeiten. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2020. ISBN 978-3-487-08633-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27242.php, Datum des Zugriffs 22.10.2020.


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