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Rahel Portmann, Regula Wyrsch (Hrsg.): Plädoyers zur Sozialen Arbeit von Beat Schmocker

Cover Rahel Portmann, Regula Wyrsch (Hrsg.): Plädoyers zur Sozialen Arbeit von Beat Schmocker. Eine menschengerechte Gesellschaft bedarf der Sichtweise der Sozialen Arbeit. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2019. 269 Seiten. ISBN 978-3-906036-35-9.
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Thema

Die in den vergangenen zwei Jahrzehnten innerhalb der Sozialen Arbeit intensiv geführte berufsethische Debatte hat viel dazu beigetragen, die Disziplin als eigenständige Profession zu profilieren. Beat Schmocker, der Jubilar der vorliegenden Festschrift, hat diese Debatte in der Schweiz intensiv begleitet, insbesondere hat er die schon länger andauernden internationalen Debatten zur Definition Sozialer Arbeit interessiert verfolgt und erforscht. Der Band stellt eine Art „Erntedankfest“ dieser langjährigen Forschungsbemühungen des Luzerner Wissenschaftlers dar.

Herausgeberinnen

Regula Wyrsch ist Leiterin des Instituts Soziale Arbeit und Recht an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Rahel Portmann ist am selben Institut Wissenschaftliche Mitarbeiterin; sie hat die Auswahl der Texte und deren Einordnung vorgenommen sowie die einzelnen Teile des Buches mit einem Kommentar versehen.

Kontext

Der Band stellt anlässlich der Emeritierung Beat Schmockers Studien, Fachartikel und Lehrmaterialien des Luzerner Sozialarbeitswissenschaftlers und berufsverbandlichen Funktionärs zusammen. Schmocker wirkte seit 1986 als Professor für Gegenstands- und Handlungstheorie, Geschichte und Ethik der Sozialen Arbeit an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit bzw. deren Vorgängerinstitutionen. Seit 2010 ist er Präsident der Kommission Berufsethik des Berufsverbandes AvenierSocial, Soziale Arbeit Schweiz.

Aufbau

Der Band gliedert sich in vier Teile:

  • Teil 1 versammelt Beiträge Schmockers zur Bestimmung Sozialer Arbeit aus den Jahren 2007 bis 2018.
  • Teil II widmet sich der Berufsethik Sozialer Arbeit. Die wiederabgedruckten Beiträge stammen aus den Jahren 2009 bis 2018.
  • Teil III ist der professions- und disziplintheoretischen Debatte über die Soziale Arbeit gewidmet. Die Beiträge stammen aus den Jahren 2006 bis 2018.
  • Teil IV hat die Gestalt eines Ausblicks, formuliert von Ursula Leuthold und Patrick Zobrist.

Vorgeschaltet sind ein Vorwort der Herausgeberin Regula Wyrsch und eine Einleitung der Mitherausgeberin Rahel Portmann.

Am Ende des Bandes finden sich das Literaturverzeichnis, eine weitere Zusammenstellung grundlegender Literatur zur vertieften Auseinandersetzung mit den Themen des Bandes sowie ein Autorenspiegel.

Inhalt

Teil I – Zur Bestimmung Sozialer Arbeit:

Zentrale Rolle für das Verständnis Sozialer Arbeit bei Beat Schmocker spielt die 2014 durch die „International Federation of Social Workers“ (IFSW) und die „International Association of Schools of Social Work“ (IASSW) erarbeitete Definition der Disziplin. Dieser zufolge basiert Soziale Arbeit auf den Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit. 2007 schrieb Schmocker an eine Lehrerin, die nach Materialien für ihre Oberstufe suchte: „Soziale Arbeit bewegt sich in Spannungsfeldern. [...] Ihre Funktion leitet die Soziale Arbeit von ihrem Anspruch ab, bei der Verwirklichung und Erhaltung sozialer Gerechtigkeit ihren Beitrag zu leisten und gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit mit ihren Mitteln anzugehen“ (S. 22).

Die Beiträge des ersten Teils beleuchten vor allem die lateinamerikanischen Wurzeln der Soziokulturellen Animation und deren Einfluss auf die Soziale Arbeit innerhalb der Schweiz – ein Erbe, das Schmocker gegen zunehmende angelsächsische Einflüsse innerhalb der Disziplin bewahren möchte. Die Soziokulturelle Animation setze bei „der Befriedigung existenzieller menschlicher Bedürfnisse wie Gesundheit, Bildung, Selbstbestimmung usw. an“ (S. 28), lege das Hauptaugenmerk dann aber auf die eigene Handlungsfähigkeit. Die Einzelnen werden als Subjekte betrachtet, die gesellschaftliche Strukturen verändern und sozialen Wandel bewirken könnten. Konkret werde dies nicht zuletzt in Ansätzen der Gemeinwesenentwicklung.

Exemplarisch zeichnet Schmocker die hundertjährige Entwicklung der Disziplin am Standort Luzern nach. In einem Beitrag aus dem Jahr 2018 kommentiert der Jubilar der Festschrift die einzelnen Elemente der genannten, 2014 verabschiedeten Definition der IFSW und IASSW. Die Definition schaffe eine breite Legitimationsbasis, die von den einzelnen Richtungen innerhalb der Sozialen Arbeit noch einmal unterschiedlich ausgelegt werde: Die Richtung der Sozialpädagogik betone die subsidiär-sekundäre Individuation und Sozialisation der Einzelnen, die Sozialarbeit die Interaktionen zwischen den Personen und ihren Positionsstrukturen, die Sozialkulturelle Animation die Integration innerhalb der sozialen Systeme.

Teil II – Zur Ethik der Sozialen Arbeit

Schmockers (berufs-)ethische Überlegungen schließen an die vorstehend thematisierte internationale Definition an. Teil II setzt mit einem Beitrag aus dem Jahr 2009 „Über Sinn und Unsinn von Berufskodizes“ ein; Anlass war der Berufskodex von AvenirSocial. Ein Berufskodex könne den Fachpersonen der Sozialen Arbeit nicht abnehmen, „vor jeglicher Praxis den inhaltlichen Gehalt seiner Formulierungen gründlich zu durchdenken“ (S. 114). Ein Berufskodex ermögliche aber, das Sollen, das hinter dem eigenen Tun stehe, argumentativ zu vertreten. Berufskodizes seien somit ein wichtiger Teil der Professionalisierung Sozialer Arbeit.

Ein Beitrag von 2014 beschäftigt sich mit der ethischen Praxis Sozialer Arbeit in Zwangskontexten. Dargestellt wird ein Prozess kollegialer Beratung zur Klärung ethischer Konfliktsituationen – mit den Schritten: Klärung des Sachverhalts – Herausarbeitung der berufsmoralischen Fragestellung – Güterabwägung – Formulierung eines Fazits.

Ein Beitrag aus dem Jahr 2018 fragt explizit nach den berufsethischen Implikationen der IFSW/IASSW-Definition von 2014.

Schmocker formuliert ein eigenes Ethikverständnis Sozialer Arbeit, dass sich am erweiterten Tripelmandat nach Silvia Staub-Bernasconi orientiert. Die Disziplin müsse im Rahmen einer „Ethik des Denkens“ darüber reflektieren, welches gesicherte wissenschaftliche Wissen sie ihren Lösungen sozialer Probleme zugrundelege. Die Überlegungen werden weitergeführt, indem Schmocker in einem Beitrag von 2018 noch einmal die moraltheoretischen Grundlagen ethischer kollegialer Fallberatung herausarbeitet.

Teil III – Zur Profession und wissenschaftlichen Disziplin:

Der dritte Teil schließt thematisch an den Vorgängerabschnitt an, indem hier die Fragen nach dem Mandat Sozialer Arbeit vertieft werden. Ausgemessen werden verschiedene Beziehungen der Sozialen Arbeit zu ihren Bezugsdisziplinen: Gefragt wird nach den ökonomischen (Aufsatz von 2003), handlungstheoretischen (Aufsätze von 2006 und 2014/2018), psychologisch-identitätstheoretischen (Aufsatz von 2008) oder wissenstheoretischen (Aufsatz von 2015/2018) Grundlagen der Sozialen Arbeit. Schmocker ruft die Disziplin dazu auf, sich aktiv in gesellschaftliche Definitionsprozesse einzumischen, wenn sie nicht wolle, dass Debatten, etwa über die ökonomische Rationalität sozialpolitischer Entscheidungen, ohne sie geführt werden.

Schmocker plädiert für ein „Wissensbasiertes Handeln“, also für ein fachliches Handeln auf reflektierter wissenschaftlicher Grundlage. Das dritte Mandat, das der Sozialen Arbeit damit aufgegeben sei, nütze auch der Gesellschaft: „Die Soziale Arbeit dürfte in der Gesellschaft eine besondere Rolle spielen, als sie es aktuell tut. Mit ihrer Sichtweise auf die Dinge, präzise artikuliert, liessen sich gesellschaftlich nützliche Antworten auf all die drängenden sozialen Fragen finden“ (S. 191). Wichtig sei, dass die Soziale Arbeit ihren Denkrahmen und ihre Kompetenzen auch entsprechend kompetent im öffentlichen Diskurs darzustellen vermöge. Hierzu könne der Kodex Soziale Arbeit Schweiz beitragen.

Teil IV – Kontextualisierung und Ausblick:

Ursula Leuthold eröffnet den vierten Teil mit einem Resümee und formuliert offene Fragen, die zum Weiterdenken und Weiterdiskutieren einladen. Die Beiträge der Festschrift zeigten, wie Absolventinnen und Absolventen der Sozialen Arbeit ihren Beruf als Handlungswissenschaft begreifen könnten, wie sie moralisch-eigenständig handeln könnten und wie sie soziale Probleme in ihrem systemischen Kontext wahrnehmen könnten. Auf diese Weise leisten die Beiträge einen entscheidenden Beitrag zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit, die mehr ist als „irgendein Job mit sozialen Problemen“.

Patrick Zobrist sieht das Verdienst des scheidenden Luzerner Kollegen darin, die Soziale Arbeit in der Schweiz akademisiert zu haben. In seinem Ausblick plädiert Zobrist dafür, dass die Disziplin sich künftig weniger abhängig machen sollte von Bezugsdisziplinen. Schmocker habe gezeigt, dass sich Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit in den verschiedenen Kontexten und Problemlöseprozessen personell wie institutionell verbinden ließen.

Diskussion

Die Soziale Arbeit gehört zu jenen Berufen, die nichts herstellen, sondern in Form personenbezogener Dienstleistung soziale Unterstützung bieten. Professionen zeichnen sich durch eigene Fachlichkeit, eine wissenschaftliche Grundlage und eine besondere Verantwortung gegenüber Staat und Gesellschaft aus. Im Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit, der 2008 vom Fachbereichstag Soziale Arbeit verabschiedet wurde, finden sich immer wieder Hinweise auf genuine berufsethische Kompetenzen, die beruflich notwendig seien. Beispielsweise sollten Absolventen eines Bachelor in diesem Fach die Fähigkeit besitzen, „unter Berücksichtigung professioneller und ethischer Standards sowie der beruflichen Rolle, Lösungsstrategien zu entwickeln und zu vertreten.“

Für eine eigenständige Berufsethik ist es nicht allein wichtig, eine „Ethik des Handelns“ auszubilden, also die Ziele und Strategien des professionellen Handelns beispielsweise menschenrechtstheoretisch auszuweisen. Vielmehr bedarf es auch einer „Ethik des Denkens und der wissenschaftlichen Theoriebildung“. Schmocker stützt sich auf dieses Tripelmandat, das die Schweizer Wissenschaftlerin Silvia Staub-Bernasconi ihrer Konzeption, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession zu denken, zugrundegelegt hat. Ferner rekurriert Schmocker auf Werner Obrechts bedürfnistheoretisch fundiertes Verständnis der Disziplin.

Ohne eine „Ethik des Denkens“ besteht die Gefahr der Moralisierung: Die Ansprüche und Instrumente einer „moralischen Profession“ müssen immer wieder der ethischen Kritik ausgesetzt und auf ihre Lebensdienlichkeit hin befragt werden. Ein eigener Ethikkodex ermöglicht der Profession die kritische Reflexion vorgegebener Gesetzes-, Wert- und Moralvorgaben – und zwar in der notwendigen Freiheit sowohl gegenüber gesellschaftlichen und staatlichen Vorgaben, aber auch in der gebotenen Distanz zu Zeitströmungen innerhalb der eigenen Profession oder gegenüber bestimmten Zumutungen seitens der Träger und Adressaten.

Doch bleibt es ferner notwendig, selbstkritisch auch die Grenzen des eigenen professionellen Handelns im Blick zu behalten, damit sich die guten Absichten nicht doch in Moralisierung, Bevormundung oder Kontrolle verkehren. So können Maßnahmen sozialer Intervention doch erheblich in die Privatsphäre des Einzelnen eingreifen. Es ist disziplingeschichtlich nachvollziehbar, dass man zunächst einmal große Anstrengungen darauf verwendet hat, die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession zu etablieren. Zu Recht weist aber Ursula Leuthold in ihrem Resümee darauf hin, die selbstkritische Reflexion nach innen nicht zu vergessen: „Allerdings scheinen Berufskodizes und Instrumente der moralischen Urteilsbildung vorwiegend dazu zu dienen, unangebrachte Aufträge von ‚aussen‘ abzuwehren. Gegen ‚innen‘ haben ethische Standards allenfalls einen konsiliarischen Charakter“ (S. 243). Dieser dürfe allerdings nicht außen vor gelassen werden, wenn Berufskodizes nicht wiederum selbst zum Herrschaftsinstrument mutieren sollen.

Beat Schmocker hat Pionierarbeit in der Professionalisierungsdebatte der Sozialen Arbeit geleistet – das macht der Band deutlich. Besonders hervorzuhaben ist sein Verdienst, verschiedene Debatten miteinander zu verknüpfen und aufeinander zu beziehen: So leisten die verschiedenen Aufsätze des Bandes Verknüpfungen zwischen dem Professions-, Ethik- und Handlungsverständnis der Sozialen Arbeit. Für die weitere Diskussion bleibt es wichtig, wie Leuthold im Weiteren anmerkt, das Verhältnis der drei Mandate noch schärfer in ihren Wechselbezügen zu klären. Sonst bestehe, wie sie anmerkt, die Gefahr einer Unschärfe, die dazu verleite, „die Gegensätzlichkeit der Mandate als gegeben zu akzeptieren und es sich mit Rückversicherung auf Berufskodizes ohne schlechtes Gefühl einzurichten, sozialarbeiterisch tätig zu sein“ (S. 243). Es wäre wohl im Sinne des Geehrten, an diesem Punkt weiterzuarbeiten.

Der Band verdeutlicht: Was im neunzehnten Jahrhundert als ehrenamtliche Armenfürsorge begann, ist Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf dem Weg zur ambitionierten Menschenrechtsprofession. Einen entscheidenden Schritt auf diesem Weg stellte die Definition der IFSW und IASSW dar. Der vorliegende Band lädt ein, diesen Weg für die jüngere Zeit gedanklich nachzugehen. Was als Zusammenstellung früherer zentraler Aufsätze Beat Schmockers entstanden ist, kann als ein gut lesbares Lehrbuch für alle bezeichnet werden, die einen Zugang zur professionstheoretischen und berufsethischen Debatte innerhalb der Sozialen Arbeit suchen. Zu diesem Lehrbuchcharakter, der für Festschriften eher untypisch ist, trägt bei, dass er zugleich praktische Anregungen vermittelt, wie sich kollegiale ethische Fallbesprechungen in der Berufspraxis implementieren lassen. Die Vorarbeit, die Schmocker und andere geleistet haben, trägt mittlerweile Früchte, indem immer mehr Träger Fallbesprechungsgruppen oder Ethikkomitees in ihren diakonischen Unternehmen verankern.

Fazit

Der Band leistet mit seiner Zusammenschau zentraler Positionen Beat Schmockers einen guten Überblick über die aktuelle Professionalisierungsdebatte innerhalb der Sozialen Arbeit. Und er ruft dazu auf, diese weiterzudenken und weiterzuentwickeln.


Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 29.04.2021 zu: Rahel Portmann, Regula Wyrsch (Hrsg.): Plädoyers zur Sozialen Arbeit von Beat Schmocker. Eine menschengerechte Gesellschaft bedarf der Sichtweise der Sozialen Arbeit. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2019. ISBN 978-3-906036-35-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27244.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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