socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Linda Karlin-Hohler: Beratung 4.0

Linda Karlin-Hohler: Beratung 4.0. Transformation der fachlichen Kompetenzen in der psychosozialen Beratung und die Auswirkungen auf das Professionsverständnis der Sozialen Arbeit. Edition Soziothek (Bern) 2020. 60 Seiten.

Bachelor-Thesis.


Thema

Beratung in der Sozialen Arbeit wird im ‚klassischen‘ Methodenverständnis als kopräsente Kommunikationsform, d.h. von Angesicht zu Angesicht, erbracht. Im Zuge der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechniken in immer mehr gesellschaftlichen Teilbereichen werden digitale Medien einerseits zum Alltagsmedium vieler Adressat*innen und andererseits vermehrt in professionellen Beratungsangeboten Sozialer Arbeit verwendet. Mit der digitalen Mediatisierung der Lebenswelten und Online-Beratung werden Fragen nach Veränderungen in den Kommunikationsformen und damit einhergehende neuartige fachliche und technische Anforderungen diskutiert, die es zu reflektieren und zu gestalten gilt. Im Raum stehen z.B. Überlegungen zu zeitgemäßen Fachkompetenzen oder Qualifikationen im Umgang mit digitalen Arbeitsmitteln zur Gesprächsführung, die über Chats, Foren oder Mail alokal, textförmig, asychron und anonym verläuft bzw. verlaufen kann und – mit Blick auf speicherfähige personenbezogene und Kommunikationsdaten – eine hohe Sensibilität zur Gewährleistung von Datenschutz und -souveränität erforderlich machen. Dies gilt auch für Formate videogestützter Beratung, die zwar ‚von Angesicht zu Angesicht‘ geführt werden können, jedoch ebenfalls in Umgebungen digitaler Übermittlungstechniken erfolgen. Bislang stehen jedoch vor allem textbasierte Formen von Online-Beratung im Fokus der Fachdebatte. Vor diesem Hintergrund geht der vorliegende Band der theoretischen Frage nach, welche Kompetenzen Fachkräfte Sozialer Arbeit für eine videogestützte Beratung benötigen. Überdies soll dargestellt werden, „(w)elchen Einfluss (.) die veränderten Lebenswelten der Adressat*innen und die veränderten fachlichen Kompetenzen der Professionellen auf das Professionsverständnis der Sozialen Arbeit“ haben (S. 3).

Entstehungshintergrund

Digitalisierung ist nicht nur mit Blick auf die Beratungspraxis Sozialer Arbeit relevant, sie bietet auch Plattformen zur Veröffentlichung von Qualifikationsarbeiten. Um eine solche handelt es sich bei dem vorliegenden Band, nämlich eine Bachelor-Thesis, die in der Schweizer Edition Soziothek online gestellt ist. Diese Plattform „soll sozialwissenschaftlicher Literatur, die nicht für den kommerziellen Buchhandel bestimmt ist, eine Publikationsmöglichkeit (.) bieten“ (https://www.soziothek.ch).

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung besteht aus 48 Textseiten mit einer Einleitung, sechs Folgekapiteln, einem Fazit und umfangreichen Literaturverzeichnis. Zu den Kapiteln im Einzelnen:

Nach der Darstellung von Ausgangslage, Relevanz für die Soziale Arbeit und Fragestellung in der Einleitung definiert die Autorin in Kap. 2 ihre Verständnisse von psychosozialer Beratung und Online-Beratung. Bei letzterer wird wiederum in Videoberatung und Blended Councelling unterschieden.

Mit der Annahme eines digitalisierungsbedingten Wandels der Lebenswelten von Adressat*innen Sozialer Arbeit wird in Kap. 3 zunächst das Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit nach Hans Thiersch skizziert. Im Anschluss widmet sich Linda Karlin-Hohler dem Gegenstand mediatisierter Lebenswelten und kommt zu dem normativen Schluss, dass Soziale Arbeit „ihre Hilfestellungen im Internet anbieten“ muss, um „weiterhin lebensweltorientiert agieren“ (S. 9) zu können.

In diesem Sinne geht es im nächsten Kap. 4 um die Mediatisierung von Beratungsformaten Sozialer Arbeit. Nach der Vorstellung unterschiedlicher Medientypen in der Beratung wird dahingehend argumentiert, dass Online-Medien nicht zwangsläufig Niederschwelligkeit im Zugang zu Beratungsangeboten gewährleisten. Mit Bezug auf Forschungsergebnisse wird vielmehr darauf hingewiesen, dass benachteiligte Adressat*innengruppen auch im Zugang tendenziell ausgeschlossen werden. Anschließend werden vor allem organisationale Rahmenbedingungen vorgestellt sowie Vor- und Nachteile videogestützter Beratung miteinander abgewogen.

In Kap. 5 befasst sich die Autorin mit der Erfordernis neuer technischer, methodischer und sprachlicher Kompetenzen und listet eine Reihe davon auf, die für digitale Beratungsformate für notwendig gehalten werden. Dann wird auf veränderte Bedingungen in der mediatisierten Beziehungsgestaltung und der Beratung in virtuellen Räumen mit möglicherweise auch unerwünschten Einblicken in reale Räume und Privatsphären eingegangen. Es folgen die Problematiken von Täuschungen und Inszenierungen sowie (technischen) Störungen. Breiten Raum nehmen dann rechtliche Aspekte, insbesondere zum Datenschutz, und deren Gewährleistung ein. Nach berufsethischen Überlegungen zu digitalisierter Beratung werden abschließend erforderliche Kompetenzen bilanzierend zusammengefasst.

In Kap. 6 wird der engere Fokus auf videogestützte Beratung in der Sozialen Arbeit geweitet und ein professionstheoretisch gerahmter Blick auf digitalisierungsbedingte Transformationen und deren Folgen für das professionelle Selbstverständnis und Handeln geworfen. Zudem wird die Frage einer zeitgemäßen Ausbildung angerissen. Auch dieses Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung.

Im Fazit und Ausblick geht die Autorin u.a. auf die Gefahr einer möglichen De-Professionalisierung Sozialer Arbeit im Zusammenhang mit Digitalisierung ein und kommt zu dem Schluss, dass es „eher zu einer De-Professionalisierung“ käme, „wenn sich die Soziale Arbeit dem gesellschaftlichen und technischen Wandel nicht anschließen würde“ (S. 48).

Diskussion

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um eine Bachelor-Thesis, die, soweit ich das erkennen kann, nicht inhaltlich oder im Layout überarbeitet wurde. Insofern stellt sich mir zu allererst die Frage nach der möglichen Zielgruppe. Denn einerseits enthält die Arbeit vor allem zum Thema videogestützter Beratung vielfältige Anregungen zur fachlichen Reflexion. Andererseits folgt der Text der Aufbaulogik akademischer Abschlussarbeiten und eher nicht den Lesegewohnheiten interessierter Praktiker*innen. Für ein wissenschaftlich interessiertes Publikum ist wiederum der Erkenntnisgewinn nicht eigenständig genug. Ich möchte daher an dieser Stelle anregen, über den Stellenwert und die Aufmachung entsprechender Veröffentlichungen vermehrt nachzudenken. Denn ich begrüße ausdrücklich, dass auch angehende Nachwuchswissenschaftler*innen und herausragende Abschlussarbeiten ihren Weg in die Fachdebatte und Praxis finden. Abseits meiner hier geäußerten formalen Kritik habe ich die Ausführungen zu Kompetenzen und Rahmenbedingungen von digitalen Beratungsberatungsformaten mit Gewinn gelesen. Dies auch, weil unter den gegenwärtigen Corona-Bedingungen von einem deutlichen Digitalisierungsschub in der Beratungspraxis Sozialer Arbeit ausgegangen werden kann, der, wie von der Autorin gut nachvollziehbar dargelegt wird, einen fachlich reflektierten Gestaltungswillen und förderliche Rahmenbedingungen im Sinne der Adressat*innen bedarf.

Eher kritisch sehe ich den inhaltlichen Versuch einer professionstheoretischen Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis Sozialer Arbeit im digitalen Wandel. Zwar wird mit der Lebensweltorientierung nach Thiersch ein durchaus interessanter theoretischer Bezug aufgemacht, der jedoch m.E. nicht konsequent genug die Doppelbödigkeiten digitalisierter Lebenswelten als Gegenstände von digitalisierter Beratung reflektiert. Auch die in Kap. 6 angestellten Überlegungen zum Einfluss von Digitalisierung auf das Professionsverständnis Sozialer Arbeit, das in der hier konstatierten Eindeutigkeit ohnehin zu hinterfragen wäre, streifen einige diskussionswürdige Aspekte. Aus meiner Sicht verlässt die Autorin jedoch ihr eigentliches und ergiebiges Thema von fachlichen Kompetenzen in der videogestützten Beratung und bleibt zudem in ihren unterschiedlichen professionstheoretischen Versatzstücken zu unpräzise.

Fazit

Der gesellschaftliche Megatrend der Digitalisierung ist mit einiger Verzögerung in der Fachdebatte Sozialer Arbeit angekommen. Dies zeigt sich auch in einer wachsenden Anzahl von Abschlussarbeiten, so wie der hier Vorliegenden zum Thema Video-Beratung. Trotz meiner Kritik, die sich zum einen an der Textsorte einer Bachelor-Thesis, zum anderen an einer tendenziellen Überfrachtung mit professionstheoretischen Überlegungen festmacht, bietet die Veröffentlichung Praktiker*innen, die Interesse an Online-Beratung generell und im speziellen an videogestützten Formaten haben, vielfältige Informationen, Anregungen und – anhand der gegebenen Literaturhinweise – auch die Möglichkeit zur vertiefenden Lektüre.


Rezension von
Michael Fehlau
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Forschung-Lehre-Praxis-Transfer, Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Michael Fehlau anzeigen.


Zitiervorschlag
Michael Fehlau. Rezension vom 01.10.2020 zu: Linda Karlin-Hohler: Beratung 4.0. Transformation der fachlichen Kompetenzen in der psychosozialen Beratung und die Auswirkungen auf das Professionsverständnis der Sozialen Arbeit. Edition Soziothek (Bern) 2020. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27250.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung