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Heidi Albisser Schleger (Hrsg.): Das Entstehen von ethischen Problemen

Cover Heidi Albisser Schleger (Hrsg.): Das Entstehen von ethischen Problemen. Schwabe Verlag (Basel) 2019. 136 Seiten. ISBN 978-3-7965-3885-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 32,00 sFr.

Reihe: METAP II - Alltagsethik für die ambulante und stationäre Langzeitpflege - Band 1.
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Herausgeber

Heidi Albisser Schleger ist Medizinethikerin, Pflegefachfrau und klinische Psychologin. Des Weiteren forscht sie im Bereich der Alltagsethik an der Universität Basel.

Zielgruppe

METAP II (Modular – Ethik – Therapie – Allokation – Prozess) stellt ein Ethik-Programm zur Einführung maßgeschneiderten Ethikstrukturen sowohl für die ambulante als auch stationäre Langzeitpflege dar. Daher adressiert sich dieses Fachbuch bevorzugt an Mitarbeitende der spitalexternen Langzeitpflege sowie an Führungspersonen und Berufsgruppen mit Kontakt zu älteren Klienten.

Aufbau

Dieses Fachbuch beinhaltet acht Kapitel, die sich auf die Entstehung ethischer Probleme in verschiedenen Settings der Mikro- und Makroebene beziehen. Diese umfassen die ambulante Pflege, Pflege- und Altersheime, Palliative Care und die psychosoziale Beratung für Patienten einer Krebserkrankung sowie deren Angehörige. Ebenso wird auf die Mesoebene eingegangen, die sich mit dem Status-Quo und einem Ausblick integrierter Ethikstrukturen befasst. Am Ende jedes Kapitels erfolgt in der Quintessenz die Zusammenfassung der wichtigsten Punkte sowie im Literaturverweis ausführliche Angaben zu den zitierten Textstellen.

Inhalt

Das erste Kapitel befasst sich mit den strukturell bedingten ethischen Problemen sowie deren Folge für das Pflege- und Betreuungspersonal. So können beispielsweise verschiedene Finanzierungsmodalitäten zu einer Ungleich- oder Unterversorgung führen, die sich wiederum negativ auf die ethischen Prinzipien Nicht-Schaden, Hilfeleistung und Gerechtigkeit auswirken. Ursachen umfassen darüber hinaus den Leistungsauftrag und dessen Grenzen in der ambulanten Pflege, fehlende oder mangelnde Informationen durch kulturelle Unterschiede und eine unzureichende sektorale Vernetzung sowie Personal- und Zeitmangel. Auch das Thema der Altersdiskriminierung und -rationierung wird angerissen, das sich auf die Vorenthaltung notwendiger Maßnahmen aufgrund des Alters bezieht.

Im zweiten Kapitel liegt der Fokus ebenfalls auf der ambulanten Pflege, allerdings nun bezogen auf Einzelfallsituationen. Pflegebedürftige Personen sind besonders vulnerabel und daher anfällig für das Auftreten ethischer Probleme. Die Vulnerabilität ist gekennzeichnet durch eine fragliche Urteilsfähigkeit der Patienten und durch psychisch auffälliges Verhalten. Zwangsmaßnahmen sollten in diesem Kontext nur im Notfall angeordnet werden, um die Freiheit und Autonomie zu wahren. Ein weiteres Unterkapitel geht auf die Situation pflegender Angehöriger ein, die einer hohen Belastung und Betreuungslast ausgesetzt sind.

Das nachfolgende dritte Kapitel betrachtet die Entstehung ethischer Probleme in Alters- und Pflegeheimen. Strukturelle Bedingungen beziehen sich auf das Personal hinsichtlich der Personalqualifikation, Rekrutierungsmaßnahmen und dessen gesundheitliche Situation. Für eine nachhaltige Implementierung einer Kultur der Ethik ist einerseits ständiges Lernen und andererseits eine Dokumentation von Fehlverhalten mit verbundenen Konsequenzen nötig. Zusätzliche Aspekte dieses Kapitels behandeln die Entstehung ethischer Probleme seitens der Bewohner, wie aggressives Verhalten, und seitens des Personals, wie eine zu hohe Belastung.

Das darauffolgende vierte Kapitel behandelt die ambulante Palliative Care in der Schweiz und zeigt Unterschiede in der Strategie zwischen Deutschland, Schweiz und Österreich auf. Strukturelle Bedingungen sind hier in einer uneinheitlichen Organisation und Finanzierung und einer mangelnden Koordination zwischen den einzelnen Sektoren verortet. Auch in diesem Kapitel werden ethische Probleme, die durch die individuelle Situation der Patienten ausgelöst werden, besprochen. Als Beispiele werden hier unter anderem das Recht auf Selbstbestimmung auch bei schwerer Krankheit und in der Phase des Sterbens, der freiwillige Verzicht auf Flüssigkeit und Nahrung und der Wunsch nach assistiertem Suizid genannt.

Die Situation von Demenzerkrankten bezogen auf ethische Probleme wird im fünften Kapitel thematisiert. Das Pflegepersonal muss sich verschiedenen Herausforderungen stellen, wie der Pflegeverweigerung und einer zeitintensiven Behandlung. Ein weiteres Unterkapitel widmet sich der belastenden Situation der Angehörigen, die sich einer Rollenumkehrung und innerfamiliären Konflikten ausgesetzt sehen.

Die spitalexterne psychiatrische Pflege und ethische Herausforderungen stehen im sechsten Kapitel im Vordergrund. Dabei werden die vier verschiedenen Formen psychiatrischer Pflege in der Schweiz erklärt: interdisziplinäres Team eines Ambulatoriums, interdisziplinäres Team eines aufsuchenden psychiatrischen Teams, freiberuflich tätiges Personal und psychiatrische Pflege als Bestandteil der Spitex Organisation. Darüber hinaus werden zwei Fallbeispiele mit ethischen Problemen und sich daraus ergebenden Fragestellungen für den praktischen Umgang vorgestellt.

Das vorletzte siebte Kapitel enthält Informationen zu der ambulant psychosozialen Beratung für Patienten mit Krebserkrankung und deren Angehörige. Auch hier stehen zwei Fallbeispiele zur Verfügung, deren ethische Problemstellungen durch verschiedene Ansprüche und gegensätzliche Wünsche aller Beteiligten ausgelöst werden. Gleichzeitig wird zwischen Merkmalen von Patienten und Angehörigen, die das Entstehen ethischer Probleme begünstigen, differenziert.

Das achte Kapitel fasst die Entstehung ethischer Probleme auf Mikro-, Meso- und Makroebene zusammen. Die Fragmentierung der Versorgungs- und Ethikstrukturen zwischen den einzelnen Ebenen führt dazu, dass ethische Probleme meist nicht gelöst werden können. Darauf aufbauend gewährt ein Unterkapitel einen Ausblick, wie eine Vernetzung und Integrierung der Ethikstruktur zwischen Mikro- und Mesoebene aussehen und welchen Mehrwert nationale Ethikstrukturen bieten könnten. Schaubilder veranschaulichen zum einen die fragmentierten Ethikstrukturen auf den einzelnen Ebenen und zum anderen integrierte Ethikstrukturen auf Mikro- und Mesoebene anhand einer Pflegeeinrichtung und eines Verbunds ambulanter Zentren.

Diskussion

Mit der Veröffentlichung wird ein ausführlicher Überblick zu der Entstehung von ethischen Problemen in der Pflegeversorgung dargelegt. Anhand des METAP II Programms lässt sich für Mitarbeitende aus der Pflegepraxis ethische Aspekte identifizieren und entsprechend umsetzen. Das Buch dient als eine sehr gute Orientierung für vermehrt aufkommende ethische Fragen in dem komplexen Bereich der ambulanten und stationären Pflegeversorgung. Die Veröffentlichung wurde umfassend recherchiert. Der Sprach- und Schreibstil ist akademisch gehalten. Ein Literatur- und Abkürzungsverzeichnis sowie Sachregister, welches die Recherche nach Wörtern vereinfacht, sind im Anhang der Publikation angegeben.

Fazit

Der Fokus dieses Fachbuchs liegt auf dem schweizerischen Gesundheitswesen, gibt jedoch auch Impulse für Deutschland und Österreich. Insgesamt ist es didaktisch gut aufbereitet, indem die einzelnen Kapitel nach Settings geordnet sind und im letzten Kapitel die Erkenntnisse auf Mikro-, Makro- und Mesoebene bezogen werden. Des Weiteren hilft die Quintessenz die wichtigsten Informationen zügig zu erfassen und durch das ständige Aufgreifen der METAP-Vorgehensweise wird diese zunehmend verinnerlicht. Die Fallbeispiele und das Praxisbeispiel am Ende des Buches bieten einen Einblick in die Entstehung ethischer Probleme mit Lösungsansätzen. Allerdings wären auch Fallbeispiele in den restlichen Kapiteln wünschenswert.


Rezension von
Dr. Christian Heidl
Diplom-Pflegewirt (FH), MSc Dozent und Wissenschaftlicher Mitarbeiter Wilhelm Löhe Hochschule für angewandte Wissenschaften, Forschungsinstitut IDC
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und
Alisa Hemberger
M. Sc. Gesundheitsförderung
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Zitiervorschlag
Christian Heidl/Alisa Hemberger. Rezension vom 08.03.2021 zu: Heidi Albisser Schleger (Hrsg.): Das Entstehen von ethischen Problemen. Schwabe Verlag (Basel) 2019. ISBN 978-3-7965-3885-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27254.php, Datum des Zugriffs 18.04.2021.


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