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Stefan Stache, Wolf von Matzenau (Hrsg.): Was heißt Erneuerung der Linken?

Cover Stefan Stache, Wolf von Matzenau (Hrsg.): Was heißt Erneuerung der Linken? Sozial-ökologischer Umbau und ein Sozialstaat für das 21. Jahrhundert. VSA-Verlag (Hamburg) 2020. 188 Seiten. ISBN 978-3-96488-026-0. D: 14,80 EUR, A: 15,30 EUR.
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Eine neue Ökonomie für eine neue Linke

Dieses Buch enthält Ansätze sozialökologischer Wohlfahrtstaats- und Wachstumskritik. Zu seinem Entstehungshintergrund gehört der zu behebende Mangel an strategischen Grundlagen einer gesamtgesellschaftlichen Transformation. So geht es um neue politische Projekte in der Absicht, Brücken zu schlagen zwischen sozialen Parteiströmungen, sozial-ökologischen Bewegungen, Gewerkschaften und kritischer Wissenschaft.

Joachim Bischoff und Stefan Zache (Publikationsprojekt Sozialismus; Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft) plädieren in ihrer Einleitung mit der Überschrift „Jenseits der ‚schöpferischen Zerstörung‘. Eine neue Ökonomie für eine neue Linke“ (S. 7 – 23) für dieses „Crossover“, das darauf geht, dass Funktionsstörungen der kapitalistischen Produktionsweise eine grundlegende Erneuerung verlangen, die Umstellung unserer Produktions- und Konsummuster sowie unseres Lebensstils auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft. Ausgangspunkt ist das Scheitern des wachstums- und renditehungrigen Kapitalismus der Gegenwart (S. 11). So wird auf der Suche nach einer erneuerten sozialistischen Programmatik betont, dass in den Debatten um sozial-ökologisches Wachstum, Sozialwirtschaft und ökologische Transformation die essentielle Bedeutung des Sozialstaates mehr Beachtung verdiene. Vor dem Hintergrund sich ausdifferenzierender Erwerbsformen und wachsender Ansprüche an eine demokratische und eine selbstbestimmte Lebensführung sollten sich Reformen der sozialen Sicherung und eine Care Economy an den Leitbildern der Universalisierung sozialer Sicherheit, der Inklusion, solidarischer Autonomie und biographischer Selbstbestimmung orientieren. Dazu gehörten das Aufbrechen Frauen benachteiligender Arbeitsstrukturen, die Einbeziehung aller Erwerbstätigen in die sozialen Sicherungssysteme, die gesetzliche Regelung von Mindestlöhnen, die Absicherung von Phasen der Weiterbildung, sozialrechtliche Reformen zur Inklusion behinderter und chronisch kranker Menschen und anderes mehr. Ein größeres Maß an Solidarität wird hier gefordert von einer „wohlfahrtsstaatlichen Politik“ (S. 22), wobei zwischen Wohlfahrts- und Sozialstaat nicht unterschieden wird. So wird schon in der Einleitung eine umfassende „Transformation“ gefordert, ein Begriff, der in allen Beiträgen trotz seiner relativen Unbestimmtheit wiederkehrt.

Autoren

Stefan Sachse ist Chefredakteur der Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (spw). Er ist Politikwissenschaftler und ehemaliger Stipendiat der Friedrich-Ebert- Stiftung. – Wolf von Matzenau ist Autor bei Sozialismus.de und Mitglied im Forum Demokratische Linke 21. Er kritisiert die fossile Ökonomie und sieht den Klimaschutz als Aufgabe der ganzen Menschheit.

Aufbau und Inhalt

Sozialstaat für das 21. Jahrhundert

Dierk Hirschel (Gewerkschaft ver.di) leitet seinen Beitrag „Ein Sozialstaat für das 21. Jahrhundert“ (S. 24 – 33) mit der Bemerkung ein, da der Kapitalismus auf dem parlamentarischen Weg nach dem Zweiten Weltkrieg nicht habe überwunden werden können, sollte er zumindest politisch gezähmt werden, gemeint ist: sozial-politisch. Hirschel geht in seinem Plädoyer für eine sozial-ökologischen Transformation unserer Gesellschaft davon aus, dass der moderne Kapitalismus (Hirschel wählt nicht den missverständlichen Begriff Neoliberalismus) die natürlichen Lebensgrundlagen zerstöre und die soziale Spaltung vorantreibe. Seine Terminologie schwankt insofern, als er sowohl von einem Sozialstaat als auch einem Wohlfahrtsstaat ohne Unterscheidung spricht, von einem Arbeitsmarkt und im selben Satz von den „Verwertungsbedingungen der Ware Arbeitskraft“ (S. 25). Er verlangt, dass ein aktiver Staat den „ökologischen Umbau“ umzusetzen habe. So häufig wie von Transformation in diesem Buch die Rede ist, so häufig von Umbau. Der aktive Staat müsse die abhängig Beschäftigten und die Zivilgesellschaft demokratisch beteiligen. Weder der Ausbau der Dienstleistungen noch die Verkehrs- und Energiewende dürften sozial und ökologisch blinden Märkten überlassen werden. Eine nationale Dienstleistungs- und Industriepolitik könne die Veränderung vorgeben, gute Arbeit und ökologische Nachhaltigkeit verbinden. Das 21. Jahrhundert könne ein sozialdemokratisches werden. Die notwendige sozialökologische Transformation des modernen Kapitalismus erfordere einen starken Sozialstaat, der im nächsten Satz zum Wohlfahrtsstaat wird.

Klimaschutz und gute Arbeit

Kai Burmeister (IG Metall) zeigt in seiner Abhandlung „Klimaschutz, Umbau der Industrie und gute Arbeit im Spannungsfeld“ (S. 34 – 46) mehrere Konflikte und Blockaden rund um Ökologie, Ökonomie und Arbeit, die einer „Transformation zugunsten von Klima und Beschäftigten“ entgegenstehen. Unbeantwortet sei die zentrale Frage, ob klimapolitische Erfordernisse mit sozialer Gerechtigkeit verbunden werden können (S. 34). Die IG Metall dränge auf eine Produktstrategie, bei der es um Zukunftspläne für alle gehe. Die sozialökologische und demokratische Transformation benötige ein „Zusammenspiel“ von aktiver Industrie- und Arbeitsmarktpolitik in Verbindung mit der gewerkschaftlichen Gegenmacht in den Betrieben und einem breiten Bündnis aus Gewerkschafts- und Umweltbewegung. Ziel müsse eine „Nachhaltigkeitsrevolution“ (Klaus Dörre) sein. Das gesellschaftspolitische Mandat der Gewerkschaften umfasse auch den ökologischen Umbau. Burmeister verweist hoffnungsvoll auf die große Kundgebung der IG Metall vom 29. Juni 2019 in Berlin, auf der neben gewerkschaftlichen Redner*innen auch Vertreter*innen von Umwelt- und Sozialverbänden gesprochen haben. Das zu konsolidierende Bündnis müsse begleitet werden von einer „solidarischen Politik“, die ökonomischer Macht demokratische Kontrolle entgegenstelle. So solle „am Ende“ statt einer autoritären und renditegetriebenen Transformation ein sozialer, ökologischer und demokratischer Umbau von Industrie und Gesellschaft gelingen (S. 45).

Kritik der Ökonomisierung des Sozialen

Joachim Rock (Paritätischer Gesamtverband) fragt, ob Ostdeutschland als „frakturierte Gesellschaft“ charakterisiert werden könne. Gesellschaftliche Frakturen, Brüche des Zusammenhalts, Sorgen um soziale Sicherheit seien unübersehbar. Angesichts der Gefahr des Zerreißens des Zusammenhalts in der Gesellschaft wird die große Bedeutung gemeinnütziger Initiativen und Dienste hervorgehoben, insbesondere die Potenziale der Freien Wohlfahrtspflege. Unter der Überschrift „Gemeinnutz statt Eigennutz: Wirtschaften für alle, nicht für die wenigen“ (S. 47 – 61) wird die Bedeutung der Sozialwirtschaft unterstrichen, die mit einer solidarischen Politik zu verbinden sei. Der (Sozial-) Staat dürfe nicht länger „Reparaturbetrieb des Kapitalismus“ sein; „linke Politik“ müsse Ängste und Hoffnungen in der Bevölkerung ernst nehmen und sich stärker kommunal erden: gegen die Ökonomisierung des Sozialen“ (Ulrich Schneider).

Care-Ökonomie

Gabriele Winkler (TU Hamburg, Netzwerk Care Revolution) stellt die Care-Ökonomie in das Zentrum einer solidarischen und ökologischen Sozialpolitik (S. 62 – 72). Kritisiert wird ein auf die Logik der Konkurrenz aufgebautes Wirtschaftssystem. Reformen in der Sozialpolitik sollten allen Betroffenen im Sinn einer umfassenden Demokratisierung Mitsprache ermöglichen. Sozialstaatspolitik dürfe nicht länger auf Lohnarbeit fixiert bleiben. Die notwendigen Sorgeaufgaben dürften nicht länger als Kostenfaktor verrechnet werden. Als unabdingbar wird eine Rentenreform gesehen, nach der alle bedürftigen Menschen mindestens eine Basisrente erhalten, die ihnen auch im Alter gesellschaftliche Teilhabe und ein Leben in finanzieller Sicherheit ermögliche. Der Begriff der Arbeit müsse erweitert, die öffentliche Daseinsvorsorge ausgebaut, die Sozialstaatspolitik demokratisiert werden. Eine starke Care-Bewegung weiß, dass Gesundheit keine Ware sein darf. Das „Netzwerk Care Revolution“ trägt auch eine feministische Perspektive aus. Der von der Verfasserin unterstützte Prozess der Demokratisierung will Pflege, Gesundheit, Bildung, Erziehung dem kapitalistischen Verwertungsprozess entziehen.

Sozialstaatliche Erneuerung

Sebastian Bödeker, Christoph Ehlscheid und Stefanie Janczyk (alle IG Metall) entwerfen „Perspektiven der sozialstaatlichen Erneuerung“ (S. 73 – 93). Sozialstaatliche Reformen seien weitgehend politische Kompromisse. Ein „zukunftstaugliches Konzept sozialer Sicherheit“ (S. 75) fehle, desgleichen ein umfassenderes Verständnis des Sozialstaats. Von den erläuterten fünf Leitlinien sei hier nur eine neue Gerechtigkeitsdebatte für den solidarischen Neuaufbau der sozialstaatlichen Sicherungssysteme erwähnt (S. 79). Eine Sozialpolitik auch mit vorbeugenden und aktivierenden Aufgaben (investive Sozialpolitik) wird gefordert. Eine „Arbeitsmarktpolitik“ der sozialen Sicherheit und Gerechtigkeit müsse unter anderem der Deregulierung am Arbeitsmarkt, dem Entstehen von Zonen prekärer und schutzloser Arbeit entgegentreten. Eine an Sicherheit und Selbstbestimmung orientierte Arbeitsmarktpolitik verlange eine „grundlegende Veränderung des Hartz-IV-Systems“ (S. 88). Insgesamt umreißen die Verfasser einen „expliziten Gegenentwurf zu produktivistischen und marktliberalen Vorstellungen von Sozialstaatlichkeit (S. 91).

Solidarische Gesellschaft

Stefanie Hürtgen (Wissenschaftlicher Beirat der Rosa Luxemburg Stiftung) stellt in ihrem Beitrag „Arbeit, Subjekt und solidarische Gesellschaft“ (S. 94 – 105) Arbeiter*innen als alltagspolitische Akteure dar. Ihre These lautet, von Bedeutung sei es, sich den alltäglichen Auseinandersetzungen mit der gesellschaftlichen (Arbeits-) Welt zuzuwenden und nach den politischen Motiven alltäglicher Subjektivierung zu fragen. Diese Subjektkonstitution ziele auf eine progressive gesellschaftliche Gestaltung, die den Anschluss an transformierende ökologische, arbeitsinhaltliche und menschenrechtlich-universalistische Prinzipien möglicher künftiger Gesellschaftlichkeit beinhalte. Die progressiv- eingreifende Alltagssubjektivierung müsse sich auflehnen gegen den „neoliberalistischen Umbau von Arbeit und Gesellschaft“ (S. 95). Ein demokratisches Transformations-Projekt trägt in sich auch eine „moralische Ökonomie“ der (Arbeits-) Welt aus. Dazu erkennt die Verfasserin, dass es Arbeiter*innen wesentlich um eine (mit-) menschliche, soziale und inhaltlich verantwortliche Arbeitswelt gehe. Lohnarbeit sei für kaum jemanden einfach nur Verausgabung von Arbeitskraft und Mittel, Geld zu verdienen. Arbeit werde von dem befragten nicht instrumentell gedeutet. Die Kritik der Arbeits- und Lebensbedingungen geht auf eine menschliche Arbeitswelt; das Mensch-Sein sei ein die Lohnarbeit transzendierendes Prinzip (S. 98 f.). Die Bedeutung sozialer (Menschen-) Rechte wird erkannt. Die Entdeckung der Perspektive der sozialen Gestaltbarkeit beinhaltet Maßstäbe und Vorstellungen einer sozial und menschlich gestalteten Arbeitswelt. Die Verfasserin spricht demnach konsequent nicht von einem Arbeitsmarkt, sondern wendet sich gegen rechts-autoritäre Überhöhungen von Führerfiguren, Rassismus und Xenophobie. Gegen jedweden „etatistischen Politizismus“ richten sich die Einsicht in die Gestaltbarkeit der eigenen Lebenswelt und die Entfaltung eines radikalen Begriffs sozialer Demokratie.

Dissens der Parteiflügel

Max Reinhardt (Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft) beschreibt mit dem Blick auf die SPD einen Dissens der Parteiflügel: korporatistisch-ständischer Wohlfahrtsstaat versus sozialdemokratischer Teilhabe- und Verteilungsstaat. Dem marktliberalen Wohlfahrtsstaatspfad wird der Erhalt (die Erneuerung) des Demokratischen Sozialismus entgegengerichtet. Angemahnt wird ein klares soziales und ökologisches Profil der Partei. Von den mittlerweile beschlossenen Reformen seien hier nur genannt die Bodenwertzuwachssteuer und eine sozial gerechtere, demokratischere Klimapolitik (S. 114).

Öffentliches Investitionsprogramm

Wolf von Matzenau (Sozialismus.de) skizziert „Ein öffentliches Investitionsprogramm für eine klimaneutrale und soziale Zukunft“ (S. 116 – 129). Der aktuelle Kapitalismus stoße mehr und mehr an seine planetaren Grenzen. Der Verfasser plädiert mit Streeck für eine „neue Ökonomie für eine neue Linke“. Soziale und ökologische Ziele seien zu vereinen. Zusätzlich erforderlich sei konkretes sozialstaatliches Handeln. Der Sozialstaat der Zukunft sei kein reines Transfersystem mehr, sondern biete auch für die sozioökonomische Reproduktion unverzichtbare Dienstleistungen wie Pflege und Erziehung. Die kommunalen Sozialleistungen und die öffentliche Infrastruktur, die Daseinsvorsorge sollen gestärkt werden. Nebeneinander müssten stehen die vier Säulen Klimaschutz, Sozialverträglichkeit der Transformation, Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur und Ausbau sozialer Dienstleistungen (S. 123). Der Verfasser widerspricht deutlich dem Primat der Wirtschaft über die Politik.

Selektives Wachstum

Holger Rogall (Professor für Nachhaltige Ökonomie) und Katharina Gapp-Schmeling (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) votieren für ein „Selektives Wachstum“ (S. 130 – 142), fassen wachstumskritische Positionen zusammen und verlangen die Transformation zu einem nachhaltigen Wirtschaften, einen nachhaltigen Umbau (Transformation) der globalen Volkswirtschaften nach den

Maßstäben Effizienz, Konsistenz, Suffizienz). Es folgt die Darstellung von Handlungsfeldern (nachhaltige Energiepolitik, nachhaltige Mobilitätspolitik, nachhaltige Ressourcenpolitik). Die heutige Art des Wirtschaftens sei nicht zukunftsfähig. Notwendig sein ein selektives Wachstum (Green-Growth-Position) mit gezielten Investitions- und Innovationsprozessen zum nachhaltigen Wirtschaften in ökologischen Leitplanken (S. 141).

Nachhaltigkeitsrevolution

Joachim Bischoff und Bernhard Müller (beide Sozalismus.de) legen die Skizze „Nachhaltigkeitsrevolution und der Green New Deal“ vor (S. 143 – 160). Die aktuelle kapitalistische Produktionsweise stoße immer heftiger an planetarische Grenzen. Nicht nur der Klimawandel

(gemeint ist die Verschärfung des Weltklimas) bedrücke die Bürger*innen. Die sozialen Dienstleistungen (Bildung, Gesundheit, Pflege), humanes bezahlbares Wohnen und die öffentliche Infrastruktur entsprächen nicht mehr den Ansprüchen der Mehrheit der Bevölkerung. Gescheitert sei ein „Neoliberalismus light“ mit seinem Versprechen, die kapitalistische Ökonomie und die soziale Demokratie versöhnen zu wollen. Die Verfasser fordern nach dem Zusammenfallen einer grundlegenden Funktionsstörung der kapitalistischen Produktionsweise sowie der Zerstörung des Stoffwechsels zwischen der Natur und den kapitalistischen Gesellschaften einen „Systemwechsel“, einen „Neuen Green New Deal“. Zu den für die „große Transformation“ notwendigen Eingriffen gehören Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels, Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen und die Erhöhung des Niveaus der sozialen Mindestsicherungsleistungen (S. 145). Eine gemeinsame europäische Klimapolitik wird angemahnt, wobei die Vision „Sauberer Planet für alle“ der EU-Kommission, eine „klimaneutrale Ökonomie (European Green Deal) kritisiert wird wegen der Ungewissheit der Planung. Der „Klimaplan der Bundesregierung“ wird kritisiert wegen der ungenügenden Berücksichtigung der sozialen Spaltung. Schließlich werden angesichts der großen weltweiten Herausforderungen (Nachhaltigkeitsrevolution) auch ein kommunales Wohnungsbauprogramm, die Bekämpfung der sozialen Spaltung und neue Wege der Finanzierung vorgeschlagen. Als Schlüsselfrage für den erforderlichen „sozial-ökologischen Richtungswechsel“ (S. 159) wird angesehen, ob die gesellschaftliche Linke es schafft, das Unbehagen und die Proteste aus der Bevölkerung aufzugreifen und die Krise in die Chance eines gesellschaftlichen Aufbruchs umzusetzen.

Kurswechsel

Michael Vestern (Leibniz Universität Hannover) geht davon aus, dass das Modell der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik vor einem Kurswechsel stehe (S. 161 – 180). Der „Kampf um die Transformation“ habe den Widerstand sozialer Bewegungen intensiviert. Zu diesen verschiedenen Bewegungen gehörten die gewerkschaftlichen und ökonomischen Bewegungen, denen es um soziale Gerechtigkeit gehe, ebenso wie die lebensweltlichen und ökologischen, denen es um die gegenwärtige und zukünftige Lebensqualität gehe. Mit dem Widerstand seien basisnahe Strukturen der Selbsthilfe und Solidarität, Organisationsformen der Kooperation und gegenseitigen Hilfe und Elemente einer bürgergesellschaftlichen, partizipatorischen Demokratie entstanden. Gerade die junge Generation habe den sozialen und politischen Machtverhältnissen eine moralische und intellektuelle Reflexion entgegengesetzt, die auf eine Demokratisierung, den ökologischen Umbau der Gesellschaft, eine „Transformation des Systems als eines Ganzen“ (S. 162) ziele. Der Verfasser sucht nach Strategien einer grundlegenden Transformation. Die Krise der Volksparteien wird erörtert, zudem die keynesianische Kritik des liberalen Modells (durch Gunnar Myrdal, John Kenneth Galbraith). Der Kurswechsel zu einem „ökologischen Wohlfahrtstaat“ sei bislang nicht erfolgt. So sei

im Rahmen eines größeren gesellschaftspolitischen Widerstands eine Remobilisierung der Gewerkschaften als Akteure des Widerstands erfolgt angesichts eines Mosaiks von Schieflagen sozialer Gerechtigkeit. Unübersehbar sei der Paradigmenwechsel hin zu einer „neuen Gewerkschaftskultur“ (S. 171) mit dem Blick auf veränderte Lebensweisen, Erfahrungen, Bedürfnisse und Gefühlslagen der Menschen. Die Opposition gegen die „neoliberale Politik“ umfasse Ökologie- und Anti-Austeritäts-Bewegungen, Partizipations- und Demokratiebewegungen. Die Wege der

Stärkung einer ökologischen Demokratie zeichnen sich ab. Schließlich wird nicht zuletzt mit „Fridays for Future“ zugleich mit dem Generationswechsel der Kurswechsel einer ökologisch-sozialen Transformation verdeutlicht. Eine ökologische Sozialpolitik und eine solidarisch-genossenschaftliche Ökonomie für die Menschen vor Ort (und mit ihnen ) gehören zu der Chance des „Übergangs von der Kapitallogik zur gemeinwohlorientierten Infrastrukturökonomie“ (S. 178 – mit Literatur-Hinweisen auf die „Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft“).

Demokratische Vergesellschaftung

Arno Brand (Regionalökonom) und Uwe Kremer (spw) umreißen in ihrem Beitrag „Demokratische Vergesellschaftung“ (S. 181 – 188) Revisionen und Hypothesen für einen modernen Sozialismus. Hier wird der Tabuisierung des Demokratischen Sozialismus widersprochen. Nach dem „Desaster der staatssozialistischen Vergesellschaftung sowjet-bürokratischen Typs“ wird die Grundsatzfrage nach der Demokratisierung und Sozialisierung der Wirtschaft gestellt, das Kernthema des demokratischen Sozialismus. Die Verfasser suchen eine neue Vergesellschaftungsperspektive im Sinne einer „ökologisch-solidarischen Transformation“ (S. 185). Zu dieser Demokratisierung, zu diesem „ökologisch-solidarischen Umbau“ als Kritik der dominierenden kapitalistischen Verwertungslogik gehören eine öffentliche Infrastrukturökonomie und eine gesellschaftliche Fondsökonomie. In den Arbeits- und Lebenswelten müssen demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten und Beteiligungsmechanismen geschaffen werden.

Diskussion

Auch wenn die kapitalistisch dominierte Weltwirtschaft mit ihren gravierenden Funktionsstörungen (so Bischoff und Müller), in ihren inneren Widersprüchen und planetaren Begrenzungen stets den Hintergrund für die in den verschiedenen Beiträgen geforderten Veränderungen darstellt, so wird doch der globale Horizont (ausgenommen die klimatischen Verschärfungen) zu wenig angesprochen. Gewiss wird die Vision „Sauberer Planet für alle“ der EU-Kommission erwähnt; doch geraten außerhalb Deutschlands und Europas entstehende Formen des Wirtschaftens, der Überwindung der Armut und des Schutzes des gemeinsamen Hauses Erde kaum in den Blick. Das sollte in einem Folgeband versucht werden, der einen interkulturellen Horizont zu öffnen hätte. Dann würde auch deutlich werden, dass es weltweit unterschiedliche Ausprägungen des Sozialismus längst gibt und ein Sozialstaat nicht ein zu exportierendes Modell des Zusammenlebens der Menschheit abgibt. Alle Beiträge gehen von der Notwendigkeit einer Transformation, in anderer Sprache: eines Umbaus aus. Welche politischen Kräfte sich in welcher Weise daran beteiligen (und das weltweit gesehen), bedarf der weiteren Klärung und – dafür plädieren alle Verfasser*innen – praktischer Solidarität. Es ist erfreulich, dass Ausgrenzungstendenzen, Dominanzbestrebungen mit diesem Buch Einhalt geboten werden soll.

Fazit

Dieses Buch ist in allen seinen einzelnen Beiträgen, die inhaltlich miteinander verbunden sind, von großer Bedeutung für Strategien zur Erreichung einer ökologischen Sozialpolitik, darüber hinaus einer sozialen und ökologischen Demokratisierung. Dabei werden auch neue Gedanken über das Sozialstaatsprinzip zur Diskussion gestellt. Der herrschenden Ökonomisierung des Sozialen wird widersprochen mit einem vielstimmigen Plädoyer für die Solidarität mit den Bedrängten und Schwachen.

Die (anstrengende und herausfordernde) Lektüre empfehle ich deshalb sehr – gerade wegen des Aufrufs, weite solidarische Bündnisse für die große Transformation zu bilden.


Rezension von
Prof. Dr. Arnold Köpcke-Duttler
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Zitiervorschlag
Arnold Köpcke-Duttler. Rezension vom 01.07.2020 zu: Stefan Stache, Wolf von Matzenau (Hrsg.): Was heißt Erneuerung der Linken? Sozial-ökologischer Umbau und ein Sozialstaat für das 21. Jahrhundert. VSA-Verlag (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-96488-026-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27255.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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