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Oliver Sechting, Eva Hidalgo: Frederic, der Zahlenprinz

Cover Oliver Sechting, Eva Hidalgo: Frederic, der Zahlenprinz. Ein Bilderbuch über Ängste und Zwänge und ihre Überwindung. Riva Verlag Münchner Verlagsgruppe GmbH (München) 2020. 32 Seiten. ISBN 978-3-7423-1576-2. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Symptomatik bei Zwangsstörungen im Kindesalter ist sehr vielfältig und komplex. Sie kann zu schweren Beeinträchtigungen der Lebensqualität der betroffenen Kinder, aber auch ihrer Familien führen. Zudem beeinträchtigen Zwangsstörungen häufig auch die schulischen wie Peer-Beziehungen. Sie werden – trotz einer Verbesserung der (therapeutischen) Versorgung – oftmals zu spät erkannt bzw. geheim gehalten. Dies führt dazu, dass adäquate Hilfen, therapeutisch wie pädagogisch, insbesondere frühzeitig nicht ausreichend in Anspruch genommen werden.

Das Bilderbuch von Oliver Sechting mit Illustrationen von Eva Hidalgo greift diese Thematik auf und versucht lt. Verlagsangaben „die schwierigen und häufig schambehafteten Themen Ängste und Zwänge auf erfrischend ungezwungene Weise“ zu behandeln.

Sechting hat zum Themenbereich bereits seinen autobiographischen Roman „Der Zahlendieb. Mein Leben mit Zwangsstörungen“ (2017) sowie den ebenfalls beim Fachpublikum sehr gelobten autobiographischen Dokumentarfilm „Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“ (2014) (in Zusammenarbeit mit Max Taubert) veröffentlicht.

AutorInnen

Oliver Sechting, Jg. 1975, Diplom-Sozialpädagoge, ist Autor und Filmschaffender im Dokumentationsbereich. Seit 2016 ist er im Vorstand der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. aktiv.

Eva Hidalgo ist freischaffende Malerin und Illustratorin. Ihre Werke wurden international ausgestellt.

Inhalt

Die Leser*in lernt Frederic, den kleinen Prinzen, der mit seiner Familie „glücklich“ auf einem Schloss lebt, kennen. Das Leben von Frederic verändert sich mit dem Tod seiner geliebten Oma. Er wird zunehmend ängstlicher und entwickelt vermehrt Zwangsgedanken und Zwangshandlungen – insbesondere das Zählen beruhigt ihn. Seine Leistungen in der Schule verschlechtern sich. Er trifft sich nicht mehr mit seinen Freunden. Frederic hat große Angst mit seinen Eltern darüber zu sprechen und schämt sich für sein Verhalten. Als sein Vater ihn eines Tages darauf anspricht, bricht alles aus Frederic heraus. Der Vater bittet die in einem Nachbardorf lebende Dorfälteste Florina um Rat. Frederic öffnet sich in den Gesprächen mit Florina immer mehr. Sie ermutigt ihn und so beginnt die „Gesundungsgeschichte“ von Frederic.

Diskussion

Mittlerweile gibt es zahlreiche Bücher, die Ängste in unterschiedlichen Kontexten bei Kindern thematisieren, so zum Beispiel Kuitunen (2020), Traub & Alphei (2020), Schaaf et al. (2018) oder Freudiger (2014). Das Bilderbuch von Sechting & Hidalgo ist meines Wissens – hier lasse ich mich aber gerne korrigieren – das erste, das Zwänge explizit, auch im Titel, thematisiert.

Wenn man das erste Buch von Oliver Sechting kennt, merkt man seine „Handschrift“ und seine Geschichte quasi als Hintergrundbild auch klar bei „Frederic, der Zahlenprinz“. Ich fühlte mich mehrmals beim Lesen daran erinnert.

Aus fachlicher Sicht eröffnet das Buch einen sehr guten Ein- und Überblick über die Thematik Zwänge und Ängste bei Kindern. Die einzelnen Etappen bzw. Stationen beschreiben mit konkreten Beispielen aus der Lebenswelt des kleinen Prinzen die Entstehung, die Auswirkungen und „die Überwindung“ seiner Zwänge.

Dabei ist die Darstellung durchweg von einer positiven, Hoffnung machenden Grundhaltung getragen. Unterstützt wird dies durch die Bildsprache der Geschichte. Die farbenfrohen, sehr natürlich wirkenden und detailreichen Illustrationen korrespondieren stimmig mit dem Text.

Beim ersten Lesen blieb bei mir der Eindruck zurück, dass die Gesundung von Frederic etwas schnell bzw. komplikationsfrei vonstattengeht. Beim zweiten Lesen hat sich dieser Eindruck relativiert, wenn man die einzelnen Sätze genau liest. Vielleicht wären zwei oder drei Seiten mehr in dieser Hinsicht trotzdem sinnvoll gewesen. Andererseits könnte dies auch eher abschreckend und nicht Mut machend wirken bei jungen Leser*innen, die sich mitunter zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigen.

Das Bilderbuch schließt mit einer Seite, auf der sehr komprimiert Hintergrundinformationen zu Ängsten und Zwängen zu finden sind. Hier wird auch auf die Website der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. für weiterführende Informationen verwiesen. Dies ist einerseits sehr sinnvoll. Andererseits hätte man durchaus auch noch eine zweite Seite mit weiteren Hinweisen zu Literatur etc. direkt anfügen können, wie es durchaus auch bei anderen „Fachkinderbüchern“ üblich ist, um so die fachliche Rahmung „einfacher“ und niederschwelliger zu gestalten.

Fazit

Mein Fazit lautet: Eine klare Leseempfehlung für Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten. Gerade auch in der pädagogischen Arbeit mit Kindern, die (noch) nicht in (therapeutischer) Behandlung sind, kann das Bilderbuch einen Raum eröffnen, gemeinsam über Zwänge und Ängste angstfrei zu reden und damit das Thema aus der Tabu- und Schamecke zu holen.

Auch (betroffene) Eltern und Angehörige können von der Geschichte hilfreiche Anregungen erhalten, insbesondere in Kombination mit Fachratgebern, wie zum Beispiel „Dem Zwang die rote Karte zeigen“ von Fricke & Armour (2016).

Darüber hinaus kann der Einsatz der Geschichte in entsprechenden Ausbildungen und Studiengängen dazu beitragen, konkrete Ideen zu erhalten, wie das theoretische Wissen praktisch greifbar und didaktisch sinnvoll in der Praxis eingesetzt werden kann.

Literatur

Freudiger, A. (2014): Ich wär so gern auch abends groß. Alleine schlafen lernen, 2. Aufl., Köln: BALANCE buch + medien verlag.

Fricke, S. & Armour, K. (2016): Dem Zwang die rote Karte zeigen. Ein Ratgeber für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern, 2. Aufl., korr. Nachdruck 2018, Köln: BALANCE buch + medien verlag.

Kuitunen, P. (2020): Mein Tabulu. Ein Kinderfachbuch über Angst und Angststörungen, 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Mabuse Verlag.

Schaaf, J. & Andersen, W. & Salzmann, M. & Roth, M. (2018): In Gedanken ein Fuchs. Ein Buch für sozial ängstliche Kinder, die selber kleine Füchse sind, Göttingen: Hogrefe.

Sechting, O. (mit Susan-Fessel, K.) (2017): Der Zahlendieb. Mein Leben mit Zwangsstörungen, Köln: BALANCE buch + medien verlag.

Sechting, O. & Taubert, M. (2014): Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben (Film), Berlin: Missingfilms (Verleih) & Rosa von Praunheim Film (Produktion).

Traub, J. & Alphei, W. (2020): Muträuber. Hugo und Zugo besiegen die Angst. Köln: BALANCE buch + medien verlag.


Rezension von
Prof. Michael Domes
Diplom-Sozialpädagoge, Professor für Theorien und Handlungslehre in der Sozialen Arbeit, TH Nürnberg Georg Simon Ohm
Homepage www.michaeldomes.de
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Zitiervorschlag
Michael Domes. Rezension vom 02.07.2020 zu: Oliver Sechting, Eva Hidalgo: Frederic, der Zahlenprinz. Ein Bilderbuch über Ängste und Zwänge und ihre Überwindung. Riva Verlag Münchner Verlagsgruppe GmbH (München) 2020. ISBN 978-3-7423-1576-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27256.php, Datum des Zugriffs 21.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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