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Carmen Kaminsky, Udo Seelmeyer u.a. (Hrsg.): Digitale Technologien zwischen Lenkung und Selbstermächtigung

Cover Carmen Kaminsky, Udo Seelmeyer, Scarlet Siebert, Petra Werner (Hrsg.): Digitale Technologien zwischen Lenkung und Selbstermächtigung. Interdisziplinäre Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 186 Seiten. ISBN 978-3-7799-6044-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Themenfeld und Entstehungshintergrund

Vorgelegt wird eine interdisziplinäre Studie aus verschiedenen Bereichen der Wirtschaft, der Forschung, herausgegeben von Wissenschaftler*innen der Universität und TH Köln, der Universität Düsseldorf und der FH Bielefeld. Sie thematisiert das Problem der digitalen Dienstbarkeit im Umfeld von sozialen Diensten, insbesondere solchen, die mit Pflege zu tun haben. Der theoretische Rahmen stellt das Spannungsfeld von Lenkung und Selbstermächtigung bei der Ausgestaltung von digitaler Dienstbarkeit dar. Digitalisierung manifestiert sich hier insbesondere im Bereich des Nudging mit dem Ziel, Nutzer*innen durch gezielte, häufig gut gemeinte oder gemeinwohlorientierte Lenkung des Individuums zu beeinflussen. „Eine solche Praxis ist zunächst einmal nichts Neues, vielmehr von jeher prägendes Element sozialarbeiterischer oder therapeutischer Ansätze. […] Digitale Technologien eröffnen jedoch neue Möglichkeitsräume sowohl für Zwecke der Lenkung als auch für eine Förderung von Autonomie“ (S. 7). Diese Ansätze sind eine Spezialversion von Life-Logging, von Selbstoptimierung und Selbstvermessung. Die meist automatisierte Erfassung unterschiedlichster Lebensäußerungen erfolgt über ausgefeilte Sensortechnologien oder dadurch, dass sich viele Bereiche unseres Lebens bereits im Digitalen abspielen bzw. dort gespiegelt werden. So ist Muse (nach dem alten griechischen Vorbild) der Name einer App, die mittels KI als Co-Pilot die Erziehung revolutionieren soll. Allerdings ist die tiefe Ambivalenz nicht zu übersehen, die sich für eine Vielzahl gut gemeinter Anwendungen ähnlicher Form beschreiben lässt. Das Spannungsfeld Lenkung und Selbstermächtigung ist ein altes pädagogisches Problem. KI, Big Data und das Internet der Dinge ermöglichen allerdings nicht nur eine zunehmende Adaptivität und Personalisierung von technischen Anwendungen, sondern damit eben auch die Perfektionierung einer automatisierten Lenkung (S. 8-10). Daher ergibt sich als zentrales Problem die Frage: „welchen Beitrag können oder müssen die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen für die erforderliche Reflexionskompetenz bei den Entwickler*innen und Nutzer*innen leisten“ (S. 11).

Herausgeber*innen

Prof. Dr. Carmen Kaminski ist Professorin für Sozialphilosophie und Ethik an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften an der TH Köln und Privatdozenten für Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Derzeit erforscht sie professionsethische Fragen der sozialen Arbeit sowie ethische Fragen im Kontext der Digitalisierung.

Prof. Dr. Udo Seelmeyer ist Professor im Fachbereich Sozialwesen der FH Bielefeld. Zu seinem Forschungsschwerpunkten gehören Digitalisierung und soziale Arbeit, Assistenztechnologien, integrierte Technikentwicklung und Mensch-Technik-Interaktion.

Scarlet Siebert ist Doktorandin im Fach Techniksoziologie am Graduiertenkolleg NRW „Digitale Gesellschaft“ mit Schwerpunkt Dgitales und Gesundheit sowie Partizipative Methoden der Technikentwicklung.

Prof. Dr. Petra Werner ist Professorin für Journalistik am Institut für Informationswissenschaft an der TH Köln und Mitglied im Forschungsschwerpunkt „Digitale Technologien und Soziales“.

Inhalte

Interdisziplinär entwickelter Forschungsansatz

Im Hinblick auf die Digitalisierung sozialer Dienste plädiert der in diesem Buch vertretene Forschungsansatz, dass die zu erbringenden Dienstleistungen von öffentlichem Interesse sein sollen. Eine Herausforderung personenbezogener Dienstleistung besteht darin, die mehr oder weniger allgemein formulierte Assistenz an individuelle Gegebenheiten und Bedarfslagen anzupassen. Dabei ist zu berücksichtigen, inwiefern Digitaltechniken mehr und mehr in menschliche Interaktionszusammenhänge integriert werden und dabei zunehmend (inter)aktiv und autonom „Mithandelnde“ werden (S. 16 ff.). Techniken „handeln“ mit – nur nicht in derselben Art und Weise, wie Menschen handeln und interagieren (S. 20). Zudem darf ihr Einsatz in sozialen Diensten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um kommerzielle Produkte handelt, die vorrangig zur Erwirtschaftung von Gewinnen für das Lösen sozialer Probleme entwickelt wurden (S. 22). Im Fall des Typs Digitaltechnik als Stellvertreter zeichnen sich Apps und ähnliche Technologien durch eine rigide Handlungslenkung und starre Interaktion aus. Sie müssen aber als Teil umfassenderer Maßnahmen (inklusive Betreuung und Reflexion) gesehen werden. Digitale Dienstbarkeit darf nicht auf die Gestaltung digitaler Ensembles reduziert werden (S. 28-30). Wie wir aus der Vergangenheit wissen, bedienen sich Herrschaftsstrukturen auch der Arbeit von Bediensteten. Durch die Digitalisierung wird deutlich, wie wichtig Wissen über Dienerschaft, oder besser: Dienstbarkeitsarchitekturen ist. Denn die lebendigen Bediensteten werden mehr und mehr durch stumme Diener bzw. materialisierte Assistenten, also Technologien, substituiert (S. 31). Technisierung und Dienstleistungsarbeit werden in der Literatur zu sozialen Diensten als eine Art Gegensatzpaar erachtet, da Technik eindeutig und kausal funktioniert und Dienstleistungen Kontingent und situativ erbracht werden. Daher ist es besonders wichtig, die digitalen Ensembles im Sinne emanzipierender Dienstbarkeit zu gestalten (S. 35). Digitale Dienstbarkeit muss daher als Diskursimpuls designt werden (S. 36).

Wandel im Bereich der IT-Technologien

Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch Reflexionen über die technologische Entwicklung verschiedener Formen von IT-Technologien (Informations-Technologien). Die technologische Entwicklung der letzten Jahre ist durch die verschränkte Nutzerzentrierung des vernetzt Digitalen charakterisiert. Dadurch entstand eine mediale Transformation und eine Neuausrichtung der Kommunikationssphäre des Sozialen einschließlich eines veränderten technologischen Selbstverständnisses von Individuen zunächst durch die Internet-IT. Neben der globalen Verschaltung faszinierte die Medientheorie in dieser ersten Phase vor allem die Hyper-Medialität des Internets und deren Interaktivität. Inzwischen steht allerdings die Schaffung eines präzdenzlosen Daten-Monopolismus der Marktführer dieser Branche und auch nicht nur in den USA im Fokus der Technik-Reflexion. Mit den nächsten zwei Schritten, dem Übergang zu mobiler IT und sogenannter bewusster bzw. genauer sensorisch-messender IT eine neue Dimension, die über das Mediale hinausgeht. In diese Entwicklung gehören Livelogging und Quantified Self, aber auch die Care-IT (S. 40-43). Diese Entwicklungen lassen die Sensoralität des Medialen so selbstverständlich erscheinen, dass seit einiger Zeit vom technologisch Unbewussten die Rede ist (S. 46). Damit entstehen weitere Formen von Manipulations-Möglichkeiten. Durch die automatisierte Messwertwahrnehmung wird eine algorithmische Hermetik erzeugt, welche die von den Software-Architekten und ihren Auftraggebern nicht zuletzt im sogenannten Affective Computing durch vordefinierte Entscheidungslogiken vorgenormte Entscheidungen verbirgt. Daher ist eine Offenlegung algorithmischer Entscheidungsfindung zu fordern. Damit werden pädagogische Lenkung durch Maschinen obsolet. Ethisch vertretbar ist nicht der Autonomieverlust durch maschinelle Lenkung, sondern nur die Forderung der Autonomie in der Wahl der Selbstermächtigung (S. 48-51).

Digitalisierung als Chance für Sozialarbeit bei entsprechenden Rahmenbedingungen

Die Digitalisierung kann als Chance in der sozialen Arbeit begriffen werden, z.B. in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung (S. 55). Ein wichtiger Ansatz hierbei ist, Behinderung nicht mehr als Störung bei der betroffenen Person zu verstehen, sondern bei bestimmten Aktivitäten Beeinträchtigungen zu identifizieren, die aus dem Wechselspiel von Gesundheits- und Kontextfaktoren entstehen (S. 58 f.). Dabei kann die Formulierung von Leitlinien für das technologische Design der die Pflege unterstützenden Maßnahmen hilfreich sein. Vor allem ist dabei zu berücksichtigen, dass die Digitalisierung keine einfachen und schnellen Lösungen bringt, die ohne viel Aufwand bestehende Ansätze ersetzen könnten. Soziale Arbeit steht in der Pflicht aus ihrer Professionalität heraus vor der Aufgabe, zu klären, wodurch sich durch digitale Technologien im weitesten Sinne Lösungsmöglichkeiten abzeichnen (S. 71). Dabei entsteht eine Reihe ethischer Fragen und Probleme. Diese hängen nicht zuletzt mit der durch die Nutzung digitaler Medien im Rahmen antinomischer Konstellationen generierten Machtfragen. Diskriminierung, Disziplinierung, Normierungen und Technologien des Selbst stellen Fragen nach dem Verhältnis von Autonomie und Teilhabeermöglichung als Gegenstand einer digital-reflexiven, ethisch-moralischen Auseinandersetzung auch im Zusammenhang mit sozialer Arbeit (S. 79).

Nicht zu unterschätzen ist dabei das Problem der Metadatenproduktion im Kontext sozialpädagogischer Kontakte über kommerzielle soziale Netzwerkdienste im Kontext mit dem Design sozialer Unterstützungsleistungen (S. 87). Weitere Probleme treten bei der Technikberatung für ältere Menschen auf zwischen Autonomieförderung und Lenkung. Hierzu ist die BMBF-Förder-Linie „Besser Leben im Alter durch Technik“ sowie ihrer Strukturen und Aufgaben im Rahmen einer gesellschaftspolitischen Kontextualisierung zu berücksichtigen. Es kann nicht nur um reine Technologieförderung gehen (S. 92). Angesichts der alternativen Leitlinien zwischen aktivem und defizitären Altern kann es nicht nur um die Herstellung von Technikakzeptanz gehen. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, ab wann eine positiv gemeinte Fürsorgehaltung zu Bevormundung wird (S. 99-101). Beim Einbezug von Überlegungen zu vorherrschenden Altersbildern und ihrem Einfluss auf das Selbstbild älterer Menschen wird deutlich, dass auch die Autonomieförderung im Kontext der Technikberatung kritisch reflektiert werden muss (S. 111).

So entsteht zum Schluss die Aufgabe, soziale Arbeit und Soziotechnik in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. In diesem Zusammenhang sollte vor allem die Entstehungslogik soziotechnischer Produkte berücksichtigt werden. Ursprungsorte der neueren soziotechnischen Produkte sind Startups mit nicht selten atypisch bestimmten Beschäftigungsverhältnissen sowie Hochschulen, wobei es sich hier um Ausbildungs-Standorte handelt, die ebenfalls recht häufig durch prekäre und extrem begrenzte Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet sind (S. 132). Dadurch entsteht nicht selten ein entsprechender Erfolgsdruck im Hinblick auf die angebotenen Produkte. Dabei steht jeweils die ökonomische Effizienz sowohl beim Design wie bei der Vermarktung der entsprechenden Produkte im Vordergrund. Im Falle der Sozialen Arbeit und in ihrem Handlungskontext ist die Beschäftigung mit konkreten Fassungen der Gewissenhaftigkeit, der Problemlagen und des jeweiligen Lösungs-Anspruchs bei der Behandlung von Kranken und Alten die besondere ethische Perspektive. Für alle Professionen ist die Aufgabe der Wiederherstellung der Integrität einer autonomen Lebenspraxis als Zielsetzung des Handelns in der Sozialen Arbeit festzuhalten. Folgerichtig ist für das Fach der Fokus auf der Frage nach dem wie des Handelns zu stellen. Daher verweist der Kompetenzbegriff der sozialen Arbeit nicht nur auf methodische Kompetenz im Sinne der Anwendung von Regelwissen, sondern auf eine innere Haltung oder Einstellung in Bezug auf die Gestaltung des Arbeitsverständnisses und die Rekonstruktion des Falls (S. 147). An diesem Ziel muss sich auch die Forschung zum Design technologischer Lösungen im Bereich der sozialen Arbeit und der Pflege orientieren (S. 153-156). Akzeptanzbeschaffungsmaßnahmen zur Förderung der Nutzungsfrequenz technologischer Lösungen sind ethisch in diesem Zusammenhang nicht akzeptabel. Es bedarf also eines Momentes von Lenkung in der Reflexion von Lenkung selbst (S. 157-160). Forschung im Dienst des Technizismus oder Ethik als Magd der Technologie sind keinesfalls ausreichend, denn akzeptanzorientierte Forschung beruht auf dem technokratischen Glauben, dass soziale Probleme auf technologische Art und Weise gelöst werden können (S. 165-171).

Angesichts der dramatisch angewachsenen Eigenmächtigkeit autonom entscheidender Technologien – häufig genug ohne menschliche Eingriffsmöglichkeiten – muss im Fall der digitalen Technologie das Design dieser Art von Technik in besonderem Maße überdacht und möglicherweise auch gesellschaftlich reglementiert werden. Lenkung im Sinne der alten Finalisierung von Wissenschaft vor allem in ihrer technokratischen Interpretationsform ist für die neue Art der Technologieentwicklung insgesamt nicht zielführend. Komplexe Prozesse wie die Entwicklung technologischer Infrastrukturen auch in der Sozialarbeit bedürfen eines flexiblen gestalterischen Designs. Nach Meinung des Rezensenten hat diese interdisziplinäre Arbeit sehr klar und deutlich gemacht, dass mit den neuen Technologien nicht mehr nur medialer Art im Zusammenhang mit der Überwachung des Selbst aus medizinischen wie pflegerischen Gründen nicht zuletzt aufgrund der kaum noch vorhandenen Sichtbarkeit dieser Technologien und ihrer Auswirkungen nicht nur ethische Reflexionen, sondern insbesondere solche auch technologischer Art erforderlich macht.

Diskussion

Dabei werden auch methodologische Begrenzungen im Ansatz der klassischen Technologiefolgenabschätzung deutlich. Sozialkonstruktivismus, Medienorientierung und Soziologisierung aller gesellschaftlichen Bereiche im TA-Bereich suggerieren eine Kontrollierbarkeit der technologischen Entwicklung, die mit den neuen Formen sog. autonom-intelligenter Technologie und dem Internet der Dinge nicht mehr gegeben sind. Bisher übliche Verfahren der Kontrolle von technologischer Kontrolle durch digitalisierte Technologie reicht nicht mehr aus. Zur Rettung von Autonomie der Menschen, die Technologie nutzen, bedarf es der Kompetenzsteigerung in der Reflexion des Gebrauchs und der Nutzung dieser neuen Formen von Technologien, die weit über die Mediatisierung hinausgehen und weitgehend unsichtbar wirken. Die Überlegungen der hier vorgelegten Arbeit tendieren in diese Richtung.

Fazit

Insgesamt also eine in ihrer interdisziplinären Differenziertheit wohlüberlegte Studie, die allerdings weitere Überlegungen zur Umsetzbarkeit digitaler Technologien im Alltag erforderlich erscheinen lässt!


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Bernhard Irrgang
Der Rezensent lehrte Technikphilosophie und angewandte Ethik an der TU Dresden
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Zitiervorschlag
Bernhard Irrgang. Rezension vom 01.09.2021 zu: Carmen Kaminsky, Udo Seelmeyer, Scarlet Siebert, Petra Werner (Hrsg.): Digitale Technologien zwischen Lenkung und Selbstermächtigung. Interdisziplinäre Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6044-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27258.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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