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Kai Fritzsche: Ego-State-Therapie bei Trauma­folgestörungen

Cover Kai Fritzsche: Ego-State-Therapie bei Traumafolgestörungen. Handbuch für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 450 Seiten. ISBN 978-3-8497-0345-5. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.

Reihe: Hypnose und Hypnotherapie.
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Thema

In seinem neuen, bisher umfangreichsten Buch möchte Kai Fritzsche Konzeption und Vielfalt von Ego-State-Interventionen und Behandlungsansätzen theoretisch und in praktischen Schritten vorstellen und mit der Vielfalt von Traumafolgestörungen so verbinden, dass für die Therapeutin in der Praxis ein Kompendium von Handlungs- und Deutungsmöglichkeiten entsteht.

Autor

Kai Fritzsche lebt und lehrt als psychologischer Psychotherapeut und Ego-State-Therapeut in Berlin. Er ist Gründungsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Ego-State-Therapie und hat viel dazu beigetragen die Ego-State-Arbeit in Deutschland bekannt zu machen.

Inhalt

Für Kai Fritzsche ist Ego-State-Arbeit komplex und flexibel. Theorie, Wissenschaft, Praxis und gesellschaftlicher Umgang (ICD-11) mit Traumafolgestörungen befinden sich in ständiger Bewegung und Entwicklung. Gerade nach allen Seiten offene und integrativ ausgerichtete Praktiker*innen wie Kai Fritzsche passen auch ihre eigene Arbeit ständig an die neuen Entwicklungen an. Dies macht der Autor bereits im Vorwort deutlich. Fritzsches Humor wird deutlich, wenn er im Vorwort beschreibt, wie persönliche Ego-States Einfluss auf den Schaffensprozess am Buch genommen haben.

Traumata gehören zum menschlichen Leben – Traumafolgestörungen ebenso. Sie sind kaum aus der alltäglichen therapeutischen Arbeit herauszuhalten, sodass es für Therapeut*innen wichtig ist, sich im Thema zu orientieren. Bei der Vielfalt möglicher Störungen schlägt Kai Fritzsche eine „Topografie“ für die „unübersichtliche Landschaft der Traumafolgestörungen“ (69) vor, die bei der Einordnung und bei der Behandlungsplanung helfen soll. Diese „Topografie“ stellt aber keinesfalls eine einfache Entscheidungsgrundlage dar. Dazu nennt Fritzsche einige erschwerende Aspekte:

Die Orientierung an Symptomen ist stets schwierig, da Komorbidität, Überlagerung und fehlende, da verdrängte Erinnerung an traumatische Ereignisse eine Einordnung erschweren. Ebenso verlangt die Orientierung am Trauma stets eine komplexe und sensible Sichtweise. War die Traumatisierung ein einmaliges Ereignis oder ein lang andauerndes, sich ständig wiederholendes Ausgesetztsein? Wurde das Trauma von Menschen erzeugt oder ist es aufgrund eines Unfalls oder Naturereignisses aufgetreten?

Die Orientierung an der derzeitigen Persönlichkeit und Stabilität der Patient*innen ist hilfreich für eine Einordnung. Anerkennung, soziale und persönliche Sicherheit, ein Netz von Beziehungen und Ressourcen können die eine Patientin stabilisieren, während eine andere durch das Fehlen dieser hilfreichen und stützenden Ressourcen destabilisiert wird. Schwierig ist auch, Komorbidität richtig einzuschätzen: Waren bestimmte seelische oder körperliche Belastungen schon vor der Traumatisierung vorhanden? Haben frühere Traumata die Resilienz geschwächt?

Manche Traumatherapeuten empfinden eine Orientierung an spezifischen Traumafolgestörungen als hilfreich für Diagnostik und Therapie, beispielsweise bei der Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung und bei Phänomenen der Dissoziation.

Einen weiteren möglichen Orientierungsrahmen für die Therapie von Traumafolgestörungen stellen Therapieansätze mit spezifischen Therapiephasen oder die Erforschung der Wirkungsfaktoren von Therapie dar.

Die gesamten Kapitel zur „Topografie der Traumafolgestörungen“ zeigt, wie belesen Kai Fritzsche ist und mit wie vielen Ansätzen er sich auseinandergesetzt hat.

Dann widmet sich Kai Fritzsche der „Topografie der Ego-State-Therapie“. Hier führt er in die Grundlagen seiner Behandlungsmethode bei Traumafolge-Störungen mit Hilfe der Ego-State-Therapie ein. Er erläutert die Entstehung und besondere Funktion von

  • ressourcenreichen Ego-States
  • traumatisierten Ego-States und
  • bewältigenden Ego-States, die eine Bewältigungsstrategie entwickeln, die sich meist psychopathologisch zeigen.

Ego-States dienen dem Schutz und der Befriedigung von Grundbedürfnissen, so nach Orientierung, Kohärenz und Kontrolle, nach Lust, nach Bindung und nach Selbstwert.

All dies berücksichtigt Fritzsche auf der therapeutischen Ebene, wo Therapeut*in und Patient*in sowie ihre jeweiligen Ego-States aufeinander treffen und vielschichtige Beziehungen eingehen.

Bereits im 2. Kapitel hat Fritzsche das Für und Wider von Stabilisierungsphasen zu Beginn der Behandlung diskutiert. Er selbst nutzt eine Stabilisierungsphase im Rahmen des SARI-Modells, das Grundlage seiner Behandlungspraxis ist und das er im Folgenden vorstellt:

S für Stabilisierung, A für Accessing= sicherer Zugang zum Trauma, R für Resolving und Restabilisierung, I für Identität und Integration

Kleinschrittig führt Kai Fritzsche durch die verschiedenen Phasen seiner therapeutischen Arbeit. Dabei gibt er hilfreiche Anregungen für schwierige Situationen, die im Prozess auftreten können und benennt Alternativen zu klassischen Herangehensweisen.

Ebenso wie im theoretischen Teil diskutiert Kai Fritzsche ausführlich auch kontroverse Praxispositionen in der Ego-State-Arbeit. Beispiele sind neben der schon erwähnten Diskussion um Für und Wider der Stabilisierungsphase: Therapie bei fortbestehendem Täterkontakt, Einbezug körperorientierter Verfahren, Formen von Traumakonfrontation.

Sehr ausführlich und dicht beschreibt Kai Fritzsche dabei seine eigene traumafokussierte Arbeit mit der „inneren Reise“.

Voller Anregungen ist das Kapitel zur Arbeit mit der Metapher der inneren Bibliothek, in der gemeinsam mit der Klientin verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit aufgesucht und genutzt werden. Ähnlich viele Anregungen für die tägliche Ego-State-Praxis finden sich in den Kapiteln zur Arbeit mit einer Affekt- oder somatischen Brücke, dem inneren Treffpunkt und der Stühle-Arbeit.

Am Ende des Bandesstellt Kai Fritzsche sein Praxis-Konzept der assoziativen körperfokussierten Arbeit vor, eine interessante Variante, die Elemente, die aus Focusing und Gestaltansätzen bekannt sind, mit der Ego-State-Arbeit verbindet.

Diskussion

Der umfangreiche neue Band von Kai Fritzsche sollte als Vertiefung und nicht als Einführung gelesen werden. Als Einführung seien Fritzsches andere Bände empfohlen (zum Beispiel: Fritzsche/​Hartmann: „Einführung in die Ego-State-Therapie“).

Therapeut*innen, die bereits mit dem Ego-State-Konzept und seiner Anwendung vertraut sind, werden bei der Lektüre dieses neuen Bandes in zweifacher Hinsicht einen Gewinn haben:

  • Zum einen diskutiert Kai Fritzsche ausführlich unterschiedliche Ansätze und Praxen verschiedener Ego-State-Schulen, was einen Gewinn für wissenschaftlich interessierte Leser*innen darstellt, die sich theoretisch mit dem Konzept auseinander setzen.
  • Weiter stellt Kai Fritzsche detailliert in einzelnen Sequenzen seine Behandlungsschritte bei Traumafolgestörungen dar. Hier können besonders diejenigen Leser*innen profitieren, die praktische Anregungen für ihre alltägliche Arbeit mit dieser besonderen Zielgruppe suchen.

Fazit

Kai Fritzsche ist ein erfahrener Therapeut, der als Lehrer und Erzähler begeistert. Wer bereits theoretische und praktische Erfahrung mit dem Ego-State-Modell hat, wird von diesem Vertiefungsband profitieren.


Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
ILBB – Institut für lösungsorientierte Beratung Brühl
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
ehem. Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.gutberaten.cologne
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 03.08.2021 zu: Kai Fritzsche: Ego-State-Therapie bei Traumafolgestörungen. Handbuch für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0345-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27260.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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