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Jutta Gruber, Detlev Vogel (Hrsg.): Achtsamkeit

Cover Jutta Gruber, Detlev Vogel (Hrsg.): Achtsamkeit. Für Selbstwirksamkeit, Resilienz und Partizipation. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2020. 50 Seiten. ISBN 978-3-86892-136-6. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR.
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Thema

Dieses Extra- Heft gehört zu der Fachzeitschrift „Betrifft KINDER“. Es handelt von Ansätzen und Projekten zum Thema Achtsamkeit in Krippe, Kita und Grundschule. Es zeigt Beispiele der Integration von Meditation, Atemübungen und kreativem Spiel in die pädagogische Praxis und wie Kinder durch die Erfahrung nichtwertender Annahme, Empathie für sich und andere entwickeln.

AutorIn oder HerausgeberIn

Jutta Gruber M.A. hat Philosophie, Germanistik und Pädagogik studiert und arbeitet als Journalistin, Redakteurin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Detlev Vogel ist Erziehungswissenschaftler M.A., Montessori- und Gestaltpädagoge und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Fortbildungsreferent.

Entstehungshintergrund

Achtsamkeit rückt in der Pädagogik und psychologischen Bereichen immer weiter in der Blickpunkt. Verschiedene wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder sich von ihren Eltern nicht ausreichend beachtet fühlen. Die Folgen werden als ähnlich gravierend wie Armut beschrieben. Verschiedene Ansätze und Methoden zu Präsenz und Achtsamkeit wurden zusammengetragen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 12 Kapitel, die die verschiedenen Aspekte und Herangehensweisen in puncto Achtsamkeit in der Kinderpädagogik beleuchten.

1. Ohne geht es nicht: J. Meng (Sozialpädagogin, Fachkraft für Reggio- Pädagogik, Atelierista), S. Nonnenbruch (Kauffrau, Atelierista, Reggio- Pädagogik)

Im Gespräch mit J. Gruber beschreiben die beiden Pädagoginnen das Thema Achtsamkeit im Alltag der Reggio- Pädagogik. Zentral ist die Bereitschaft der Erziehenden den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und offen zu sein für einen intensiven Kontakt. Dazu gehört es auch z.B. Routinen zu unterbrechen.

2. Ellas Hand: A. Breckner (Dipl. Sozialpädagogin, Prikler®- Dozentin)

Die Prikler®- Pädagogik basiert auf den Forschungen der ungarischen Kinderärztin Emmi Prikler. In der Seminararbeit mit Kindern (hier Krabbelkinder) und ihren Eltern ist der „SpielRaum“ zentral. Es handelt sich um einen vorbereiteten Raum, in dem sich die Kinder unter Beobachtung der Eltern möglichst selbstständig bewegen und spielen. Die Bewegungsfreiheit der Kinder und die innere Freiheit sich erproben zu dürfen, spielen eine wesentliche Rolle.

3. Zusammen wachsen: J. Gruber

Der Kindergarten Wilde 9 wurde von Anja Niemann und Johannes Schmidt gegründet. Sie gehen nach den Grundgedanken von Helle Jensen und Jesper Juul (dänische Psychologin und Familientherapeut) vor. Kindern einen sicheren Raum geben, in dem sie angstfrei und selbstbestimmt Entscheidungen treffen können, ist ihr Anliegen. Dabei entscheiden die Kinder nach ihren eigenen Bedürfnissen und es gibt kaum feste Programmpunkte.

4. Kostbare Augenblicke: N. Altner (promovierter Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler)

In einem Modellprojekt in Nordrhein- Westphalen wird die Kultivierung von Achtsamkeit in der Team- und Organisationsentwicklung von Grundschulen (auch auf Kitas übertragbar) erforscht. Ziel ist ein achtsamer und mitfühlender Umgang mit sich selbst als einzelnen Lehrkraft und als Kollegium. Dazu werden Methoden und Übungen vorgestellt. Das Forschungsergebnis zeigt eine verbesserte Selbstregulation und Beziehungsgestaltung. Dazu kommen eine Vielzahl von Verbesserungen, wie z.B. die Zunahme an Kreativität, bessere interkulturelle und soziale Kompetenz, Abnahme von Angstsymptomen und Depression.

5. Da ist es so ruhig: J. Gruber

Cecile Cayla (promovierte Molekularbiologin und Achtsamkeitstrainerin) berichtet von ihrem 2011 gegründeten Panda- Projekt in Berlin. Von dem Stofftier- Panda lernen die Kinder still zu werden und in sich zu ruhen. Die Kinder entdecken mit seiner Hilfe ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse.

6. Auf einmal ist alles achtsam: St. Schmidt

Der Psychologe und Achtsamkeitsforscher Stefan Schmidt beschreibt im Interview die Ursprüngen der Achtsamkeit aus der buddhistischen Lehre und deren Übertragung auf die westliche Welt.

7. Achtsamkeit. Würde. Kinderrecht.: S. Student (Vorsitzende des Vereins Makista- Bildung für Kinderrechte und Demokratie)

Deutschland hat 1992 die Kinderrechtskonvention ratifiziert, seither sind Kinderrechte Bundesrechte. Student stellt unter anderem den Buchklassiker von Mira Lobe „Das kleine Ich bin ich“ vor und Materialien des Vereins Makista, der sich für Bildung und Kinderrechte in Hessens Kitas und Schulen einsetzt.

8. Von Messern und Mäusen: M. Wiedekind (Grundschulpädagogin, Schreibtherapeutin)

Wiedekind beschreibt einem Tag im Waldkindergarten Wurzelkinder e.V. Besonders beeindruckt war sie von dem Ideenreichtum und der Kreativität der Kinder. Vorgefundene Naturmaterialien reichten den Kindern zum Spiel, die z.B. mitgebrachten Malutensilien wurden nicht gebraucht. Im Abschlusskreis berichten die Kinder schließlich, was sie gespielt und erlebt haben, manches davon hatten die Erwachsenen gar nicht mitbekommen.

9. Kita: Ein emotionale Landschaft: D. Vogel

Emotionen sind ein wesentlicher Drehpunkt bei Interaktionen. Kinder lernen den Umgang mit sich und anderen auch am Beispiel der Erzieher*innen. Für die sozio- emotionale Entwicklung stellt Vogel in einer übersichtlichen Tabelle konkrete Handlungsweisen vor. Ausgehend von den Zielen: das Kind fühlt sich sicher, gesehen, zugehörig und selbstwirksam, gibt es 3 Dimensionen:

  • emotionale Unterstützung
  • Führung/​Struktur
  • Autonomie/​Verantwortung

Vogel zeigt dort konkrete Verhaltensaspekte z.B. „mit warmer und ruhiger Stimme sprechen“.

10. Wo darf ich sein, wie ich bin: J. Gruber

Gruber war im Gespräch mit Dörte Westphal (Montessori- Pädagogin).Sie berichtet, dass schon 2-3jährige Kinder unter Stress und Unsicherheiten leiden; sie haben ein Bedürfnis nach „Achtsamkeit“. Altersgerechte Übungen und das wertfreie Miteinander helfen ihnen dabei.

11. Spielend das Leben meistern: H. Jehle

Für ihre eigenen Kinder entwickelte Jehle als Gestalt-, Werkstatt-und Atelierpädagogin das Spielweltenmaterial. Ausgehend von der Beobachtung, dass schon kleinste Kinder nicht mehr hingebungsvoll zum Spiel finden, überlegte sie, wie man Kindern die nötigen Freiräume geben kann. Durch Beobachtung und mit wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt, zeigt sich, dass Kinder in einem achtsamen Umfeld alle nötigen Basisqualifikationen entwickeln: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Impulskontrolle, Mitgefühl, Teamfähigkeit usw. Jehles' Methode sind Holzkisten, die unterschiedliche Materialien beinhalten: z.B. Mehl, kleine Autos und Figuren oder Sand und Flaschen und Siebe oder Gries mit Bechern und Murmeln, sogenannte „Spielwelten“. Der wichtigste Kasten ist dabei der „Weltensandkasten“: eine Kiste, die mit feuchtem Sand gefüllt ist. Die Kinder können damit immer wieder neue eigene Welten erschaffen und sich ganz in das Spiel vertiefen.

12. Innen, außen und dazwischen: Th. Geiger

Geiger (Integrationserzieher und Achtsamkeitslehrer) wünscht sich ein allgemeines Verständnis über Achtsamkeit und ihren Umgang z.B. in der Kita. Die gestiegenen Anforderungen und der Zeitdruck in den Kitas verhindert jedoch einen achtsamen Umgang mit sich selbst und zunehmend mit den Kindern. Aus diesem Grund sind eine strukturelle gesellschaftliche Veränderung und bessere Rahmenbedingungen für die Erziehenden weitere nötige Schritte.

Diskussion

Das Thema Achtsamkeit ist aus dem Bereich der buddhistischen Meditation in weitere Lebensbereiche eingedrungen. Für Erwachsene geht sie einher mit Meditationen und Übungen, um die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. In Kitas und in der Betreuung und Erziehung der Kindergartenkinder bedeutet sie Offenheit und Aufmerksamkeit für das jeweilige Kind. Achtsam mit sich selbst umzugehen als Vorbild für die Kinder.

Im Alltag kann man beobachten, dass schon die Tage der Kleinsten angefüllt sind mit Terminen und Ablenkung, beispielsweise durch zu viel Spielzeug. Eltern nutzen den Spaziergang mit dem Kind zum Telefonieren und sind nicht wirklich präsent.

So bilden die vorgenannten Grundhaltungen und Methoden einen deutlichen Kontrast zum Alltag der meisten Kinder und deren Bezugspersonen. Innehalten, sich in Aktivitäten versenken, abschalten und nicht produktiv zu sein sondern nur zu „sein“, ist noch nicht sehr angesagt. Das sich eine Veränderung lohnt, kann man hier auf vielfältige Weise erfahren.

Und schließlich noch zwei Bemerkungen:

Die konkreten Verhaltensaspekte im Interaktionsmodell von Vogel in Kapitel 9 sind sehr praxisnah und gut strukturiert dargestellt. Sie bilden ein gutes Übungsmaterial für den Alltag, sind leicht zu merken und für sich selbst nachprüfbar.

In Kapitel 7 ist die Zeitangabe „aktuellen Koalitionsperiode“ eher verwirrend; eine konkrete Jahreszahl wäre leichter nachvollziehbar.

Fazit

Im vorliegenden Heft wird das Thema Achtsamkeit breit gefächert dargestellt, dabei werden verschiedene Herangehensweisen und Einsatzgebiete praxisnah präsentiert. Die kurzen Artikel und Interviews sind informativ und kurzweilig. Aus der Praxis werden Methoden und vor allem die Auswirkungen dieses anderen Fokus auf die Beziehungsarbeit mit Kindern thematisiert und mit theoretischen Ansätze verbunden. Die Kapitel beinhalten kleine praktische Übungen und zum Abschluss Lese- und Netztipps, die sofort umgesetzt und erprobt werden können.


Rezension von
Monika Pietsch
Training und Konstruktives Lernen
selbständige Trainerin und Beraterin, Schwerpunkt: Team- und Führungskompetenzen mit den Methoden des konstruktiven Lernens
Homepage www.training-konstruktiv.de
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Zitiervorschlag
Monika Pietsch. Rezension vom 06.05.2021 zu: Jutta Gruber, Detlev Vogel (Hrsg.): Achtsamkeit. Für Selbstwirksamkeit, Resilienz und Partizipation. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2020. ISBN 978-3-86892-136-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27263.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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