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Katja Schwarz: Autismusbilder

Cover Katja Schwarz: Autismusbilder. Zur Geschichte der Autismusforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 339 Seiten. ISBN 978-3-7799-6284-7. 39,95 EUR.
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Thema

Wie kann das Phänomen „Autismus“ verstanden werden – ist es ein definierbares Krankheitsbild, ist es eine Störung, eine Normalvariante menschlicher Existenz oder eine Form menschlichen Seins? Das Buch bietet vor dem Hintergrund dieses Spannungsfeldes einen Überblick über die Geschichte des Autismus und der Autismusforschung. „In der Auseinandersetzung mit zahlreichen Autorinnen und Autoren, die sich vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart mit dem Thema befasst haben, entsteht ein deutliches Bild davon, wie Autismus beschrieben wurde und wird und welche Haltungen respektive Menschenbilder hinter dem jeweiligen Zugang zu entdecken sind“ (Klappentext).

Autorin

Katja Schwarz arbeitet im Bereich der Eingliederungshilfe u.a. mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Von 2006 - 2014 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg an der Fakultät für Sonderpädagogik, Abteilung Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.

Aufbau

Das Buch ist im DIN A 5 Softcoverformat erschienen. Es gliedert sich auf 339 Seiten in acht Kapitel und zahlreiche Unterkapitel. Verwendete Fußnoten finden sich auf der jeweiligen Seite des Kapitels, was lästiges Hin- und Herblättern erspart. Der Fließtext ist durch Überschriften und zahlreichen Tabellen aufgelockert. Im Anhang findet sich eine Zeittabelle, die relevante Ereignisse der Autismusforschung zusammenfasst, dazu das Literaturverzeichnis und Internetquellen sowie ein Verzeichnis der 19 Abbildungen und Tabellen.

Inhalt

  1. Einleitung und Aufbau
  2. Methodik: Zum Begriff des Menschen- bzw. Autismusbildes
  3. Zu den Anfängen der Autismusforschung
  4. Zu den Erstbeschreibern des Autismus: Leo Kanner und Hans Asperger
  5. Zur Autismusforschung in den 1950er bis 1970er Jahren – zur Etablierung einer Forschungsrichtung
  6. Zur Autismusforschung in den 1980er Jahren – das Jahrzehnt der Therapien
  7. Zur Autismusforschung in den 1990er Jahren bis heute – alles ist möglich und nichts ist sicher
  8. Schlussbetrachtung
  9. Anhang mit Zeittabelle zu relevanten Ereignissen für die Autismusforschung, Literaturverzeichnis, Internetquellen sowie ein Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Die Einleitung (Kapitel 1) skizziert die Zielrichtung und Ausgangpunkt des Buches. Ursprung war ein Forschungsprojekt der Fakultät Reutlingen aus dem Jahr 2006, durch das „in der Praxis vorhandene und etablierte Bildungs-, Unterstützungs- und Förderangebote für Menschen mit Autismus“ (S. 11) erhoben und systematisch dargestellt werden sollten. Dazu gehören natürlich auch Fragen nach Menschenbildern, Haltungen, Vorstellungen und Vorwissen, mit denen sich Fachmenschen der Thematik Autismus annähern.

Das Buch sucht Antworten auf drei zentrale Fragestellungen:

  1. Welche Menschen- bzw. Autismusbilder finden sich in der Autismusliteratur?
  2. Ist im Verlauf der Geschichte eine Veränderung feststellbar? Gibt und gab es einen Wandel?
  3. Welche Konsequenzen ergeben sich für das jeweilige pädagogische Handeln daraus?

Autismus wird aus der Historie heraus in Bezug auf die fachliche Wahrnehmung und den fachlichen Umgang beschrieben. Ziel ist nicht zu bewerten oder förderliches bzw. hinderliches abzuleiten.

Kapitel zwei skizziert die Methodik zum Begriff des Menschen- bzw. Autismusbildes. Die Autorin bezeichnet an dieser Stelle (Exkurs I) Autismus als interdisziplinäre Aufgabe und zieht methodische Schlussfolgerungen.

Von den Anfängen der Autismusforschung handelt das dritte Kapitel. Es beleuchtet im Exkurs II den Zusammenhang von Therapie und Ätiologie aus historischer Sicht (dargestellt anhand von acht Säulen) und schließt mit der in der Forschung vermuteten und rekonstruierten Erstbeschreibungen von Menschen mit autistischen Verhaltensweisen ab.

Kapitel vier beginnt mit den beiden Personen, die zu den Erstbeschreibern des Autismus gehören Leo Kanner und Hans Asperger. Eine Tabelle auf den Seiten 62 - 64 stellt die Erkenntnisse von Kanner und Asperger unter verschiedenen Gesichtspunkten wie diagnostische Einordnung, Beginn und Verlauf sowie bezüglich der Symptome wie Sprache, Motorik, Intelligenz, Emotionalität, Interessen, Spielverhalten und äußeres Erscheinungsbild gegenüber. Heute wird Autismus mittels Klassifikationssystemen beschrieben, genannt werden die ICD und DSM. Die Autorin reflektiert die Aktualität der Beschreibungen von Kanner und Asperger und macht sich am Ende des Kapitels Gedanken zum Bild des autistischen Kindes bei Asperger.

Die Autismusforschung in den 1950er bis 1970er Jahren steht im Mittelpunkt des fünften Kapitels, in dieser Zeit etablierten sich Forschungsrichtungen. Schlaglichtartig werden die Definition von Autismus und die Sichtweisen zu Autismus in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren behandelt. In diesem Kapitel findet sich auf S. 179 eine Tabelle mit komorbiden Störungen und Differentialdiagnosen in Zusammenhang mit eine Autismus Spektrum Störung (ASS).

An dieser Stelle wird u.a. auch der interdisziplinäre TEACCH Ansatz erläutert. Er fand seinen Ursprung in den 1960er Jahren und ist bis heute hochaktuell. Es geht darum, Autismus zu erkennen und zu verstehen. Grundvoraussetzung für eine sinnvolle Begleitung ist das Wissen um die Besonderheiten auf der Wahrnehmungs- und Verhaltensebene, ein Verständnis für die „Kultur des Autismus“ (Mesibov) und die Akzeptanz der Dolmetscherfunktion von Betreuenden und Angehörigen zwischen Person und Umwelt (S. 143). In allen Lebensbereichen wird kontinuierliche Begleitung entwickelt, damit die Person in seiner Umwelt so gut wie möglich und selbstständig zurechtkommt. Dazu gehören die Individualisierung von Inhalt und Form der Förderung, statt der starren Anwendung von Methoden, Förderkonzepten und Programmen. Es geht nicht um ein reines Üben erwünschter Verhaltensweisen, sondern darum, herauszufinden, ob der Mensch in der Lage ist, ein bestimmtes Verhalten im alltagsnahen Kontext, das Sinn macht, zu lernen. Problemverhalten wird nicht einfach ausgeschaltet, es wird nach Ursachen dafür gesucht, sodass das Verhalten in passende Lösungsstrategien umgelenkt werden kann. Als das „Jahrzehnt der Therapien“ betitelt die Autorin die Autismusforschung in den 1980er Jahren (Kap. 6). Dabei stehen der autistische Mensch, der Autismus und autistische Verhaltensweisen im Fokus von Therapie und Förderung.

Kapitel sieben nimmt die Autismusforschung von den 1990er Jahren bis heute in den Blick: „alles ist möglich und nichts ist sicher“. Unterschieden werden zwei Kategorien:
Kategorie I „über den Autismus heute“ und Kategorie II“ über Menschen mit Autismus heute“ (Abbildung 5 und 6). Das Kapitel enthält einen Ausblick auf eine Stärkenperspektive innerhalb der Begleitung und Förderung autistischer Menschen (Tabellen S. 239 und S. 241).

Das letzte Unterkapitel beschreibt zwei Aspekte: Menschen mit Autismus als Objekt von Ratgebern und Forschung sowie Menschen mit Autismus als Subjekt – als Expertinnen und Experten in eigener Sache.

Mit einer Schlussbetrachtung (Kap. 8) und einem Anhang (Kap. 9) endet das Buch. Der Anhang enthält eine Zeittabelle zu relevanten Ereignissen der Autismusforschung, ein Literaturverzeichnis, Internetquellen sowie ein Abbildungs- und Tabellenverzeichnis.

Diskussion

Akribisch sind im Buch Daten aus 70 Jahren Autismusforschung in der BRD von den 1950er Jahren bis heute zusammengefasst. Eine Zeittabelle am Ende des Buches gibt einen komprimierten Überblick über die Geschichte der Autismusforschung. Katja Schwarz hat viel Literatur gesichtet, das spiegelt sich im Umfang des Literaturverzeichnisses wieder: es sind beeindruckende 60 Seiten.

Beim Blick in die Geschichte ist festzustellen, dass es anfänglich wenig Literatur gab, mittlerweile gibt es zahlreiche Titel, was nach Meinung von Schwarz zweierlei zeigt: die Komplexität aber auch die Offenheit der Fragestellung.

Das Buch will kein weiteres Lehrbuch sein, es ist kein Ratgeber oder hat sich einer bestimmten Schule verschrieben, Anliegen des Buches: einen historischen Überblick geben – diese Herausforderung der Komplexität des Themas zu begegnen ist erfolgreich geschafft. Das Phänomen Autismus wurde geschichtlich nachgezeichnet, herausgekommen ist ein Buch über die zahlreichen Autismusbilder, die historisch gewachsen und auf dieser Grundlage erklärbar sind. Autismusbild I: Autismus als Störung, Autismusbild II: Autismus als Spektrum hin zu einer Stärkenperspektive und Autismusbild III: Autismus als ausschließliche Form menschlichen Seins. Diese Bilder sind nicht positiv oder negativ zu bewerten, jedes Bild beansprucht „Richtigkeit und Relevanz“ (S. 250) und bringt jeweils Stärken und Nachteile mit sich.

Zahlreiche Methoden werden benannt, darunter auch der interdisziplinäre TEACCH Ansatz, dessen Ursprung in den 1960er Jahren liegt und bis heute hochaktuell ist. Ziel ist, Autismus zu erkennen und zu verstehen. Grundvoraussetzung für eine sinnvolle Begleitung ist das Wissen um die Besonderheiten auf der Wahrnehmungs- und Verhaltensebene, ein Verständnis für die „Kultur des Autismus“ (Mesibov) und die Akzeptanz der Dolmetscherfunktion von Betreuenden und Angehörigen zwischen Person und Umwelt (S. 143). Die Autorin hebt hervor, dass statt unrealistischer Machbarkeitsversprechen eine kontinuierliche Begleitung und Unterstützung in allen Lebensbereichen entwickelt wird, damit die Person in seiner Umwelt so gut wie möglich und selbstständig zurechtkommt. Dazu gehören die Individualisierung von Inhalt und Form der Förderung, statt die starre Anwendung von Methoden, Förderkonzepten und Programmen. Es geht nicht um ein reines Üben erwünschter Verhaltensweisen, sondern darum, herauszufinden, ob der Mensch in der Lage ist, ein bestimmtes Verhalten im alltagsnahen Kontext, das Sinn macht, zu lernen. Problemverhalten wird nicht einfach ausgeschaltet, es wird nach Ursachen dafür gesucht, sodass das Verhalten in passende Lösungsstrategien umgelenkt werden kann. Anne Häussler hat den TEACCH Ansatz in Deutschland maßgeblich bekannt gemacht.

Die Aussagen der Autorin zu TEACCH sind ausdrücklich zu unterstreichen: TEACCH folgt lerntheoretischen Prinzipien, dennoch unterscheidet der Ansatz sich deutlich von dem von Lovaas u.a. entwickelten Ansatz „ABA“, bei dem die Gefahr besteht, dass die Verhaltenstherapie einem mechanistischen Autismusbild unterliegt, das Autismus ausschließlich „als Störung“ identifiziert, „statt als sinnvolle und verstehbare Form menschlichen Seins“, bei dem dazu noch eine ressourcenorientierte Sicht auf den Menschen mit Autismus weitgehend unberücksichtigt bleibt (S. 150).

Fazit

Wie kann das Phänomen „Autismus“ verstanden werden – ist es ein definierbares Krankheitsbild, ist es eine Störung, eine Normalvariante menschlicher Existenz oder eine Form menschlichen Seins? Das Buch bietet vor dem Hintergrund dieses Spannungsfeldes einen Überblick über die Geschichte des Autismus und der Autismusforschung. „In der Auseinandersetzung mit zahlreichen Autorinnen und Autoren, die sich vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart mit dem Thema befasst haben, entsteht ein deutliches Bild davon, wie Autismus beschrieben wurde und wird und welche Haltungen respektive Menschenbilder hinter dem jeweiligen Zugang zu entdecken sind“ (Klappentext).

Personen, die einen umfassenden Überblick über das Phänomen Autismus suchen ist dieses Buch zu empfehlen. Drei Schritte kennzeichnen das Vorgehen: Beschreibung der Geschichte, Auseinandersetzung mit der Forschung und Zusammenfassung der Ergebnisse in Hinblick auf das beschriebene Anliegen der Arbeit. 

Eine der großen Stärken des Buches sind – neben den ausführlichen Erklärungen und Ausführungen – die zahlreichen Abbildungen und Tabellen (Liste S. 339), sie erlauben einen schnellen Zugriff auf die zusammengestellten Daten und Hintergründe. Das Buch schließt mit einem Verzeichnis der Internetquellen sowie einer übersichtliche Zeittabelle zu relevanten Ereignissen der Autismusforschung von 1896 - 2017.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 02.12.2020 zu: Katja Schwarz: Autismusbilder. Zur Geschichte der Autismusforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6284-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27270.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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