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Julia Weber, Daniel Berthold: Am Lebensende zu sich selbst finden

Cover Julia Weber, Daniel Berthold: Am Lebensende zu sich selbst finden. Methoden zur Stärkung des Selbstzugangs von Schwerstkranken, Angehörigen und Begleitern. Hogrefe (Bern) 2020. 160 Seiten. ISBN 978-3-456-85972-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema und Autor*innen

Mit dem Titel „Die letzte Lebensphase – ein Fach- und (Selbst-) Hilfebuch“ ist die vorliegende Publikation überschrieben. Anliegen ist es, Sterbenden und deren Angehörigen die Herausforderungen der letzten Lebensphase zu erleichtern, indem ihnen ein Modell zur Aktivierung des Selbst zur Verfügung gestellt wird. Betroffene sollen lernen, ihre Gefühle wieder wahrzunehmen und zu regulieren, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können.

Herausgeber sind Dr. Julia Weber, Diplom-Pädagogin und Dr. Daniel Berthold, Diplom-Psychologe, Psychoonkologe und Palliativpsychologe am Universitätsklinikum in Gießen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Geleitwort und einem Vorwort der beiden Autoren in zwei Teile mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im „Geleitwort“ von Maja Storch wird dem Leser näher gebracht, dass jede Geburt zugleich ein Todesurteil sei, denn wer geboren wird, wird auch sterben müssen. Um am Lebensende zu sich selbst zu finden, sei dieses behutsame Buch über den Umgang mit dieser Unausweichlichkeit geschrieben worden. Im „Vorwort“ werden die Inhalte der einzelnen Kapitel kurz vorgestellt.

Es folgt ein Kapitel „Das Lebensende als Herausforderung für Schwerstkranke, Angehörige und Begleiter“. Es gehe niemals darum, so die Autoren, Angst, Wut und Traurigkeit einfach wegzuwischen, sondern Gefühle müssen und wollen sich ausdrücken dürfen. Das Denken und die Aufmerksamkeit seien nicht unbedingt dem Willen unterworfen, weil sie in bestimmten Situationen nicht mehr willentlich steuerbar seien.

Teil I „Theoretische Grundlagen der Zürcher Ressourcen Modells“ wird mit einem Kapitel „Zwei Systeme: Der Verstand und das Unbewusste“ eingeleitet. Das Zürcher Modell ist ein Selbstmanagementtraining, das Menschen dabei unterstützen soll, die eigenen Gefühle zu regulieren und neue Handlungskompetenzen aufzubauen. Es wird zwischen einem bewussten und einem unbewussten System zur Erklärung psychologischer Phänomene unterschieden bzw. wie in diesem Buch zwischen Verstand und Unbewusstes bzw. Selbst. Mit dem Verstand könnten wir Aufgaben planen und zeitliche Abläufe berechnen. Allerdings arbeite der Verstand relativ langsam, er arbeitet seriell, also in einer bestimmten Reihenfolge. Das Unbewusste dagegen arbeite extrem schnell, er kommuniziere seine Bewertungen über somatische Marker. Die Informationsverarbeitet erfolge hier parallel. Ein wichtiger Teil des Unbewussten sei das Selbst, das sich auf die eigene Person beziehe (S. 25).

Ein weiteres Kapitel ist mit dem Thema „Funktionen des Selbst“ überschrieben. Das Selbst sei insbesondere mit den Gefühlen und Körperfunktionen, also dem autonomen Nervensystem vernetzt, wobei es über die Fähigkeit verfüge, die eigene Gefühlswelt zu regulieren. Es könne, auch bei schwierigen Erfahrungen, immer wieder auf die eigenen positiven Kräfte vertrauen. Des Weiteren arbeite das Selbst mit der Feedbackverwertung. Damit sei es in der Lage, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf der Basis von körperlich gespürten Rückmeldungen, den somatischen Markern, auszuwerten.

Im Abschnitt „Das Selbst am Lebensende“ wird darauf verwiesen, dass Stress und negative Gefühle, die nicht bewältigt werden können, alle Funktionen des Selbst hemmen könnten. Insofern sei das Selbst eine wichtige Ressource und Ausgangspunkt vieler Lösungswege.

Teil II „Die Anwendung der ZRM-Methoden in Palliative Care“ befasst sich im Praxisteil A mit „Sterbende und Angehörige“. Es folgen zwei Fallvignetten von schwerstkranken Menschen, die von der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung betreut werden und bei denen die ZRM-Methoden angewendet werden.

Kapitel zwei dieses Praxisteils befasst sich mit „Gefühle in Sprache übersetzen und kommunizieren“. Unter anderem geht es hierbei um eine Affektbilanz, in der positive und negative Gefühle gegenüber gestellt werden.

Im Kapitel „Die eigenen Gefühle regulieren“ soll das Selbst der Schwerstkranken mit Bildern aktiviert werden. Motto-Ziele sollen aufgestellt werden, die eine vom Selbst getragene Gefühlssteuerung ermöglichen. Negative Gefühle wie Angst, Wut oder Verzweiflung sollen herunter reguliert werden, um die Selbstmotivierungskompetenz zu stärken.

„Die Reise zum Selbst“ ist ein Abschnitt, in dem es um bestimmte Meditationstechniken geht, die helfen sollen, eine Entscheidung zu treffen und diese dann auch zu vertreten.

Dieses Anliegen soll im folgenden Kapitel „Den Selbstzugang stärken und festigen“ intensiviert werden. So stelle das Motto-Ziel eine neue Haltung, eine Änderung der Einstellung zum ursprünglichen Thema dar, sodass diese vom eigenen Selbst getragen werden können (S. 113).

Mit „Sofortmaßnahmen gegen unerwünschte Automatismen“ setzt sich der folgende Abschnitt auseinander. Hier kann mit der Methode der Wenn-Dann-Pläne gearbeitet werden.

Der zweite Praxisteil B „Professionelle Begleiter in Palliative Care“ thematisiert im ersten Kapitel dieses Teils die „Professionelle Nähe“. In diesem letzten Abschnitt werden noch zwei weitere ZRM-Methoden vorgestellt und zwar die Iconics und eine bestimmte Aufmerksamkeitstechnik, um das neue neuronale Netz zusätzlich zu stärken. Obgleich es Grund zum Mitleid mit den Patienten gäbe, würde das dazu führen, dass die Begleitenden selbst beschwert werden und sie ihre Handlungsfähigkeit und ihre therapeutische Kraft verlieren würden.

Fazit

Es ist eine Publikation, in der ein spezifisches, bisher relativ seltenes wissenschaftliches Thema aufgegriffen und bearbeitet wird – das der Selbststärkung von schwerstkranken Menschen und deren Angehörigen. Es ist interessant zu lesen und wissenschaftlich einfach und verständlich abgefasst. Die Autor*innen halten, was sie versprochen haben „… ein Fach- und (Selbst-) Hilfebuch“ zu sein. Es werden zahlreiche Methoden vorgestellt, die angewendet werden können, nur scheint es mir schwierig zu sein, wenn man Schwerstkranke betreuen soll, dann erst einmal diese doch theoretischen Ansätze zu lesen und anzuwenden.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.08.2020 zu: Julia Weber, Daniel Berthold: Am Lebensende zu sich selbst finden. Methoden zur Stärkung des Selbstzugangs von Schwerstkranken, Angehörigen und Begleitern. Hogrefe (Bern) 2020. ISBN 978-3-456-85972-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27284.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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