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Matthias Puls, David Matusiewicz (Hrsg.): Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen

Cover Matthias Puls, David Matusiewicz (Hrsg.): Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen. Persönlichkeiten. Zukunftsperspektiven. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2020. 360 Seiten. ISBN 978-3-95466-512-9. D: 59,95 EUR, A: 61,75 EUR, CH: 72,00 sFr.

Mit Geleitworten von Jörg Debatin und Gottfried Ludewig.
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Thema

Das von Matthias Puls und David Matusiewics herausgegebene Buch „Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen“ ist ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Buch. Dies liegt wesentlich darin begründet, dass die Herausgeber die Gründerszene der Digitalisierung in ein zugegeben freundliches und sanftes „Kreuzverhör“ genommen haben. Das Buch gibt einen sehr persönlichen Ein- und Überblick über den die Perspektiven und Potenziale der Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems.

Entstehungshintergrund

Das Buch wurde vor Beginn der Corona Pandemie konzipiert und aufgelegt. Diese Tatsache ist für das Verständnis und die Einordnung des Buches besonders bedeutsam.

Aufbau und Inhalt

In insgesamt 39 jeweils etwa vier Seiten umfassenden Interviews geben verschiedene Expertinnen und Experten, Gründer und Gründerinnen aus der Digitalen Gesundheitswelt offen und ehrlich Auskunft über sich, über ihre berufliche Biographie, über ihre positiven wie negativen Erfahrungen in verschiedenen Geschäftsbereichen der Digitalen Gesundheit, über ihre Motivation und Inspiration, über die ethischen und kulturellen Herausforderungen bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens, über förderliche wie hemmendes Faktoren bei der Digitalisierung bis hin zu ihren Lieblingsbüchern und das „beste Investment in ihrer Karriere und in ihrem privaten Leben“. Neben diesen eindrucksvollen und nachhaltig anregenden „Persönlichen Zukunftsperspektiven“ bietet das Buch eine aktuelle Bestandsaufnahme der Gesundheitsbranche im Hinblick auf die digitale Transformation. Verschiedene Autoren gehen ausführlich auf die digitalisierte Versorgungsstruktur eines fundamental veränderten Gesundheitssystems und die damit verbundenen Innovationen und „ungewöhnliche Geschäftsmodelle“ und auf die neuen Rollen und Aufgaben der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen, seien es die Krankenkassen, die Gesundheitspolitiker oder die Konzeptentwicklung und Vertreter der Gründerszene, ein. In drei umfangreichen Kapiteln bietet das Buch spannende und wichtige Einblicke und Informationen über Themen wie das digitale Krankenhaus der Zukunft, eine nachhaltige Verbesserung der medizinischen Versorgungsqualität, digitale Gesundheitsapps auf Rezept, Ethik als Treiber innovativer und erfolgreicher Modelle in digitaler Medizin und Gesundheitswirtschaft und viele andere wichtige Bereiche.

Viele Fachleute und Repräsentanten des Gesundheitswesens und der Gesundheitspolitik sind sich darüber einig, dass die Pandemie zu einem Katalysator für die Digitalisierung des Gesundheitssektors geworden ist. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite bietet ein zutiefst trostloses, desillusionierendes Bild. Die ganze traurige Antiquiertheit unseres Gesundheitssystems zeigt sich in den eklatanten Defiziten bei der Digitalisierung des Systems. Die Corona Pandemie hat die Versäumnisse der jüngsten Jahre bei einer konsequenten Digitalisierung des Gesundheitswesens schonungslos offengelegt. Es war zutiefst beschämend zu sehen, wie in den verstaubten Amtstuben der deutschen Gesundheitsämter die redlich bemühten und gleichsam überforderte Mitarbeiter in den zurückliegenden Monaten wie der antike Anti-Held Sisyphus mit FAX Geräten die Pandemie managen und eindämmen wollten. Mit seinem Satz „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“ offenbart Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seine Sorge vor der anstehenden kritischen Bilanz nach der Pandemie. Doch anstelle von Vorwürfen und Schuldzuweisungen muss ein konsequenter Ausbau, ein massives Investment im Sinne eines Masterplans in die digitale Infrastruktur des deutschen Gesundheitswesens und ein fundamentaler Paradigmenwandel des Gesundheitssystems stehen.

Diskussion

Das Buch ist ein wertvoller Beitrag für eine ehrliche und zukunftsorientierte breite gesellschaftliche Debatte über die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems. Vor allem die persönlichen Gespräche bieten sowohl den Fachleuten wie interessierten Laien einen guten Einblick in die Motive der treibenden Akteure dieses Prozesses. Zugleich dokumentieren die verschiedenen Fachbeiträge die aktuellen inhaltlichen Schwerpunkte der Digitalisierung. Im Jahr 1984 veröffentlichte der heute in Berkeley an der amerikanischen Westküste lebende Philosoph und Systemtheoretiker Fritjof Capra mit dem Buch „Wendezeit“ einen Bestseller der New Age Bewegung. Dieses Buch wurde für viele junge Menschen damals zu einer Inspirationsquelle und Idee für ein anderes Bewusstsein und für ein neues Denken. Angetrieben von einem starken Optimismus und viel Mut für Veränderungen und auf der Grundlage von Erkenntnissen aus der Physik, Medizin, Psychologie und Sozial- und Wirtschaftswissenschaften beschrieb Capra in seinem Buch eine humane Transformation der Gesellschaft und Kultur. Die digitale Revolution, die seinerzeit in den Garagen der Westkünste aufkeimte, konnte Capra seinem Buch noch nicht beschreiben. Ganz sicher prägten der Geist und das Bewusstsein des „Wassermannzeitalters“, dem Synonym für die Wendezeit, die Visionen der Pioniere der Digitalisierung. Bei aller Tragik der Coronapandemie bietet diese bittere Erfahrung auch die Chance für eine epochale Transformation vieler Bereiche unserer Gesellschaft. Neben dem Gesundheitssektor werden sich auch die Arbeitswelt und der Bildungsbereich radikal verändern. Der besondere Wert und Nutzen des Buches „Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen“ liegt in der überzeugenden Synthese zwischen Faktenwissen, einem reichen Erfahrungsschatz in den einzelnen Kapiteln und einen tiefen Einblick in das Tätigkeitsfeld unterschiedlicher Akteure. In allererster Linie lebt das Buch jedoch von den vorgestellten und interviewten Persönlichkeiten, von ihren Träumen, Visionen und ihrem Glauben an ihr Tun und Handeln. Die digitale Transformation der Gesellschaft führt zu einer digitalen Transformation unseres Bewusstseins ganz im Sinne von Capra. Es obliegt dem Menschen, diese Veränderung human, gerecht und ethisch vertretbar zu gestalten. Falls wir diese Aufgabe nicht wahrnehmen oder sie verdrängen werden wird uns die Verantwortung für diesen Prozess entgleiten. Das ist die Botschaft des Buches, das sich an all jene richtet, die das Gesundheitssystem der Zukunft gestalten und beeinflussen wollen. Es ist kein Buch für jene, die sich an den Status Quo gewöhnt haben und deren primäres Ziel die Besitzstandswahrung ist. Das Buch richtet sich an all jene, die ins Gelingen verliebt sind anstatt im Zaudern hängenzubleiben, die sich inspirieren lassen wollen, die von den Erfahrungen anderer lernen möchten und die tief in sich die Stimme von Goethes Faust hören: „Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag“. Oder wie es Frank Böhme von scanacs im Interview auf der Seite 165 des Buches so schön formuliert: „Waren sie mutig oder haben sie nur so getan“? Über 50ig-Jährige sollten sich das Buch allerdings nur dann zulegen, wenn Sie nicht neidisch werden auf die neue Generation aufbruchfähiger, hochmotivierter und außergewöhnlich qualifizierter Pioniere, die in unserer Gegenwart in ein neues Land ziehen und eine neue Wendezeit einläuten.

Bei aller Euphorie gilt natürlich auch in der digitalen Transformation die alte Weisheit, wonach viel Licht durchaus auch Schatten wirft. Anstelle der lähmenden Bedenkenträgerei brauchen wir selbstverständlich Regulationsmechanismen für die Digitalisierung. Die Ängste und Sorgen vieler Menschen vor Datenmissbrauch, vor Intransparenz und vor der Macht großer, profitgetriebener Tech Unternehmen sind berechtigt und müssen offensiv, kritisch und konstruktiv gelöst werden. Auch diese Schattenseiten werden in dem Buch, vor allem in den persönlichen Interviews offen und ehrlich angesprochen, ohne dabei als Barrieren interpretiert zu werden. Das Buch gehört in den Bestand aller, die sich für ein modernes, digitales Gesundheitssystem einsetzen und daran mitarbeiten und die niemals mehr mit altertümlichen Faxgeräten und seit Jahrzehnten ausrangierten gelben Papierimpfpässen eine Pandemie im Zaum halten wollen.

Fazit

Bei allem Abwägen zwischen den Vor- und Nachteilen der Digitalisierung in sämtlichen Lebensbereichen vermittelt das Buch eine besondere Botschaft: die Digitalisierung ist eben kein anonymer, von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz gesteuerert Prozess, sondern sie kann von klugen, sensiblen und idealistischen Frauen und Männern geformt werden.

Die Akteure im Gesundheitswesen sollten dieses kreative Potenzial viel stärker als bisher geschehen wahrnehmen, fördern und zur Gestaltung der Versorgungslandschaft nutzen. Das Buch über Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen ist eine Einladung, den Fortschritt unserer Gesellschaft nicht nur kritisch zu erleben, sondern ins Gelingen verliebt zu sein. Etliche Fachleute aus der Gründeszene geben fundiert Auskunft über konkrete Modelle und Projekte und stellen ihre Road Map für eine neue, digitaliserte Gesundheitswelt vor.


Rezension von
Prof. Dr. Volker Beck
Hochschule Darmstadt, FB Gesellschaftswissenschaften Soziale Arbeit
Homepage www.sozarb.h-da.de
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Zitiervorschlag
Volker Beck. Rezension vom 26.07.2021 zu: Matthias Puls, David Matusiewicz (Hrsg.): Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen. Persönlichkeiten. Zukunftsperspektiven. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2020. ISBN 978-3-95466-512-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27286.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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