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Paul Helfritzsch: Als Andere unter Anderen

Cover Paul Helfritzsch: Als Andere unter Anderen. Darstellungen des Füreinander als Weg zur Solidarität. transcript (Bielefeld) 2020. 258 Seiten. ISBN 978-3-8376-5245-1. D: 40,00 EUR, A: 40,00 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Edition Moderne Postmoderne.
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Thema

Paul Helfritzsch untersucht in diesem Buch, wie das unterschiedliche Verhalten miteinander, gegeneinander und besonders füreinander als Ursprung jeder möglichen Solidarität betrachtet werden kann: „Wir sind zugleich nicht ganz wir selbst und nicht ganz fremd, wir sind Andere unter Anderen“.

Autor

Paul Helfritzsch (Dr.), geb. 1994, lehrt Philosophie mit methodischem Schwerpunkt in Phänomenologie und Poststrukturalistischer Theorie als Lehrbeauftragter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er forscht in den Bereichen Sozialphilosophie und radikale Demokratietheorie sowie zum performativen Verhältnis von Versammlungen und Politik.

Das vorliegende Buch ist zugleich seine Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Jahre 2020. Eine Herausgeberschaft von Paul Helfritzsch zusammen mit Jörg Müller Hipper zum Thema „Die Emotionalisierung des Politischen“ ist vom transcript-Verlag für April 2021 angekündigt. Ein weiteres Buch von Paul Helfritzsch zum Thema „Gefragt durch Andere. Über digitale Vernetzung, Wertschöpfung, Pathos & Identität“ ist vom transcript-Verlag für Mai 2021 angekündigt. Paul Helfritzsch ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung, der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und der Deutsche Sartre Gesellschaft (https://uni-jena.academia.edu/PaulHelfritzsch/​CurriculumVitae; zul. entn. am 28.11.2020).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch von Paul Helfritzsch ist zugleich seine Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Jahre 2020. Es hat Open Access, kann also über die Homepage des transcript-Verlages heruntergeladen werden (www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5245-1/​als-andere-unter-anderen/?number=978-3-8394-5245-5).

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Paul Helfritzsch gliedert sich auf in fünf Kapitel.

In der „Eröffnung“ (S. 11–22) erläutert der Verfasser seine methodischen Überlegungen wieder. Es geht ihm um die Betrachtung des Sozialen aus einem sozialphilosophischen Interesse heraus (S. 12). Es geht ihm des Weiteren um die „radikal anmutende“ Haupthese: „Unsere Wirklichkeit ist es, uns als Andere unter Anderen darstellen zu müssen“ (S. 13). Helfritzsch stellt diesen Sachverhalt als „Zumutung des Sozialen“ dar, denn: „Die Anderen sind die formgebende Bedingung unserer Wirklichkeit“ (ebd.). Um diesen Ausgangspunkt näher zu exemplifizieren, benutzt Helfritzsch die Metapher des „Spiegelns“: „Nicht für ein im Zentrum der Spiegel stehendes einzelnes Subjekt, sondern alle für alle sind wir Spiegel“ (S. 15); wir befinden uns in einem „unentwirrbaren Miteinander, Füreinander und Gegeneinander“ (S. 15). Dabei sehen wir uns nicht immer wie in einem klaren Spiegel. Wir können uns in Spiegeln anders sehen als gewöhnlich (wie im Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt). Außerdem besteht die Mögichkeit, sich im Spiegelkabinett zu verlaufen oder etwas zu erleben, was man nicht erleben wollte: „Es besteht ein permanentes Risiko im Miteinander“. Helfritzschs selbst gestellte Aufgabe ist es, dieses metaphorische Spiegelkabinett zu beleuchten, wobei er sich im weitesten Sinne auf phänomenologische und poststrukturalistische Theorien beruft. Er beschreibt, was in unserem Erleben der Wirklichkeit geschieht und bedient sich dabei einzelner Theoretiker*innen, die „in bestimmten Teilen ihrer Werke einen systematischen Gewinn, eine produktive Transformation in der Betrachtung Anderer vollzogen haben“ (S. 19). Seine Arbeit findet sich „zwischen“ zwei verschiedenen Theorieansätzen, was er damit begründet, „dass die Zusammenführung der …vertretenen Autor*innen und Systematiken sich auf die Frage konzentriert, wie sich ein Miteinander und davon ausgehend ein Füreinander produktiv und ungeachtet der unterschiedlichen Positionen herausarbeiten lässt“ (S. 21).

Das nächste Kapitel der Arbeit wird „Einleitung“ genannt und reicht von S. 23–40. Helfritzsch verdeutlicht hier seine Grundannahmen wie z.B. die, dass „wir als Andere mehr sind als das, was durch die Pronomina 'ich', 'du', 'wir' oder 'sie' bezeichnet werden kann; wir sind mehr als das, was man durch die Frage nach einem 'Wer' erfahren kann“ (S. 24). Demnach sind andere eine Komplexität, die sich durch die Beziehungen zueinander auszeichnet. Im weiteren Verlauf der Einleitung „unterhält“ Helfritzsch sich mit seinen „Argumentationspartnern“, zu denen bekannte Theoretiker*innen wie Alfred Schütz, George H. Mead, Peter L. Berger und Thomas Luckmann, Simone de Beauvoir, Erving Goffman, Charles Taylor, Axel Honneth, Martin Heidegger und Maurice Merleau-Ponty (um nur die in den Fußnoten dieses Kapitels zitierten zu nennen) gehören. Helfritzsch schließt das Kapitel mit der Frage ab: „Was gilt es also in dieser Arbeit zu beweisen? Es gilt durch die Beschreibung dessen, was erlebt wird, aufzuzeigen, dass das Erlebte eine Wirklichkeit darstellt, die ihre Konturen dadurch erhält, dass sie im Miteinander von einer Pluralität von Anderen konstituiert wird. Dafür sollen die Folgen unserer Wirklichkeit, mit Anderen in derselben Welt zu leben, bestimmt werden, indem die Art und Weise, wie sich das Miteinander im Erlebten darstellt, beschrieben wird“ (S. 39). Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Handeln und Imaginieren gehören somit alle zum Erleben der Wirklichkeit. Man kann sie nicht erleben, ohne sich Anderen darzustellen, sowie auf die Darstellungen anderer zu treffen (S. 40).

Das dritte Kapitel in Helfritzschs' Buch beschäftigt sich mit dem Erleben. Es hat den Untertitel „eine historisch-systematische Revue“ und reicht von S. 41–96. Der Verfasser legt hier die Basis für seine These von der generellen Erlebbarkeit Anderer und von einem selbst als Andere*r unter Anderen (auf eine ausführlichere Darlegung dieser Thesen in diesem wie auch im nächsten Teil wird aus verschiedenen Gründen verzichtet).

Im vierten Kapitel „Das Erleben der Anderen“ (S. 97–210) geht es darum, das eigene Erleben in Verbindung mit dem Erleben, das Andere von einem selbst haben, zu beschreiben. Auch hier bestehen die Argumentationspartner Helfritzschs' aus namhaften TheoretikerInnen wie Erving Goffman, Judith Butler, Maurice Merleau-Ponty und Bernhard Waldenfels.

Im letzten Hauptteil der Arbeit (S. 211–249) wird u.a. der Begriff des „Risikos“ erneut thematisiert. Man lebt mit Anderen zusammen in dem permanenten Risiko, das Gewohnte absurd erscheinen zu lassen und das Absurde als gewohnt, „weil man nichts aus einer rein subjektiven Perspektive bestimmen kann, sondern alles nur durch die plurale Perspektivität, die sich als die Bedingung der Anderen für unsere Wirklichkeit darstellt“ (S. 233).

Diskussion

Helfritzsch bezeichnet die von ihm verwandte Methode unter Berufung auf Detlef Horster (2005) als „sinnverstehende Methode der Sozialphilosphie“ (S. 33). Er geht unkonventionell vor, wenn er sich über die oft behauptete Unvereinbarkeit poststrukturalistischer Thesen mit der Phänomenologie hinwegsetzt. So finden wir beispielsweise Judith Butler und Jean-Paul Sartre nebeneinander ausführlich in diesem Werk zitiert. Dieser Methodenpluralismus ist Helfritzsch bewusst, d.h. er begründet explizit, warum er sich über die oft behauptete Unvereinbarkeit beider Methoden hinwegsetzt: „Die Gemeinsamkeit beider Denkwege ist die Bezugnahme auf die Form, auf das Wie etwas ist und die damit verbundene Offenlegung der Prozesshaftigkeit…“ (S. 19; Kursiv v. P.H.). Außerdem erwähnt er aktuelle Veröffentlichungen, die es ihm gleichgetan haben (ebd.).

Man könnte gegen die Arbeit einwenden, dass es eine triviale Tatsache ist, dass Andere für uns und unsere Wirklichkeit eine entscheidende Rolle spielen. Helfritzschs diesbezügliche Antwort lautet, dass es ihm um diejenigen Phänomene im Sozialen geht, in denen wir als Andere unter Anderen füreinander sorgen.

Der Kritik, dass durch seine Vorgehensweise das kritische Potenzial der Sozialphilosophie zumindest teilweise verloren gehe, stimmt Helfritzsch zu. Er fragt nicht, was wir tun sollen, sondern wie wir das tun können, was wir tun, und welche Alternativen sich dadurch darstellen, dass wir erleben, wie andere sich verhalten (S. 33). Damit kann er weder klären noch Empfehlungen aussprechen, welche Art und Weise zu leben die eine richtige ist. Doch auch auf diesen Einwand kennt Helfritzsch eine Antwort: Er geht davon aus, dass die Sozialphilosophie durch die Frage danach, wie wir gemeinsam als Andere erleben, nicht nur aufzeigen kann, welche „Krisen“, „Fehlentwicklungen“ und „Leiden an Funktionsstörungen“ vorhanden sind, sondern auch, welche „positiven, unterstützenden und akzeptierenden Verhaltensweisen im Miteinander zum Füreinander führen können“ (ebd.).

Das Buch hinterlässt nach der Lektüre Fragen, beispielsweise die nach dem Stellenwert des Anderen in anderen Bewusstseinszuständen, wie beispielsweise in der tiefen Meditation oder nach der Einnahme psychedelischer Drogen. Vielleicht hätte das Buch von einer Zur-Kenntnisnahme des wichtigen Werkes „Resonanz“ von Hartmut Rosa (2016) profitieren können, der immerhin an der gleichen Universität wie Helfritzsch arbeitet und sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigt. Oder mit den Ausführungen von Heinz Bude zum Thema Solidarität (Bude 2019)? Oder vielleicht wäre ein Verweis auf – wenn nicht gar eine Auseinandersetzung mit – Rudger Bregman's „Im Grunde gut“ (2020) hilfreich gewesen? Dies' sind allesamt Quellen, die sich außerhalb des poststrukturalistisch-phänomenologischen Horizontes befinden. Dennoch wäre es hilfreich für das Gesamtverständnis der vorliegenden Arbeit, wenn eine Abgrenzung, beispielsweise zu den genannten Werken stattgefunden hätte.

Ein Lapsus sei angemerkt: In einer vorherigen Version hieß der Untertitel der Arbeit wohl „Füreinander zwischen sozialen Strukturen und Erleben“. Auf S. 21 wird dieser als der tatsächliche verwendete Untertitel genannt. Allerdings wurde dieser im erschienenen Buche geändert und heißt nunmehr „Darstellungen des Füreinander als Weg zur Solidarität“. Auch der auf S. 33 genannte Titel des letzten Hauptkapitels ist nicht identisch mit dem in der Gliederung des erschienenen Bandes genannten Titel: Aus „Die sozialen Situationen“ (S. 33) wurde schließlich „Die soziale Situation“.

Fazit

Das Lesen des Buches ist mühsam. Damit meint der Rezensent nicht nur, dass sich der Leser/die Leserin die vielen Fachbegriffe in ihrer Bedeutung zunächst aneignen muss (am besten unter Rückgriff auf die Originalliteratur), um sie dann in den verwendeten Gesamtzusammenhang einordnen zu können. Die verwendeten Beispiele hätten eindeutiger sein können. Sie schildern beispielsweise Alltagssituationen, in denen das Thema Solidarität nicht vorkommt (Suppe löffeln; S. 148) oder in denen der Begriff der Sorge so umfassend verstanden wird, dass das Beispiel („Du siehst scharf aus!“; S. 157) den ursprünglichen Erklärungskontext zu sprengen droht. Deutliche Anstrengungen sind nötig, wenn die Aussagen des Buches nachvollzogen und verstanden werden wollen.

Auf der anderen Seite sticht die Schreibfreudigkeit und Eloquenz, die Herr Helfritzsch an den Tag legt, deutlich hervor. Seine Freude an der theoretischen Arbeit und die Begeisterung für dergleichen Mühe sind nicht übersehbar. Angesichts der Fülle von Material, Diskussionen, Ableitungen sowie theoretischen Anregungen lohnt sich das Buch für „Insider“. Diesen wünscht der Rezensent Ausdauer und Beharrlichkeit, die sicherlich nötig sind, um die Helfritzsch'schen Argumentationsstränge nachvollziehen zu können. Herrn Helfritzsch sei hiermit zur Veröffentlichung seiner Dissertation gratuliert und alles Gute auf seinem weiteren Weg in der (höchstwahrscheinlich ja wohl) universitären Zukunft gewünscht.

Literatur

Bregman, Rudger (2020): Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Hamburg: Rowohlt (niederl. Orig. De Meeste Mensen Deugen, Amsterdam: De Correspondent

Bude, Heinz (2019): Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee, München: Hanser

Horster, Detlef (2005): Sozialphilosophie, Leipzig: Reclam

Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Frankfurt/M.: Suhrkamp


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 09.12.2020 zu: Paul Helfritzsch: Als Andere unter Anderen. Darstellungen des Füreinander als Weg zur Solidarität. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5245-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27290.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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