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Daniel Zettler: Das Maßlose der Spätmoderne

Cover Daniel Zettler: Das Maßlose der Spätmoderne. Eine Kritische Theorie. transcript (Bielefeld) 2020. 385 Seiten. ISBN 978-3-8376-5242-0. D: 45,00 EUR, A: 45,00 EUR, CH: 54,90 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema

Daniel Zettler stellt in seiner Dissertation Diskussionen um eine Verbindung von Kritischer Theorie der Gesellschaft und einer Kritischen Theorie des Subjekts vor. Mit einer intersubjektiven Theorie der Spätmoderne beansprucht der Autor eine Lücke in der Kritischen Theorie zu schließen, die sich „bei Habermas oder Honneth bezüglich einer dezidiert spätmodernen Orientierung noch auftut.“ (S. 16) Der Autor kritisiert das „Subjekt-Objekt-Paradigma“ (S. 14), welchem die Kritische Theorie von Adorno, Horkheimer und Marcuse verhaften geblieben sei, und plädiert für eine intersubjektive Perspektive, welche sich mit Habermas – bei allen Mängeln – eröffnet habe. Dabei geht es dem Autor vor allem um psychoanalytisch orientierte Theorien. ‚Das Maßlose‘ bezeichnet dabei eine psychische Eigenschaft des Subjekts, der ‚das Bemessene‘ stets gegenübergestellt wird. Um dieses Begriffspaar dreht sich die Arbeit, welche hier eine „Dialektik“ diagnostiziert und diese Dialektik in den zahlreich zitierten Subjekt-Theorien verortet. „Das Maßlose“ bezeichnet dabei die verschmelzende, auf Gemeinschaft ausgerichtete psychische Konstitution, während „das Bemessene“ das Trennende meint. Die „intersubjektiven Schwächen aufseiten Adornos und Marcuses“ sollten dafür „mit dem habermasschen Gedankensystem zusammengeführt“ werden (S. 308), dessen handlungs- und kommunikationstheoretischen Arbeiten eben jene intersubjektive Perspektive eröffneten. Auf diese Weise sollen Kritische Theorie der Gesellschaft und die Kritische Theorie des Subjekts, für welche in erster Linie Alfred Lorenzer heranzitiert wird, zusammengeführt werden.

Aufbau

Das Buch umfasst neben einer Danksagung, einem Überblick und einem Ausblick drei Kapitel, welchen jeweils ein „Intermezzo“ angehängt ist, in welchen es um inter-, intra- und metatheoretische Klärungen, Überlegungen bzw. „(An-)Deutungen“ geht.

Das erste Kapitel ist betitelt mit Unermessliche Weiten – Ozeane des Maßlosen. Hier geht es dem Autor vor allem darum, subjekttheoretische und psychoanalytische Diskussionen vorzustellen.

Im zweiten Kapitel Tote Orte, belebte Welten – Thanatomorphe Wüsten und biomorphe Oasen setzt sich der Autor näher mit Freuds Erklärung des Ödipus-Komplexes und des Tabus auseinander und bezieht dies auf sein eigenes Konzept des Maßlosen und Bemessenen. Zudem wird hier Marcuses „Triebstruktur und Gesellschaft“ einbezogen.

Kapitel drei Maßlose Perspektiven – Entgrenzte Horizonte knüpft wiederum an Marcuse an, diskutiert sein Desiderat der Abschaffung von Herrschaft kritisch, setzt sich mit Hardt/​Negri auseinander und nimmt Whitebook und Loewald auf, um anschließend „Polymorphe Subjektkonstitutionen“ und das „Auftauchen neuer Subjektformen“ in der Spätmoderne festzustellen.

Inhalt

Zettler begreift „das gegenwärtige Stadium der Spätmoderne“ als eine „Übergangsepoche“, die charakterisiert sei durch „maßlose[] Entgrenzungs- und Entdifferenzierungsphänomene“. (S. 11) In einem Überblick stellt er sein Vorhaben vor, ‚das Neue‘ in der Spätmoderne anhand einer Verbindung von Gesellschafts- und Subjekttheorie aufzuspüren: „Die oftmals noch unbestimmte Gestalt dieses real Neuen gilt es virtuell vermittels einer Neukonturierung von Kritischer Subjekt- und Gesellschaftstheorie kenntlich zu machen.“ (ebd.) Dabei geht es ihm auch darum, die Abkehr vom „Subjekt-Objekt-Paradigma“ (S. 14), welchem sowohl Sigmund Freud als auch die ältere Kritische Theorie verhaftet gewesen sei, was Axel Honneth kritisiert und überwunden habe, und die Hinwendung zu einem intersubjektiven Paradigma zu begründen. „Die immateriellen und materiellen Austauschprozesse zwischen Individuen wie zwischen Individuen und der gesellschaftlichen wie natürlichen Welt heißt es daher in den Blick zu nehmen. Diese aber erweisen sich als zutiefst intersubjektiv.“ (S. 12) Methodisch sei eine „begriffliche Meta-Ebene“ mit „offene[n] Begrifflichkeiten“ (S. 12) nötig, um diese Verbindung auszudrücken. Mit dem Begriff „Spätmoderne“ grenzt Zettler sich von postmodernen Theorien ab, indem er an Habermas anschließend „die Moderne als noch nicht abgeschlossenes Projekt der Aufklärung“ auffasst, was sich inzwischen „im Umfeld der Kritischen Theorie“ eingebürgert habe. (S. 15) Es gelte jedoch eine „offene Lücke“ zu schließen, „die sich innerhalb der Kritischen Gesellschaftstheorien von Habermas oder Honneth bezüglich der dezidiert spätmodernen Orientierung noch auftut.“ (S. 16) Zwar hätten Habermas, Honneth und auch Hartmut Rosa eine dezidiert intersubjektive Perspektive, jedoch sei die Verbindung von Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie hier noch nicht als „Verschränkung“ vollzogen worden. (S. 17) Mit der Kritischen Theorie des Subjekts, wie sie von Lorenzer und Klaus Horn entwickelt wurde, sei aber durchaus anzuknüpfen „an die intersubjektiven Kritische(n) Theorie(n) der Gesellschaft wie sie von Habermas und Honneth so prominent formuliert wurden […]. Deutlich wird dies z.B. wenn Honneth darauf verweist, dass Habermas die Entstehung sozialer Klassen als ‚Entstellung dialogischer Verhältnisse‘ versteht.“ (S. 18) Weitere wichtige Referenzen für Zettler sind vor allem Hans-Joachim Busch, aber auch Michael Hardt und Antonio Negri, deren Theorie im dritten Kapitel aufgenommen wird.

Das erste Kapitel Unermessliche Weiten – Ozeane des Maßlosen handelt zunächst von „1.1. Subjektivierung und intersubjektiver Prozess“. Im „Prolog“ versucht der Autor deutlich zu machen, worum es ihm geht, nämlich um den Prozess der Subjektivierung: „Subjektivierung ist die Bemessung der maßlosen Perspektiven des Subjekts beim Unterfangen der Realisierung seiner selbst in der Welt. Subjektivierung resultiert in Subjektivität. Subjektivität ist Aspekt gewordenes Subjekt. Subjektivität ist ersichtlich; das Subjekt ist es nie. Subjektivität ist bemessen; das Subjekt aber ist maßlos. Das maßlose Subjekt verhält sich zur bemessenen Subjektivität wie weißes Licht zu den Spektralfarben: Subjektivität ist perspektivisch gebrochenes Subjekt.“ (S. 23) Solche Subjektivität entstehe in „intersubjektiven Prozessen“ (ebd.), in welchen sich demnach Subjekte verwirklichen. Der Autor diskutiert zunächst Freuds Erklärung der Genese des Ich-Gefühls und kritisiert hieran einen Mangel an intersubjektiver Perspektive: „Freud denkt aufgrund seiner subjektphilosophischen Orientierung notwendig einseitig; er denkt vom Bedürfnis eines Subjekts nach einem Objekt her, und nie von der wechselseitigen Interaktion und Kommunikation zwischen Subjekten. In der Folge sieht er allenfalls einen einseitigen Bezug, wo eine wechselseitige Beziehung zu beschreiben wäre.“ (S. 27) Dagegen gebe Loewald der Freudschen Argumentation einen „intersubjektiven Gehalt“ (S. 28). Der Ansatz von Loewald wird mit dem von Stern konfrontiert, wobei der Autor zu dem Urteil kommt, dass Sterns Ansatz „besser geeignet scheint, die extrapsychischen Dimensionen von Intersubjektivität darzustellen […], [während; S.H.] Loewalds Ansatz ein tiefergehendes Verständnis der intrapsychischen Qualitäten […] intersubjektiver Prozesse“ biete. (S. 36)

Im Unterkapitel „1.2. Intersubjektiver Prozess und relationale Formation“ wird der Begriff des ‚Maßlosen‘ genauer erläutert und auf „das Gemeinsame“ bezogen. Unter Verweis auf Levinas wird im „Prolog“ dargelegt, dass die Begegnung mit einem Anderen ein Begehren sei, welchem eine Bewegung folge, die „das Verharren bei sich selbst“ verunmögliche (S. 39): „Das Begehren eröffnet das Gemeinsame, es erschüttert das einsame Ich. Es ist maßlos, denn es reißt das Ich aus seiner Bemessen- und Vermessenheit. So stiftet die Bewegung zum Anderen hin, die im Begehren liegt, ein maßlos Gemeinsames, das nicht greifbar ist, ein Virtuelles, das dennoch konkret sich auswirkt aufs Ich – denn es macht es zum maßlosen Selbst“. (ebd.) ‚Das Maßlose‘ wird umschrieben als „Ausfluss aus einem Gemeinsamen, das immer entbehrt und daher immer begehrt.“ (ebd.) Soziales soll im Folgenden auf dieser Folie erklärt werden: „Formierungen wie Transformationen des psychischen wie des sozialen Raumes erweisen sich so als Bewegungen und unterlassene Bewegungen von Subjekten im Medium von Kommunikation und Interaktion.“ (S. 40 f.) Zettler knüpft zunächst an Freuds Triebtheorie an, um hier die o.g. Einseitigkeit zu kritisieren. Zwar gebe es bei Freud einen Bezug auf das Soziale, jedoch sei er in der Subjektphilosophie gefangen geblieben. „Einzig die Verhaftung im Subjekt-Objekt-Paradigma ist es, die diese klassische Form der psychoanalytischen Triebtheorie inkompatibel macht zu einer mittlerweile intersubjektiv orientierten Sozialwissenschaft.“ (S. 51) Zettler schließt sich damit Honneths These an, dass die Psychoanalyse sich „‚in einem Prozeß rapider Veralterung‘“ befinde, „‚weil ihr zur Idee einer kommunikativen Verflüssigung der Ich-Identität das notwendige Pendant auf Seiten des psychischen Innenlebens‘“ fehle. (ebd.) Eine intersubjektive Wende der Triebtheorie habe inzwischen Loewald geleistet, dessen Theorie den Trieb nicht im Individuum verorte, sondern „die Bedeutung von Kommunikation und Interaktion schon bei dessen Formung und Entstehung“ betone. (S. 52) „Parallelen zwischen Loewald und Lorenzer“ werden vorgestellt und Lorenzer auch auf Marcuse bezogen, insofern dieser sich ebenfalls mit dem Verhältnis von „Triebstruktur und Gesellschaft“ befasste. (S. 67) Es folgt eine Kritik an Habermas, dessen Theorie, „was die triebtheoretische Fundierung des Sprechens und Handelns betrifft, seltsam leer“ bleibe. (S. 77) Die „Dialektik von Individuum und Gesellschaft“ (S. 88) soll behandelt werden, wobei diese in Abgrenzung zu Lorenzer mit der „KonzeptionSubjekt – intersubjektiver Prozess – relationale Formation“ (S. 95) beschrieben werden soll. „Denn eine Beschreibung spezifisch sozialer Dynamiken war mit dem von Lorenzer propagierten Projekt einer Psychoanalyse als Interaktionstheorie bislang nicht möglich. Die Ausweitung jener Interaktionstheorie auf andere als subjektivierungs- und sozialisationstheoretische Implikationen, nämlich hin zu gesellschaftstheoretischen und damit sozialwissenschaftlichen, liegt nicht mehr im von Lorenzer abgesteckten Rahmen.“ (S. 96) In „1.3. Intermezzo: Intratheoretische Klärungen“ werden Ergebnisse festgehalten: „Die vielleicht als universal zu verstehende Dialektik aus Maßlosem und Maß (als divergierende Aggregatzustände stofflicher wie nichtstofflicher Phänomenkreise) darf zunächst einmal als grundlegend auch für den psychischen wie sozialen Bereich angesehen werden.“ (S. 111) So seien es „Facetten des maßlos Gemeinsamen wie des bemessenen Einsamen“, welche „fortwährend die Verhältnisse zwischen Subjekt, anderen Subjekten und der Welt“ umspannten. (S. 112) Diese Perspektive resultiere aus dem „Wille[n], die Komplexität der Erscheinungen auf ihre Essenz zu reduzieren, um sie dann über ihre Relationen zu begreifen.“ (ebd.) Dies gelte ebenfalls für die „biomorphen und thanatomorphen relationalen Formationen […]. Sie gilt es ja zu verstehen als Beziehungsnetzwerke entgrenzenden oder begrenzenden Charakters, die den sozialen Raum überhaupt erst aufspannen.“ (ebd.) „Widerständigkeit im Subjekt“ sei dann verbunden mit und erwachse „allein aus einem Festhalten am Lustprinzip sowie dem Willen, dieses zu realisieren […]. Mit jeder Realisierung des Lustprinzips – und das kann nicht genug betont werden – ist aber immer ein Rückfluten des Maßlosen in ein vormals Bemessenes verbunden, eine gewisse Entdifferenzierung von etwas vorgängig Differenzierteren. Dass dies nicht zwangsläufig eine Regression darstellen muss, gilt es noch darzulegen.“ (S. 113)

Kapitel zwei ist betitelt mit Tote Orte, belebte Welten – Thanatomorphe Wüsten und biomorphe Oasen. Hier geht es zunächst (2.1.) um „Biomorphe und tanatomorphe relationale Formationen im sozialen Raum“. Im dazugehörigen „Prolog“ schildert Zettler, dass die Frage nach Stillstand und Dynamik für ihn leitend sei und er bringt diese in einen Zusammenhang mit dem Bemessenen und dem Maßlosen. Es gebe hier eine „Dialektik, [also] Zunahme von Quantität bewirkt Veränderung der Qualität.“ (S. 115) Insgesamt sei in der Spätmoderne das Verbindende und Gemeinsame auf dem Vormarsch, was zwar zurückgedrängt werden solle – „doch allein, es scheint: Es ist zu spät. Systemische Bereiche, institutionelle, sind selbst bereits in Teilen biomorph geworden; beruhen auf Verknüpfung und Verbindung, nicht auf Separation und Trennung; wurden transformiert. Aus dem divide et impera, dem ‚teile und herrsche‘, erwächst unter dem Druck von Verbindung und Inklusion die Unmöglichkeit von Herrschaft: Ordnung lässt sich in einer verbundenen Welt immer weniger implementieren; sie muss entstehen in Relation. Selbstregulierung tritt anstelle von Erzwingung; biomorphe Welten wachsen aus thanatomorphen Wüsten: Leben hält Einzug ins erstarrte System.“ (S. 116) Der Autor diskutiert zunächst Freuds „Totem und Tabu“ und die Verankerung des Realitätsprinzips im Individuum, woraufhin er eine „intersubjektive Perspektive auf ‚Totem und Tabu‘“ (S. 156) entwickeln möchte. „Versteht man ein weiteres Mal Strukturbildung grundsätzlich als Differenzierung des Undifferenzierten, als Formung des Amorphen, oder eben: als Bemessung des Maßlosen, so kommt man nicht umhin, in Freuds Totem und Tabu eine Darstellung solch basaler Gestaltungsmechanismen – und zwar sowohl hinsichtlich des psychischen als auch des sozialen Raums – zu erblicken.“( ebd.) Eine „intersubjektive Deutung“ (S. 157) Freuds sei möglich und nötig. Anschließend wird Girads Darstellung und Deutung vom „Sündenbock“ und der „Gründungsgewalt“ vorgestellt, wodurch sich Freuds Theorie bereichern ließe. (S. 164 f.) Mit Michel Maffesoli wird daraufhin die Feier als Zelebrierung des Maßlosen dargestellt, was als eine Art des Verschmelzens begriffen werden könne, und der Übergang zu „einer psychoanalytisch-sozialpsychologisch intersubjektiv orientierten gesellschaftstheoretischen Grundlegung“ angekündigt. (S. 183)

Im Unterkapitel „2.2. Orte des Einsamen, Welten des Gemeinsamen – relationale Landschaften im sozialen Raum“ geht es laut „Prolog“ darum, den sozialen Raum „als relationale Landschaft“ darzustellen. „Erhebungen und Vertiefungen zeichnen sich ab; Höhepunkte; Tiefpunkte; Gestaltungen des individuellen wie kollektiven Beziehungsnetzes durchdringen sich, unter- und überlagern sich, werfen sich auf zu thanatomorphen Formationen, die nichts sind als Einöden: einsam, starr, leblos und dunkel.“ (S. 198) Zunächst wird „Marcuses Blick auf ‚Totem und Tabu‘“ (S. 199) behandelt, wobei festgehalten wird, dass Marcuse Herrschaft und das geltende Realitätsprinzip mit Freud kritisierte. „Das heißt vereinfacht gesagt, nichts anderes, als dass eine gewandelte Form gesellschaftlicher Praxis (v.a. auch der Produktionsverhältnisse) auch veränderte Gestaltungen von Subjektivität etablieren müsse (bis hinein in das Verhältnis der beiden Triebe zueinander); eine Sichtweise, die mit Lorenzers späterer Revision der klassischen Psychoanalyse zutiefst korrespondiert.“ (S. 202) Daran anknüpfend stellt Zettler eine „intersubjektive Perspektive auf Marcuse“ vor, die an „der dialektischen Verschlingung von Lust- und Realitätsprinzip“ ansetzt. (S. 205) „Das Maßlose, Grenzenlose, Entdifferenzierte des Lustprinzips trifft in vielfältiger Weise auf das Bemessende, Begrenzende, Differenzierende des Realitätsprinzips; es handelt sich beiderseits um Struktureffekte, die mit den strukturierenden psychosozialen Dynamiken einhergehen.“ (ebd.) Dieses Verhältnis wird auch an der „Dimension der Zeit“ als ein „Spannungsverhältnis von Augenblick und Zeitlichkeit“ vorgestellt. (ebd.) „Der Kreis als symbolische Zeitform des Lustprinzips trifft so auf die Linie als symbolische Zeitform des Realitätsprinzips. Kreis und Linie werden im Netzwerk zum Raum […]. Das biomorphe Netzwerk ist das maßlose, das unendliche, das thanatomorphe ist eigentlich keines; es ist zerfallendes, ein in Auflösung befindliches, ein endliches, ein bemessenes.“ (S. 207) Daraufhin wird mit Marcuse die Frage nach einem weniger repressiven Realitätsprinzip gestellt, welches andere, erotisierte Beziehungen zu den Anderen voraussetze und auch die Arbeit umfasse. „Das ‚Werk‘ trete dann anstelle der Arbeit; denn das Werk […] wird gerne vollbracht und vom Ausübenden als Tätigkeit, die seiner Person entspricht, geliebt – so versteht Marcuse die Erotisierung selbst der Produktionsverhältnisse und damit der gesamten Gesellschaftsordnung.“ (S. 209) Auf der Grundlage des Maßlosen in der Spätmoderne seien die „individuellen wie kollektiven Möglichkeiten der Befreiung […] daher im selben Maße andere geworden, wie sich die vormals patriarchal geprägte Herrschaft zu transformieren begonnen hat. Die Dialektik von maßlosem Lustprinzip und bemessenden Realitätsprinzip trägt bereits Züge einer Synthese hin zu einem versöhnlicheren Realitätsprinzip.“ (S. 213)

Daran anschließend wird Hartmut Rosas Resonanztheorie als Theorie gelingender Weltbeziehungen aufgegriffen. Zettler sieht hier Bezugspunkte „von Marcuses Verständnis des (modernen) Realitätsprinzips als dem eines ‚Leistungsprinzips‘“ (S. 217) und setzt sich daraufhin kritisch mit Altmeyers Resonanztheorie auseinander, sieht aber an Altmeyer anschließend progressive Tendenzen in einer sich entwickelnden digitalen „Sharing-Economy“: „Eine Wirtschaft des Teilens (als spezifischer Form des maßlos Gemeinsamen) könnte, so verstanden, eine Wirtschaftsweise, die auf dem bemessenen Einsamen (und in der das Primat des Privateigentums gilt) geradezu selbstverständlich ablösen. Eine inklusive Ökonomie träte anstelle einer exklusiven; Kooperation vermittels verbindender Kommunikation und Interaktion wäre das immer schon gegebene, anthropologische Grundmuster, das dies ermöglichte. Die Ansätze der Sharing-Economy müssten dann allerdings aufgehen in einer nicht mehr auf Privat- und Kapitalinteressen gründenden Form der Ökonomie.“ (S. 225)

In einer „Expedition in die gesellschaftliche Praxis“ unternimmt es der Autor, seine Theorie auf den Faschismus anzuwenden, den er als „Höhepunkt des Sozialdarwinismus“ beschreibt. „Die Okkupation und Verzerrung des eigentlich inklusiven, maßlos Gemeinsamen zur nunmehrig exklusiven ‚Volksgemeinschaft‘ ist dabei eine der abstrusesten dialektischen Wendungen, die der permanente Widerstreit des bemessenen Einsamen mit dem maßlos Gemeinsamen im sozialen Raum hervorgebracht hat. Das Universale und Unbegrenzte des Gemeinsamen wurde beschränkt auf ein Nationales und Begrenztes. Die Ausgrenzung und Eliminierung des vermeintlich ‚Anderen‘ war die perfide Konsequenz.“ (S. 231) Der Faschismus und der Holocaust werden ‚erklärt‘ als Projekt einer ‚radikalen Bemessung‘.

Ausgehend von der Feststellung, dass die „Ökonomie des Privatbesitzes“ das bemessene Einsame erzeuge, wird dann ausführlicher auf Hardt und Negri eingegangen, die nahelegten, „dass gerade in der Spätmoderne eine Umkehrbewegung stattfindet; nämlich, dass die auf Kommunikation und Interaktion beruhende lebensweltliche Sphäre die systemische sich insofern aneigne, dass Produktion wie Verwertung nun aus dem Gemeinsamen heraus geschehe, und damit in Gestalt biopolitischer Produktion in die vormals exklusiven Bereiche der Ökonomie und Politik vordringe.“ (S. 240) Mit Sutterlüty werden daran anschließend Bewegungen wie „Occupy-Wallstreet“ als Beispiele gelingender „geradezu liebesethisch fundierte[r] Sozialität“ (S. 243) erwähnt, die „Authentizität“ gegen ein „traditionelles Politikverständnis“ setzten. „[B]asisdemokratische Generalversammlungen, begleitet von digitalen Diskussions- und Entscheidungsstrukturen, ersetzten die gewohnten Mechanismen des Politischen – und das Fehlen von (An-)Führern war dabei nur ein weiteres emanzipatorisches Moment“. (S. 243)

In dem das zweite Kapitel abschließenden „Intermezzo: Intertheoretische Überlegungen“ wird das Desiderat festgehalten, dass der „zu beobachtenden Zersplitterung der Theorielandschaft […] eine intertheoretische Synthese entgegengesetzt werden [müsse] […], um ein Ganzes im Ganzen erklären – und kritisieren – zu können. Denn wo das Ganze nicht gedacht werden kann, kann es als solches auch nicht verändert werden.“ (S. 247)

Das dritte Kapitel Maßlose Perspektiven – Entgrenzte Horizonte beginnt mit dem Unterkapitel „Sozialer Raum und polymorphe relationale Formationen“. Im dazugehörigen „Prolog“ wird ausgeführt, dass sich Maßstäbe durch Wandlung potenziell in Maßloses verwandeln. „Welten des Gemeinsamen und Orte des Einsamen wechseln nicht nur, sondern überlagern und vermengen sich.“ (S. 249) Eine ‚bewegte Ruhe‘ stelle sich als „Ende der (Vor-)Geschichte“ ein. (ebd.) Das Kapitel beginnt mit einer erneuten Rezeption Marcuses und seiner „Hypothese einer Versöhnung von Lust- und Realitätsprinzip“. (S. 250) Zettler beginnt mit der These: „Es ist nicht die Herrschaft, und es ist auch nicht der Staat, welche in erster Linie die menschlichen Beziehungen gestalten; sondern die Herrschaft, wie auch der Staat, sind ein kulturhistorisches Produkt der menschlichen Beziehungen.“ (ebd.) Auf dieser Grundlage greift er Marcuses Begriff einer repressionslosen Kultur auf und meint: „Ein maßlos Gemeinsames des Menschen mit der Natur ist es, was Marcuse eigentlich umschreibt.“ (S. 254) Ein solches maßlos Gemeinsames sieht der Autor in der ‚Spätmoderne‘ im Entstehen und kommt wieder auf Hardt und Negri zurück, die festgestellt hätten, dass sich Arbeit „zunehmend außerhalb bzw. jenseits des Maßes“ vollziehe und die damit darauf anspielten, „dass die marxsche Werttheorie, in der sie primär eine ‚Theorie des Wertmaßes [eig. Hervorhebung]‘ erblicken, zunehmend auf Unschärfen stößt.“ (S. 262) Indem die kapitalistische Produktion neue Technologien und Kommunikation hervorbringe, führe sie zu einer „Transformation des industriellen Produktionsmodells“ (S. 263), welche emanzipatorische Potenziale im Sinne des von Zettler genannten „Gemeinsamen“ habe. „Eine maßlose Welt kündigt sich an.“ (S. 265) Das „neue Gemeinsame“ (S. 266) wird auf den Begriff der „Multitude“ von Hardt und Negri bezogen (S. 271), um daraufhin mit Zygmunt Bauman auf „Individualisierungstendenzen“ zu sprechen zu kommen und beide Theorien gegenüberzustellen. Einen „Wandel des Realitätsprinzips“ erkennt Zettler nicht nur unter Bezug auf Kai-Olaf Maiwald in den veränderten Beziehungsformen in der Spätmoderne, sondern auch in der Arbeit. Hier zeige sich „ein Wandel von rigiden Zeit- und Disziplinarregimen hin zu Produktionsweisen, die den kreativen, ‚lebensweltlichen‘ Forderungen nach Autonomie und Mit- oder Selbstbestimmung (real oder wenigstens symbolisch) nachzukommen hatten. Lebensweltliche und systemische Transformationsprozesse vollzogen sich parallel und leiteten die Konstitution der spätmodernen Epoche als paradoxales (Übergangs-)Phänomen überhaupt erst ein.“ (S. 284) Insbesondere aber die Paarbeziehung wird als Ort des ‚Maßlosen‘ aufgegriffen und festgestellt, „dass die spätmoderne Paarbeziehung nicht nur die Institution der Ehe entgrenzt hat, sondern einen weit größeren Radius der Entgrenzung bereits verkörpert.“ (S. 288) Ein weiteres Beispiel für das Maßlose der Spätmoderne sind für Zettler Postwachstumsmodelle, den er einen „eher emanzipatorischen“ Gehalt attestiert. (S. 295) Hier zeige sich eine „politökonomische Zukunfts-Option“ (ebd.). Insofern zeichne „sich das Bild einer Gesellschaft ab, die mit dem ‚Neuen‘ bereits schwanger“ gehe (S. 298), da solche Phänomene das angestrebte Maßlose, Gemeinsame vorwegnähmen.

Im Unterkapitel „3.2. Polymorphe Subjektkonstitutionen und psychischer Raum“ geht es laut „Prolog“ um „Verschwimmende Konturen“. „Die Gestaltungen der Psyche nehmen sich so als Reaktionen auf soziale Formen, genauer: polymorphe relationale Formationen, aus, die ebenso zunehmend auf vielgestaltigen Verschmelzungen von Maßlosem und Maß, Entdifferenzierung und Differenzierung, Inklusion und Exklusion, dem Gemeinsamen wie dem Einsamen beruhen.“ (S. 300) Zettler geht es hier darum, einen Wandel der Subjekts zu konstatieren, wobei das „polymorphe Subjekt, selbst in seinem emanzipatorischen Potenzial, […] sich daher […] als ein Vorübergehendes [ausnimmt]; als Wegbereiter, vielleicht, eines mehr biomorphen, vom Eros als Lebens- und Liebestrieb durchtränkten Subjekts.“ (S. 301) Der Autor untersucht „eine mögliche Verknüpfung von Kritischer Theorie des Subjekts und Kritischer Theorie der Gesellschaft“ anhand von „Marcuses Subjektskizzen“. (S. 305) Die Kritische Theorie des Subjekts bezeichnet der Autor neben der Kritischen Theorie der Gesellschaft als bedeutende Theorieströmung der Frankfurter Schule, welcher das Verdienst zukomme, „über den platten Mechanismus der [eig. Anm.: marxistischen] Formel ‚Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein‘ sozialisationstheoretisch“ hinauszuführen. (ebd.) Im Anschluss an Busch wird eine „‚Adorno/​Marcuse-Habermas-Allianz‘ (aufseiten der Kritischen Theorie der Gesellschaft) in Kombination mit einer deutlich an Lorenzer orientierten Kritischen Theorie des Subjekts“ vorgeschlagen. (S. 307) Da bei Adorno und Marcuse „intersubjektive Schwächen“ zu diagnostizieren seien, müssten sie mit dem „habermasschen Gedankensystem“ zusammengeführt werden. (S. 308) Daraufhin diskutiert der Autor unter Bezug auf Busch „Chancen und Problematiken einer spezifisch spätmodern ausgerichteten Kritischen Theorie des Subjekts“ (S. 309) und betont, dass es um eine „Realisierung von ‚Lebenspolitik‘“ (S. 316) und um eine „Stärkung der Autonomie der Lebenswelt“ gehe. (ebd.) Whitebooks Auseinandersetzung mit Marcuse wird aufgegriffen und gefolgert, dass die spätmoderne Gesellschaft als „Schauplatz des Ringens von Eros und Thanatos am Höhepunkt des zivilisatorischen Prozesses“ den Sieg des Eros ermöglichen könnte. (S. 343)

Im „Intermezzo: Metatheoretische (An-)Deutungen“ umreißt Zettler Anforderungen an eine Kritische Metatheorie, die eine eigene Sprache entwickeln müsse und „den Boden zu bereiten [hätte; S.H.] für eine tiefgründige Verwurzelung der Theorien immaterieller Austauschprozesse zwischen Subjekt, anderen Subjekten und der sozialen wie natürlichen (Um-)Welt[en] in den materialistisch orientierten Theoriekomplexen.“ (S. 344)

In einem kurzen Ausblick „Exkursion an den Rand der Empirie“ verortet der Autor den Stellenwert seiner Studie, die beansprucht „vielversprechende Ausblicke“ aufzutun, „was die Einbettung [psychoanalytischer Ansätze; S.H.] in eine nunmehr entsprechend modellierte gesellschaftstheoretische Umgebung betrifft“ (S. 347), und stellt die Frage, „ob die Psychoanalyse nicht etwa nur einen Dialog führen sollte mit den anderen Disziplinen, sondern ob sie sich nicht vielmehr darauf zu besinnen hätte, diesen sogar anführen zu müssen.“ (S. 351) Wie im Zeitalter der Aufklärung der Philosophie eine solche Rolle zugekommen sei, „so könnte der Psychoanalyse in einer Epoche der sich bestenfalls vollendenden Aufklärung die Aufgabe zufallen (als Wissenschaft auch einer ‚sinnlichen Vernunft‘) nicht nur den anderen Disziplinen Impulse zu geben, sondern ihnen auch die neuen Dekonturierungen der bestehenden Ordnung verständlich zu machen im Sinne einer sich letztlich anbahnenden Befreiung des Menschen aus selbst auferlegten Zwängen: einem Weg, der in eine weniger repressive, wenn nicht sogar nicht-repressive Kultur münden könnte.“ (S. 351)

Diskussion

Alles verschwimmt in der ‚Spätmoderne‘ (s.o.), und daraus solle eine Befreiung entstehen? Befreiung wovon denn eigentlich? Vom „Bemessenden“? Zettler erhebt den Anspruch, durch seinen Begriff des „Maßlosen“ eine Kritische Theorie vorzulegen, welche Tendenzen in der ‚Spätmoderne‘ erkenne, die zur Emanzipation führen könnten. In der Zusammenfassung heißt es, dass die „Spätmoderne […] von Ambivalenzen vielfältigster Art durchzogen zu sein“ scheine. Leider bleibt aber unklar, wie diese ‚Spätmoderne‘ von Zettler bestimmt wird und was das für Ambivalenzen sind, die sie durchziehen. Die an Habermas anschließende Abgrenzung von der Rede von der Postmoderne und die Annahme, dass die Moderne ein unabgeschlossenes Projekt der Aufklärung sei, vermögen nicht zu begründen, warum der Autor diese Epoche als solche bezeichnet. Könnte es nicht sein, dass die Moderne ein gar nicht abzuschließendes Projekt ist? Mit Adorno und Horkheimer wäre im Anschluss an Marx jedenfalls zu argumentieren, dass die Aufklärung durch den Kapitalismus eine Dialektik enthält, die nicht durch einen Abschluss eines angefangenen Projekts zu lösen ist. Auch bleibt die Bestimmung der „Ambivalenzen“, welche diese Epoche charakterisierten, vage und ihre Rückführung auf einen Kampf zwischen Eros und Thanatos bzw. Gemeinsamem und Bemessenem so abstrakt, dass man den Erklärungsgehalt und das Kritikpotenzial suchen muss, zumal Zettler zu zeigen versucht, dass die Versuche, ‚das Bemessene‘ zurückzudrängen „zu spät“ kämen (S. 116) und „biomorphe Oasen“ die Oberhand gewönnen – eine ‚Tendenz‘ der ‚spätmodernen Gesellschaft‘, der man nur noch zuzuschauen braucht? Die Rezeption kritischer Theorie und die Freuds scheint in einigen Punkten fragwürdig, was an dieser Stelle nur teilweise aufgegriffen werden soll.

Insgesamt stellt sich die Frage, wie der Autor seine gesellschaftstheoretische Grundlage bestimmt. Zwar betont er, an die Kritische Theorie der Gesellschaft anzuschließen, jedoch benennt er diese Grundlage nicht. Einen Hinweis jedoch gibt er durch seinen Bezug auf Habermas, der „die Entstehung sozialer Klassen als ‚Entstellung dialogischer Verhältnisse‘“ (s.o.) verstanden habe. Eine solche kommunikationstheoretische Abwendung von der Marxschen Theorie und Verharmlosung kapitalistischer Herrschaft ist aber mitnichten mit der kritischen Theorie Adornos, Horkheimers oder Marcuses vereinbar und es wäre zu klären, ob auf diese Weise eine kritische Theorie der kapitalistischen Gesellschaft, die Zettler nicht beim Namen nennt, gegeben ist. Der Autor übernimmt die These vom Paradigmenwechsel in der Kritischen Theorie, wie sie u.a. auch Habermas vortrug. Das Problem hierbei ist vor allem grundsätzlich, dass sog. Paradigmenwechsel kaum noch begründet werden. Ein Paradigma, eine Weltanschauung oder ein Leitbild, wechsele eben. So wird das „intersubjektive Paradigma“ in dem Buch vorgestellt als eines, das das „Subjekt-Objekt-Paradigma“ abgelöst habe. Dabei bleibt offen, inwiefern das „intersubjektive Paradigma“ tatsächlich zum einen etwas Neues ist und zum anderen den Gegenstand – die Gesellschaft und ihre Subjekte – adäquater erfasst als das sog. „Subjekt-Objekt-Paradigma“. Sowohl Freud als auch die kritische Theorie von Horkheimer, Adorno und Marcuse seien noch nicht zu der intersubjektiven Sichtweise vorgedrungen und daher zu korrigieren.

Die Annahme, für die als Beleg Honneth zitiert wird, Adorno sei in einem Subjekt-Objekt-Paradigma steckengeblieben, missachtet, dass sich Adorno intensiv mit der Kritik des Subjekt-Objekt-Verhältnisses in der klassischen deutschen Philosophie auseinandersetzte – ohne diese philosophischen Systeme abstrakt zu verwerfen (vgl. etwa nur den Aufsatz Adornos „Zu Subjekt und Objekt“). Dabei aber bezog kritische Theorie die Frage des Subjekts immer auf die wesentlichen Bestimmungen der bürgerlichen Gesellschaft. Im Übrigen bezieht sich der Autor auch nicht weiter inhaltlich auf Adorno.

Auch Freud wirft Zettler vor, im ‚Subjekt-Objekt-Paradigma‘ und in der ‚Subjektphilosophie‘ steckenzubleiben. Freud denke „einseitig“, indem er nur „das Bedürfnis eines Subjekts zu einem Objekt“ kenne und die „wechselseitige[] Interaktion und Kommunikation zwischen Subjekten“ nicht zur Grundlage seiner Überlegungen mache. (S. 27) Aus diesem Grund müsse seine Theorie intersubjektiv erweitert werden. Dieses Urteil verwundert zunächst einmal, da Freud (dem Wissen der Rezensentin nach) sich kaum auf die klassische deutsche Philosophie (die der Autor vermutlich mit ‚Subjektphilosophie‘ meint; genauer wird das nicht angegeben) bezieht und die Bildung des Über-Ichs gerade durch die Interaktion von Kind und Eltern erklärt. Freud kritisiert die philosophische Vorstellung eines immer schon daseienden Gewissens: „Die Rolle, die späterhin das Über-Ich übernimmt, wird zuerst von einer äußeren Macht, von der elterlichen Autorität, gespielt.“ (Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Neue Folge, Studienausgabe Band I, Frankfurt a. M. 1969, S. 500) Im Gegensatz zu Zettler geht Freud eben nicht davon aus, dass am Anfang eine intersubjektive Verständigung zwischen gleichen Subjekten stattfindet, sondern zeigt, dass es ein Abhängigkeitsverhältnis („Macht“) gibt, welches die Grundlage der Interaktion ist. Dieses Abhängigkeitsverhältnis gründet schlicht darin, dass ein Kleinkind sich nicht selbst ernähren kann, daher darauf angewiesen ist, dass die Objekte seines Begehrens (Nahrung) ihm gegeben werden. Mit Brecht möchte man Zettler – nicht nur an dieser Stelle, sondern vielmehr auch in Bezug auf seine Anleihen bei der Kritischen Theorie – ironisierend erwidern und zurufen: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ (Brecht: Dreigroschenoper)

Zettler bezieht sich zentral auf Marcuse, um seine These zu stützen, dass in der Spätmoderne ‚das Maßlose‘ gegen ‚das Bemessene‘ siege. Dabei blendet er jedoch aus, dass Marcuse seine Kritik stets an die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie band und diese zur Basis hatte. Marcuse ging es nicht abstrakt darum, ein „maßlos Gemeinsames“ (S. 254) zu propagieren, sondern er analysierte die Auswirkungen der Herrschaft des Kapitalverhältnisses auf die äußere und innere Natur des Menschen, und es ging ihm um die Revolution, die Abschaffung (kapitalistischer) Herrschaft. Marcuse hob die Bedeutung der Bedürfnisse hervor und dachte dabei (zunächst, aber nicht nur) an materielle Bedürfnisse. In deutlichem Gegensatz zu der Annahme Zettlers, schrieb Marcuse in „Versuch über die Befreiung“: „Daher kann die Welt menschlicher Freiheit nicht durch die etablierten Gesellschaften errichtet werden, wie sehr diese auch ihre Herrschaft glätten und rationalisieren. Ihre Klassenstruktur und die perfekten, zu ihrer Erhaltung erforderlichen Kontrollen erzeugen Bedürfnisse, Befriedigungen und Werte, welche die Knechtschaft der menschlichen Existenz reproduzieren.“ (Herbert Marcuse: Versuch über die Befreiung, Schriften Band 8, Springe 2004, S. 246)

Diese wenigen Punkte sollen hier nur zur Diskussion anregen. – Es sind Diskussionspunkte, die auch darauf zurückgehen, dass Zettler seine zentralen Thesen – zum ‚intersubjektiven Paradigma‘, zur Kritik an Freud, zur Kritik an der Kritischen Theorie Adornos und Marcuses – nicht nachvollziehbar begründet. Eine gehaltvolle Bezugnahme auf die – jedenfalls für die sog. ältere Kritische Theorie – Basis, nämlich die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, sucht die Leserin vergeblich. Wenn der Autor gar in einer „Sharing-Economy“ (S. 225), wie sie etwa über E-Bay und über Bewertungsportale für Dienstleistungen und Hotels bereits stattfinde, ein emanzipatorisches Potenzial und darin die Ansätze einer „Wirtschaft des Teilens“ sieht, die „so verstanden, eine Wirtschaftsweise, die auf dem bemessenen Einsamen“ beruht, „geradezu selbstverständlich ablösen“ könnte (ebd.), wird der Mangel eines Begriffs dessen, worüber zu reden wäre, mehr als deutlich. Zu reden wäre über die bürgerliche Gesellschaft, über die Herrschaft des Kapitals, die diese Gesellschaft in ihrem Wesen bestimmt, wie die Kritische Theorie zeigte. Wenn dagegen angenommen wird, dass über E-Bay die Befreiung (welche?) angekündigt werden könnte, dann zeugt dies davon, dass derjenige, der solches annimmt, keinen Begriff von dieser Gesellschaft hat. – Angesichts dessen, dass der Autor den Anspruch hat, Kritische Theorie der Gesellschaft und Kritische Theorie des Subjekts zusammenzuführen (wobei die ‚ältere Kritische Theorie‘ argumentieren würde, dass eine Kritische Theorie des Subjekts Teil einer Kritischen Theorie der Gesellschaft sein müsse), irritiert es, dass die kritische Theorie der kapitalistischen Gesellschaft in dem Buch nicht vorkommt.

Der ‚Ausflug‘, den der Autor in die Faschismustheorie macht, soll abschließend nur noch kurz erwähnt werden. Den Faschismus und den Holocaust aus einem ominösen Kampf zwischen Gemeinsamem/Maßlosem und Bemessenem erklären zu wollen, entbehrt jeglicher Analyse und damit jeglicher Erklärung – und Kritik. Eine „Okkupation und Verzerrung des eigentlich inklusiven, maßlos Gemeinsamen“ (S. 231) sei der Faschismus laut Zettler gewesen. Ein ‚Eigentliches‘ wurde okkupiert und verzerrt?

Fazit

Das Buch regt durch zahlreiche Irritationen an, die sich bei der Lektüre einstellen, wenn man versucht nachzuvollziehen, wie der Autor für den Zweck der Unterfütterung seiner These psychoanalytische Theorien, selbstredend insbesondere Freud sowie Kritische Theorie und dabei prominent Marcuse über eine recht eigenwillige kritische Rezeption aufnimmt. So ist man durch dieses Buch angehalten, noch einmal die zum Teil älteren Werke von Alfred Lorenzer, Klaus Horn und Hans-Joachim Busch zu Rate zu ziehen, die für den Autor wesentliche Referenzen sind. Diese Lektüre der nicht nur zu ihrer Zeit fundiert kritischen und aufklärenden Werke der genannten Autoren, vielleicht komplettiert durch ggf. nochmaliges Nachschlagen in Freuds und Marcuses Werken wie denen anderer Vertreter der Kritischen Theorie, führen die Leserin weg von Irritationen zu einer wissenschaftlich abgesicherten Einschätzung von Zettlers nicht leicht zu dechiffrierender Arbeit.


Rezension von
Sabine Hollewedde
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Zitiervorschlag
Sabine Hollewedde. Rezension vom 06.01.2021 zu: Daniel Zettler: Das Maßlose der Spätmoderne. Eine Kritische Theorie. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5242-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27291.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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