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Reinhard Lütjen: Beziehungsdynamiken besser verstehen

Cover Reinhard Lütjen: Beziehungsdynamiken besser verstehen. Tiefenpsychologisches Wissen für die psychiatrische Arbeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. 192 Seiten. ISBN 978-3-88414-938-6. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.

Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050876. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050951.
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Thema

Im Zentrum des Buches steht das Verstehen von Beziehungsdynamiken. Dieses soll mit Hilfe von tiefenpsychologischen Wissensbeständen erschlossen werden. Es gilt zu erkennen und nachzuvollziehen, was Klient*innen mit (schweren) psychischen Belastungen und/oder psychiatrischen Diagnosen Helfer*innen als Beziehungsmuster antragen und wie man geschickt für die Klient*innen, aber auch für sich selbst damit umgeht. Einigen Beziehungsangeboten muss man widerstehen, auf andere eingehen und immer in einer Form, die wiederum für die Klient*innen verständlich ist. Dieses Unterfangen gelingt dem Autor m.E. so gut, sodass nicht nur Mitarbeiter*innen aus der Erwachsenen-Psychiatrie, sondern auch solche der Kinder- und Jugendpsychiatrie, aber auch der Jugendhilfe insgesamt, aber auch Lehrer*innen und Therapeut*innen von diesem Buch profitieren können.

Autor

Herr Dr. Reinhard Lütjen ist Diplom-Psychologe. Er war mehrere Jahre in unterschiedlichen Kontexten der Erwachsenenpsychiatrie tätig und arbeitet heute als Psychotherapeut in eigener Praxis. Daneben lehrt er an der Fachhochschule in Kiel im Bereich Soziale Arbeit und Gesundheit klinische Psychologie und Sozialpsychiatrie

Aufbau

Das Buch ist in 10 Kapitel gegliedert. Dabei geht es in jedem um ganz praktische Phänomene, die aber zugleich unverständlich und rätselhaft erscheinen. Und deswegen nach einem erklärendem Theorieansatz verlangen. So wie bei Kap.1, das mitten in das Arbeitsfeld hineinführt. Menschen werden geschildet, die sich aufgrund ihrer psychischen Belastungen zu Hause höchst unwohl und bedroht fühlen und die Absicht äußern sich in ein psychiatrisches Krankenhaus begeben zu wollen. Und sich dort angekommen auch einige Zeit deutlich besser fühlen. Dann aber rasch immer unzufriedener werden, mit allen möglichen Personen Streit anfangen und schließlich auf eigenen Wunsch dringend wieder nach Hause zurückkehren wollen. Um spätestens nach einem halben Jahr wieder in die Klinik möchten. Dieses Hin und Her ruft danach verstanden zu werden. Und kann nur mit Rückgriffen auf voraussetzungsvolle und komplexe Theorieansätze verstanden werden. Hier als ein Ambivalenzkonflikt der Betroffenen zwischen Anlehnungs- und Beziehungswünschen einerseits, denen starke Autonomiewünsche andererseits gegenüberstehen, häufig vermischt mit tiefen Ängsten in der Beziehung zu Anderen die eigenen Konturen zu verlieren und damit auch die eigene Identität. Diese Verschränkung von herausforderungsvoller, praktischer Situation und erklärenden Theorieangeboten charakterisiert den Stil des Autors, von dem man annehmen kann, dass er viele der dort präsentierten Fallvignetten selbst erlebt hat.

Inhalt

Das Buch verfolgt und verbindet zwei Linien. Vor allem in den ersten vier Kapiteln werden die Grundlagen für tiefenpsychologisches bzw. psychodynamisches Fallverstehen gelegt. Kap.2 „Vom Triebkonflikt zum Trauma“ schildert „psychodynamische Zugänge im historischen Wandel“. In Kapitel 3 wird der Begriff der Abwehr erklärt und die wichtigsten Abwehrmechanismen vorgestellt. Kapitel 4 führt in die Bindungstheorie ein und erläutert das Konzept der Mentalisierung. Kapitel 6 thematisiert unter dem Titel „gegenseitige Gefühlsresonanz“ das beziehungsdynamische Geschehen zwischen den psychisch Belasteten und denen, die sich um sie kümmern und ihnen helfen wollen. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ich ein Kapitel übersprungen habe. Kapitel 5 nimmt gleichsam den zweiten Faden des Buches auf, der sich der Erforschung von bestimmten Symptomen bzw. Syndromen und Krankheitsbildern widmet. In Kapitel 5 geht es z.B. um Traumatisierungen und Traumafolgestörungen. Kapitel 7trägt den Titel „Zwischen Grandiosität und Minderwertigkeit“. In ihm geht es um narzisstische Persönlichkeitsstörungen in unterschiedlichen Ausprägungen. Neurotische Störungen werden dabei sehr klar von narzisstisch motiviertem Leid am eigenen Selbst abgegrenzt. Kapitel 8 beschreibt die Borderline-Problematik unter dem Titel „Zwischen Begeisterung und Verzweiflung“. In Kapitel 9 geht es um die „psychotische Sphäre“: Zwischen Selbstverlust und Weltverlust.

Alle drei Kapitel, die mit dem sprachlichen Verbindungselement „zwischen“ operieren, beschreiben psychische Belastungen und psychische Erkrankungen als Ausdruck einer anhaltenden Ambivalenz, die zwei gleich vitale Strebungen polarisiert und auf Abstand zueinander hält, sodass sie keine Verbindung miteinander finden, ihre Trennung sie damit aber auch entstellt und verzerrt. Das Konzept der Ambivalenz erlaubt es damit relativ verbreiteten Spannungen im eigenen Selbst, die viele Menschen kennen, und extremen Spannungen, die über Abwehrmechanismen zu veritablen Störungen führen, eine gemeinsame und damit nachvollziehbare Basis zu geben. In diesem Zusammenhang wäre eine Systematik wie „Grundproblem – Grundprobleme überdeckende Abwehrmechanismen – Verhaltens-Probleme, die aus Abwehrmechanismen resultieren“ zum besseren Nachvollziehen der komplexen Problemballungen und -häufungen hilfreich gewesen. Kapitel 10 knüpft daran an, indem es Haltungen beschreibt, die jeder Person anstehen.

Diskussion

Dem Autor gelingt es sehr gut interessante Fallgeschichten mit komplexen Ansätzen zum Fallverstehen zu verbinden. Dazu werden nicht nur tiefenpsychologische, sondern alle avancierten Individual-psychologischen Ansätze der letzten 50 Jahre herangezogen und verständlich erklärt (Traumatisierung, Bindungsmodi, Mentalisierung, Strukturkonflikte versus Triebkonflikten, Narzissmus etc.). Dadurch bekommt das Buch eine hohe Relevanz, weit über den psychiatrischen Bereich hinaus. Es stellt für alle Professionelle, die im Bereich Klinische Sozialarbeit arbeiten, auch in der Jugendhilfe (!) eine reichhaltige Wissens- und Anregungsquelle zu Verfügung. Individualpsychologische Dynamiken werden dabei imme mit Hinweisen auf die in ihnen angelegten Beziehungsdynamiken verbunden, in die sich Helfer*innen (Ärzt*innen, pfleger*innen, Familienangehörige etc.) immer wieder verstricken (lassen bzw. können). Die unterschiedlichen Beziehungsgeflechte, die sich daraus entwickeln und die sie begleitenden Atmosphären werden jeweils „dicht“ beschrieben. Das gilt für narzisstische Thematiken im Selbst- und Welterleben ebenso wie für paranoide oder psychotische. Aufgrund seiner Systematik eignet sich das Buch deswegen auch hervorragend als Lehrbuch für alle Studierenden der Sozialen Arbeit.

Dabei unterscheidet Lütjen zwischen Übertragungs- Gegenübertragungs-Dynamiken und der Projektiven Identifizierung (Kap.). Immer aber bleibt es der Patient, der diese Dynamiken in sich trägt und damit auch in seiner Umwelt auslöst. Was bei Lütjen kaum in den Blick gerät sind Helfer*innen, die aufgrund ihrer eigenen unerledigten Konfliktanteile und ihrer psychischen Belastungen, Menschen mit psychischen Belastungen missverstehen oder in ihre eigenen, in die Arbeit mitgebrachten Dynamiken verstricken. Damit sollten wir spätestens seit den „Hilflosen Helfern“ immer rechnen (Schmidbauer 1977!). Ebenso wenig werden die Dynamiken der Institutionen ausgeleuchtet, die dazu beitragen, dass die Grenzen zwischen angemessenem und pathologisch-motivierten Protest gegen institutionelle Willkür oder Unklarheiten in den Kliniken nicht erkannt und die protestierenden Patient*innen häufig falsch behandelt werden. Ähnliches gilt für die Thematisierung der „institutionalisierten Abwehrmechanismen“ wie sie Mentzos bereits 1987 dargestellt hat. Auch diese entwickeln sich autonom d.h. ohne Zutun der Patient*innen, betreffen diese aber in hohem Maße. Insofern wird die Dyade Patient*in – Helfer*in nur zur Hälfte ausgeleuchtet und bleiben gerade die „blinden Flecken“ der Institution, die erheblich zu falschen Behandlungen oder Drehtüreffekten beitragen, unterthematisiert. Aber ein Buch kann nicht alles leisten. Und was Herr Lütjen an Grundwissen schlüssig erklärt und an Verstehensmöglichkeiten eröffnet ist viel genug.

Fazit

Das Buch stellt Ansätze zum Verstehen von unterschiedlichen Typen von Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägten psychischen Belastungen und Erkrankungen zu Verfügung. Dabei geht es sowohl um das Verstehen ihres ganz konkreten Verhaltens bzw. ihrer Kommunikations- und Beziehungsmuster auf der Grundlage des Verstehens ihrer Psychodynamik. Die schlüssige Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen, die dem Autor durchgehend gelingt, macht die Lektüre nicht nur für Studierende der Sozialen Arbeit wertvoll, sondern für alle Professionellen, die mit auffälligem und (ver)störendem Verhalten zu tun haben. Weil die verhängnisvollen Psychodynamiken sich meist schon in der Kindheit konstellieren, werden auch Leher*innen und Mitarbeiter*innen der Jugendhilfe von dem Buch profitieren und sich besser vorstellen können, was aus den von ihnen betreuten jungen Menschen wird, wenn sie niemanden finden, der hinter die Kulissen zu schauen versteht. Nicht um sie zu durchschauen, sondern damit sie sich gesehen fühlen können.

Rezensent: Dr. Mathias Schwabe ist professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin. Jüngste Veröffentlichungen „Die Jugendlichen und ihr Verhältnis zu Ordnungen, Regeln und Grenzen“ (Kohlhammer 2021) und „Praxisbuch: Fallverstehen und Settingkonstruktion“ (Beltz-Juventa 2021).

Literatur

Mentzos, S. (1988) Interpersonale und institutionalisierte Abwehr. Frankfurt a. Main

Schmidtbauer, (1977) Die hilflosen Helfer. Reinbek bei Hamburg


Rezension von
Prof. Dr. phil. Mathias Schwabe
Diplompädoge, Professor für Methoden an der Evangelischen Hochschule Berlin, Systemischer Berater (IGST und SIT), Supervisor, Denkzeittrainer.
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Zitiervorschlag
Mathias Schwabe. Rezension vom 10.08.2021 zu: Reinhard Lütjen: Beziehungsdynamiken besser verstehen. Tiefenpsychologisches Wissen für die psychiatrische Arbeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-88414-938-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27307.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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