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Steffen Bartholomes, Georg Schomerus: Ambulante Gruppentherapie für Männer mit Depression

Rezensiert von Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann, 08.09.2022

Cover Steffen Bartholomes, Georg Schomerus: Ambulante Gruppentherapie für Männer mit Depression ISBN 978-3-88414-695-8

Steffen Bartholomes, Georg Schomerus: Ambulante Gruppentherapie für Männer mit Depression. Rahmenkonzept, Module, Materialien. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. 133 Seiten. ISBN 978-3-88414-695-8. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 37. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050661
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Thema

Alter Wein in neuen Schläuchen? Ein Einhorn? Bei der Betrachtung des Buchtitels mögen beide Gedanken nachvollziehbar und erlaubt sein. Zum einen steht die ambulante Gruppentherapie trotz vieler Anreize und Vorteile immer noch im Schatten der ambulanten Einzelbehandlung. Zum anderen finden sich Männer mit Depression im Vergleich zu Frauen mit gleicher Diagnose weniger im Hilfesystem wieder, auch wenn die Tendenz steigend ist. Burnout macht es möglich. Die Kombination aus beidem wirkt dann aber deutlich seltener, einem Einhorn gleich (auch wenn der Vergleich natürlich überspitzt ist). Trotz der Besonderheiten bleibt die Frage, welche Spezifikationen ein solches Setting benötigt und sich damit von anderen Ansätzen abhebt, um ein entsprechendes Behandlungsmanual zu veröffentlichen.

Die Autoren Steffen Bartholomes und Georg Schomerus, beide psychotherapeutisch tätig, haben sich aus ihrer Erfahrung heraus der (zumindest im psychotherapeutischen Sinne) Randgruppe „Männer“ angenommen, legen aber in der Einleitung Wert darauf, dass sich Inhalte ihres Manuals auch auf andere Gruppen wie sozial Benachteiligte oder MigrantInnen übertragen ließen. Auch ist den Autoren wichtig, angrenzende Themenbereiche und Komorbiditäten, wie bspw. Sucht oder psychosoziale Belastungen mit einzubeziehen. Als wesentliche Grundlage beziehen sich beide auf die Forschungsergebnisse zu psychotherapeutischen Wirkfaktoren des Psychotherapieforschers Klaus Grawe, des Selbstmanagement-Ansatzes von Frederick Kanfer und der allgemein- bzw. sozialpsychologischen Zielsetzungstheorie von Gary Latham und Edwin Locke. Besonders sind dabei die Überlegungen beider Autoren, gemeinsam mit ihren männlichen Patienten Projektideen zu generieren, deren Umsetzung gleichsam wichtig für die Erfüllung wesentlicher Grundbedürfnisse angesehen wird. Die Gruppe soll dabei unterstützend wirken. Zur praktischen Umsetzung haben Bartholomes und Schomerus Module zur Entwicklung jener Projektideen und deren Umsetzung erarbeitet, welche Sie in ihrem Buch darstellen.

Autoren

Dr. phil. Dipl.-Psych. Steffen Bartholomes ist Psychologischer Psychotherapeut mit Vertiefungsgebiet Verhaltenstherapie und arbeitet ambulant für die Uhlenhaus Klinik GmbH in Stralsund.

Prof. Dr. med. Georg Schomerus ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. In seiner Arbeit setzt er sich vor allem mit den Auswirkungen von Stigmatisierungsprozessen auf Menschen mit psychischen Erkrankungen auseinander.

Entstehungshintergrund

Das Buch fußt auf statistisch gesicherten Erkenntnissen, dass Männer als Patienten im Bereich ambulanter Psychotherapie unterrepräsentiert sind. Dies wird u.a. damit begründet, dass Männer anders auf Belastungen reagieren als Frauen und bspw. mehr auf nach außen gerichtete (also externalisierende) Bewältigungsstile wie chronischem Ärger oder Substanzmissbrauch zurückgreifen. Weitere Befunde deuten darauf hin, dass jene Bewältigungsstrategien diagnostisch und therapeutisch präziser erfasst und für die spezifische Behandlung nutzbar gemacht werden sollten. Mit denselben klinischen Eindrücken haben die Autoren sich der Frage gestellt, welche inhaltliche Ausrichtung und welche Prozesse ein entsprechendes Gruppenangebot haben muss, um den Bedürfnissen männlicher Patienten zu entsprechen und diese „abzuholen“. Im Herbst 2015 wurde eine Veranstaltung zum Thema „Männliche Depression“ organisiert nach der sich eine weitere fachliche Debatte zwischen verschiedenen Fachkräften entwickelte. Die darin stattgefundene fruchtbare Auseinandersetzung zeigte den hohen Bedarf auf und ebnete letztlich den Weg zur Konzeptualisierung der vorliegenden Buchveröffentlichung.

Aufbau

Das Buch verfügt über vier Kapitel und einen ausführlichen Anhang. Im ersten Kapitel setzen sich die Autoren mit dem Themenfeld Männer, psychische Erkrankungen und Psychotherapie auseinander. Im zweiten Kapitel wird das Thema Stigmatisierung angerissen. Kapitel drei und vier stellen den Hauptteil dar und beinhalten die Vorbereitung und Durchführung der Gruppenbehandlung. Neben dem Literaturverzeichnis bietet der Anhang einen Vorschlag zur Struktur der Gruppensitzungen und das Logbuch mit den Informations- und Arbeitsblättern, welche sich selbstverständlich auch auf der Verlagsseite herunterladen lassen.

Inhalt

Das Buch ist wie erwähnt in vier inhaltliche Kapitel unterteilt, die jedoch nicht nummeriert sind. Die Rezension orientiert sich daher an der immanenten Struktur.

Im ersten Abschnitt, Traurige Ritter skizzieren die Autoren die Grundlage für ihr Gruppenkonzept in dem sie zu Beginn Bezug auf die Datengrundlage zur Versorgungssituation psychisch kranker Männer nehmen. Dabei stehen weniger konkrete Zahlen im Vordergrund wie die Darstellung möglicher Gründe, warum Männer im Gegensatz zu Frauen weniger in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung zu finden sind. Neben selbstkonzeptuellen Aspekten und Wirksamkeitserwartungen sind dies vor allem externalisierende Bewältigungs- und Regulationsstile. Im zweiten Teil des Kapitels stellen die Autoren ihre weiteren Überlegungen zur Konzeptualisierung einer Gruppenbehandlung dar und simulieren dafür eine Gesprächssituation zwischen Bartholomes, Schomerus und drei ehemaligen Gruppenteilnehmern. Vorrangig werden dem Leser/der Leserin die Grundzüge des Programms und die inhaltlichen Grundlagen sowie persönliche Erfahrungen über den Zugang und Nutzen der Gruppenbehandlung vermittelt. Damit folgt das Buch nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch den Arbeiten von Klaus Grawe.

Im zweiten Kapitel werden Fragen der Stigmatisierung aufgeworfen. Vor dem Hintergrund einer Stigma-Perspektive werden Gründe aufgeführt, warum Männer psychische Erkrankungen anders bewerten, diese zum Teil auch abgelehnen und in Folge weniger Hilfsangebote beanspruchen. Vor allem die Erwartung an die Wirksamkeit einer Psychotherapie und das Wissen über Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen scheinen von Bedeutung. Entsprechend zeigen die Autoren Hinweise auf, um entgegenzuwirken, ohne spezielle geschlechtertypische Rollenbilder und Behandlungspräferenzen als vermittelnde Faktoren zu vernachlässigen.

Das Kapitel zur Vorbereitung der Gruppensitzungen, versehen mit dem Untertitel „In der Arena macht nur der Gladiator im letzten Moment seinen Plan“ greift die im ersten Kapitel bereits genutzte didaktische Besonderheit der Dialogform wieder auf. So wohnt der Leser/die Leserin einem Gespräch zwischen Bartholomes und Schomerus bei, in dem z.B. Fragen der Gruppenzusammensetzung, der Gruppengröße und der Anzahl der Sitzungen diskutiert werden. Spezieller geht um Einschlusskriterien und Kontraindikationen, die Notwendigkeit von Vorgesprächen und die Verbindung von Inhalten der einzelnen Sitzungen und der nötigen Zeit zur Umsetzung von Projekten und Hausaufgaben. Auch die Haltung und Kompetenzen des/der GruppentherapeutInnen werden berücksichtigt. Konkret lässt sich die Dialogform so verstehen, dass einer der beiden Autoren eine Frage aufwirft, die vom anderen beantwortet wird. Auch ergänzen sich beide in Ihren Ausführungen, sodass der Textfluss immer wieder durch Einwürfe (ohne Wertung) unterbrochen wird. In der abschließenden Diskussion werden die Eindrücke der ehemaligen Teilnehmer gehört, denen bspw. die Mischung aus fester Struktur und Flexibilität bei aktuellen Problemen gefallen hat.

Im darauffolgenden Kapitel geht es um die Durchführung. Hier werden die Module für die Praxis in exemplarischer Reigenfolge dargestellt. Im speziellen handelt es sich um ein Startmodul, zwei Hauptmodule und ein abschließendes Modul. Im Startmodul geht es vor allem um die inhaltliche Vorbereitung der Teilnehmer, während es darauf aufbauend in den Hauptmodulen um die Erarbeitung und Umsetzung von persönlichen Projekten und einen verbesserten Bedürfniszugang gehen soll. Neben konkreten projektbezogenen Strategien (z.B. der Erstellung einer Projektmaschine) rekurrieren die Autoren auf anerkannte Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie, wie dem ABC-Modell nach Albert Ellis. Weniger an einzelnen Sitzungen sondern vielmehr an konkreten Zielen orientiert, geben Bartholomes und Schomerus immer wieder Input zu konkreten Übungen, differenzieren zwischen demotivierendem und förderndem Therapeutenverhalten und flechten Praxisbeispiele ein. Dies setzt sich auch im zweiten Teil des Kapitels fort, wenn es thematisch um die Förderung funktionaler Emotionsregulationsstrategien zur Wahrnehmung und Umsetzung von persönlich relevanten Grundbedürfnissen geht. Auch hier stellen die vielen möglichen Gruppenübungen den Löwenanteil des Moduls dar.

Schließlich bezieht sich das letzte Kapitel auf das Abschlussmodul und die Frage, in welchem Maß die festgelegten Ziele und Projekte erreicht worden sind und wie die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf den Alltag übertragbar sind. Auch der Abschied voneinander wird thematisiert und wie einzelne Gruppenmitglieder über den therapeutischen Kontext hinaus in Verbindung bleiben können, z.B. unter Nutzung von Katamnesesitzungen.

Wie bereits erwähnt, finden sich im Anhang konkrete Arbeitsmaterialien in Form eines Logbuchs wieder, ebenso Messinstrumente zur abschließenden Qualitätssicherung.

Diskussion

Ist das Buch, respektive das darin bearbeitete Thema nun ein Einhorn? Werden alte Methoden in neue Gewänder gehüllt und als etwas Eigenes dargestellt? Zu Vorderst sei gesagt, dass das Buch eine Lücke in der Versorgungsliteratur schließt und damit zumindest näherungsweise einem Einhorn gleichkommt. Mittlerweile gibt es einen wachsenden Kanon an genderspezifischer Literatur, so auch zum Thema „Männerdepression“. Dabei befassen sich die AutorInnen zumeist mit Entstehungsbedingungen, Unterschieden in Art und Ausprägung und gesellschaftspolitischen Aspekten. Das Buch von Bartholomes und Schomerus hebt sich davon in wohltuender Weise ab, indem es sehr präzise den Fokus auf die gruppenpsychotherapeutische Behandlung legt. Theoretische Grundlagen werden in kurzer, prägnanter Art geliefert, ohne dabei vom Wesenskern abzuschweifen. Damit ist das Buch nur bedingt für Anfänger geeignet, die wenig bis kaum theoretischen Hintergrund über Depression und Gruppentherapie haben. Positiv ist dies für den erfahrenen Praktiker, der kaum Bedarf an Wiederholung sondern an praktischem Input hat. Die Praxismodule selbst folgen keiner starren Struktur – wie von Manualen oft zu erwarten – sondern bieten genügend Raum zur persönlichen Umsetzung und flexiblen Einbettung in einen Gesamtbehandlungsplan.

Große Pluspunkte sammeln die Autoren durch den starken Erlebnisbezug, in dem sie viele Übungsmöglichkeiten geben. Dies mag auch in der Umsetzung von Vorteil sein, da „weniger geredet und mehr getan“ wird. Damit lässt sich auch die zweite Frage beantworten. Es handelt sich keineswegs um eine reine Umdeutung anerkannter Interventionen und Behandlungstechniken, sondern um die fast schon vorausgesetzte Kenntnis jener Techniken, um diese mit neuen Impulsen zu verbinden und ein gleichermaßen Störungs- und Zielgruppenspezifisches sowie transdiagnostisches Behandlungskonzept zu entwickeln. Die Frage der Übertragbarkeit ist damit eine theoretische, da es höchstens darum gehen kann, die Projektidee auf andere Zielgruppen zu übertragen. Unter dem Gesichtspunkt der Anwendbarkeit bietet das Buch somit viele Möglichkeiten, eine Gruppe nach eigenem Befinden zu erschaffen, zu modifizieren und ihr Leben einzuhauchen. Eigene Erfahrungen mit Gruppenprozessen sind jedoch von großem Vorteil.

Nachteilig – und das ist dem persönlichen Geschmack geschuldet – ist oft die didaktische Form des Dialogs. Natürlich scheint ein Gespräch zwischen verschiedenen Beteiligten lebendiger und abwechslungsreicher, ein Flusstext mit Fokus auf die wesentlichen Kernelemente hätte dem jedoch bei der Fülle an Praxisbezug nicht geschadet. Zusammenfassend lässt sich damit sagen, dass das Buch als Schatzkiste für kreative Übungen einen hohen Nutzen hat und ausreichend Anregungen bietet, sich mit einer Thematik auseinanderzusetzen, welche einen hohen Bedarf hat.

Fazit

Mit dem vorliegenden Buch ist es Bartholomes und Schomerus gelungen, ein kurzweiliges aber praxisnahes Buch zu veröffentlichen, in dem zwei unterrepräsentierte Gebiete mit einander kenntnisreich verbunden werden. Durch die erfrischende Herangehensweise und die offene Struktur werden Leser/​Leserin viele Impulse und Anregungen für die psychotherapeutische Arbeit gegeben.

Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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Es gibt 51 Rezensionen von Tobias Eisenmann.

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Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 08.09.2022 zu: Steffen Bartholomes, Georg Schomerus: Ambulante Gruppentherapie für Männer mit Depression. Rahmenkonzept, Module, Materialien. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-88414-695-8. Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 37. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050661. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27308.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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