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Erik Vinzenz Lutz: Gewaltfreie Kommunikation als interkulturelle Bildungspraxis

Rezensiert von Prof. Dr. Josef Freise, 29.06.2021

Cover Erik Vinzenz Lutz: Gewaltfreie Kommunikation als interkulturelle Bildungspraxis ISBN 978-3-8325-5113-1

Erik Vinzenz Lutz: Gewaltfreie Kommunikation als interkulturelle Bildungspraxis. Konzeptionelle Integration im Kontext des bayerischen Schulunterrichts. Logos Verlag (Berlin) 2020. 120 Seiten. ISBN 978-3-8325-5113-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Autor

Der Autor Erik Vinzenz Lutz  studierte zunächst Lehramt, später Interkulturelle Germanistik sowie Sprache, Interaktion und Kultur an der Universität Bayreuth. Das Thema der Gewaltfreien Kommunikation bildete seinen Forschungsschwerpunkt sowohl im Bachelor- als auch im Masterstudium. Bei Facebook finden sich Erläuterungen zu seinem Lektorat und Korrektorat in Bayern.

Aufbau

In einer 100 Seiten umfassenden explorativen Studie geht der Autor der Frage nach, inwieweit interkulturelle Bildung in bayerischen Schulen mittels der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg vermittelt werden kann. Er stellt zuerst die Gewaltfreie Kommunikation in einen wissenschaftlichen Kontext und erläutert die theoretische Grundlegung interkultureller Bildung. Die Integration der Gewaltfreien Kommunikation in den Kontext Interkultureller Bildung nimmt er dann zuerst theoretisch vor und analysiert anschließend Unterrichtsmaterialien zur Interkulturellen Bildung.

Inhalte

Der Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation bei Marshall Rosenberg geht, wie Lutz erläutert, von Postulaten aus, die wissenschaftlich nicht begründet werden und als transrationale Aussagen auch nicht begründbar sind. Rosenberg sieht Menschen als soziale Wesen, die alle dieselben Bedürfnisse haben. Diesen Bedürfnissen gerecht zu werden gelingt am besten, wenn wir als Menschen zuerst einmal vorurteilsfrei und nicht wertend unsere jeweilige Realität wahrnehmen, wenn wir die eigenen Gefühle und die Gefühle des Gegenübers erspüren, um von dort aus auf die Bedürfnisse zurückschließen zu können. Menschliche Kommunikation wird erleichtert, wenn wir Bitten statt Forderungen formulieren und dem Gegenüber die Freiheit zur Reaktion lassen. Lutz verweist darauf, dass die Gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg in Deutschland im Wesentlichen über eine Art Ratgeberliteratur verbreitet wurde. Rosenbergs Hauptwerk „Gewaltfreie Kommunikation“ genüge zwar wissenschaftlichen Ansprüchen nicht, aber, so Lutz, das Menschenbild der Gewaltfreien Kommunikation korrespondiere mit dem Menschenbild in der Humanistischen Psychologie und mit diesem Bezug könne von einer hinreichenden wissenschaftlichen Fundierung ausgegangen werden (S. 16).

Beim Versuch einer theoretischen Grundlegung der Interkulturellen Bildung verweist Lutz auf das in der Kultusministerkonferenz benannte Ziel der Wichtigkeit von gleichberechtigter Teilhabe aller am Schulsystem (S. 28). Leider werde der wissenschaftliche Diskurs bei dem zunehmend in der Kritik stehenden Begriff der Interkulturalität in den Schulbehörden nicht hinreichend nachvollzogen und es sei häufig eine homogenisierende und stark vereinfachende Sichtweise erkennbar (S. 34). Die Bedeutung der Gewaltfreien Kommunikation im Kontext der Interkulturellen Kommunikation ist bisher kaum erforscht. Gewaltfreie Kommunikation versteht sich als ein universalistischer und transkultureller Ansatz, da Menschen über die unterschiedlichen Kulturen hinweg die gleichen Grundbedürfnisse hätten. Bei Jürgen Boltens interkulturellem Ansatz findet Lutz Bezüge zur Gewaltfreien Kommunikation. Wenn Bolten sich gegen statische Verallgemeinerungen von Kultur wendet und Kontextualisierung einfordert, ist dies in Verbindung mit Marshall Rosenbergs prozessorientiertem Verständnis von Kommunikation zu sehen. Menschliche Kommunikation nicht zu bewerten oder gar abzuwerten verbindet Rosenberg und Bolten ebenfalls. Auch bei Auernheimer und Baros sieht Lutz Anknüpfungspunkte der Interkulturellen Bildung mit Blick auf die Gewaltfreie Kommunikation. Das Ziel des friedvollen Miteinanders und die Bereitschaft zu Metakommunikation finden sich sowohl bei der Interkulturellen Bildung, als auch bei der Gewaltfreien Kommunikation. Gewaltfreie Kommunikation vermittelt eine empathische offene Haltung. Einen Unterschied zwischen Gewaltfreier Kommunikation und Interkultureller Bildung gibt es dort, wo die Reflexion der sozialen und politischen Kontextbedingungen in der Interkulturellen Bildung gefordert wird, während Marshall Rosenberg thematische Diskussionen oftmals für hinderlich hält, weil sie den Empathieprozess verhindern könnten (S. 68). Nach der grundsätzlichen Erkenntnis, dass gewaltfreie Kommunikation und interkulturelle Bildung vieles gemeinsam haben, analysiert Lutz abschließend Schulmaterialien der Interkulturellen Bildung dahin gehend, wie diese durch Elemente der Gewaltfreien Kommunikation ergänzt werden könnten. In einer Unterrichtseinheit hält eine Lehrperson unangekündigt den Unterricht in einer unbekannten Sprache. Ziel ist es, sich in Mitschüler*innen hinein zu versetzen, die ohne deutsche Sprachkenntnisse als Geflüchtete in den deutschsprachigen Unterricht kommen. Lutz erläutert, wie mit Fragestellungen aus der Gewaltfreien Kommunikation zu den Gefühlen und Bedürfnissen der nicht deutschsprachigen Mitschüler*innen Empathie geschaffen werden kann.

Diskussion

Theoretisch weist Lutz die Kompatibilität von Interkultureller Bildung und Gewaltfreier Kommunikation nach. Anhand einer eigenen Vergleichsanalyse wird auch praktisch deutlich, dass Lernmaterialien der Interkulturellen Bildung sehr gut mit der Gewaltfreien Kommunikation vermittelt werden können. Lutz argumentiert gründlich und wissenschaftlich fundiert – manchmal führt dies dazu, dass er nicht sehr schnell „auf den Punkt“ kommt. Aber seine Gedankengänge nachzuvollziehen lohnt sich, denn sie bringen eine Vielzahl neuer Erkenntnisse zur Integration von Interkultureller Bildung und Gewaltfreier Kommunikation für einen innovativen Schulunterricht zutage.

Fazit

Lutz geht in seiner explorativen Studie der Forschungsfrage nach, inwieweit das Bildungsziel der Interkulturellen Bildung und das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg mit Blick auf dem bayerischen Schulunterricht integriert werden können (S. 96). Lutz verweist zugleich auf die problematischen Rahmenbedingungen schulischen Lernens. Die in der Schule erwünschte Lerneffizienz setzt immer noch auf Homogenität der Lerngruppe. Die Anerkennung von Differenz und Heterogenität scheint diese Lerneffizienz zu stören. Gewaltfreie Kommunikation wehrt sich gegen die Bewertung von Menschen. Bewertung stellt natürlich mit der Notengebung in Schulen ein zentrales Element dar. Gefordert ist die Förderung eine Haltung von Lehrpersonen, die Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren konkreten Leistungen und Noten wertschätzt. Im Kontext der wachsenden Heterogenität von Schülerinnen und Schülern ist die von Lutz kenntnisreich dargestellte mögliche Integration von Interkultureller Bildung und Gewaltfreier Kommunikation mehr als wünschenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Josef Freise
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Es gibt 13 Rezensionen von Josef Freise.

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Zitiervorschlag
Josef Freise. Rezension vom 29.06.2021 zu: Erik Vinzenz Lutz: Gewaltfreie Kommunikation als interkulturelle Bildungspraxis. Konzeptionelle Integration im Kontext des bayerischen Schulunterrichts. Logos Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-8325-5113-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27312.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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