socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Uwe Bernd Schirmer: Psychopharmakotherapie und Empowerment

Cover Uwe Bernd Schirmer: Psychopharmakotherapie und Empowerment. Ein Trainingsprogramm zum selbstständigen Medikamentenmanagement. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. 133 Seiten. ISBN 978-3-88414-937-9. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Better care - 10.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In den meisten Fällen einer psychischen Erkrankung sind die Medikamente für den Psychiater das vorrangige Mittel der Behandlung.

Die Medikamente, die er verschreibt, können zwar die Erkrankung in der Regel nicht direkt heilen, aber die Symptome des Patienten erträglich machen und lindern. In schweren Fällen ermöglichen sie dem Arzt zuallererst einen Zugang zum Patienten und das für seine Verbesserung und Stabilisierung notwendige therapeutische Miteinander. Darüber hinaus sind diese Patienten zumeist auf eine dauerhafte, oft jahrelange Einnahme von Medikamenten angewiesen. Handelt es sich zum Beispiel um eine bi-polare Störung, so kann ein Aussetzen der Medikamenten-Einnahme oder eine Änderung der vorgeschriebenen Dosierung zu unvorhergesehenen und bedrohlichen Folgen führen. Aus diesem Grunde ist ein Training des Patienten mit dem Ziel, die Medikamente regelmäßig bzw. vorschriftsmäßig einzunehmen, eine überaus wichtige Aufgabe in der ambulanten und stationären Pflege.

Es gibt aber noch eine andere Richtung des Trainingsprogramms: die Reduktion der verschriebenen Tabletten oder ihre Absetzung. Gerade hier ist es besonders wichtig, den richtigen Weg zu finden und nicht im Selbstversuch zu handeln. Die Folgen solcher Versuche könnten dramatisch sein. Man darf bei dem Massenkonsum von Psychopharmaka- auch angesichts der ärztlichen Verordnungen, die trotz jahrelanger Beibehaltung selten auf den Prüfstand kommen- davon ausgehen, dass der wirkliche Bedarf nach Reduktion und Absetzung bei den Konsumenten sehr groß sein dürfte.

Die Absicht des Trainingsprogramms geht dahin, die Selbsthilfekräfte der Patienten zu stärken und sie in den Stand zu setzen, den Tabletten-Konsum selbstständig zu regulieren. Dabei wird der Entscheidungsfreiheit der Patienten der Vorzug gegeben vor der medikamentösen Behandlung. Darüber hinaus werden auch die in der Psychiatrie bis heute vernachlässigten Angehörigen ins Blickfeld genommen. Das Ideal wäre: Patienten, Angehörige und Behandelnde arbeiten zusammen, bilden ein Team.

Autor

Der Krankenpfleger und Diplom-Pflegepädagoge Dr.Uwe Bernd Schirmer arbeitet seit 40 Jahren in der Pflege und ist Leiter der Akademie Südwest des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg. Er ist der Autor dieser Publikation, die auf Beiträge von Christiane Vogel, Klaus Gauger und Jann E. Schlimme zurückgreift.

Entstehungshintergrund

In das Medikamententrainingsprogramm sind Anregungen von Psychiatrie-Erfahrenen eingeflossen, es wurde sorgfältig evaluiert und war insofern erfolgreich, als die Teilnehmer das erlernte Vorgehen auch tatsächlich zu Hause anwendeten.

Aufbau und Inhalt

Zunächst wird die Frage thematisiert, ob man überhaupt Psychopharmaka einnehmen soll. Zwei Krankengeschichten von Betroffenen, die mit Neuroleptika behandelt wurden, demonstrieren, wie verschieden eine Antwort ausfallen kann.

Es folgt ein aus der Behandlungsperspektive gegebener Überblick über die Psychopharmaka, ihre Typen und Wirkungen, ihre kurz – und langfristigen Wirkungen, die Wege der individuellen Nutzung sowie Fragen der Begleitung des Patienten. Ausdrücklich wird auf die Frage der Gewöhnungseffekte von Psychopharmaka eingegangen und betont, dass deren Verzicht auf Dauer durchaus günstiger sein kann, aber auch nicht immer möglich ist- eine schwierige Abwägung.

Nachdem die Unterscheidung von Compliance und Adhärenz durchgeführt wurde, werden folgende Themen erörtert: Therapietreue, ethische Aspekte zur Medikation mit Psychopharmaka, die Frage der Entscheidung zwischen Behandlung ohne Medikamente bzw. mit Medikamenten. Nur wenn auch ein medikamentenfreies Therapieangebot tatsächlich vorliegt, kann überhaupt von einer Wahl und einer Entscheidung gesprochen werden.

Die Förderung des selbstständigen Medikamentenmanagements darf nicht als manipulativer Versuch verstanden werden, die Patienten zum widerspruchslosen Medikamentenkonsum zu verführen. Es geht um den Auf- und Ausbau ihrer Information, Beratung und Anleitung unter Beachtung ihrer Lebenswirklichkeit und ihrer Bedürfnisse.

Ein eigener Abschnitt beschäftigt sich mit den Grundlagen des Medikamententrainings, das als therapeutische Kurzintervention bei chronisch psychisch kranken Menschen durch Pflegefachpersonen bezeichnet wird. Die Förderung der Selbstbefähigung, Patientenorientierung, Selbstbestimmung, Selbstreflexion der Pflegemitarbeiter, Empowerment-Ziele, Kommunikation und Beziehungsgestaltung, Flexibel bleiben und die Indikation für das Programm lauten hier die Themen.

Das Medikamentenprogramm selbst wird zum Schluss in seinen wesentlichen Prozessen und Stufen vorgestellt. Es werden Durchführungshinweise gegeben, die bis zur Evaluation reichen.

Beim Studium des vom Autor zusammengestellten Downloadmaterials zum Medikamentenmanagement habe ich einen Beitrag von Patricia Deegan gefunden mit dem Titel: Selbstbestimmt mit Medikamenten umgehen. Was dort geschrieben steht, ist für das Thema Psychopharmakotherapie und Empowerment durchaus anregend.

Diskussion

In der Psychiatrie hat es kaum je einen Mangel an Konzepten und Programmen gegeben, wohl aber an der Bereitschaft ihrer Umsetzung. Wenn man erlebt, wie selten die Angehörigen überhaupt in die psychiatrische Behandlung einbezogen werden und wie selten Information, Beratung und Aufklärung so gegeben werden, dass sie ihrem Namen auch gerecht werden, dann zweifelt man sehr daran, dass dieses Medikamententraining mit seinen auf Selbstständigkeit der psychisch Kranken zielenden und die Angehörigen einbeziehenden Schwerpunkten umgesetzt wird. Wer hat überhaupt ein essentielles Interesse daran, die Patienten vom Konsum ihrer Medikamente abzubringen? Die Pharmaindustrie mit ihren ungeheuerlichen Einflussmöglichkeiten wohl kaum! – Die Psychiatrie arbeitet wie Sisyphos: Sie beginnt immer wieder neu und erreicht nie ihr Ziel- ein Bild des ewigen Wollens und nicht Vollbringens.

Fazit

Das Thema der Selbstbestimmung der psychisch kranken Menschen und ihres Medikamentengebrauchs bedarf einer grundlegenden Bearbeitung. Auf diesem Feld wird mehr vorgetäuscht als verwirklicht. Einen praktikablen Ansatz zur Verbesserung der Situation in den stationären und ambulanten Einrichtungen und Diensten stellt sicherlich das hier vorgestellte auf Selbstständigkeit der Erkrankten und Einbeziehung ihrer Angehörigenarbeit zielende Medikamentenmanagement dar. Wer es mit der Selbstbestimmung für psychisch Kranke ernst meint und in der Pflege oder in der psychiatrischen Versorgung arbeitet oder arbeiten will, ist gut beraten, wenn er zu diesem Buch greift.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
E-Mail Mailformular


Alle 87 Rezensionen von Alexander Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 21.05.2021 zu: Uwe Bernd Schirmer: Psychopharmakotherapie und Empowerment. Ein Trainingsprogramm zum selbstständigen Medikamentenmanagement. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-88414-937-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27315.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht