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Arne Hofmann: Depressionen behandeln mit EMDR

Cover Arne Hofmann: Depressionen behandeln mit EMDR. Techniken und Methoden für die psychotherapeutische Praxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. 224 Seiten. ISBN 978-3-608-98227-5. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
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Thema

Eine der häufigsten psychischen Störungen sind Depressionen. Sie gelten als schwer behandelbar. Nun gibt es wissenschaftliche Studien, die eine hohe Wirksamkeit von EMDR bei diesem Störungsbild belegen. Die Therapie mit EMDR arbeitet damit, belastende Erinnerungen, die Auslöser der depressiven Episoden und negativen Überzeugungen sind, direkt mit EMDR-Techniken zu bearbeiten. Das hier vorgelegte Handbuch erklärt zum einen das diagnostische und therapeutische Vorgehen und wirft zum anderen einen Blick auf häufig gleichzeitig mit depressiven Episoden auftretende schwere Traumafolgestörungen sowie spezielle damit verbundene klinische Situationen.

AutorInnen

Arne Hofmann leitet das EMDR-Institut Deutschland. Luca Ostacoli lehrt am Department of Clinical and Biological Sciences der Universität Turin, Michael Hase leitet das Lüneburger Zentrum für Stressmedizin und Maria Lehnung arbeitete als Dozentin an der Universität Kiel und hat sich nun dort mit eigener Praxis niedergelassen.

Aufbau

Das Buch ist im DIN A 5 Hardcover Format erschienen und hat einen Umfang von 224 Seiten. Am linken oberen Rand findet sich die Überschrift des Abschnitts, am rechten oberen Rand die Kapitelüberschrift. Es wurde eine kleine Schriftart gewählt, die Seiten sind eng beschrieben. Fallbeispiele sind hervorgehoben und es gibt zahlreiche Abbildungen.

Das Buch teilt sich in drei Teile und 12 Kapitel sowie einem Anhang, einem Literaturverzeichnis und Angaben zu Herausgeber*innen und die Autor*innen.

Inhalt

Der erste Teil Erinnerungsarbeit – ein neuer Weg der Depressionsbehandlung beschreibt nach der Einleitung die EMDR-Therapie als neuen Behandlungsansatz.

Der zweite Teil Das EMDR-DeprEnd-Behandlungsmanual führt in das sog „DeprEnd – Das EMDR-Protokoll“ zur Behandlung von Depressionen ein. Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit des hier vorgelegten Handlungsplans. Bei der Arbeit mit depressiven Patient*innen sind in Phase eins einige Besonderheiten zu berücksichtigen. Unterschieden werden vier Gruppen von depressiven Patient*innen: Patient*innen, deren depressive Episode fast vorüber ist, Patient*innen, die sich noch in einer depressiven Episode befinden, Patient*innen, die sich in einer chronischen Depression befinden sowie Patient*innen mit einer chronischen Depression und einer komplexen PTBS.

Behandlungsprotokolle haben verschiedene Phasen. Die Phasen eins „Anamnese“ und zwei „Vorbereitung und Stabilisierung“ gehören auf jeden Fall dazu. Neben der Identifizierung der später zu bearbeitenden Erinnerungen, sogenannte Knoten oder die Einschätzung der Ressourcenlage braucht es auch die Beurteilung der Depressionsschwere und die Überprüfung der Suizidalität. Die Schwere der Depression kann anhand von Fragebögen ermittelt werden. In den Phasen drei bis acht wird aktiv an pathogenen Erinnerungen gearbeitet. Üblicherweise steht hier die Arbeit an Erinnerungen als Episodenauslöser im Mittelpunkt. Bei einzelnen Personen kann es notwendig sein, zuerst im Überzeugungssystem zu arbeiten. Gesucht wird nach dysfunktionalen Überzeugung und es wird eine Hierarchie im Sinne der Belastung erstellt. Nach Erfahrung der Autor*innen gehen die dysfunktionalen Überzeugungen überwiegend auf unverarbeitete Kindheitserinnerungen zurück, diese sind besonders zu Beginn der Behandlung schwerer zugänglich. Das Kapitel endet mit Fallbeispielen und dem Fazit, dass die Therapeut*innen Geduld brauchen.

Für die Anwendung bedarf es der Vorbereitung durch Psychoedukation und Stabilisierung. Zu einer guten Psychoedukation gehört das Verstehen des Wesens einer Depression. Deshalb beginnt das Kapitel mit dem DSM-5 (dem amerikanischen Klassifikationssystems von 2013). Die Behandlung besteht von Anfang bis Ende aus einer Kombination von Praktiken, die den Patient*innen helfen sollen, Gefühle ohne Angst zu akzeptieren, wieder mit sich selbst in Verbindung zu kommen, die Realität in einem eher konstruktiven Sinn zu interpretieren, sich wieder zu öffnen und neue äußere Ressourcen zu entdecken. Menschen, die an einer Depression leiden, verstehen ihre Emotionen häufig falsch, nämlich als Symptome, gegen die eine Vermeidungshaltung angenommen wird.

Ziel der Arbeit ist es, eine andere Haltung zu entwickeln, sodass sie als machtvolle natürliche Anpassungsvorgänge neu und anders bewertet werden. „Um zu begreifen, welche Ressourcen in unseren Emotionen liegen, müssen wir das Wesen dieser Emotionen verstehen und lernen, sie an uns heranzulassen“ (S. 66). Die Autor*innen unterscheiden Emotionen nach zwei Kategorien: schützende und bereichernde Emotionen. Es kann vorkommen, dass Emotionen zu intensiv erlebt werden. Regulierende Strategien wie ein sogenannter Tresor haben sich bewährt.

Neben der Psychoedukation spielen auch Strategien der Stabilisierung eine wichtige Rolle. Vorgestellt wird die Selbstkontakt-Technik, die Rolle der Zwergfellatmung und weitere somatische Ressourcen wie zum Beispiel die Erdung (Grounding). Es ist auch möglich frühere Ressourcen von neuem keimen zu lassen. Nicht unbedeutend sind auch die Lebensgewohnheiten. Änderungen der Gewohnheit stellen eine wesentliche Komponente einer integrativen Depressionsbehandlung dar, das bezieht sich auf die körperliche Aktivität, die Ernährung oder auf den Schlaf.

Ein wichtiger Teil der Arbeit besteht auch darin, die Episodenauslöser zu bearbeiten. Anhand von Abbildungen werden verschiedene Verläufe von depressiven Episoden dargestellt. Die Autor*innen gehen auch auf die Bearbeitung von Überzeugungssystemen ein, die wie folgt definiert werden: Überzeugungssysteme sind negative, selbstbezogener Gedanken, die teils in intrusiver Form auftreten und sich im Alltag im Mittelpunkt der Symptomatik aufdrängen. Zu diesem Ansatz haben auch Albert Ellis und Aaron Beck gearbeitet. Letzterer ist der Meinung, dass Depressionen ihre Ursache in den Denkmustern, die die Betroffenen über sich, die Welt und die Zukunft entwickelt haben, liegen. Diesen negativen Schemata liegen logische Fehler zugrunde wie zum Beispiel willkürliche Schlussfolgerungen oder selektiven Abstraktionen, die sich manifestieren. Die Schematherapie schafft einen breiteren eklektischen Rahmen und verbindet Elemente der Kognitiven Verhaltenstherapie mit solchen der Bindungstheorie, der Gestalttherapie und des Konstruktivismus (S. 125). Auch dieser Gedanke wird in Abbildungen verdeutlicht.

Des Weiteren sind die depressiven oder suizidalen States zu behandeln und es ist eine Prophylaxe gegen Rückfälle zu betreiben. Dieser zweite Teil endet in Kapitel neun mit Ausführungen zur Komorbidität mit komplexen Traumafolgestörungen.

Der dritte Teil Zukunftsperspektiven besteht aus drei Kapiteln. Im 10. Kapitel schreibt B. L. Amann als Gastautor und gibt Einblicke in den Forschungsstand und die praktischen Erfahrung zur Behandlung von bipolaren Störung mit EMDR. A.Minelli und E.Maffioletti thematisieren chronische, wiederkehrende und therapieresistente Formen der majoren Depression (Kapitel 11) und das Buch schließt mit den Folgen für die praktische Arbeit (Kapitel 12).

Im Anhang findet sich das „EMDR-Drawing-Integration-(EMDR-DI)-Protokoll“ – das ist ein visueller Ansatz zur Behandlung dissoziativer und depressiver Zustände, es finden sich Hinweise, wie ein/e gute EMDR-Therapeut*in gefunden werden kann und hinterlegt ist zudem eine Übersicht über Ergebnisse kontrollierter wissenschaftlicher Studien zu EMDR und Depression.

Diskussion

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, übersetzt Desensibilisierung und Neubearbeitung mit Augenbewegungen. EMDR ist als Methode zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen wissenschaftlich anerkannt und sehr erfolgreich. In den 1990 er Jahren kam EMDR nach Deutschland, entwickelt wurde die Methode von Francine Shapiro, zu ihrem umfangreichen Buch (543 Seiten) aus dem Jahr 2013 „EMDR – Grundlagen und Praxis. Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen“ liegt eine Rezension vor (www.socialnet.de/rezensionen/17442.php).

In den letzten Jahren sind zunehmend Bücher veröffentlicht worden, bei der die Methode EMDR auf bestimmte Krankheitsbilder angewendet wird. Depressionen gelten als schwer behandelbar. Der in diesem Buch beschriebene Ansatz ermöglicht die Behandlung von Depressionen. Im Mittelpunkt stehen zudem wissenschaftliche Studien (die Autor*innen gehören einer international führenden Forschungsgruppe an), so findet sich im Fließtext zahlreiche Hinweise zu wissenschaftlichen Belegen und auch im Anhang findet sich eine Tabelle über Ergebnisse kontrollierter wissenschaftlicher Studien zu EMDR und Depression. Diese gliedert sich in Autor und Jahr, die Anzahl der Proband*innen, Interventionen, Diagnose, Instrumente und Ergebnis.

2014 erschien als 5.vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage ein Praxisbuch von Arne Hofmann, zu dem ebenfalls eine Rezension vorliegt (EMDR – Therapie psychotraumatischer Belastungssyndrome. Praxishandbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen. Georg Thieme Verlag 2014. 268 Seiten. ISBN 978-3-13-118245-6 [Rezension bei socialnet]. D: 49,90 EUR.www.socialnet.de/rezensionen/17671.php)

Fazit

Eine der häufigsten psychischen Störungen sind Depressionen. Sie gelten als schwer behandelbar. Nun gibt es wissenschaftliche Studien, die eine hohe Wirksamkeit von EMDR bei diesem Störungsbild belegen. Die Therapie mit EMDR zielt auf belastende Erinnerungen ab, die Auslöser der depressiven Episoden und negativen Überzeugungen sind. Diese werden direkt mit EMDR-Techniken bearbeitet. Das hier vorgelegte Praxishandbuch erklärt zum einen das diagnostische und therapeutische Vorgehen und wirft zum anderen einen Blick auf häufig gleichzeitig mit depressiven Episoden auftretende schwere Traumafolgestörungen sowie spezielle damit verbundene klinische Situationen.

Die Autor*innen verbinden eine theoretische Fundierung mit aktuellen Erkenntnissen aus der Forschung. Dabei nutzen sie praktische Beispiele, um die Zielgruppe der Verhaltenstherapeut*innen, Psychoanalytiker*innen, Psychotherapieforschende sowie Pflegepersonal und Sozialarbeiter*innen gut auf die Anwendung in Klinik und eigener Praxis vorzubereiten.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 18.05.2021 zu: Arne Hofmann: Depressionen behandeln mit EMDR. Techniken und Methoden für die psychotherapeutische Praxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-608-98227-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27318.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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