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Karl Heinz Brisch: Bindung und Geschwister

Cover Karl Heinz Brisch: Bindung und Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Verbündete. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. 304 Seiten. ISBN 978-3-608-98375-3. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.
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Karl Heinz Brisch forscht und schreibt seit vielen Jahren/​Jahrzehnten über Bindung. Auch dieses Buch stellt die Bindung in den Vordergrund und stellt diese ins Zeichen von Geschwistern. Das Buch basiert auf einer gleichnamigen Tagung am Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg. Die Tagung „Attachment and Siblings“ fand im September 2019 statt, sodass in Buch die Referenten zu Wort kommen. Somit ist das Buch als Konferenzband zu verstehen, das dem Leser a posteriori einen Überblick über die Tagung bzw. deren Inhalte gibt.

Herausgeber und Autor/en

Die Beiträge des Buches wurden von mehreren Autoren artverwandter Disziplinen verfasst, die allesamt Redner auf der o.g. Tagung in Salzburg waren.

Der Herausgeber, Prof. Dr. med. habil. Karl Heinz Brisch ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Neurologie. Er ist Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Gruppen und hat zudem eine spez. Ausbildung in Psychotraumatologie. Er war Vorstand des weltweit ersten Lehrstuhls für Early Life Care und leitete das gleichnamige Forschungsinstitut an der PMU in Salzburg. Seine klinische Tätigkeit und sein Forschungsschwerpunkt umfassen den Bereich der frühkindlichen Entwicklung und Bindung. Brisch leitete über viele Jahre die Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München.

Seit 2000 organisiert er die jährlich stattfindende renommierte Internationale Bindungskonferenz sowie seit 2018 die Internationale Early Life Care Konferenz in Salzburg.

Er verarbeitete seine Erfahrungen und Forschungsinhalte in unzähligen Konferenzbeiträgen, Buchbeiträgen, wiss. Aufsätzen und Büchern.

Entstehungshintergrund

Im September 2019 fand an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (PMU) die jährliche Tagung über „Bindung und Geschwister“ („Attachment and Siblings“) statt. Auf dieser Tagung kamen auf Einladung von Karl Heinz Brisch zahlreiche Experten auf dem Gebiet der frühkindlichen Bindung(sforschung) zu Wort. Ihre Vorträge sind in Form eines Konferenzbandes gesammelt worden.

Aufbau & Inhalt

Das Buch beginnt nach einem Vorwort von Karl Heinz Brisch selbst und einer Einleitung mit einem Kapitel von Jürgen Frick mit dem Titel „Ich mag dich – du nervst mich!“, aus dem bereits die Ambivalenz der Geschwisterdynamik hervor geht. Hier gibt der Autor einen Einblick in die Geschwisterbeziehung und ihre eminente Bedeutung. Der Beitrag räumt mit „landläufigen“ (Vor-) Urteilen auf und rückt sie ins rechte Licht der Betrachtung. Dabei widmet er sich v.a. den Begriffen von Rollen, Positionen und Konstellationen. Auch die Frage der Identität, des Selbstbildes sowie von Individuation und Sozialisation so wie viele weitere Aspekte werden bearbeitet. Dabei illustriert der Autor oftmals mit (Fall-) Beispielen.

Das folgende Kapitel basiert auf dem Vortrag von Brenda Volling und Kollegen und stellt „Eifersucht oder Freude“ ins Zentrum der Betrachtung. Dabei widmet sie sich der Beziehung zwischen den Eltern und dem neugeborenen Geschwisterkind und stellt bindungstheoretische Überlegungen an. Dabei stellt sie insbes. die Ergebnisse einer Studie der eigenen Arbeitsgruppe vor.

Thomas G. O'Connor widmet sich eher kurz aber prägnant der Thematik der „Geschwister aus der Sicht der Bindungstheorie“ und dringt damit in das Zentrum der Thematik der Tagung und des Tagungsbandes ein. Er stellt zunächst Grundsätze der Bindungstheorie dar und wendet diese dann auf Geschwister an.

Schließlich beleuchten Alexander Kriss, Howard und Miriam Steele die „Bindungssicherheit und Bindungskonkordanz und ihr Einfluss auf die Qualität von Geschwisterbeziehungen“. Auch sie stellen die Ergebnisse ihrer aktuellen Studie in Methoden, Ergebnissen und Limitationen der Aussagekraft der Studienergebnisse vor.

Pasco Fearon fragt „Was können wir aus Studien mit Geschwistern und Zwillingen über die Bindungstheorie lernen?“ und beantwortet diese Frage in nicht unwesentlichen Teilen in seinem Beitrag. Dabei stellt die Frage der Bindungs(un)sicherheit den Fokus des Beitrages dar. Insbesondere behält er genetische Faktoren dabei im Blick und referiert hiermit auf die genetische Konstellation von Geschwistern und insbesondere Zwillingen.

Im Anschluss widmen sich Peter Stady und Christine Black-Hughes der Thematik der Resilienz unter Geschwistern. Ihr Beitrag stellt „Die Schlüsselrolle der frühkindlichen Bindung für die Frage der Resilienz von Geschwister“ heraus. Damit befruchten sie die „alte“ Thematik der Bindung mit der hoch aktuellen Thematik der Resilienz. Sie erarbeiten die Thematik mit dem Aspekt der Substanzabhängigkeit. Daraus leiten sie schließlich praktische Empfehlungen ab und illustrieren die Aspekte mit einem eindrucksvollen Fallbeispiel.

Christiane Knecht befasst sich mit der „Geschwisterbeziehung in Familien mit einem Kind mit chronischer Erkrankung“. Sie baut bei ihrer Betrachtung zunächst auf epidemiologischen Daten auf und leitet davon ihre (qualitative) Studie ab. Hier illustriert sie (typisch für eine qualitative Studie) immer wieder mit prägnanten Aussagen von Probanden und leitet schließlich Handlungsempfehlungen ab.

Monika Bormann fokussiert sich auf „Sexualisierte Gewalt unter Geschwistern“ und betritt damit eine Tabuzone, scheut sich aber nicht, auch unbequeme, stigmatisierende Aspekte zu bearbeiten und darzustellen. Sie beginnt dabei mit der Betrachtung der Veränderung der (Geschwister-) Dynamik bei sexuellem Missbrauch. Sie illustriert ihre Darstellungen mit anschaulichen und nahezu alltäglichen Fallbeispielen.

Susanne Witte thematisiert sodann in ihrem Beitrag Nähe und Wertschätzung sowie Fürsorge unter Geschwistern im Kontext von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung.

„Geschwisterbeziehung[en] bei fremduntergebrachten Kindern“ steht/​stehen im Fokus des Beitrages von Daniela Reimer. Sie wendet sich dieser Thematik mit ausgesuchten und eklektischen Aspekten zu.

Cohen und Katz widmen sich schließlich den hinterbliebenen Geschwistern nach dem Tod eines Geschwisterkindes und dem Problem eines „posttraumatischen Wachstums“, wie die Autoren es nennen.

Direkt im Anschluss beschreibt Susanne Pointer Implikationen der Geschwisterdynamik in der Paartherapie und stellt dabei die Geschwisterbeziehung als „Lehrstück“ für spätere Paarbindungen dar.

Alexander Trost widmet sich erneut der Thematik der Resilienz und beschreibt „Geschwisterbindung und Systemdynamiken zwischen Risiko und Resilienz“ und gibt sich damit dem Grad zwischen konstruktivem und destruktivem Erleben hin.

Karl Heinz Brisch, der Herausgeber selbst, schließt den Tagungsband mit drei eigenen Kapiteln ab. Hier berichtet er zunächst über „Geschwisterdynamiken in beruflichen Teams und Therapie-Gruppen“ und dann über ein immer wichtiger werdendes Thema, der Bindung zwischen Stiefgeschwistern bzw. -eltern. Den Tagungsband schließt ein Kapitel von Karl Heinz Brisch über früh traumatisierte Geschwister ab. Hier stellt er die besonderen Herausforderungen in der Behandlung dar und präsentiert hier das von ihm und Kollegen entwickelte MOSES-Therapiemodell dar.

Diskussion

Das Buch stellt ein äußerst umfassendes Werk über die Thematik von Bindung, der Entstehung von Bindungsmustern sowie Geschwisterdynamiken dar.

Es handelt sich um einen interessanten und aktuell zusammenfassenden Überblick namhafter Autoren über die Vergangenheit, Gegenwart und Perspektiven der Bindungsforschung im Hinblick auf Geschwister.

Die Zielgruppe dürfte sich auf all diejenigen beziehen, die sich (privat oder) beruflich mit der Thematik der Geschwisterdynamik und Bindung beschäftigen; sowohl in Forschung als auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Aber auch für interessierte Leser mit gewissen Vorkenntnissen dürfte das Buch eine spannende Erweiterung der Perspektive darstellen.

Fazit

Das Buch ist für all diejenigen eine Bereicherung, die sich beruflich oder privat mit der Bindungs- und Geschwisterkonstellationen beschäftigen und stellt insbesondere für Psychotherapeuten und Pädagogen einen großen Mehrwert dar.


Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 30.06.2021 zu: Karl Heinz Brisch: Bindung und Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Verbündete. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-608-98375-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27321.php, Datum des Zugriffs 05.08.2021.


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