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Peter Schneider: Normal, gestört, verrückt

Cover Peter Schneider: Normal, gestört, verrückt. Über die Besonderheiten psychiatrischer Diagnosen. Schattauer (Stuttgart) 2020. 192 Seiten. ISBN 978-3-608-40031-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Wissen & Leben.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch richtet sich an alle Leser*innen, die einen differenzierten Blick auf das Kategorisierungssystem der psychiatrischen Diagnosen werfen möchten, und beschäftigt sich mit der Frage, ob psychiatrische Störungen Krankheiten „wie alle anderen auch“ seien.

Autor

Peter Schneider studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie. Er arbeitet in Zürich als Psychoanalytiker in eigener Praxis. Seit 2014 ist er Privatdozent für klinische Psychologie an der Universität Zürich. Er ist Autor zahlreicher Bücher und ebenfalls als Satiriker tätig.

Aufbau 

Das Buch enthält neben Vorwort, Literatur- und Sachwortregister 18 Kapitel mit originell formulierten Überschriften:

  1. Dr. House und Dr. Frances
  2. Modediagnosen, Eichhörnchen und Schizophrenie
  3. Eugen Bleuler und die Schizos
  4. Krankheit als Metapher: Psychosomatik und Gesellschaftskritik
  5. Reste von Moral
  6. Therapie und Heilung der Homosexualität
  7. Sexuelle Identität und Konversion
  8. Plastische Chirurgie – Psychotherapeutikum oder Selbstfindung am Skalpell?
  9. Die kranke Gesellschaft und ihre zappeligen Kinder
  10. Pillen schlucken – Geschichte der Antidepressiva
  11. Wenn Gefühle täuschen – der unwissende Patient
  12. Depressiv, erschöpft und ausgebrannt
  13. Die gesellschaftliche Konstruktion von Psychopharmaka
  14. Ganzheitlichkeit
  15. Symptom von was? Aufstieg und Niedergang der Psychoanalyse in der Psychiatrie
  16. Vom Hirn zum Smartphone
  17. Greta, Rainman und die Zukunft des Autismus
  18. Diversität und soziale Depathologisierung – ein gesellschaftlicher Ausblick

Inhalt

Am Beispiel des Bluthochdrucks macht der Autor deutlich, dass auch somatische Diagnosen eine Mischung aus natürlichen Tatsachen (Blutkreislauf und Funktionsweise des Herzens), technischen Dingen (Messgeräten für den Blutdruck) und Institutionen (Vorgaben zum krankhaften Blutdruck der WHO) sind. Er stellt dann die erhebliche Zunahme von psychiatrischen Diagnosen im Klassifikationssystem DSM dar, einem Kategoriensystem, das sich inzwischen hauptsächlich am Vorhandensein von Symptomen (ohne ätiologische Beschreibung) orientiert. Im 2. Kapitel kommt er auf den Gegensatz zwischen Nominalismus und Realismus zu sprechen und stellt die Positionen „Krankheiten sind sozial konstruiert“ und „Krankheiten sind real“ gegenüber, um dann für einen dynamischen Nominalismus einzutreten, in dem die Wechselbeziehungen zwischen Tatsachen und Kategorien (zwischen Begriffenem und Begriff) im Vordergrund stehen. Im dritten Kapitel holt er historisch aus und beschreibt die Entwicklung des Schizophreniekonzepts, die einschneidenden Fehlbehandlungen (wie Lobotomie) und die „pharmakologische Revolution“ inklusive der diesbezüglichen antipsychiatrischen Kritik, um dann im 4. und 5. Kapitel auf Konzepte wie „Krankheit als Metapher“ oder als Ausdruck einer kranken Gesellschaft einzugehen. Hierbei thematisiert er die Gefahren, zu moralisieren oder im Gegenzug einseitig zu biologisieren. Letztere Tendenz entstigmatisert, aber entsubjektiviert zugleich die psychischen Krankheiten.

Ausführlich geht Peter Schneider dann auf die Homosexualität ein, die 1992 im ICD 9 der WHO von der Liste der psychiatrischen Erkrankungen entfernt wurde. Hierbei holt er weiter aus und thematisiert auch psychoanalytische Konzepte der menschlichen Sexualität. Schussfolgernd konstatiert er, dass bei der Modernisierung der Konzepte die Lebensform über die zur Diagnostik gehörende Isolation von Symptomen gesiegt habe. Sehr pointiert und mit vielen kritischen Fragen äußert er sich im 7. Kapitel zur sexuellen Identität, um die Argumente im Zusammenhang mit Konversionstherapien dann im 8. Kapitel mit der plastischen kosmetischen Chirurgie zu vergleichen, der „Schnittstelle zwischen Wunsch und Körper mit dem Ziel der Herstellung des Wunschkörpers“. Sowohl Schönheit als auch Geschlecht seien von sozialen Normierungen hervorgebrachte Kategorien, wobei Geschlecht jedoch zugleich tief im Inneren des Subjektes liege.

Die Frage, ob ADHS eine richtige Krankheit, ein gesellschaftliches Konstrukt, eine Erfindung der Pharmaindustrie oder ein Symptom der Gesellschaft sei, wägt der Autor im 9. Kapitel ohne einseitige Positionierung ab, um dann im 10. Kapitel auf Psychopharmaka einzugehen, die wirksam seien, aber längst nicht so wirksam, wie man es sich wünsche. Im Weiteren geht er ausführlicher auf unterschiedliche Depressions- und Burnoutkonzepte ein, um dann noch einmal synoptisch auf Psychopharmaka zurückzukommen. Es schließen sich Überlegungen zum Begriff der Ganzheitlichkeit und zur Rolle der Psychoanalyse in der Psychiatrie an.

Die Überlegungen zum Aufstieg der Neurowissenschaften und zu Big Data reißen ein komplexes Feld von Mustererkennungen, Risikoanalysen und deren Bedeutung knapp an.

Die Analysen zum gesellschaftlichen Umgang mit (Asperger-) Autismus führen zu einem interessanten gesellschaftlichen Ausblick, in dem der Autor Konzepte von „safe spaces“ für unterschiedliche Lebensformen einer umfassenden Inklusion vorzieht. Zentral sei, ein entspanntes Nebeneinander verschiedener psychischer Lebensformen zu ermöglichen.

Diskussion

Sehr bereichernd ist der germanistische und philosophische Hintergrund des Autors, der ihn befähigt, sehr gute und pointierte Formulierungen für seine Thesen zu finden. Während einige Themen wie Homosexualität, Psychopharmaka und ADHS weniger innovativ behandelt werden, kommt er bei der Analyse der sexuellen Identität und der Gegenüberstellung mit der kosmetischen Chirurgie zu sehr eigenen Betrachtungen und zu offenen Fragen, auf die er auch keine abschließenden Antworten geben kann. Auch die Schlussfolgerungen aus dem neuen Selbstbewusstsein von Menschen mit Autismusspektrumstörungen geben hochinteressante Impulse für eine weitergehende sozialpsychiatrische Diskussion um den Inklusionsbegriff. Die Veränderungen psychiatrischer Systeme durch Big Data, Selbstvermessung, digitale Marker und Genomanalysen werden kurz angeschnitten, hiermit werden sich zukünftige Reflexionen zu diagnostischen Klassifikationssystemen vertieft und kritisch auseinandersetzen müssen, insbesondere, da im Zuge der aktuellen Pandemiemaßnahmen technokratische Modelle stark an Bedeutung gewinnen.

Fazit

Peter Schneiders Buch über die Besonderheiten psychiatrischer Diagnosen gibt einen guten Überblick über wichtige Diskussionen zu diagnostischen Kategorien und formuliert zugleich pointierte Denkanstöße.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 10.03.2021 zu: Peter Schneider: Normal, gestört, verrückt. Über die Besonderheiten psychiatrischer Diagnosen. Schattauer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-608-40031-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27332.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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