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Andreas Klärner, Markus Gamper u.a. (Hrsg.): Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten

Cover Andreas Klärner, Markus Gamper, Sylvia Keim-Klärner, Irene Moor, Holger von der Lippe u.a. (Hrsg.): Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten. Eine neue Perspektive für die Forschung. Springer VS (Wiesbaden) 2020. 421 Seiten. ISBN 978-3-658-21658-0. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 55,50 sFr.
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Thema

Thema ist die Aufbereitung der Netzwerkperspektive für die Erklärung gesundheitlicher Ungleichheiten, um einen Beitrag über Erklärungen in vorhandenen Ansätzen hinaus liefern zu können. Hierzu wird der Forschungsstand aufbereitet, Forschungsdesiderate benannt und Perspektiven für die zukünftige Forschung entwickelt.

Herausgeber

Priv.-Doz. Dr. Andreas Klärner und Dr. Sylvia Keim-Klärner sind Mitarbeiter am Institut für Ländliche Räume, Johann Heinrich von Thünen-Institut Brauschweig. Dr. Markus Gamper ist Akademischer Rat an der Universität zu Köln, Bereich Kultur- und Erziehungssoziologie am Institut für Vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften der Humanwissenschaftlichen Fakultät. Prof. Dr. Holger von der Lippe ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Medical School Berlin. Dr. Irene Moor ist Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Dr. Nico Vonneilich am Institut für Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die übrigen Autor*innen kommen von diesen und weiteren universitären Institutionen.

Entstehungshintergrund

Der Band ist Hauptergebnis des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von 2012 bis 2020 geförderten Wissenschaftlichen Netzwerks „Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten“ (Verantwortlicher Leiter: Priv.-Doz. Dr. Andreas Klärner). Das Netzwerk beschreibt sich wie folgt: In dem Netzwerk kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen (Soziologie, Psychologie, Public Health) mit unterschiedlichen theoretischen und methodischen (quantitativ, qualitativ) Ausrichtungen zusammen. Ziele des Netzwerks sind

  1. die soziologische Netzwerkforschung in der deutschsprachigen Gesundheitsforschung bekannter zu machen und
  2. die Netzwerkperspektive für die Erklärung gesundheitlicher Ungleichheiten fruchtbar zu machen.

Aufbau

Der Band beginnt mit einer inhaltlichen Einleitung der Herausgeber*innen „Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten – eine neue Perspektive für die Forschung“. Dem folgen Beiträge in drei Abschnitten: Theoretische und methodische Grundlagen (5 Beiträge), Lebenslauf (4 Beiträge) und Ungleichheitsdimensionen (6 Beiträge) sowie ein abschließendes Kapitel „Desiderata: Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten – welche Fragen bleiben offen?“ (22 Autor*innen).

Inhalt

Die Inhalte des Bandes werden am Beginn der Einleitung mit folgender Aussage beschrieben: „Sag mir, wie viel Deine Freunde verdienen, und ich sage Dir, ob Du rauchst, welche Krankheiten Du hast und wie alt Du werden wirst!“. Der Satz stelle also wissenschaftlich gesprochen einen Zusammenhang zwischen der sozialen Stellung von Akteuren im Beziehungsnetzwerk eines Menschen und dessen eigenem Gesundheitsverhalten, seiner Morbidität und seiner Mortalität her. Anders gesagt handele es sich um die Frage, „ob die Struktur sozialer Beziehungen – die sozialen Netzwerke, in die wir alle in unserem Wahrnehmen, Denken und Handeln eingebettet sind – einen Einfluss auf uns haben, dass einige von uns mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eher erkranken oder früher sterben als andere. Damit stellt sich auch die Frage, ob die Betrachtung sozialer Netzwerke sowie die Beschäftigung mit der soziologischen und inzwischen interdisziplinären Netzwerkforschung einen Beitrag zum Verstehen und Erklären gesundheitlicher Ungleichheiten leisten können“ (S. 2). Einleitend werden die soziologische Netzwerkforschung und die Modelle zur Erklärung gesundheitlicher Ungleichheiten mit den von ihnen postulierten Wirkungspfaden beschrieben. Der Rezensent war durchaus erfreut zu lesen, dass „das im deutschsprachigen Raum populäre und ebenfalls vielfach weiterentwickelte Modell von Elkeles und Mielck (1997)“ (S. 9) genauer als das im internationalen Kontext entwickelte Modell von Dahlgren und Whitehead Wirkungspfade postuliere. Diese Postulate waren im Modell Elkeles/​Mielck graphisch mit Wirkungspfaden dargestellt, was die Herausgeber insofern aufgreifen und weiterentwickeln, als ihr eigenes Netzwerkmodell gesundheitlicher Ungleichheiten diese Wirkungspfade um auf der Mesoebene angesiedelte Postulate von Sozialen Netzwerken und Netzwerkmechanismen ergänzt, die auf die Mikroebene einwirken (Abb. 3, S. 13). Sie schlagen vor, vor dem Hintergrund weiterer theoretischer Konzepte hierbei zwischen sozialer Unterstützung, sozialer Integration, sozialem Einfluss und (sozialer) Ansteckung zu unterscheiden (S. 14 f.). Diese sind sowohl theoretisch wie empirisch zu untersuchen, was in den Beiträgen des Bandes ausgelotet wird, wozu die Beträge des Abschnitts „Theoretische und methodische Grundlagen“ die Grundlagen liefern.

Dies sind:

  • Nico Vonneilich: Soziale Beziehungen, soziales Kapital und soziale Netzwerke – eine begriffliche Einordnung; Markus Gamper: Netzwerktheorie(n) – Ein Überblick
  • Andreas Klärner und Holger von der Lippe: Wirkmechanismen in sozialen Netzwerken
  • Philip Adebahr: Negative Beziehungsaspekte und gesundheitliche Ungleichheiten sowie
  • Markus Gamper: Netzwerkanalyse – eine methodische Annäherung.

Dies wird in den Beiträgen der beiden anderen Abschnitte „Lebenslauf“ und „Ungleichheitsdimensionen“ in Einzelaspekten fortgeführt. Wegen ihrer Vielfalt verzichtet der Rezensent darauf, hier einzelne hervorzuheben.

Im Schlusskapitel wird resümiert, inwiefern die zugespitzte Aussage „Sag mir, wie viel Deine Freunde verdienen, und ich sage Dir, ob Du rauchst, welche Krankheiten Du hast und wie alt Du werden wirst!“ belegt werden konnte. Es wird festgestellt, dass es zur Klärung der Zusammenhänge einiger Voraussetzungen bedarf. So werden bisher die Begriffe soziale Beziehungen, soziales Kapital und soziale Netzwerke nicht klar voneinander abgegrenzt und teilweise synonym verwendet, der Netzwerk-Begriff „noch zu häufig lediglich als Metapher gebraucht“, aber „nicht strukturell operationalisiert“ (S. 402), sodass das Feld der Netzwerkforschung große Lücken aufweise. Wie dann im Einzelnen hinsichtlich offener Fragen aus Sicht der Lebenslaufforschung und aus Sicht der Ungleichheitsforschung ausgeführt, lasse sich zusammenfassen: „Studien, die Gesundheit, Netzwerk und soziale Ungleichheit im Sinne eines einheitlichen Modells zusammenführen, sind nicht vorhanden“ (S. 404). Eine Zusammenführung stehe weitgehend noch aus. Hierfür werden einige Fragen, Hypothesen und topics formuliert.

Fazit

Es lag eigentlich seit längerem in der Luft, dass soziale Beziehungen und soziale Netzwerke ein bisher unterbelichtetes Potenzial für die Erklärung gesundheitlicher Ungleichheiten haben. Es ist daher verdienstvoll, dass dieses DFG-Netzwerk mit diesem Band einmal die theoretischen und empirischen Bezüge aufgearbeitet hat und als zu füllenden Rahmen ein visualisiertes Modell vorgestellt hat. Es ist zu wünschen, dass dies die diesbezügliche Forschung und die dringend erforderliche Operationalisierung in entsprechenden Datensätzen, ohne die eine Überprüfung von Zusammenhängen nicht möglich ist, voranbringen wird. 


Rezension von
Prof. Dr. Thomas Elkeles
bis 2018 Hochschule Neubrandenburg, FB Gesundheit, Pflege, Management
Homepage www.hs-nb.de/ppages/elkeles-thomas
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Zitiervorschlag
Thomas Elkeles. Rezension vom 27.08.2020 zu: Andreas Klärner, Markus Gamper, Sylvia Keim-Klärner, Irene Moor, Holger von der Lippe u.a. (Hrsg.): Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten. Eine neue Perspektive für die Forschung. Springer VS (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-21658-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27333.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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