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Georg Auernheimer: Identität und Identitätspolitik

Cover Georg Auernheimer: Identität und Identitätspolitik. PapyRossa Verlag (Köln) 2020. 126 Seiten. ISBN 978-3-89438-730-3. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR.

Reihe: Basiswissen Politik, Geschichte, Ökonomie. Basis.
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Thema

Seit Anfang der 1990er Jahre sei Identität auch ein politisches und sogar betriebswirtschaftliches Thema (Corporate Identity). Gemäß dem Autor erweitert der Begriff der Identität sein Feld: er gehört nicht nur einer psychologischen Kategorie an, sondern auch einer politischen, was begriffliche Unklarheit hervorgerufen habe. Somit ist einer der Ziele Auernheimers den Identitätsbegriff und die damit verbundenen Anforderungen an seine Verwendung im Einzelnen näher zu beleuchten. Identitätspolitik von Minderheiten und marginalisierten Gruppen sowie deren Kampf um Anerkennung steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Bei diesem Kampf müsse die Erfahrung von Benachteiligung einzelner sich in einer ganzen Gruppe widerspiegeln und diese müsse es schaffen, die eigenen Leistungen in der Öffentlichkeit als wertvoll auszulegen, um Anerkennung zu erlangen. Aber auch kulturelle Identität Deutschlands bzw. Europas, durch die Einwanderung angeblich bedroht, finde als Identitätspolitik Beachtung. Um verweigerte Anerkennung zu verdeutlichen, fokussiert der Autor zwei institutionell und individuell diskriminierte Bevölkerungsgruppen: die Arbeitsmigranten, speziell türkischer Herkunft und die Ostdeutschen. Als gemeinsames Merkmal sieht Auernheimer, dass beiden Gruppen Anerkennung verweigert wurde sowie dass sie es nicht geschafft haben, auf politischer Ebene ihren Kampf um Anerkennung zu verwirklichen. Weitere Themen sind die Arbeiterbewegung, der moderne Staat als Nationalstaat sowie fundamentalistische und rechtsextreme Bewegungen; als Beispiel der letztgenannten dient die Gruppe der „Identitären“.

Autor

Prof. Dr. Georg Auernheimer war von 1972 bis 1995 Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Marburg und von 1995 bis 2006 Professor für Interkulturelle Sozialisations- und Migrationsforschung an der Universität zu Köln.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat einen Umfang von 126 Seiten und ist neben der Einleitung in 7 Hauptkapitel mit weiteren Unterkapitel gegliedert.

Erstes Kapitel Identität – eine moderne Anforderung

Nach einer Einleitung befasst sich der Autor mit der subjektiven Seite der Identität – mit der Kontinuität des Selbst. Die Frage, wer man sein möchte, stehe dabei im Fokus. Zum Bild des modernen Menschen gehöre in diesem Kontext der Lebensstil, musikalische Vorlieben, religiöse Auffassungen. Für den Autor ist Identität „eine Erfindung der Moderne“. Bei der Begriffswahl bezieht er sich auf Zygmunt Baumann (1994). Die kapitalistische Gesellschaft fördere die Identitätsangebotspalette. Dem Menschen stehe ein Angebot von Weltbildern, Weltdeutungen und Ideologien für seinen Identitätsentwurf zur Verfügung. Diese Wahlfreiheit bestehe solange die systemspezifischen Anforderungsstrukturen nicht in Frage gestellt werden. Die Prämisse sei, dass jeder Mensch rechenschaftspflichtig sei. Diese aus den 1980er Jahren entstandene Annahme stellt der Autor allerdings in Frage, da sie nicht zu den Anforderungen an den Menschen unserer Zeit passen, in der Flexibilität in der Arbeitswelt und in sozialen Netzen verlangt werde. Individualität und die damit verbundene Freiheit aber auch Unsicherheit, was der Autor als freie Wahl der Selbstpräsentation bezeichnet, werden als wichtige Identitätsfaktoren in der Moderne verstanden. Unter den Begriff der Moderne versteht der Autor den Überbau der Marktwirtschaft. Die Moderne sei mit den Ideen von Gleichheit, Freiheit und Autonomie auf die europäische Aufklärung – teils auch auf die Renaissance und Reformation – zurückzuführen. In der Regel seien unter der Moderne gesellschaftliche Strukturen, die mit der kapitalistischen Gesellschaft verbunden sind, und kulturelle Phänomene zu verstehen. Die Funktion des Marktes sei auch ein Teil dessen, auf dem die Marktteilnehmer ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Status agieren, allerdings werde dabei die soziale Ungleichheit aufgrund unterschiedlicher Marktmacht überdeckt. Folgend benennt der Autor typische Erscheinungsformen der Moderne, die er in der Entzauberung der Welt verortet sieht: Nationalismus, Rassismus, Fundamentalismus und Faschismus. Die Begründung dafür sieht er in der Suche nach neuen Identitätsankern, die das Geld ersetzten und sich anstattdesssen in Nation, Ethnie und Rasse verankern. Des Weiteren werden Identitätsunterschiede in traditionellen (vormodernen) und modernen Gesellschaften thematisiert. Identität sei eine moderne Subjektform. Für den Autor ging die erste Identitätstheorie (gegen Ende des 19. Jahrhunderts) mit der Entfaltung der kapitalistischen Gesellschaftsformation einher.

Zweites Kapitel Identitätstheorien

Im zweiten Kapitel werden zentrale Identitätstheorien in den Blick genommen; zunächst die Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Identitätstheorie nach George Herbert Mead, die mit drei psychologischen Instanzen abgebildet wird: me, I und Self. Diese Identitätstheorie sei in den USA formuliert worden, dort wo die kapitalistische Produktions- und Lebensweise damals schon etabliert war. Genauso beziehe sich 1970 der Identitätstheoretiker Erik H. Erikson bei Identitätsproblemen auf die Generation neuer Amerikaner. Danach geht Auernheimer auf die Soziologen Erwing Goffman (Rollendistanz, impression management) und Lothar Krappmann ein, der die Anforderung an das Rollenhandeln ausformuliert hat (bargaining). Weiterhin beschreibt er Eriksons lebensgeschichtliche Dimension, nach dem der Mensch von Geburt an ein aktives Subjekt sei und sich über mehrere Entwicklungsstufen seine Identität erarbeite, wobei die Adoleszenz die entscheidende Phase darstelle und als „Identitätskrise“, die die Persönlichkeitsentwicklung bei erfolgreicher Auseinandersetzung stärken könne, charakterisiert wird. Anhand der „narrativen Identität“ versucht der Autor zu verdeutlichen, wie kulturelle Mythen, Ratgeberliteratur, Internetforen den Stoff für Selbstdefinitionen liefern. Soziale Netzwerke spielten eine bedeutende Rolle bei der Suche nach Anerkennung, vor allem für diskriminierte Minderheiten. Ein wichtiger Faktor für die Identitätsbildung sei zudem sinnvolle Tätigkeit und angemessene Bezahlung. Kollektive Identität bezieht Auernheimer auf eine selbstgewählte Gemeinsamkeit. Um zu verdeutlichen, dass Wettbewerb die Identifikation mit der Gruppe bestärke, bedient sich der Autor der Experimente von Muzafer Sherif sowie von Henri Tajfel und John C. Turner, die verdeutlich haben, wie willkürliche und belanglose Gemeinsamkeiten zur Identifikation mit einer Gruppe führen können. Zusammenfassend führt Auernheimer im zweiten Kapitel auf, dass kollektive Identitäten durch das persönliche Gefühl nach Zugehörigkeit und durch politische sowie wirtschaftliche Interessen gestützt werden.

Drittes Kapitel Identitätspolitik – Kampf um Anerkennung

Im dritten Kapitel erläutert der Autor die drei Bewegungen, für die der Begriff Identitätspolitik verwendet wird:

  • Für soziale Bewegungen; genannt wird hier die Frauenbewegung, die Antirassismus-Bewegung und die Schwulenbewegung
  • Für fundamentalistische Bewegungen
  • Für rechtskonservative bzw. rechtsextreme politische Haltungen

Die Identitätspolitik der mächtigen „weißen“ Mehrheit müsse aber von einer Identitätspolitik der Marginalisierten differenziert betrachtet werden. Unter Identitätspolitik im engeren Sinn versteht der Autor den Kampf der Minderheiten um ihre Anerkennung, den Kampf um gleiche Rechte und Chancen. Die individuelle Erfahrung der Diskriminierung, die sich in der Gruppenerfahrung widerspiegelt, sei dabei das verbindende Element. Daraus erwachse eine kollektive Forderung nach Anerkennung. Für den Diskurs seien die Form um Anerkennung der Rechtsverhältnisse und soziale Werkschätzung relevant. Wie benachteiligte Gruppen schon im 19 Jh. um ihre Rechte kämpften, erläutert der Autor beispielhaft an zwei historischen Emanzipationsbewegungen: Black Movement und der Frauenbewegung. Dabei ginge es um die Anerkennung als rechtliche Gleichstellung und Wertschätzung von kulturellen Leistungen. Dieses Muster werde bis in die Gegenwartsbewegungen fortgeführt. Als Ergebnis kultureller Kämpfe benennt Auernheimer u.a. die Durchsetzung der geschlechterneutralen Sprache, bei der rechtlichen Gleichstellung die Frauenquote. Als Gegenbeispiel gibt der Autor die LGBTQ-Bewegung an, da es dieser Gruppe nicht wie bei den Frauen um Umverteilung, sondern um rechtliche Anerkennung geht, u.a. eingetragene Lebenspartnerschaften von Gleichberechtigten (2001), das Adoptionsrecht (2013), Recht auf Eheschließung nach dem BGB (2017), Anerkennung des dritten Geschlechts „divers“ (2018). Auernheimer sieht den Vorwurf, Identitätspolitik fokussiere sich zu stark auf die Situation von Minderheiten und deren Anspruch auf Anerkennung und befasse sich nicht mit allgemeinen sozialen Strukturproblemen, nicht bestätigt, denn erstens spielen die sozialpolitischen Forderungen für die Mehrheit der Frauen eine Rolle, zweitens bilde struktureller Rassismus das wesentliche Kampffeld. Nur für die LGBTQ-Bewegung sei Sozialpolitik nicht ausschlaggebend, sondern mehr Toleranz für Menschen, die nicht der Normerwartung entsprechen. Außerdem werden anhand von aktuellen Beispielen aus dem öffentlichen Leben Hypersensibilität bei Kämpfen gegen Diskriminierung und aggressives Auftreten von Gruppen im Kampf um Anerkennung illustriert. Als besonders schwierig empfindet der Autor, wenn Empathiefähigkeit nur in der In-Group vorhanden ist. Zum Schluss des Kapitels wird anhand der evangelikalen Kirchen und dem Islamismus beschrieben, wie religiöse fundamentalistische Bewegungen durch die gemeinsamen Regeln der Lebensführung und die gemeinsame Mission im hohen Maß identitätsstiftend sein können und dass es sich um ein modernes Phänomen handelt. Die Anhänger der evangelikalen Kirchen seien durch ein identitätsstiftendes globales Netzwerk miteinander verbunden. Als typisch für den Islamismus sieht Auernheimer die Bekämpfung regionaler Besonderheiten, also einen universellen Islam, was auch dem modernen Denken entspreche. Vor allem arme, marginalisierte Menschen fühlten sich zu den fundamentalistischen Strömungen hingezogen, da sie hier durch strenge Orientierung an feste Regeln eine Rolle und Halt finden können. Islamismus und evangelikale Kirchen interpretiert der Autor als Kämpfe um Anerkennung. In Deutschland und in Europa sieht Auernheimer den Erfolg der islamistischen Bewegung bei jugendlichen Migrant*innen durch Diskriminierungserfahrungen begründet. Auf die islamistische Tendenz einiger Jugendlicher türkischer Herkunft werde näher im Kapitel vier eingegangen.

Viertes Kapitel – Zwei Fälle von verweigerter Anerkennung

Im vierten Kapitel stellt der Autor die Situation der Arbeitsmigranten und Ostdeutschen gegenüber. Dabei beruft er sich auf Naika Forountan und Daniel Kubiak. Was beide Bevölkerungsgruppen gemein haben, sei auf der einen Seite die Erfahrung der institutionellen Diskriminierung, der Vorurteile und materieller Benachteiligung auf der anderen Seite, dass beide Gruppen es nicht geschafft haben sich identitätspolitisch aufzustellen. Die Gründe für die fehlende Identitätspolitik benennt der Autor wie folgt: eine positive Besetzung der DDR-Geschichte war aufgrund medialer Propaganda nicht möglich, somit konnten auch positive Aspekte keine Würdigung erfahren. Durch unterschiedliche Erlebniserfahrungen der DDR-Bürger fehlte für den Kampf um Anerkennung eine kollektive Identitätszuschreibung. Bei den Gastarbeitern und deren Nachkommen sei aufgrund der nationalgeprägten Unterschiede der sozialen Situation kein einheitliches Bündnis entstanden, sodass diese Gruppe sich als Kollektiv gegen institutionelle Diskriminierung und soziale Marginalisierung zur Wehr gesetzt hätte. Am stärksten von Diskriminierung waren durch ihre Sichtbarkeit türkische Arbeitsmigranten*innen betroffen. Der Autor betrachtet die Ostdeutschen als Opfer eines innenpolitischen Kolonialismus, da die in der DDR gebildete Kultur und Lebensweise degradiert wurde, ostdeutsche Persönlichkeiten in der Gesellschaft nicht berücksichtigt wurden, Biografien entwertet und somit Qualifikationen ihre Gültigkeit verloren, was zum beruflichen Abstieg oder Erwerbslosigkeit führte. Im Teilkapitel Die Almancilar, ein Stück Migrationsgeschichte bringt der Autor die vertraglichen Abkommen der Anwerbung von Arbeitskräften der Bundesrepublik in Erinnerung und beschreibt die Mentalität, politische Situation sowie Lebenslage der damaligen Gastarbeiter aus der Türkei und wie diese Bevölkerungsgruppe zum Objekt von Rassismus wurde sowie wie sich der türkische Nationalismus ausbreitete. Durch diese Entwicklung sieht der Autor eine verstärkte Differenz zwischen national gesinnten Türken, Assimilierten, Kurden und Aleviten. Im weiterem Teilkapitel Geteilte Loyalitäten will der Autor zeigen, warum Menschen mit türkischer Herkunft keine eigene Identitätspolitik entwickelten: erstens war es ihnen erst seit 2000 möglich, einen staatsbürgerlichen Status zu erhalten, zweitens identifizieren sich nicht alle aus der Türkei als türkisch, sondern als Kurden oder Aleviten. Für Auernheimer ist der dritte Grund mit Habermas argumentierend die fehlende Bereitschaft zu einem „Selbstverständigungsdiskurs“ seitens der deutschen Politik, wie es in einer multikulturell geworden Gesellschaft erfolgen solle. Dem Autor zu Folge haben die bundesdeutsche Migrationspolitik und die nationalistische Politik der türkischen Regierung eine geteilte Loyalität der türkischen Bevölkerung hervorgebracht.

Fünftes Kapitel – Keine soziale Bewegung ohne Identität

Es folgt Kapitel 5 mit dem Titel Keine soziale Bewegung ohne Identität, indem Auernheimer die Wichtigkeit von identitätsstiftenden Elementen (u.a. prominente Akteure, Großveranstaltungen, Corporate Design) bei der Mobilisierung von Menschen anhand sozialer Bewegungen aufzeigt und erläutert, wie ein Protest artikuliert werden sollte. Darauffolgend befasst sich der Autor mit Klassenverhältnissen und knüpft dabei an Karl Marx an, der die Arbeiterklasse in der „Klasse an sich“ und der „Klasse für sich selbst“ unterschied. Damit gemeint sei, dass zwar die Arbeitsbedingungen einen Anlass für Widerstand boten, aber die Menschen müssten sich auch des Ausbeutungsverhältnisses bewusst werden. Erst durch den Kampf für ein besseres Leben wird aus der „Klasse an sich“ eine „Klasse für sich selbst“ – so Auernheimer. Der Autor analysiert die Zugehörigkeit zu der Arbeiterklasse und schlussfolgert, dass die Heterogenität der abhängig Beschäftigten so groß ist (Höhe der Entlohnung, Lebensstandards, Milieus, Nationalität), dass der gemeinsame Kampf unmöglich erscheine. Was diese Gruppe allerdings doch eine, sind nicht nur die Zunahmen befristeter Arbeitsverträge und des Leistungsdrucks, sondern auch die Erinnerung an ein sicheres Normalarbeitsverhältnis – so die Auffassung des Autors.

Sechstes Kapitel – Nationale Identität und Nationalismus

Im sechsten Kapitel Nationale Identität und Nationalismus analysiert der Autor, wobei er sich insbesondere auf die Autoren Benedict Andersons, Stuart Hall, Eric J. Hobsbawm, Francis Fukuyama, Immanuel Wallerstein stützt, ob der moderne Staat nationale Identität brauche und was unter Nationalismus zu verstehen sei. Der Nationalstaat wird als eine historisch junge Institution als „Bestandteil der liberalen Ideologie“ gesehen (Hobsbawm). Nach Wallerstein konnte es vor der Entwicklung des modernen kapitalistischen Systems keine Nationalstaaten geben. Als Merkmale des modernen Staates werden territoriale Grenzen, einheitliche Gesetzgebung, der Verwaltungsapparat, Schul- und Wehrpflicht, die die Loyalität der Staatsbürger und ihre Identifikation fördern, genannt. Für die kapitalistische Produktionsweise war der moderne Staat ausschlaggebend, weil er Rechtssicherheit und nötige Infrastruktur für die Produktion und den Handel schuf. Nationale Zugehörigkeit werde durch Geschichtspolitik (Denkmäler, kollektives Gedächtnis, Kultur) erreicht und dafür spielen staatliche Schrift- und Verwaltungssprachen eine Rolle. In der Gegenwart spielen auch Sportveranstaltungen eine bedeutende Rolle in der Entwicklung nationaler Identität. Der Autor setzt sich dann mit der Frage auseinander, warum die Bildung einer europäischen Identität bisher scheiterte. Weiterhin zeigt Auernheimer die Entstehung einer neuen Variante von Nationalismus in Deutschland auf, indem er sich auf eine Studie beruft, die beleuchtet, dass bei Jugendlichen durch Verinnerlichung des Leistungsgedankens ein sogenannter „Wohlstandschauvinismus“ entstanden sei. Die Identifikation mit dem überlegenen System habe zur Folge, dass Schwächere ausgegrenzt werden können und dass diese Ausgrenzung als legitim betrachtet werde. Zum Schluss des Kapitels legt der Autor die Folgen von völkischem Nationalismus dar.

Siebtes Kapitel – Identität in der Ideologie der Neuen Rechten

Den Abschluss bildet das Kapitel mit dem Titel Identität in der Ideologie der Neuen Rechten. Auernheimer problematisiert die Strömungen und Gedanken der Identitären Bewegung. Politische Mimikry kennzeichnet er dabei als eine Ausdrucksform neurechter Publizisten. Nachfolgend stellt der Autor die Kernpositionen der Identitären dar, in der es die „ethnokulturelle“ Identität zu verteidigen gelte. Migration und generell Globalisierung werde als Bedrohung wahrgenommen. Einwanderung aus fremdkulturellen Ländern müsse u.a. durch Sicherung der europäischen Grenzen verhindert werden. Migration sei nur von kulturell nahstehenden Minderheiten gewünscht, die zur Wirtschaft beitragen. Der Autor schlussfolgert, dass die Neue Rechte den Begriff „Ethnie“ durch den Begriff „Rasse“ ersetzt habe. Darin unterscheiden sich die Neuen Rechten vom rassistischen Denken alter Art, indem sie die Vorstellung einer Rangordnung zwischen den Ethnien aufgegeben haben – so der Autor. In dieser Denkstruktur sei zwar das Recht auf Vielfalt vorhanden, aber nur räumlich getrennt. Diese Argumentation der Identitären Bewegung (Hier beruft sich Auernheimer auf dem Blog über Identität www.identitaere-bewegung.de/blog/ueberidentitaet) erscheint dem Autor nicht schlüssig. Auernheimer beschreibt die Gefahr, die von Identitären ausginge, da die Identitäre Bewegung Fanatiker oder psychisch kranke Menschen zum extremen Verhalten ermuntere.

Diskussion

Identität wird in diesem Buch als eine Erscheinung der Moderne betrachtet, worin viele Wissenschaftlern*innen übereinstimmen. Der Diskurs um das Thema Identitätspolitik als fokussierten Kampf der Minderheiten um Anerkennung ihrer Rechte bei gleichzeitig zu geringer Thematisierung der allgemeinen sozialen Strukturprobleme wird bei anderen Autor*​innen kritisch gesehen. Diese kritische Einordnung lässt sich bei Auernheimer nicht ableiten, da er benachteiligte und marginalisierte Gruppen zum Gegenstand seiner Forschung macht, die Auseinandersetzung aber im gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet. Bei der Auseinandersetzung geht es ihm um Anerkennung der Rechtsverhältnisse und um die Infragestellung von konventionellen Normen. Diese müssen durchbrochen werden, damit Minderheiten die soziale Wertschätzung nicht verweigert wird und sie Selbstverwirklichung erfahren können und sich so neue Möglichkeiten des Selbst- und Fremdverständnisses entwickeln können. Geschieht das nicht, können sich Probleme ergeben, wie dies am Beispiel der beiden benachteiligten Bevölkerungsgruppen – der türkischstämmigen Gastarbeiter und der Ostdeutschen – verdeutlicht wird. Ausgrenzung bewirkt Sympathien mit dem türkischen Nationalismus und im Fall der Ostdeutschen entwickelt sich Zuwendung zur politischen Rechten. Als wie gefährlich der Autor die Identitäre Bewegung einstuft, wird am zuletzt genannten Beispiel deutlich, nämlich dem Massaker an den eingewanderten Minderheiten in Neuseeland, das ein Mörder im Frühjahr 2019 verübt hatte. Vor dem Massaker hatte der Mörder Kontakt mit Martin Sellner, dem Anführer der Identitären in Österreich.

Die Kritik am kapitalistischen System ist eine Grundlage der Analyse. Es ist Ursache für soziale Ungleichheit aufgrund unterschiedlicher Marktmacht, Ausbeutung im Frühkapitalismus, starken Leistungsdruck, verlangt einen hohen Grad an Flexibilität, die Unsicherheit der befristeten Arbeitsverträge, den erwähnten „Wohlstandschauvinismus“ als neue Form des Nationalismus.

Die Rezensentin möchte die Diskussion mit einem aktuellen Beispiel abschließen: Wie stark ein Migrationshintergrund – in dem genannten Fall Nachkommen türkischer Gastarbeiter – im öffentlichen Diskurs zum Thema gemacht wird und zugleich diese Fixierung auf die Herkunft für Irritation sorgen kann, zeigt das Beispiel des am Corona-Impfstoff arbeitenden BioNtech-Forscherehepaares Özlem Türeci und Uğur Şahin und deren türkische Herkunft, die immer wieder von den Medien aufgegriffen und identitätspolitisch instrumentalisiert wird. Schon diese Titel wie „Vom Gastarbeiterkind zum Weltretter“ (Rheinische Post), „die Super-Migranten“ (Spiegel) „Von Einwandererkindern zu Multi-Milliardären“ (Tagesspiegel), „Dass uns zwei Gastarbeiterkinder vor der Pandemie retten könnten, sollte keine Nachricht sein“ (Handelsblatt), „Impfstoffforscher: Eine migrantische Erfolgsgeschichte“ (Deutschlandfunk Kultur) erwecken den Eindruck, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund besonders viel leisten müssen, um als gutes Beispiel für gelungene Integration zu dienen. Diese Fixierung auf die Herkunft der beiden For­sche­r*innen ist irritierend und es stellt sich die Frage, warum diese Betonung im öffentlichen Diskurs solch große Beachtung findet.

Fazit

Auernheimer legt eine fundierte Darstellung der theoretischen Grundlagen zahlreicher bedeutender Vertreter/​innen des Diskurses zur Identität vor. Dem Leser wird ein breiter Überblick über das Thema Identität und Identitätspolitik auf der Grundlage kompakten wissenschaftlich fundierten Wissens geboten. Dabei erläutert der Autor seine Darstellung mit vielen konkreten Beispielen, was zum besseren Verständnis beiträgt. Auernheimers Darstellung bietet viele Anregungen zur vertieften Auseinandersetzung und Grundlagenwissen für die aktuelle Diskussion.


Rezension von
Dr. Karoline Pietrzik
Leitung des Interkulturellen Bildungs- und Begegnungszentrums (IBBO), Lehraufträge an der Hochschule fom für das Modul Interkulturelle Soziale Arbeit
Homepage www.oefo.org/ibbo-team
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Zitiervorschlag
Karoline Pietrzik. Rezension vom 29.12.2020 zu: Georg Auernheimer: Identität und Identitätspolitik. PapyRossa Verlag (Köln) 2020. ISBN 978-3-89438-730-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27343.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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